<small><i>Helmut A. Gansterer</i></small>
Die Rätsel der Kunstliebe

Es gibt diese Liebe, aber wir wissen wenig von ihr.

„Wenn Banker Banker treffen, reden sie über Kunst. Wenn Künstler Künstler treffen, reden sie über Geld.“ Oscar Wilde

Wie ein Glas Wachauer Smaragd mit erfrischender Zuverlässigkeit ein zweites Glas nach sich zieht, so bringt manche Kolumne eine weitere zur Welt. Auch dies erfreulich. Man erspart sich die Themenfindung. So geschehen im Fall "Angst frisst Geist“ in profil 1/2012. Die Reaktionen öffneten den Weg zu Neuem. Dies gilt schon fürs positive Echo. Dass Georg Springer, Glühbirne der Hochkultur, glückstrunken taumelt, weil geschrieben wurde, man müsse endlich aufhören, in Krisen zuerst die Kunst zu beschneiden, und endlich anfangen, sie als Grundnahrungsmittel zu begreifen, ist logisch und schön anzusehen. Noch fruchtbarer ist das negative Echo. Genauer: das skeptisch-kritische.

Die Skeptiker unter den klugen Leserinnen und schönen Lesern öffneten ein Gatter zu neuen Fragen. Oder eigentlich zu alten Fragen. Neu war nur die jähe Erkenntnis, dass uns bis heute niemand half, sie gültig zu beantworten. Ich nenne zwei davon und kommentiere sie. Die anderen werde ich über das Jahr 2012 verteilen.

Frage 1: Sie wissen aber schon, dass Kunst, sofern sie sich nicht im Brauchtum erschöpft, nur für Reiche da ist? Dazu fällt mir ein infamer, weil dialektisch kugelrunder Satz ein, den ich ausschließlich von kreativen Grazern wie Jörg Schlick, Wolfi Bauer und Helmut Marko hörte: "Mag alles sein, nur ich glaub’s nicht.“ Ich glaube eher das Umgekehrte. So wie die meisten großen Karrieren in der Stadt von Landleuten aus bescheidenen Verhältnissen gemacht werden, waren auch die meisten namhaften Kunstkenner und Kunstsammler ursprünglich nicht auf Rosen gebettet. Sie arbeiteten sich langsam vor und hinauf. Auch der einst unbegüterte Marcel Prawy fing als Stehplatzbesucher der Wiener Oper an.

Den Reichen steht oft der Reichtum im Weg. Ihr Wissen, sie könnten jederzeit aufs Höchste zugreifen, führt oft zu einem Aufschub für immer. Oder man entwickelt kein eigenes Kunstbild, sondern unterwirft sich als Unsicherer, weil nicht wirklich Liebender und Lernender, der feigen Sicherheit hoher Preiszettel. Man kauft das Bewährte. Neben dem inneren Elend, das jedes Bestseller-Denken umflort, führt es auch zu tatsächlichem Elend vieler guter, aufstrebender Künstler, für die kein Geld mehr da ist, weil irregeleitete Reiche, wie in den hysterisch überhitzten neunziger Jahren, bis zu einer Milliarde Schilling für van Goghs Sonnenblumen, Picassos Harlekin oder diverse Klimts zahlten. Das hat sich leidlich beruhigt. Es wird auch nicht mehr aufflammen, wenn wir heuer Gustav Klimts 150. Geburtstag feiern.

Aber immer noch, so sagt man, schaffe es ein globaler Kern von Kunstmächtigen, mit eingespielten Mechanismen die Preise "ihrer“ Künstler künstlich hochzustoßen, etwa durch wechselseitige Höchstgebote bei Auktionen. Ob’s wahr ist, weiß ich nicht. Vom Gefühl her würde ich jenen Grazer Satz umdrehen: "Mag alles nicht sein, aber ich glaub’s.“

Zu wissen ist freilich auch, dass es kultivierte Reiche gibt, deren Kunstfreude fühlbar lodert. Und die einen wunderbaren Weg fanden, die größte Gefahr zu bannen: inflationäre Gefühlsentwertung durch die Menge süßen Besitzes. Drei mir näher bekannte Gentlemen (Karlheinz Essl, Herbert Liaunig, Helmut Zoidl) teilen per Museen und Kunst-Schloss ihren Kunstbesitz mit jedem, der will. Auch André Heller ist einzuschließen, mit seinem Garten-Gesamtkunstwerk am Gardasee. Seine bedeutende Sammlung, darin seltene Ethnokunst und Werke seiner Freunde Andy Warhol und Keith Haring, teilt er immerhin mit Menschen, die er schätzt, und serviert dazu Tee aus Schalen, die nicht von dieser Welt sind. In all diesen Fällen wird die Richtigkeit eines altväterischen Satzes fühlbar: "Wer teilt, besitzt doppelt.“

Apodiktisches und Frage Nr. 2 aus den Armeen der Leser: Glück durch Kunst ist ein Trugbild. Künstler und Kunstsammler beklatschen nur ihren eigenen Geschmack. Weshalb es auch so viele unglückliche Künstler gibt, nicht wahr? Antwort: nicht wahr. Das Statement ist interessant, die Frage aber bescheuert. Höflicher gesagt: Sie ist unvollständig.

Man hat nicht nach Glück, sondern nach dem Verhältnis von Glück und Unglück zu fragen. Jeder wird von beidem begleitet. Wenn kein Unglück da ist, schafft man eines. Goethe: "Nichts ist schwerer zu ertragen als eine Reihe von guten Tagen.“ Und Künstler sind begabt, ihre Unglücke dramatisch darzustellen. Ah, das Leid eines Literaten, glänzend ausgewalzt bei Stefan Zweig und in Paul Nizons Aufzeichnungen. Ah, das Leid eines Malers, dargestellt in den Briefen Michelangelos, in denen es nur um den Scudo geht, den Euro seiner Tage. Ah, die misanthropischen Leiden Beethovens, schon vor dem Verlust des Gehörs. Ah, die Leiden eines Dramatikers, dargestellt in allem, was Thomas Bernhard schrieb und sagte. Und zweimal ah, die Leiden jeder Primaballerina über die wachsende Sorge, das Gewicht zu halten, und jedes Schauspielers, nun nicht mehr den jugendlichen Liebhaber spielen zu dürfen.

In allen Künstler-Notaten watet man knietief durch Leid. Das hat aber nichts zu bedeuten. Kaum einer und keine, bis zum Verhungern nicht, wechselte den Job für ein sicheres Monatssalär. Bernhard zum Beispiel schrieb, er könne, mit einem Rucksack voll Büchern ausschreitend, mehr davon in einem Monat verkaufen als der fette Suhrkamp Verlag in einem Jahr - um sich dann tief befriedigt wieder dem Glück der künstlerischen Gestaltung zu widmen.

Kreative Arbeit und Liebe zur Kunst kommen vielleicht der Idee am nächsten, wir seien als Nachfahren des Schöpfers aufgefordert nachzuschöpfen, aktiv oder fördernd. Ist das zu pathetisch? Ehe ich anfange, selbst Fragen zu stellen, statt Antworten zu geben - Vorhang zu.

helmut.gansterer@profil.at