<small><i>Helmut A. Gansterer</i></small>
Franz Ringel

Sieben Thesen gegen das Bild von Ringel (1940–2011).

„Die Sicherheit des Großen ruht in der
Sicherheit im Kleinen.“

Lü Bu We

Seit der Maler Franz Ringel kurz vor Allerheiligen starb, fehlt im Kunst-Puzzle von Österreich ein mächtiger Baustein. Die zuständigen Institutionen, also Kulturministerin, Galeristen, Sammler und Publizisten reagierten angemessen. Die Trauerbekundungen kamen schnell. Sie lagen auch inhaltlich über dem Durchschnitt, gemessen an allem, was man hören und lesen musste, als zuletzt in rascher Folge auch Frohner, Hrdlicka und Zeppel-Sperl gestorben waren.

Wirklich glücklich konnte man dennoch nicht sein. Die so genannte Art-Society, die fast ausnahmslos aus Schluckspechten besteht (rare Ausnahme: Hyper-Mäzen Karlheinz Essl), sann über Ringel & Alkohol. Und selten fehlte der Hinweis auf „radikale Eigenwilligkeit“ und „Kompromisslosigkeit“. So, als könnten wild-wuchtige, farbexplosive, für Maler und Betrachter schonungslose und „wirklich oft auch unangenehme“ (Ringel-Freund Ernst Hilger) Abstiege ins eigene ICH ohne kompromisslosen, eigenen Willen geschaffen werden. Ringel war ein Selbstaufarbeiter.

Es gab auch andere Bilder von ihm, Akte seiner ­Geliebten oder frühlingshelle Ahnungen eines persönlichen ­Paradieses. Aber jene Bilder, da er sich psycho-rabiat selbst auf die Couch legte, stellen das Gros seines Œuvres.

„Jeder malt letztlich sich selbst – oder?“, fragte er. Ähnliche Zitate Ringels vernahm man nur in einem berückenden TV-Porträt von Thaddäus Podgorski jun., dem bisher besten Vermächtnis, das der ORF wiederholte, nach Mitternacht.

Ich biete im Folgenden submissest einige korrigierende Blicke auf Ringel. Sie wurden durch das Geschenk einer Nähe möglich, die mit zwei Orten verbunden ist. Erstens Club Gutruf, Milchgasse 1, Wien 1, einer tradi­tionellen Künstlerwärmestube. Zweitens Kunst-Schloss Gabelhofen, das der Kunstsammler Helmut Zoidl nahe Fohnsdorf „in unsere steirischen Urwälder setzte“, wie Ringels Jugendfreund Wolfgang Bauer lobte. Bauer bot dort eine seiner letzten großen Lesungen, anlässlich der zweitprächtigsten Ringel-Ausstellung neben der Retro­spektive im Essl Museum zu Klosterneuburg, 2005.

Erstens: Ringel war nicht ungesellig. Er genoss Trubel um sich. Er wollte aber das stille Auge im Taifun sein. Mit gesenkten Augen nahm er im Gutruf seinen Stammplatz ein. Im Schutz der Hutkrempe, Joseph Beuys nicht unähnlich, musterte er dann die Gutruf-Gäste. Schließlich der erlösende Seufzer: „Lauter Trotteln.“ Es waren gerührte Flüche. Er liebte das dortige Ambiente, wie zuvor Qualtinger und Bronner.
Zweitens: Ringel war diskussionsbereit. Aber nur mit Menschen, die auf seine Antworten warten konnten. Er hasste fiebrige Schwätzer und Lobhudler. Er funktionierte nach dem Prinzip der Wasserkraftwerke. Er flutete seine Schleusen, ehe er sprach.

Drittens: Ringel war nicht wirklich ein Tragischer. Er spielte gern den schwarz gekleideten Gottseibeiuns, schätzte aber jeden, der ihn durchschaute. Sein Anblick, schwarzer Korpus unter zu großem schwarzem Hut, wird dem Wien-Bild, das man liebte, fehlen.

Viertens: Ringel war auch ein Mann des geschriebenen Wortes. Er las viel. Man wusste nur nicht, wo. In ­einem billigen „Weinbrand statt Cognac“-Lokal traf ich ihn mit Gedichten von Artmann. Und in seiner Galerie unweit der Wohnung in der Porzellangasse hatte er nicht rechtzeitig die beste Novellensammlung von Sartre („Die Mauer“) weggeräumt.
Fünftens: Ringel war professionell, keine Zicke. Als Freunde sein meistausgezeichnetes Buch „78 Bilder für Maria“ herausbrachten (Gestaltung: Didi Tadler), besorgte er nur seinen Teil der Auswahl der Akte seiner 1993 verstorbenen Frau Maria. Den anderen Partnern ließ er jede Freiheit.

Sechstens: Ringel war nicht jugendkrank, wie oft ­gesagt wird. Er sah seine Zieheltern (beide: Lehrer) als günstige Ergänzung seiner Eltern, die Rossknecht und Wäscherin waren. Sein Jugendproblem war eher die Steier­mark. Sie erinnerte ihn an den Onkel, der groß­zügig „einen Gspritzten für eines deiner Bildln“ bot, als Franz schon 100.000 Schilling pro Großformat kostete. Und an die Abwürgung vieler Projekte, die er mit Freunden wie Wolfi Bauer & Co begleitete: „Don Karli“ zum Beispiel, die endgültige Oper. Oder den Zirkus „Speise­soda“, den die Grazer humorlos verließen, weil der Bär den versprochenen Handstand nicht konnte, aber mehr Bier soff als die Dompteure.

Siebtens: Ringel hatte nichts gegen Geld. Er tat nur nichts extra dafür. Er hob es selbst ab und zahlte aus dem Bank-Papiersackerl. Und anders als andere wurde er mit dem eigenen Vermögen großzügiger, nicht geiziger.
Franz Ringels Werke sind längst im Olymp gelandet. Er selbst sollte neu vermessen werden

helmut.gansterer@profil.at