Garantieprodukte: Vollkasko-Anlage

Die jüngst massiv beworbenen Produkte mit Kapitalgarantie versprechen selbst den vorsichtigsten Sparern solide Renditen bei gleichzeitig hoher Sicherheit. Begrenzt ist freilich nicht nur das Risiko – sondern auch der potenzielle Gewinn.

Angst vor einem Börse-Crash? Unzufrieden mit dem niedrigen Zinsniveau? Lust auf respektable Renditen? Anlageprodukte, die all diese Sorgen und Wünsche der Anleger berücksichtigen? Klar gibt es die – zumindest wenn man den Marketingabteilungen der Banken Glauben schenkt. Sie werben mit fixen Verzinsungen, der Partizipation an Kursgewinnen der Aktienmärkte oder Preissteigerungen von Rohstoffen. Vor allem aber: Im schlimmsten Fall soll kein Geld verloren gehen.

All diese Attribute sollen auf eine Produktkategorie zutreffen, die derzeit eine Art Boom erlebt und entsprechend beworben wird: auf so genannte Garantieprodukte. „Durch die Aktienverluste 2000 bis 2003 sind die Anleger immer noch verunsichert“, erklärt Dieter Kerschbaum, Pressesprecher der Erste Sparinvest, das steigende Interesse an dieser Produktklasse, die schon durch ihre Benennung eine Kombination aus erklecklichen Erträgen und Kapitalsicherheit suggeriert. „Das Sicherheitsbedürfnis der Anleger ist sehr groß, der Werterhalt des Vermögens steht im Vordergrund“, beobachtet auch Alexandra Baldessarini von der Abteilung strukturierte Investments der Österreichischen Volksbanken (ÖVAG).

Garantieprodukte sollen auch den vorsichtigsten Sparern den Zugang zum Kapitalmarkt ermöglichen. Dem Anleger wird dabei eine – zumeist hundertprozentige – Garantie auf sein Erspartes gewährt, zugleich kann er von Kursgewinnen an den internationalen Börsen profitieren. Bereits seit einigen Jahren auf dem Markt, erfreuen sich diese Produkte immer größerer Beliebtheit – und der Trend dürfte Branchenkennern zufolge anhalten. „Kein Verlust- und auch kein Währungsrisiko, das sind die überzeugendsten Argumente für Garantieprodukte“, meint Thomas Kiesenhofer aus der Presseabteilung der Bank Austria Creditanstalt (BA-CA). „Der Nachteil dagegen ist, dass die Ertragsaussichten im Vergleich zu einem Direktinvestment eingeschränkt sind“, erklärt Andreas Nurscher, Pressesprecher von Capital Invest, der Kapitalanlagegesellschaft der BA-CA. Denn die Garantie verursacht zusätzliche Kosten, und zudem kann nicht nur in risikoreiche Asset-Klassen investiert werden, da ein Sicherheitspolster notwendig ist.

Ost-Schwerpunkt. Inzwischen sehen sich Anleger mit einer wahren Flut unterschiedlicher Garantieprodukte konfrontiert – wobei zurzeit inhaltliche Schwerpunkte auszumachen sind. „Die Regionen Osteuropa und Asien wurden in vergangener Zeit verstärkt nachgefragt“, berichtet André Albrecht vom Sales Team der Raiffeisen Centrobank (RCB), die diese Märkte mit so genannten East-Winner- sowie Asien-Winner-Zertifikaten abdeckt. Erstere sind seit zwei Jahren auf dem Markt und bieten neben der Kapitalgarantie eine hundertprozentige Partizipation (das Teilhaben) an der positiven durchschnittlichen Entwicklung des CECE Euro Index, eines übergreifenden Osteuropaindex, der die größten Unternehmen aus Polen, Ungarn und Tschechien beinhaltet – darunter

Cesky Telecom, Philip Morris CR und Telekom Polska. Bis Ende September erzielten Anleger mit diesem Garantieprodukt einen Wertzuwachs von 74 Prozent.

Neu auf dem Markt ist der Erste Sparinvest Protect New Europe. Der Anleger ist dabei voraussichtlich zu 80 Prozent an der positiven Entwicklung des New Europe Blue Chip Index (NTX) beteiligt. Darin sind Unternehmen wie der von der OMV im Vorjahr mehrheitlich übernommene rumänische Mineralölkonzern Petrom und die Komercni Banka in Tschechien enthalten.

Capital Invest brachte Anfang Oktober das Produkt mit der Bezeichnung R.I.CH. Garantie 10/2012 auf den Markt. Dabei rekrutiert sich der risikoreichere Teil aus Aktien aus den Märkten Russland, Indien und China. Die Schoellerbank wiederum setzt auf Asien: Mit der neuen AsienGarantie bietet sie eine Beteiligung von 80 Prozent an der Kursentwicklung der Börsen von Japan, Hongkong und Südkorea.

In Bezug auf das solchen Produkten zugrunde liegende Prinzip bestehen jedoch einige Missverständnisse, vermutet Dieter Kerschbaum von der Erste Sparinvest. „Viele Kunden glauben, dass sie Geld in einen Markt investieren, um von dessen Anstieg zu profitieren“, so Kerschbaum. „Wenn etwas schief geht, es also zu Verlusten kommt, meinen manche, dass dann die Bank als Garant hafte und alles wieder zurückzahle. So funktioniert das System aber nicht.“ Die Kapitalgarantie für den Anleger resultiert stattdessen immer nur aus der Entwicklung des Produkts selbst – dieses muss demnach so gestaltet sein, dass jedenfalls kein Kapital verloren geht. Im Wesentlichen gibt es dabei zwei Grundtypen von Garantieprodukten.

Nullkuponvariante. Die erste – statische – Form basiert auf dem Kauf einer Anleihe, die am Ende der Laufzeit die Kapitalgarantie ermöglicht. „Im Regelfall wird dabei eine Nullkuponanleihe verwendet“, erklärt André Albrecht. Bei dieser Spezialform von Anleihen gibt es keine laufenden Zinszahlungen, der Ertrag ergibt sich daraus, dass der Kaufpreis des Papiers niedriger ist als der Tilgungskurs. Der Nennwert der Anleihe wird über die Restlaufzeit mit der aktuellen Anleiherendite abgezinst. Je höher die Rendite für die Anleihe ausfällt, desto höher ist der Abzinsungssatz und desto niedriger damit der Kaufpreis.

Investiert ein Anleger zum Beispiel 100 Euro in ein Garantieprodukt mit sechs Jahren Laufzeit, so kauft die Bank zunächst diese Nullkuponanleihen, auch Zerobonds genannt, mit einem Nennwert von 100 Euro und ebenfalls sechs Jahren Laufzeit. „Bei einem Zinsniveau von 2,8 Prozent kostet diese Anleihe heute etwa 85 Euro, es bleiben also noch 15 Euro, die in Produkte investiert werden können, welche die Performance liefern sollen“, erklärt Peter Schillinger von der Schoellerbank. Zur Wahl stehen den Fondsmanagern dabei Optionen entweder auf Aktienindizes, Fonds oder Rohstoffe.

Je nach Preis dieser Optionen partizipiert der Investor am möglichen Anstieg des zugrunde liegenden Investments, im Fachjargon „Underlying“ genannt. „Kostet die Option zum Beispiel 19 Euro, so hat der Investor mit seinen 15 Euro eine Marktbeteiligung von 80 Prozent“, so Schillinger. Mit einer Kaufoption auf den EuroStoxx „wettet“ der Anleger darauf, dass die Kurse auch tatsächlich steigen – geht diese Wette auf, verdient er an den starken Kursveränderungen, sinkt der Index, verfällt am Ende der Laufzeit die Option und ist wertlos, durch die Tilgung der Anleihe bleibt aber immer noch das Kapital – zumindest nominell – erhalten. Mit einer Verkaufsoption kann man aber auch auf fallende Kurse setzen.

Computergesteuert. „Die zweite Variante ist etwas komplexer und basiert im Wesentlichen auf einem Computersystem“, sagt Rudolf Petritsch, Geschäftsführer des Finanzdienstleisters Invor Financial Services, eines Unternehmens der Protected Group. Diese so genannten CPPI-Modelle beginnen mit einer Aufteilung der investierten Summe: 50 Prozent wandern in ein Risikoprodukt wie einen Aktienkorb oder in Optionen, die restlichen 50 Prozent werden in den risikoärmeren Geldmarkt investiert. Die konkrete Aufteilung wird dabei vom Computer jeden Tag neu festgelegt.

„Bei einer positiven Entwicklung der Aktienindizes wird mehr in Risikoprodukte investiert, im Extremfall bis zu 100 Prozent, bei einer negativen Entwicklung wird dagegen verstärkt in Geldmarktprodukte investiert“, so Petritsch. „Vereinfacht gesagt, wird permanent berechnet, wie hoch der Aktienanteil maximal sein darf, damit am Ende der Laufzeit auf jeden Fall zumindest der ursprüngliche Rechenwert erreicht wird“, ergänzt Capital-Invest-Sprecher Nurscher.

Werden Fondslösungen als Garantieprodukt angeboten, kann der Anleger übrigens stets davon ausgehen, dass es sich dabei um ein computergestütztes Modell handelt – dies ist ein Erkennungsmerkmal, falls es im Verkaufsprospekt nicht ausdrücklich genannt sein sollte.

Welches Modell ertragreicher ist, wird in der Branche heftig debattiert. „Aus reiner Überzeugung“ ist Schillinger Anhänger der statischen Variante – obwohl er einräumt, dass es auch bei den dynamischen Modellen zufrieden stellende Produkte gibt. Schillinger kritisiert aber, dass es sich dabei um zyklische Modelle handelt, die der Entwicklung an den Aktienmärkten gleichsam immer hinterherlaufen: Beginnen die Kurse zu Beginn der Laufzeit sofort zu fallen, wird die Aktienquote im schlimmsten Fall auf null reduziert, bei wieder steigenden Kursen kann der Anleger nicht sofort davon profitieren.

Renditekiller. Anders sieht dies Petritsch. Er behauptet, sämtliche Varianten miteinander verglichen und dabei die Nettorendite errechnet zu haben (siehe Tabelle unten). „Eine Nullkuponanleihe, die nicht mindestens eine Laufzeit von zehn Jahren hat, stellt eine Gefahr für den Kunden dar“, warnt Petritsch. Weil nur ein sehr geringer Teil des Kapitals in risikoreichere Anlagen investiert werde, sinke die Nettorendite deutlich. Die Kosten und der hohe Investitionsgrad in die Nullkuponanleihe würden so einen Großteil der Rendite abzwacken. Die CPPI-Modelle dagegen seien flexibler und böten dem Anleger daher die Chance auf höhere Renditen. „Durch die Managementmethode besteht nur ein geringes Risiko von Kursverlusten, selbst bei frühzeitigem Verkauf der Anteile“, glaubt Petritsch.

Auch Nurscher lehnt das statische Modell ab. „Im Fall von gravierenden Kursverlusten bleibt vom Risikoteil nichts mehr übrig“, so Nurscher. „Es ist dann nur noch der Anleihenteil da, der dafür sorgt, dass man das ursprünglich eingesetzte Kapital zurückbekommt. Wegen der geringen Flexibilität wird es bei uns gar nicht angewendet.“

Allerdings müssen auch die Kosten des CPPI-Modells in Betracht gezogen werden. „Wird wirklich täglich der optimale Mix zwischen Anleihen- und Aktienanteil angepasst, werden auch die Transaktionskosten im Fonds erheblich“, warnt eine Studie des Vereins für Konsumenteninformation (VKI). Dieser Einschätzung schließt sich auch Alexandra Baldessarini von den Österreichischen Volksbanken an: „Bei Laufzeiten von unter zehn Jahren stellt die Nullkuponanleihe die attraktivste Anlage dar. Ab Laufzeiten von zehn Jahren kann man aufgrund der zu erwartenden höheren Renditen auf dynamische Garantievarianten zurückgreifen.“

Zudem sind mitunter Feinheiten zu beachten, die zu recht unliebsamen Überraschungen führen können. „Ein größeres Risiko, als man glaubt, bergen Produkte, bei denen die Auszahlung eines Kupons von der geringsten absoluten Abweichung einer Aktie eines breiten Aktienkorbes abhängig ist“, warnt Schoellerbank-Experte Schillinger.

In einem besonders guten oder auch einem besonders schlechten Börsenjahr werden die meisten Anleger annehmen, dass bei dieser Wette wenig schief gehen kann, weil sie davon ausgehen, dass wohl alle in einem Korb vertretenen Aktien deutliche Kursveränderungen aufweisen. Die Realität, so Schillinger, spiegle dies aber kaum wider: Die Wahrscheinlichkeit, dass in einem Jahr von zum Beispiel 30 Aktien zumindest eine kaum vom Ausgangskurs abweicht, sei hoch. Dies zeitige dann einen nur minimalen Kupon – und entsprechend enttäuschte Anleger.

Der VKI hat zudem in seiner jüngsten Studie die Frage der Kosten besonders hervorgehoben: Vor allem bei statischen Modellen sei jener Anteil des Kapitals, der potenziell ertragreich veranlagt werden könne, vielfach so gering, dass auch die Gewinnaussicht entsprechend bescheiden ausfalle. Erbringe die einem Produkt zugrunde liegende Option beispielsweise einen Gewinn von 50 Prozent, bliebe – bei einem Anleihenanteil von 90 Prozent – für das Gesamtinvestment dennoch bloß ein Gewinn von fünf Prozent.

Sinnfrage. Und davon müssen noch Posten wie Kapitalertragsteuer, Ausgabeaufschlag, Spesen für das Wertpapierkonto sowie die Depotgebühr abgezogen werden. Investmentfonds – also in der Regel CPPI-Modelle – haben aus Sicht des VKI dagegen zumindest den Vorteil, dass sie mit der Kennziffer „Total Expense Ratio“ (TER) die fondsinternen Kosten prozentuell angeben müssen.

Der Vermutung, dass man als halbwegs erfahrener Anleger auf die Garantie zumindest in einigermaßen übersichtlichen Kapitalmarktphasen überhaupt verzichten und selbst solide Produkte auswählen könnte, widersprechen zum Teil nicht einmal die Bankiers. „Theoretisch ist das möglich“, sagt Erste-Sparinvest-Sprecher Dieter Kerschbaum. „Man könnte 80 Prozent seines Kapitals in einen Rentenfonds legen und den Rest in eine spekulativere Veranlagung wie einen osteuropäischen Aktienfonds, der den Mehrertrag bringen soll.“ Allerdings können auf diese Weise nur statische Modelle nachgebildet werden. „Der Zugang zu Derivaten steht Investoren nur in eingeschränktem Umfang zur Verfügung“, differenziert Investmentberaterin Baldessarini. „Es kann daher die Mehrheit an wirklich interessanten Auszahlungsprofilen nicht selbst erstellt werden.“

Einig sind sich die meisten Experten darin, dass Garantieprodukte auch in Zukunft einen hohen Stellenwert beibehalten werden und die Möglichkeit bieten, in Märkte wie Asien oder Osteuropa zu investieren, ohne dabei ein zu großes Risiko einzugehen. Zugleich wird davon abgeraten, seine Investments vorwiegend auf solche Produkte zu konzentrieren. „Zehn bis zwanzig Prozent kann man in Garantieprodukte stecken“, meint Petritsch. Und der VKI empfiehlt generell, genau zu hinterfragen, ob nach Abzug aller Kosten tatsächlich noch 100 Prozent des Kapitals garantiert sind. Erst dann lasse sich der Wert des möglichen Spekulationsertrages beurteilen.

Von Susanne Leiter