<small><i>Helmut A. Gansterer</i></small>
Vive la France

Ich hab noch einen Koffer in Paris.

"Ein echter deutscher Mann mag keine Franzen leiden, doch ihre Weine trinkt er gern“ Goethe, Faust I

Dieser Tage fragte mich eine Radiokollegin zweierlei. Erstens, wie mein auffälliger Patriotismus tatsächlich beschaffen sei. Zweitens, in welchem anderen Land ich gut leben könne.

Antwort 1: Dass ich als bekennender Österreicher auffällig wurde, mag sein. Allerdings scheint mir dies für einen, der programmatisch auf "Förderung der Zuversicht“ aus ist, eher zu selten der Fall zu sein. Der Hauptgrund, warum ich im Fach Patriotismus summa cum laude promovierte, hat mit der Erfahrung vieler Weltreisen zu tun. Im Vergleich zu den meisten Staaten, die man kennen lernte, stieg Österreich gut aus. Freches Fazit: Die meisten unserer Fehler haben die anderen auch, etliche Vorzüge hingegen haben wir allein.

Wie eine genaue Gesamtbilanz aussieht, delegiere ich an eine spätere Kolumne. Aus der Vogelschau gesehen, sollte man nicht unglücklich sein, in einem Land zu leben, das eine gleichwertige Heimat seiner Metropole ist. Wien wurde nun schon zum dritten Mal von der maßgeblichen Mercer-Studie als lebenswerteste Stadt außerhalb Australiens ausgezeichnet. "Lebenswert“ ist als Faktor nicht alles, aber ohne ihn ist alles nichts.

Antwort 2: Gäbe es Österreich nicht, lägen zwei Länder gleichauf in meiner Hitparade. Erstens das neue Deutschland mit dem wiedervereinigten Berlin, von hagestolzen Österreichern sträflich unterschätzt. Dies wurde in der Kolumne in profil 3/2011 ("Deutschland-Reise“) abgehandelt. Heute nenne ich zusätzlich Frankreich, allerdings ohne die chauvinistischen Regionen à la Bretagne. Die Bewunderung gilt dem Elsass, der Provence, der Côte d‘Azur rund um Nizza und Cannes samt kunstbeflissenem Hinterland, vor allem gilt sie Paris.

Warum dieses Heimatgefühl schon beim ersten Rendezvous vor Jahrzehnten? Damals reiste man mit Freunden der Wiener Wirtschafts-Uni an, um die Revolte ’68 zu fotografieren, in einem Citroën 2CV mit 19 PS, der in 24 Stunden über die 1250 Kilometer triumphierte, damals noch auf der Bundesstraße 4, die von Straßburg stichgerade, aber jeden Hügel aufgreifend, in die Rue de Vincennes führte. Man schleppte Koffer über engste Stiegenspiralen in den ungeheizten sechsten Stock des so genannten Hotels, sang Mimi-Arien aus "La Bohème“, trank mit entzücktem Entsetzen den bittersten Frühstückskaffee der Welt und gewann schließlich per Metro den Kern der Stadt. Erste Notiz: "Die Stadt als Freiluft-Café; kluge Bücher mit bildlosen Titelblättern auf den Marmortischen, meist einfach gebunden, in französischer Brochure. Feines Essen, kleine Portionen, meine ersten Weinbergschnecken, billiger, grandioser Tafelwein.“ Diese Impressionen blieben gültig bis heute. Es kam aber vieles dazu. Negativ die Hitze der Immigranten-Außenbezirke. Und kalte landmarks wie "La Defense“, die am Stadtrand wuchsen. Man lernte aber auch das Olympische der Museen kennen und die angeblich abweisenden, tatsächlich freundlichen Luxushotels.

Ah, das George V., einst Hauptquartier der Alliierten, nun Redaktionsbüro eines österreichischen Redakteurs, der Raymond Lévy interviewte, den Renault-General und Nachfolger des von der Action Directe ermordeten Georges Besse. Ah, Prince of Wales und Plaza Athénée und, versteckt bei den Tuilerien, das Meurice, in das Hemingway eingedrungen war, "als die Deutschen ihr Schwert übergaben“. Und was das Crillon betrifft, durfte man als akkreditierter Botschafter eines seriösen österreichischen Magazins verträumte Stunden in der Lenny-Bernstein-Suite zubringen, allein gelassen mit zwanzig Aschenbechern aller hohen Porzellanschulen. Man rauchte in höflicher Anpassung filterlose Gauloises und blickte musikalisch auf den Place de la Concorde.

Bernsteins Suite war ein feiner Kontrast zu einem Satz des Schweizer Schriftstellers Paul Nizon, der in Paris seine kleine Kammer hat: "Ich hatte die Wahl, in der kleinen Stadt Zürich eine große Wohnung zu halten oder in Paris in einer Kammer zu schlafen und eine große Stadt zu bewohnen.“ Daheim als Nestbeschmutzer beschimpft wie Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt, in Paris hingegen auf den Schild gehoben, wählte Nizon Frankreichs Hauptstadt. Österreichs Literaturdoyen Peter Handke wählte als Naturflüsterer die dialektische Synthese: ein Haus im Pariser Grüngürtel.

Dass Paris als atmosphärisches Biotop so erfrischend blieb, wie es schon vor Jahrzehnten war, erklärt nicht, warum die Stadt auch in anderer Hinsicht exzelliert. Es ist, als sei der Adelstitel "Esprit“, den man den Franzosen einst für Kriegsführung, Kultur und die Künste der Kurtisanen verlieh, als allgemeine Kraft auch auf die Technik übergesprungen. Sie sind gute Hi-Tech-Produzenten und die allerbesten Hi-Tech-Konsumenten. Ab Digital-Tech und Tele-Com waren sie Vorreiter der Anwendung. Sie boten den ersten landesweiten Teletext und sprangen sofort auf, als Apple 1984 mit dem Mac das heute für alle Computer gültige GUI (graphical user interface) bot. Der Mac hatte in Paris den fünffachen Marktanteil anderer Hauptstädte. Dieses Phänomen wiederholt sich gerade im Bereich der Motorisierung. Die vifen Dreiradroller von Piaggio, die Roller und Bike-Feeling und Sicherheit verbinden, haben in Paris abermals den fünffachen Marktanteil, verglichen mit anderen Hauptstädten. Resümee: Esprit. Avantgarde. Lust am Neuen. Gäbe es Österreich nicht, könnte man zum Franzosen werden.

helmut.gansterer@profil.at