<small><i>Helmut A. Gansterer</i></small>
Leck mich am Porsche

Unvermeidliche Replik auf eine Titelgeschichte.

"Die feinste Erfindung der Welt“
Phil Waldeck übers Auto

Die Überschrift wirkt wohl offensiv, vielleicht sogar aggressiv. Ist aber nicht so gemeint. Ich bin ein harmoniesüchtiges Weichei, beinahe papabile für den Friedensnobelpreis. Dass ich mich im Titel um eine resche Tonart bemühe, liegt letztlich daran, dass ich den Autorinnen der jüngsten profil-Titelgeschichte "Die gefährlichste Erfindung der Welt“ einen Gefallen tun will. Sie schrieben sinngemäß, die Autoliebhaber reagierten unverzüglich mit Gebrüll auf jede Kritik an ihrem Lieblingsobjekt. Sie sollen das Gefühl haben, wenigstens in diesem Punkt Recht zu haben. Freilich gilt auch das Umgekehrte. Auch jene, die gegen das Auto ins Feld ziehen, reagieren unversöhnlich auf die wenigen, die noch tapfer zu ihrer Affenliebe zum Auto stehen. Als Tapfersten dürfen wir uns den markantesten Gentleman der Grünen vorstellen, Alexander Van der Bellen. Seine Antwort in einem profil-Interview - "Beleidigen Sie meinen Alfa Romeo nicht“ - traf humorfreie Parteigenossen ins Mark.

Da ich ohnehin mit keiner Gnade rechne, verzichte ich auf eine objektive Detaillierung der Auto-Vorzüge wie: unverzichtbarer Wirtschaftsfaktor für Wohlstand und sozialen Frieden, Segen für alleinerziehende Mütter mit drei Kindern. Oder: einzige Chance, stille Orte des Geistes und der Einsamkeit zu erreichen, da Öffis logisch an Orte führen, wo die Menschenmassen übereinanderpurzeln. Lieber provoziere ich gleich ordentlich und sage: Es ist vernünftig, mindestens zwei Autos zu kaufen, ein Smart-Cabrio für die Stadt und ein wirklich großes, starkes Auto für überland. In meinem Plädoyer für Mercedes-S, BMW-7, Audi-8 und Porsche (Waldeck, "autorevue“: "Ein österreichischer Schuh, den die Deutschen über Jahrzehnte brav putzten“) verwerte ich Argumente, die ich einst für das deutsche Wochenmagazin "Focus“ fand. Eine Grundfrage lautet: "Dürfen wir noch Autos mit starken Motoren fahren, die mehr schlucken als der selige Harald Juhnke?“ Antwort: Ja. Es kann viel Vernunft darin liegen.

Fangen wir so an: Aristokraten haben einen uralten Sinn für Qualität. Ein Blaublut-Prinzip lautet: Wer das Beste kauft, kauft billig. Kein Baron hat jemals einen Geländewagen mit dem kleinsten Motor angeschafft, nur weil dieser weniger Treibstoff verbraucht. Man denkt dort langfristig. In den vier Dynastien seit der Erfindung des Autos begriffen die Wald-Aristos: Ein starker Motor, der sich mit härtester Forstarbeit spielt, statt ständig im Bereich seiner Höchstleistung zu winseln, verlängert die Lebensdauer aller Teile der Karre. Ein Beispiel: Der professionelle, stark motorisierte Offroader Mercedes-G. Jäger und Militärs zwangen Daimler, die Produktion aufrechtzuerhalten. Umgelegt auf Arbeitsleistung und Lebensspanne ist der "G“ ein Schnäppchen, trotz hohen Preises und roher Trinksitten. Seine ökonomische Würde ist unanfechtbar. Um zu erkennen, dass groß auch "grün“ sein kann, gehen wir vom Wald auf die Autobahn - zu seinen Brüdern, den großen Limousinen.

Wir sehen auf den Autobahnen viele elegante Limousinen älteren Datums. Autos mit starken Motoren sind immer grandios in Schuss, weil ständig unterfordert. Man kennt Audis, BMWs, Mercedesse, Porsches und VW-Phaetons, auch moderne Jaguare und neu-deutsche Bentleys und Rolls-Royces, die eine Million Kilometer hielten. Und später noch in Damaskus ein zweites Leben fristeten.

Die lange Lebensdauer schiebt den Moment des fabrikseitigen Modellwechsels und kundenseitigen Autotauschs hinaus. Ehe eine moderne Großlimousine zugrunde geht, hat der grüne Herr Stadtrat sein fragiles Zwergauto dreimal gewechselt. Die Produktion der Zwerge kostet in Summe mehr Energie und CO2. Alles in allem sind die Großen grüner als die Kleinen. Zumal im hohen Preis der Luxuslimousinen die wirksamsten Grüntechniken Platz finden; neben Hybriden beispielsweise feinstufige Automatik-Doppelkupplungsgetriebe. Diese halten die Motordrehzahl ohne Zugkraftunterbrechung im effizienten Bereich des höchsten Drehmoments. Folge: erfreuliche Schluckhemmung und die Sauberkeit eines Hundezahns.

Endgültig überlegen sind die Fünf-Meter-Mammuts, wenn uns Menschenleben lieb sind. Darf man auch Humanes in eine ganzheitliche Bilanz einbringen? Die starken Motoren und aufwändigen Fahrwerke sorgen für aktive Sicherheit, die geräumigen Hüllen für allerhöchste passive Sicherheit. Nicht nur Unternehmer und Politiker, die oft auf 100.000 Kilometer pro Jahr kommen, schätzen die Großen. Auch Künstler lieben ihre vorteilhaften Effekte. Ästhetik-Professor Bazon Brock weiß sein edles Denkerhaupt im BMW-X5 wohlgeborgen. Glenn Gould schätzte die perfekte Stille seines Lincoln Continental Mk II. Und Adrienne Gessner fand einst sogar den Charakter ihres Burgtheater-Kollegen Josef Meinrad durch ein großes Auto veredelt: "Seit der Pepi seinen Rolls-Royce hat, ist er noch bescheidener.“

Kleinautos sind possierlich, liebenswürdig und gut für die Stadt. Sie auch überland zu propagieren wäre ein Irrweg. Dort wären sie eine Verschlimmbesserung wider Emotion und Vernunft. Vielleicht trägt zur Versöhnung bei, wenn ich sage: Meine Porsches können künftig auch Diesel und Hybrid und Elektro. Und niemand propagiert auch Bikes, Scooters und Elektrofahrräder in Wort und Tat so begeistert wie ich. Mit Gnade, wie gesagt, rechne ich dennoch nicht.

helmut.gansterer@profil.at