<small><i>Helmut A. Gansterer</i></small>
Zuhören

Bestandsaufnahme und Befehl.

"Der Mensch hat neben dem Trieb der Fortpflanzung zwei Leidenschaften: Krach zu machen und nicht zuzuhören.“ Kurt Tucholsky

Dieser Tage wedelte ein Freund, der zu den mildesten Kritikern zählt, mit dem Zeigefinger: "Du hast in Wirtschaftskolumnen gut gelebt von den Marktforschern und in Gesellschaftskolumnen gut von den Meinungsforschern. Im letzten ‚Good News‘ kamen sie aber nicht gut weg . Undankbarkeit ist man von dir nicht gewöhnt.“

Da war ich zu Tode erschrocken. Wenn es wirklich so klang, war es nicht so gemeint. Dann wasche ich meinen Mund mit Seife. Davon hat aber niemand was. Besser, ich setze neu an und präzisiere wie folgt: Ich fühle mich der kompletten, sortenreinen Karmasin-Familie, Wolfgang Bachmayer und Werner Beutelmeyer innig verbunden. Seit Jahrzehnten bewundere ich ihre Fortschritte. Fantastisch, wie sie lernten, wissenschaftlich korrekt von der Befindlichkeit kleiner Rudel auf den Zustand des ganzen Tierreichs zu schließen.

Dort, wo ihre reinen Daten und hübschen Grafiken zu dürr wirken, besprengen sie diese zusätzlich mit dem Weihwasser ihrer persönlichen Interpretation. Dies erfolgt mit sprachlicher Grazie, einer Art Wissenschaftspoesie, die gern gelesen wird. Zumal diese Auslegungen oft mahnenden Charakter haben und an eine Zeit erinnern, da die Priester noch ein fehlerloses Deutsch sprachen und wie Abraham a Santa Clara von der Kanzel donnerten. Was die Zunft-Ladys à la Sophie Karmasin betrifft, schenken sie uns noch den Zitrusduft von Delphi-Orakeln, allerdings mit dem Vorzug, als heutige Pythien streng, korrekt, verständlich und unbestechlich zu sein.

Es gibt da nichts zu bekritteln. Was mir zeitweise fehlen mag, ist mein Problem. Ich gleiche dem ungläubigen Thomas. Dieser musste die Wunden Jesu sehen, um an die Auferstehung zu glauben. Auch ich muss das Statistikskelett der Meinungsforscher zuweilen mit echtem Leben füllen, um ein 3D-Gefühl für den Stand der Dinge zu kriegen. Nicht ungewöhnlich für einen Journalisten, dessen Lehrer Jens Tschebull lehrte: "Nichts ist für Menschen so interessant wie Menschen. Wer menschenscheu ist oder gar Angst vor Menschen hat und sich hinter dem Telefon verschanzt, ist für unseren Beruf nicht geeignet.“ Um dem guten Lehrer als Schüler gerecht zu werden, entwickelte ich das System Gandi, das schöne Erfolge brachte, aber für Tschebull selbst nicht geeignet war. Er war insofern eine Schande der Zunft, als er trotz zwei Meter lichter Höhe wie ein Sperling trank. Gandi steht für Gansterer-Direktbefragung. Sie ruht auf drei Säulen.

Erstens auf dem frühen André-Heller-Satz "Mir ist keine Einzige zu gut und keine Einzige zu schlecht.“1) Man muss gern auch mit Idioten und Genies reden, um zu ordentlichen Mittelwerten zu kommen. Zweitens auf der Erkenntnis, dass Zuhören wichtiger als Reden ist. Drittens auf großzügiger Beigabe von Alkohol. Dessen Sinnestrübung wird überschätzt, wie sein Beitrag zu Enthemmung und Wahrheitsfindung unterschätzt wird.

Diese Methode, auf deren lizenzrechtliche Fantasien verzichtet wird, hatte berufliche Vorzüge. Ich wurde auf dem Weg der teils herzabschnürenden, teils himmelsheiteren Gespräche in Themenideen geworfen, die ohne sie nicht sichtbar geworden wären, weil sie fern von den Mainstream-Themen waren, von denen Zeitungen seit jeher leben. Ich erkenne den Sinn der persönlichen Gespräche auch darin, wie sich die Endzeitstimmung der 1970er-Jahre von der heutigen Tristesse unterscheiden lässt.

Professionelle Meinungsforschung nennt für die Siebziger die Erdölpreiskrisen und eine steile Tendenz von Handarbeit zur Kopfarbeit. Und für 2007 ff. die Heuschrecken und eine dekadente Gier & Korruption. Das war und ist richtig. Im Gandi-Gespräch liegt der Unterschied tiefer. In den siebziger Jahren kannte man noch ein Wir-Gefühl. Die Endzeitstimmung kam wesentlich von außen. Heute ist das Wir-Gefühl fast verloren gegangen. Der Feind wohnt auch im Innern. Viele, an die man geglaubt hatte, enttäuschten im eigenen Land. Die Forderung des Besonnenen, nun jene umso höher zu achten, die anständig blieben, ist zu früh gestellt.

Anderes Beispiel: Auf professionelle Umfragen und News hörend, müsste man Kärnten beinahe verloren geben. Gandi lehrte mich das Gegenteil. Kärntens Rettung ins Zivile und Un-Gestrige und Demokratische ( siehe Christian Rainer im profil 32/2012 ) wäre der schönste Lackmustest für ein erneuertes Österreich.

Die Tapferen Kärntens verdienten es. Immerhin ein Dutzend furchtloser Bürgermeister, Banker und Unternehmer luden mich als deklarierten Haider-Gegner in dessen Wirkzeit bewusst ein und hatten damit kein leichtes Leben. Hut ab noch im Nachhinein. Wichtiger aber sind die Kinder. Man sagt, sie gingen gern weg von Kärnten. Was für ein Unsinn. Kein Kind verlässt gern die Heimaterde, schon gar nicht eine der schönsten Österreichs. Ich habe mit Kärntner Komasäufern in Wiener Studentenheimen gesprochen, die zusahen, wie alle Kollegen am Freitag zu den Eisenbahnen eilten, weil sie sich auf liebe, halbwegs moderne Eltern und liebe, halbwegs weltoffene Kleinstädte freuten. Diese Studenten fühlten sich noch nicht als Wiener. Sie fühlten sich nicht einmal selbst. Sie fühlten sich einfach von allen verlassen.

helmut.gansterer@profil.at