<small><i>Helmut A. Gansterer</i></small>
Solidarität

Über einen fast versunkenen Begriff.

„Nur eine solidarische Welt kann eine gerechte und friedvolle Welt sein.“ Richard von Weizsäcker

Darf ich was sagen und gut von mir selbst sprechen? Mir ist danach, weil ich gerade beim „Griechenbeisl“ auf dem Fleischmarkt im ersten Wiener Bezirk vorbeiging. Da holte mich die Erinnerung an den edelsten Tag meines ­Lebens ein. Dass dieser Tag lang zurückliegt, ist betrüblich, tut aber nichts zur Sache.

In diesem Lokal war ich einst mit einem Finanzminister verabredet. Es war eine hochgemute Zeit, irgendwann zwischen 1981 und 1984. Für Hi-Tech-Freaks: zwischen dem ersten IBM-PC und dem ersten Apple Macintosh. Ich wohnte praktisch im kalifornischen Silicon Valley und war auf Heimaturlaub. Der trend-profil-Verlag, der zehn Jahre zuvor die beiden ersten riskanten Magazine gegründet hatte, die unabhängig von Parteien und Inserenten berichteten, machte erstmals Kohle. Er ließ auch die frühen Mitstreiter teilhaben. Man war als junger Chefredakteur & Herausgeber nicht reich, aber entschieden un-arm, beinahe wohlhabend, zumal der Verlag damals (Tempi passati) auch alle Spesen brannte.

Dieser Hintergrund ist als Erklärung anzuführen, warum ich Herbert Salcher, heute 82, ein moralisches Angebot machte. Salcher war im Kabinett Kreisky von 1979 bis 1981 Minister für Umwelt und Gesundheit gewesen und war nun Finanzminister. Als Tiroler, der auch geizige Großbauern kannte, war er erschüttert von meinem noblen Offert. Ich wollte im „Griechenbeisl“ meinen persönlichen Anteil der Staatsschuld begleichen. Ich wollte der erste umfassend schuldenfreie Österreicher sein. Salcher, enorm sympathisch und oft unterschätzt, wies mein Angebot ab. Er wusste ohne Hilfe von Statistikern, dass mein Pro-Kopf-Anteil bei 36.000 Schilling lag, und wusste ohne Hilfe von Juristen, dass es keinen Rechtstitel gab, eine Bürgerzahlung dieser Art entgegenzunehmen.

Die zweite Möglichkeit, dem bedürftigen Staat Geld zu schenken, kam über den Postweg, als traurige Überraschung. Ich war amtlich über Nacht gealtert. Als Steuerzahler mit vielen Einzahlungsjahren bot man mir frühe Pensionsauszahlung, gebunden an maximale Nebeneinkommen von 370 Euro. So etwas gibt es ab 61,5 Jahren. Ich bat, mit der Auszahlung gefälligst bis zu meinem 65er zu warten. „Das habe ich noch nie erlebt“, sagte die Sachbearbeiterin.

Anders als einst bei Salcher empfand ich dabei kein Glücksgefühl. Offenbar nahm mancher dieses Angebot an und verschleierte fortan seine Nebeneinkünfte. Ich konnte das nicht. Das hat nur am Rand mit Moral zu tun. Eher mit Egoismus. Ich schlafe gern gut. Und seit ich mir meine Lügen nicht mehr merke, bin ich zur Aufrichtigkeit verdammt, auch gegenüber den Steuerbehörden. Außerdem bin ich eitel. Ich will noch mit 80 Jahren stolz darauf sein, mehr als 370 Euro zu verdienen.

Nur am Rand, wie gesagt, hatte die Sache auch mit Moral zu tun. Insofern, als ich, begünstigt durch Weltreisen, nie das Gefühl für ein Wunder verlor: wie gut wir die schönste und schwierigste Staatsform Demokratie bewältigen, auch finanziell, im Wege einer Solidaritätskonstruktion, in der die Reichen für die Armen und die Gesunden für die Kranken einspringen (und die sehr Fleißigen für die so genannten Tachinierer, die man sich nicht als glückliche Menschen vorstellen sollte, wie es oft geschieht).

Die vernünftige Forderung nach finanzieller Solidarität hat mich ein einziges Mal irritiert. Schon als 20-Jähriger geriet ich mit mehr Glück als Verstand in den damals gültigen Grenzsteuersatz von 64 Prozent. Als Unreifer hasste ich die Steuer heftiger, als mich das Einkommen freute. Die Schriftstellerin Astrid Lindgren (Pippi Langstrumpf, Kalle Blomquist) führte auf den Pfad der Einsicht zurück. Sie bewies zu jener Zeit, dass ihr der schwedische Staat 102 Prozent Einkommensteuer vorschrieb.

Der heute fühlbare Verlust an Solidaritätseinsicht ist bedenklich. Sobald er zum Gedanken „Rette sich, wer kann“ reift, ist es für die Demokratie zu spät. Wo sollte man ansetzen? Bei besserem Staatsbürgerkunde-Unterricht? Keine Kurzzeithilfe. Bei den so genannten Reichen? Deutliche Antwort: ja, bei der schlechteren Hälfte von ihnen.

Eine Hälfte wurde durch das Geld, das 66 Jahre Frieden und Erfolg bescherten, besser. Das sind unter anderen die 300.000 kleinen Unternehmer (KMU), die ihr Geld reinvestierten, Weltgeltung erlangten, als bewegliches Ritterhemd aus Titangliedern unseren Wohlstand schützten und damit Garant des sozialen Friedens sind.

Die andere Hälfte sind viele, nicht alle, von jenen, denen das Geld zufiel durch Erbe, Bettgeschichten, Spiel oder Spekulation. Sie sind Inbegriff der Indolenz und Dekadenz. Sie werfen uns in die Zeit vor der Aufklärung zurück. Sie fühlen sich gottgewollt an die Spitze der Evolution gestellt. Solidarität kommt in ihrem Wörterbuch logisch nicht vor. Übrigens auch nicht im Wörterbuch vieler Gewerkschafter, die Gralshüter der Solidarität sein sollten. Sie verhindern Sozialfrieden oft mit der egoistischen Grobheit von Gegenmachtmenschen. Sie sollten endlich jüngere, diplomatischere Kräfte an die Spitze lassen, die auch rhetorisch besser sind.

Alles in einem genommen, mag es sinnvoll gewesen sein, den Begriff Solidarität, der dem Lateinischen als „solide Verbindung“ entnommen ist, in Erinnerung zu rufen.

helmut.gansterer@profil.at