<small><i>Helmut A. Gansterer</i></small>
Beflügelndes

Luftiges über Red Bull und die Volksbanken.

„Fliegen heißt: Erfolgreich mit der Schwerkraft verhandeln“ Adam Bronstein, „Tagebuch eines Kapitalisten“, Orac Verlag“

Auf den ersten Blick haben Red Bull und die Volksbanken nichts gemeinsam, auf den zweiten schon. Beide sind merkwürdige Vögel. Beide versprechen ihren Kunden Höhenflüge. Der eine „verleiht Flügel“, der andere schreibt sich mit „V wie Flügel“. Beide arbeiten mit auffällig intelligenten Kunstfliegern und Skispringern zusammen, die zur Werbelinie passen. Und trotz feiner, eigener Flüge stehen Red Bull und die Volksbanken ein wenig schräg im Licht. Dies mag daran liegen, dass sie jeder kennt, aber kaum ­einer alles weiß, was für sie spricht.
Ab hier werden die Unterschiede interessant. Auch diese sind aus der Vogelschau markant. Hier globale, dort lokale Ausrichtung; hier persönliche Kapitalinteressen, dort Genossenschaft; hier eine namhafte Autorität an der Spitze, dort viele Chefs mit begrenzter Willkür und Prominenz.

Fangen wir mit Red Bull an. Man kann sich die Com­pany aus Fuschl am See, deren Erfolg selbst den US-Giganten Coca-Cola nervt, nicht ohne ihren Kopf und Miteigentümer denken. Er heißt Dietrich Mateschitz. Ich habe keine Ahnung, ob er ein Engel oder ein Satan ist. Beides ist denkbar, auch eine Mischung. Von einem Freund in einer mir näher bekannten Redaktion erfuhr ich, Mateschitz habe in einem Fall auf unsägliche Weise den Mächtigen herausgekehrt. Ich erfuhr aber auch, dass er sich dafür entschuldigte. Da wir als Christenvolk gelten, dessen Grundsätze „Liebe und Verzeihung“ heißen, ist diese Sache vom Tisch.
So darf auch das Positive zum Tragen kommen. Persönlich kann ich zu Mateschitz nur einen Beitrag leisten. Wir wurden in der Ennstal-Classic-Rallye zusammengespannt, um einen Kotflügel für Charity-Zwecke zu signieren. Das Gespräch war angenehm. Man sprach mit einem Mann, den das Milliardär-Sein nicht zerrüttete. Er erinnerte an ­Microsoft-Boss Bill Gates. Dieser sagte sinngemäß „klass!“, als ich ihn fragte, wie es sich mit 50 Milliarden Dollar Privatvermögen so lebe. Mateschitz, im Vergleich bettelarm, dafür fühlbar entspannter als Mr. Gates, bestätigt die Weisheit, dass selbst verdientes Geld selten unglücklich macht. Selbst Dr. Helmut Marko, der ein illusionsloses Menschenbild pflegt, schätzt Mateschitz enorm.
Marko, als Formel-1-Legende und Unternehmer (sein Grazer Schlossberghotel gilt als romantischstes Kunsthotel Europas) längst selber hochweiß, wirkt als Patron des erfolgreichen Red Bull Formel 1 Racing Teams auch aus Respekt vor dem Gesamtkunstwerk Red Bull. Das nicht von allen Österreichern geliebt wird. Konservativen ist die Energydrink-Company ein dunkles Symbol. Sie stehe für Lärm, Discos, Fun, Extremsport und Genuss-Events aller Art.
Gar nicht falsch, nur unvollständig und nationalökonomisch ein Irrbild. Red Bull ist Teil jener Kultur, die im Kondratieff-Zyklus neben Gesundheit als neue Lokomotivbranche die neuen Arbeitsplätze schafft. Außerdem entdeckte Red Bull auch den Witz des Geistes. Beispiel: das Philosophicum Lech, behütet von Professor Konrad Paul Liessmann. In meiner Dreijahresperiode als Österreichs Juror durfte nicht verraten werden, wer die Auszeichnung Tractatus mit 25.000 Euro versah. Die Enthüllung nahm Preisträger Franz Schuh auf sich. Der Tractatus verleihe ihm Flügel, sagte er in der Dankrede. Damit war der Bulle aus dem Stall.

Schnitt, Wechsel zu den Volksbanken. Schatten durchs notleidende Spitzeninstitut ÖVAG. Man hat dort wesensfremde Geschäfte versucht. Das Echo der eingehandelten Watschen klingt noch nach. Es übertönt die kerngesunden Volksbanken selbst. Diese haben grad umgekehrt ihre Vorzüge in der Bankenkrise bewiesen. Sie sind wie die Raiff­eisenkassen selbstständig, übers ganze Land verteilt und genossenschaftlich organisiert. Kreditgeber und Kredit­nehmer kennen einander Auge in Auge. Folge: wenig Kreditaus­fälle (Fachjargon: Wertberichtigungen). Existenz-eminente Kredite blieben nicht in der Pipeline stecken wie in vielen Großbanken. Dazu kommt, dass die Kleinbanken gut zu den 300.000 KMUs passen, die „das bewegliche Kettenhemd Österreichs sind“ (Wirtschaftsmagazin „trend“).
Selbst die ÖVAG machte manches richtig. Erstens die Werbelinie „V wie Flügel“, die sich glücklich mit Österreichs Skispringern verband, die unter dem genialen Dirigenten Alexander Pointner alles gewannen. Zweitens die facettenreiche Kunden-Fortbildungslinie „Fit for Business“. Mit Weiterbildungs-Coaches im Rang eines Christian Brandstätter bindet man zufriedene Kunden ans Haus und macht sie kredittechnisch sicherer. Als spiritus rector darf man sich Kurt Kaiser vorstellen, den vielleicht interessantesten Marketingdenker. Selbst seine sonnige Zusatzidee einer VB-Sommerakademie („Bildung unter Palmen“) ging jüngst schon ins sechste Jahr. Heuer lud man zwei Weltspitzen als Attraktion ein, Alexander Pointner und Kunstflieger Hannes Arch. Beide stellten Querverbindungen von Extremsport und Wirtschaftsführung her, in einer motivierenden Sprache, die man Politikern wünschte.

Hannes Arch ist Bergsteiger, Paraglide-Testpilot, Base-Jumper und Kunstflieger. Als Air-Race-Champion (Slalom-Flüge über Weltstädten) schlägt er im Volksbanken-Vortrag die Brücke zu Red Bull. Er erzählt von einem „warmherzigen“ Mateschitz, der früh einen Habenichts sponserte, weil er den Werdenden spürte. Und der das Red Bull Air-­Race stoppte, aus Sorge um die Sicherheit. Mit Recht, wie Hannes Arch sagt, obwohl er sich als bester Air-Racer neu orientieren muss. Er arbeitet jetzt an der idealen Synthese von Flugkunst und Musik. Die Österreicher sind besser, als die Österreicher glauben. Musikalischer sowieso.

helmut.gansterer@profil.at