<small><i>Helmut A. Gansterer</i></small>
Ein fiebriger Motor

Helmut a. Gansterer über Steve Jobs und dessen öffentliches Streben und Sterben.

„Ein einzigartiger Visionär“ Shantanu Narayen, Präsident und CEO von Adobe Systems

Die USA sind faszinierend, zugleich das Land der unbegrenzten Geschmacklosigkeiten. Vieles rund um Steve Jobs, der vergangene Woche an Krebs starb, hat dies bewiesen.

Eine für Europäer und Asiaten widerliche Mischung aus Bigotterie und gleisnerischer angelsächsischer Kapitalismus-Ethik zwang den legendären Apple-Gründer, sieben Jahre lang öffentlich zu sterben. Unter dem Vorhalt einer von Wall Street diktierten „Anständigkeit“ in Form „umfassender Informationspflicht für Aktionäre“ war man seit 2004 niemals im Ungewissen über den Gesundheitszustand des Charismatikers aus Cupertino im Silicon Valley, Kalifornien.

Die Zeitungen, wissend um eine Verdoppelung der Auflage, darunter „Wall Street Journal“ und „Washington Post“, opferten 2004 mit lustvollem Schaudern ihre Titelseiten, um zu berichten, dass Jobs wegen eines Tumors an der Bauchspeicheldrüse operiert werden musste – eine Krankheit, deren Heilungschancen nahe null liegen. Jobs selbst sah sich veranlasst, die Botschaft zu geben, weil die schon existierenden, abenteuerlichen Gerüchte für die Company noch gefährlicher schienen als die Wahrheit. Und weil er die Zeitungsseiten freischaufeln wollte für bessere Apple-News, die es in Hülle und Fülle gab.

Seine Operation zeigte im Timing eine Shakespear’sche Dramatik. Sie glich einem Blitz aus wolkenlosem Sommerhimmel. Apple war mit dem Mac-Computer gut unterwegs und gerade zum größten Musikverkäufer geworden, mit dem Internet-Marktplatz iTunes. Mit diesem nützte man den Sensationserfolg des 2001 vorgestellten mobilen Musik-Abspielgeräts iPod, das zunächst nur als Nebenprodukt des Computer-Giganten galt und je zur Hälfte ein Geniestreich und ein „lucky punch“ war.

Steve Jobs bündelte fortan seine Kräfte. Noch inniger präsentierte er bei der jährlichen MacWorldExpo die Apple-Innovationen persönlich. Er federte über die Bühne, um Fitness zu zeigen in seinem bald weltbekannten Outfit: Jeans, schwarzer Rollkragenpulli, Dreitagebart. Er machte es glänzend. Wie schon in frühen Computer-Tagen Apples erwies er sich als hochtalentierte „Rampensau“, wie es im Schauspieler-Jargon heißt.

Auch was die Apple-Innovationen betrifft, die er nach 2004 präsentierte, zeigte sich imponierend, wie viel ein Mensch aus einer fühlbar eng begrenzten Restlebenszeit holen kann. Er war fiebriger Motor hinter der klugen Auffächerung der iPod-Familie, von Minis als Armbandschmuck bis zum iTouch mit üppigem Monitor. Das iTouch nahm die Gestalt der nächsten Apple-Sensation vorweg, des 2007 vorgestellten iPhones, das unverzüglich zum Ur-Meter der Super-Handys (Smartphones) wurde, ein Must-have und Statusprodukt für alle Jahrgänge. Der iPhone-Erfolg schien nicht zu toppen. Doch drei Jahre danach das iPad, mit dem, wie Präsentator Steve Jobs sagte, die Post-PC-Ära eingeläutet wurde. Nicht jeder, erklärte er, werde noch einen Computer brauchen, aber jeder und jede ein iPad.

Jobs’ Sensibilität für freundlich-fröhliche Computer kannte man. Er war Hardware-Mann insofern, als er Jonathan Ivy förderte, der wie kein zweiter Designer „Klarheit und Schönheit“ beherrscht. Er war Software-Mann insofern, als er schon 1979 die geniale Xerox-Erfindung GUI (graphical user interface) mit Ikonen, Rollbalken und Maus erkannte, lizensierte und samt den Experten von Xerox abzog. Doch erst die „Nebenprodukte“ von iPod bis iPad zeigten sein volles Genie. Er war auch ein Brainware-Mann. Er begriff, wie seine Geräte die Gesellschaft veränderten. Er begriff, welche Konsumkraft sie generierten. Und wie man aus abhängigen Partnern, die ihn als „Retter des Vertriebs“ feierten, das Maximum an Geld holt: aus den Musikproduzenten mit iTunes, den Telecom-Companys mit iPhone, den Zeitungsverlegern mit iPad. Manche Partner wurden bitter. Jobs und Apple bekämen als Schuhlöffel in die Seelen der Konsumenten mehr, als ihnen zustünde.

Die Kritik blieb aber leise. Auch weil man miterlebte, wie Jobs zur Landung seines Lebens ansetzte. Die 2008-Produkte präsentiert er arg abgemagert. 2009 erfährt man von einer Lebertransplantation. Im August 2011 zieht er sich in den Aufsichtsrat zurück, am 5. Oktober stirbt er.

Als Botschafter von profil und „trend“ fragte ich Bill ­Gates – er war gerade reichster Mann der Welt geworden –, wie es sich mit einem Privatvermögen von 50 Milliarden Dollar lebe. Er sagte sinngemäß: klass. Er wirkte glaubwürdig und entspannt, sah physiognomisch auch lange Zeit jung aus. Auch Jobs war reich, einer der Jüngsten der Reichenliste von „Forbes“. Wirklich jung aber wirkte er selten, fröhlich nie. Mit ihm vollendete sich ein Leben mit tragischem Anfang, Mittelteil und Schluss.

Die unverheirateten Eltern geben ihn zur Adoption frei. Als das von ihm mitbegründete Unternehmen Apple mit „seinem“ Mac endlich Ruhm erlangt, wird er abgeschoben, um später als Retter wiederzukehren. Als Apple mit den Desktops, Notebooks, iPods, iPhones und iPads zur wertvollsten Marke der Welt wird, stirbt er. Zwischendrin und bis zuletzt aber unvergleichliche Siege. Wie es wirklich war, wird eine im November erscheinende, beglaubigte Biografie zeigen. Man wird sie mit Neugier und Respekt lesen.

helmut.gansterer@profil.at