Gastkommentar Ariel Muzicant:
Jo, so san s’, die Juden!

Brunnenvergifter, Wucherer, Kriegstreiber: Die Stereotypen sind ewig gleich – und die Kirche schweigt.

Der Mensch – der sich bescheiden Homo sapiens nennt – ist stolz auf seine Zivilisation und insbesondere auf seine wissenschaftlichen Errungenschaften. Die Wissenschaft nämlich hilft, der Wirklichkeit und der Wahrheit näher zu kommen: Wissenschaftlich Widerlegtes gilt in aufgeklärten, also rationalen Gesellschaften als falsch. Nichtsdestoweniger spukt ein Widerspruch widerspruchslos in vielen, vielen Köpfen: Juden sind, so heißt’s, Pazifisten und Kriegstreiber, Parasiten, die uns unser täglich Brot wegessen, Wucherer und Großkapitalisten, abergläubisch und wissenschaftlich, also tabulos, internationalistisch, also heimatlos, und zionistisch-national, sind zugleich für die Rassendurchmischung und Rassisten. All das und vieles mehr sind die Juden. Außerdem sind sie die ewigen Opfer und die ewigen Täter. Ja, so san s’.

In dem Film „Das Narrenschiff“ teilen sich ein Nazi und ein Jude eine Kabine. Der Nazi schimpft über die Juden, gibt ihnen an allem die Schuld, dem Krieg, der Not in der Welt und so weiter. Schließlich bricht es aus dem Juden heraus: „Ja, ja, an allem sind die Juden schuld, die Juden und die Radfahrer!“ Der Nazi erstaunt: „Wieso die Radfahrer?“, worauf der Jude entgegnet: „Wieso die Juden?“ Typisch jüdisch: kein frankes deutsches Wort, auf Fragen nur Gegenfragen …

Wie kommt es, dass diese Anekdote in Europa bis heute nicht an Aktualität verloren hat?

„Die Juden“ haben den Irakkrieg initiiert; „die Juden“ (die internationale Finanz) sind die Gewinner der Globalisierung, setzen sich über die Not der Armen und der Dritten Welt hinweg; „die Juden“ (Israelis) sind die größte Bedrohung für den Weltfrieden und bauen eine Mauer („wie in Berlin“), um die Palästinenser zu unterdrücken; „die Juden“ (der Mossad) steckten hinter den Anschlägen von 9/11, um die Welt gegen den Islam aufzuhetzen …

Und, seit 2000 Jahren immer wieder: die Juden als Brunnenvergifter, als Mörder unschuldiger Christenkinder, als Hostienschänder und – ja, so san s’! – als „G’ttesmörder“*.

Mel Gibsons „Passion Christi“, zu Ostern angesetzt, soll die letzten Stunden des Leidens und das Sterben Jesu darstellen. Angesiedelt zwischen „Lethal Weapon“ und „Patriot“, reichlich mit Ketchup und perfekter Hollywood-Inszenierung garniert, trivialisiert diese Gewaltorgie ein Thema, das einer Milliarde Christen heilig ist. Der empörte Aufschrei der Kirche aber bleibt aus, und der Film wird zum Kassenschlager, der Mel Gibson hunderte Dollarmillionen in die Tasche spült. Wahrscheinlich wird demnächst jemand auch dafür die Erklärung finden: „Juden sind an der Produktion beteiligt, ihr Gezeter über Antisemitismus war reines Marketing und sollte die Dividenden steigern.“ Die Juden nämlich verdienen auch noch am eigenen Elend und an der eigenen Schuld. Ja, so san s’.

Wie auch immer: Dieser Film zeigt alle Charakteristika kirchlich-mittelalterlicher Orientierung und birgt damit alle Risken, die diese Orientierung bis zu Johannes XXIII. und dem Zweiten Vatikanum bedeutete: die Römer – Zentrum der Macht, aber von „den Juden“ auf Jesus gehetzt; Jesus und seine Anhänger waren nicht Juden, sondern schon Christen, noch bevor es ein Christentum gab. „Die Juden“? Ein Haufen hasserfüllter, hässlicher Untermenschen, Projektionsfläche allen Übels, gierig nach dem Blut des Sohnes G’ttes. Diese Bilder wurden jahrhundertelang in den Karfreitagsgebeten gezeichnet und lösten in ganz Europa antijüdische Pogrome aus …

2000 Jahre lang wurden Juden gehasst, beschimpft, verfolgt, getötet. Heute, ein halbes Jahrhundert nach der Schoah, die ein Drittel unseres Volkes ausgelöscht hat, gibt es 13,5 Millionen Juden und den Staat Israel, kaum größer als Niederösterreich, den Juden unter den Nationen. 13,5 Millionen Juden unter sechs Milliarden Menschen, ein Staat unter 191 Staaten. Anders beurteilt als alle anderen, rascher und heftiger verurteilt.

Wie auch immer man es anpackt – Böswilligen geht es nie um einen Menschen, der zufällig auch Jude ist: Es sind immer „die Juden“. Sind es „die Juden“, die die Polioschluckimpfung entdeckt haben? Nein, es war Albert Sabin, zufällig ein Jude. Sind es „die Juden“, die das Libretto zu „Don Giovanni“ geschrieben haben? Nein, es war Lorenzo da Ponte, zufällig ein Jude. Haben „die Juden“ den Friedensnobelpreis bekommen? Nein, es war Alfred H. Fried, zufällig ein Jude. Haben „die Juden“ die nervöse Reizübertragung entdeckt? Nein, es war der Nobelpreisträger Otto Loewy, zufällig ein Jude. Sobald aber ein einzelner Jude reich wird, wird er in der Fantasie der Antisemiten zum „jüdischen Wucherer, Geldmacher oder Ausbeuter“; sobald einer wegen eines Verbrechens vor Gericht steht, wird er zum „jüdischen Verbrecher“ oder – nobler – zum Übeltäter „jüdischer Herkunft“.

Jesus war zufällig ein Jude, so wie Simon Petrus, Johannes, Matthäus, Lukas. Seine Mörder, das waren „die Juden“. Was im Mittelalter stimmte, was 1933 und 1938 stimmte – es stimmt noch immer: Ja, so san s’ …

Solange die Juden die einzigen Träger des monotheistischen Gedankens waren, neigten die götzendienerischen Völker dazu, sie zu verspotten. Die echte Judenverfolgung begann mit der Übernahme des Monotheismus durch andere – es begann mit Paulus und den Kirchenvätern, mit Chrysostomos und all jenen, die die Kirche mit dem Staat verquickten. Und ihr einziges Argument war und blieb: „Die Juden sind die Gottesmörder.“ Spät, sehr spät, Millionen ermordeter Juden später, erkannte die Kirche, wofür sie die Verantwortung trug, erkannte sie in den Juden ihre älteren Brüder. Mit dem Zweiten Vatikanum sagte sich zumindest die katholische Kirche vom mörderischen Judenbild los.

Und jetzt kommt ein Mel Gibson, Sohn eines notorischen Judenhassers und Ablehner des Zweiten Vatikanums, und tut all das, was er und seinesgleichen den Juden seit 2000 Jahren vorwerfen: Er gibt sich gleichgültig angesichts des Leidens anderer („die Schoah – Randaspekt des Krieges“), inszeniert ein Passionsspiel, ärger als das, was Oberammergau jahrhundertelang an Hetze produziert hat – und verdient daran. Ja, so san s’; und wenn mal eine Synagoge brennt – wer wär dann schuld? Eben.

Die Kirche? Die Kirche schweigt. Das Zweite Vatikanum ist lange her. Zwar hat man Johannes XXIII. selig gesprochen, aber in einem Atemzug auch Pius IX., den großen Demokraten- und Judenhasser des 19. Jahrhunderts.

Nein, ich kann nicht sagen, dass Juden Grund haben, ruhig zu schlafen.
Ich kann den Juden verstehen, der verfolgt, gedemütigt, verängstigt, sich mit den Worten an G’tt wendet: „Lieber G’tt, könntest du nicht ein Mal ein anderes Volk auserwählen?“