<small><i>Helmut A. Gansterer</i></small>
Heimflug

Die Empfindsamkeit der Langstreckenreisenden.

"Heimat ist ein Gefühl“ Herbert Grönemeyer

Jüngst war an dieser Stelle vom Fliegen die Rede. Mit beträchtlicher Zuneigung wurden dessen Vorzüge über die Nachteile gestellt. Dabei wurde das Schönste gar nicht erwähnt. Die Heimkehr beginnt eine halbe Stunde vor der Landung. Ich höre dann gern den Sitznachbarn zu. So kurz vor dem Ende ihrer abermals heil überstandenen Reise werden sie witzig und sentimental.

Witzig, weil ihre flugtrockene Stimme so klingt, als kehrten sie nicht von Jamaica, sondern von Elba und St. Helena heim. Sentimental, weil sie so gut über Österreich sprechen, wie ihnen dies später auf dem Boden nicht mehr gelingt. Morgen würde wieder der Grant überwiegen. Doch jetzt, da der Flugkapitän mitteilt, der Vogel setze aus 1000 Stundenkilometern zum Gleitflug an, ist reine Liebe zur Heimat angesagt. Sie muss auch den Umsitzenden mitgeteilt werden.

Es sei, so hört man, wohl doch ein Glück, in Österreich zu leben. Man bedenke die ideale Meteorologie. Die mitteleuropäischen Jahreszeiten hätten schon was. Die Sonnenhälfte des Jahres sorge für Frohsinn, die Kältehälfte für höchste Tüchtigkeit. Man müsse schließlich das Heizöl und den Zobel verdienen. Die Südländer, die mit Sandalen, Ruderleiberln und Bermudas auskommen, seien zu Mattigkeit, Mittagsschlaf und Minderleistung verdammt. Die Nordländer wiederum, kältetheoretisch noch tüchtiger als wir, seien durch Sonnenmangel in Schwermut und Schnaps geworfen, man denke an Bergman-Filme, den "Schrei“ von Munch, die Suizid-Symphonien von Sibelius, die Romane von Björnson und die Dramen von Hamsun und Ibsen.

Landeanflug heißt: Erleichterung, Heimatliebe, Frohsinn, Euphorie. Ein KMU-Boss, mit dem ich mich befreundete, überraschte bei einer der jüngsten Landungen gar mit Politikerliebe. "Die unsrigen“, sagte er, "sind besser als ihr Ruf.“ Sie haben uns, sagt er, in der Nachkriegszeit als einzigen Staat von der Schaufel des Ostblocks geholt. Später haben sie die geniale "Sozialpartnerschaft“ der Praktiker von Wirtschaftskammer und Arbeiterkammer (und Industriellenvereinigung und Gewerkschaft) akzeptiert und damit Anteil am "Urquell von Österreichs Wohlstandskarriere“ (WKÖ-Präsident Christoph Leitl). Was die aktuellen Korruptionsaffären betrifft, sagt mein Sitznachbar, begrüße er jede Enthüllung und verabscheue jede Verallgemeinerung: "Die Mehrheit der Politiker ist ehrgeizig und anständig. Durch eine generelle Herabwürdigung verlieren wir viele der Besten. Sie gehen irgendwann dorthin, wo sie ein faires Zeugnis als Einzelner erwarten dürfen.“

Mir gefiel das gut. Ich teile diese Auffassung. Gleichwohl provozierte ich ihn: "Gilt dies auch für Banker?“ Seine Antwort sinngemäß: "Wahrscheinlich ja. Da tu ich mir aber schwer. Ich bin kein unbefangener Zeuge. Ich habe viel Geld verloren. Persönlich durch die Wertpapier-Hybris, geschäftlich durch die plötzliche Verengung bei Expansionskrediten.“ Enttäuscht sei er vor allem, dass kein namhafter Banker, auch kein pensionierter, als "Nestbeschmutzer“ aufgestanden sei, als Kronzeuge der Verfehlungen der Finanzwelt. Keiner habe sich angeboten, als hilfreicher Insider und Architekt eines neuen Systems zu dienen, das dem niederen Volk wie unsereins die Zukunftsängste nähme.

Auch die 300.000 Kleinunternehmer, das Rückgrat der österreichischen Erfolgswirtschaft, seien in diesen Fragen zum ratlosen Volk geworden. Die Finanzwelt greife heute global aus. Die Geld-Profis seien von Partnern zu Herrschern geworden. Banker, Spekulanten und eitle Wirtschaftswissenschafter hätten alles getan, die so genannten "Finanzen“ dem Hausverstand zu entziehen. Das sei ihnen leicht gefallen, weil schon das Grundelement "Geld“ so kompliziert sei, als einzige Ware, die mit sich selbst bezahlt wird.

Also sprach mein Sitznachbar und Unternehmer. Dann wandte er sich wie die anderen Fluggäste wieder den erfreulichen Aspekten Österreichs zu, der sauberen Luft, dem guten Wasser, der Kreativität, der Musik, dem Tafelspitz.

Mir gefallen diese Landungsgespräche. Ich bin zwar eher Zuhörer als Redner, aber rührseliger als alle anderen, küsse auch immer die Schwechater Erde. Zumal mich zwei sichere Freuden erwarten. Erstens erkenne ich am Flug der Vögel (meine indianischen Instinkte sind unfehlbar), dass sich daheim nichts Dramatisches verändert hat. Zweitens erwartet mich die Lektüre der Buchbestseller-Listen. Sie spiegeln den Glanz der österreichischen Autoren. In der Belletristik sind zwar etliche der üblichen Erfolgsverdächtigen derzeit faul wie Koalas, aber Glattauer, Gauß und Niavarani halten tapfer die Stellung vor dem unvermeidlichen Coelho, was beweist, dass es ein Leben vor der Esoterik gibt. Die Sachbücher sind überhaupt fest in heimischer Hand. Persönlich erfreulich: Zwei Vertraute rittern um die Nummer eins, den Spitzenplatz der Verkaufsliste. Christian Seiler mit der Heller-Biografie und Markus Hengstschläger mit "Die Durchschnittsfalle“. Letztere habe ich als eine Art "Markus-Evangelium“ gelesen, eine Empfehlung für alle Politiker, die Österreich weiter verbessern wollen.

helmut.gansterer@profil.at