<small><i>Helmut A. Gansterer</i></small>
Alt, aber ungut

Über eine katzengoldene Generation.

„Oft pflegen im Gold viele Übel zu stecken.“ Tibull: Elegien

Vor Jahren wurde der Begriff „Goldene Generation“ in dieser Kolumne abgehandelt. Das ist nicht unlogisch, da er hier erfunden wurde. Es geht dabei um eine privilegierte Altersgruppe. Um die einzige, der es zugleich besser als vorher den Eltern und nachher den Kindern ging. Für die vielen Jugendlichen, die monatlich zur profil-Familie stoßen, macht es Sinn, dieses Thema wieder aufzugreifen, zumal es Anlass zu einer Zwischenbewertung gibt. Um diese korrekt vorzunehmen, ist eine Definition gefragt.

Als Älteste der Goldgeneration nimmt man jene des Jahrgangs 1940, die im ersten Nachkriegsjahr die Volksschule betraten. Ihre schulische Entwicklung fand schon in Friedensstille statt. Als Lehrlinge, Maturanten und Hochschulabsolventen gerieten sie voll in den Aufwind des Nachkriegswirtschaftswunders. Sie sind jetzt 72 Jahre alt, was selbst nach modernsten, visionären Pensionsaltervorstellungen das Ende der aktiven Laufbahn und den Anfang als Rentner bedeutet.

Als Jüngste setzt man jene des Jahrgangs 1960 an. Diese hatten das Privileg, im idealen Alter die Digitalzeit zu betreten. Als diese 1981 mit dem Großserien-PC breitenwirksam einsetzte, waren sie schon gut ausgebildet und erwachsen, hatten aber noch die Flexibilität und „das freche Aug’ der Jugend“ (Arthur Schnitzler). Sie sind jetzt 52, führen die politischen Geschäfte, leiten die großen Institutionen und stehen als Manager und Unternehmer in reifer Blüte.

Aus der Vogelschau schwimmt die Goldgeneration wie ein Fettauge auf der Suppe der Geschichte. Das ist ihr nicht übel zu nehmen. Fürs geschenkte Glück kann man nichts. Und über Jahrzehnte nützten die Beschenkten ihre Privilegien tadellos. Sie gelten als die Trägerraketen des österreichischen Wirtschaftswunders, das trotz vieler Fehler und einiger Rückschläge bis heute anhält, zumindest in Relation zu den meisten anderen Staaten, sogar im Verhältnis zu Deutschland, wie jüngst ein Ländervergleich ergab.
Es gibt allerdings keinen Grund, die Goldgeneration überzubewerten. Und schon gar keinen Grund für die Betroffenen selbst, in Gorillamanier auf die eigene Brust zu trommeln oder sich gar in Narzissspiegeln selbst zu küssen.

Die Goldenen – ich darf dies sagen, da ich dazugehöre – hatten enormen Erfolg in Zeiten, da sich der Erfolg kaum vermeiden ließ, speziell in der Wirtschaft. Volle 30 Jahre lang, von 1945 bis zur ersten Ölpreiskrise 1974, die eine erste Ahnung künftiger Härten gab, war man mit produkthungrigen Märkten gesegnet. In den Anfängen gab es sogar eine Verteilungswirtschaft, in der sich die Unternehmer ihre Kunden aussuchen konnten. Auch den Unselbstständigen ging es blendend. Man förderte die Jugend in einem heute unvorstellbaren Maß. Aus Gründen der Authentizität erzähle ich gern ein eigenes Beispiel, ich war erst 17. Dem klassenbesten Maschinenbauer der HTL Mödling bot die amerikanische Ford Motor Company weit vor der Matura einen Vorvertrag, geschmückt mit einem Anfangsgehalt, das kaufkraftbereinigt beim Dreifachen eines heutigen lag. Noch in den Hochschuljahren klopften Weltkonzerne wie IBM, Procter & Gamble, Siemens und Nestlé (diese hatten die größten Füllhörner) höflich an die Türen der künftigen Absolventen und sagten Bitte und Danke, zwei Wörter, die Konzerne dieser Art heute nur noch vom Hörensagen kennen. Kurzum: Man musste rund um 1970 entweder rauschgiftgeschädigt (was vorkam) oder die faulste Sau der Welt sein, um nicht zu reüssieren.

Damit nicht genug: Es kam eine günstige menschliche Komponente dazu. Man war auch familiär verwöhnt. Die kriegserschöpften Eltern der Goldenen opferten sich für die Kinder. Ihr eigenes Glück hatten sie abgeschrieben. Oder sie begnügten sich mit der Gnade des Friedens und Nichthungers. Jedenfalls lautete ihr Motto: „Den Kindern soll es einst besser gehen.“
Speziell in diesem Rückblick steigt die Goldene Generation schlecht aus. Die Zwischennote (eine Endnote wird erst in fünfzehn Jahren möglich sein) ist ein glatter Fünfer, nicht genügend. Hauptdefekt: Dekadenz. Theoretisch hätten die Goldenen, im Wissen um die Gnade ihres idealen Geburtszeitpunkts, besonders lieb zu den Alten und Kindern sein müssen. Leider erwies sich das Gegenteil. Goethe behielt wieder mal Recht: Nichts sei schwerer zu ertragen als eine Reihe von schönen Tagen. Wie nie zuvor wurde fortan Menschliches mit dem öden, billigen Mittel Geld gelöst.

Die Alten werden früh in Seniorenheimvillen abgeschoben, die Kinder mit viel zu viel Geld statt mit Liebe und ­Zeitopfern bedacht. Den derzeit aktiven und meist gut situierten Goldenen bleiben noch ein paar Jahre, diese Letztklassigkeit zu bedenken. Auch die Bundespolitiker der Goldgeneration haben sich dieser Dekadenz angepasst, sie sogar überhöht. Genaueres darüber in einer kommenden Kolumne.

Die Kolumne, apropos, läuft unter dem programmatischen Motto „Good News“. Worin liegen die Good News in diesem Fall eigentlich? Ich sehe sie in der mittlerweile erwachsenen Kindergeneration, die der Goldgeneration folgte. Darin kenne ich junge Eltern, die sich – in instinktiver Andersartigkeit zur Vorgeneration – wieder gut um ihre Kinder kümmern. Ob sie auch ihre goldenen Eltern besser behandeln als diese die ihren, weiß man noch nicht. Verdient hätten es jene nicht.■

helmut.gansterer@profil.at