<small><i>Gastkommentar: Efraim Zuroff</small></i>
„Fehlgeleitete Sympathie“

Efraim Zuroff, Leiter des Simon Wiesenthal Center in Jerusalem, kritisiert die profil-Covergeschichte „Jagd auf die letzten Nazis“.

In Österreich waren Bestrebungen, Nazi-Kriegsverbrecher zur Rechenschaft zu ziehen, noch nie besonders populär. Aber es hat immer ein wichtiges Nachrichtenmagazin gegeben, das dieses Thema mit Sympathie und Respekt behandelte. Das war der Fall, während Simon Wiesenthal sich damit befasste, und diese positive Einstellung setzte sich fort, als das Simon Wiesenthal Center seine Mission übernahm. Daher war es erschütternd, wenn nicht schmerzhaft, die profil-Covergeschichte 43/09 von Martin Staudinger und Robert Treichler zu lesen, die sich mit den letzten Bemühungen beschäftigt, Holocaust-Täter vor Gericht zu stellen – und speziell mit dem Fall von Josias Kumpf.

„Wie Josias Kumpf zur Strecke gebracht wurde“
, schreit die Schlagzeile: So, als wäre der frühere SS-Wachmann in Trawniki und Sachsenhausen vorsätzlich und ungerecht in die nächste Welt befördert worden – in einer Art und Weise, die er angesichts des musterhaften Lebens, das er führte, nicht verdient habe. Um noch eines draufzusetzen, informiert die Unterzeile darüber, dass die Jagd nach „alten Nazis“ ihre Grenzen erreicht habe und die Suche nach Gerechtigkeit problematisch geworden sei. Dann erzählt der Artikel die Lebensgeschichte von Kumpf und beschäftigt sich mit der bedauerlichen Tatsache, dass sein Dienst in NS-Konzentrations- und Ausbildungslagern in den USA aufgedeckt wurde, wo Personen wie er nur wegen Verstößen gegen die Einwanderungs- und Einbürgerungsgesetze verfolgt werden können, nicht aber für ihre Holocaust-Verbrechen. Deshalb verlor Kumpf Staatsbürgerschaft und Ersparnisse und musste sich von seiner Familie trennen, obwohl er nie für Straftaten im Zweiten Weltkrieg verurteilt wurde.

Obwohl der Artikel keine ausdrücklichen Sympathiebekundungen enthält, hat mir mein Übersetzer erklärt, dass er in einer Weise geschrieben ist, die Sympathie für Kumpf erweckt.

Wenn ich das Foto von Kumpf sehe, muss ich gestehen, dass er tatsächlich ein bemitleidenswert aussehender, bejahrter Mann war, der leicht Sympathie erwecken konnte.

Aber das ist nicht der Punkt.

Der Punkt ist, dass er in Lagern Dienst getan hat, in denen Massenmorde begangen wurden – und zwar von jenen Einheiten, zu denen er gehörte. Der Punkt ist auch, dass die Zeit seine Verbrechen nicht mindert. Das Alter ist in diesem Zusammenhang komplett irrelevant und sollte Mörder nicht vor Verfolgung bewahren. Nach meinem besten Wissen gibt es kein einziges Land, das die Verfolgung von Beschuldigten wegen ihres Alters verbietet. Berücksichtigen wir noch den wichtigen Umstand, dass es alle Nazi-Opfer verdienen, dass ihre Mörder zur Verantwortung gezogen werden, wird klar, dass die Autoren an einem schweren Fall von fehlgeleiteter Sympathie leiden.

Wenn wir Kumpf beiseitelassen, ist das Problem folgendes: Staudinger und Treichler benutzen ihre Geschichte, um drei zentrale Kritikpunkte an den derzeitigen Bemühungen, Nazi-Kriegsverbrecher zur Verantwortung zu ziehen, zu illustrieren. Der erste ist der niedrige Dienstgrad der Verdächtigen; der zweite, dass sie entweder tot oder schon sehr betagt und bei schlechter Gesundheit sind; der dritte ist der suboptimale Umgang mit denjenigen, die in den USA gefunden wurden.

Was den Dienstrang betrifft, sollten es die Autoren besser wissen: Milivoj Asner, derzeit in Klagenfurt, hat hunderte Serben, Juden und Roma in Ustascha-KZs in den Tod geschickt. Dr. Sandor Kepiro half, das Massaker an mindestens 1300 Juden, Serben und Roma in Novi Sad am 23. Jänner 1942 zu organisieren. Ich möchte hinzufügen, dass für die verfolgten und ermordeten Menschen der Dienstrang von Leuten wie Wachmann Kumpf, die über ihre Schicksale entschieden, keine Rolle spielte – und dass sie in diesem Sinn sehr wichtige Nazi-Kriegsverbrecher waren.

Was das Alter betrifft: Es ist der Gesundheitszustand einer Person und nicht ihr Geburtsdatum, der darüber entscheiden sollte, ob er oder sie gerichtlich verfolgt wird. Bei Verbrechern, die tot sein könnten, haben wir immer auf diese Möglichkeit hingewiesen – würden aber unsere Mission verraten, wenn wir die Fälle von bedeutenden Nazis wie Alois Brunner oder Dr. Aribert Heim ohne eindeutige Beweise ihres Todes zu den Akten legen, um unsere Kritiker zufriedenzustellen.

Was Amerika betrifft: Die dortige Justiz kann Verbrechen, die in anderen Ländern begangen wurden und deren Opfer keine US-Staatsbürger waren, nicht verfolgen. Statt Nazi-Handlanger zu ignorieren, wie das viele andere Länder getan haben, haben sich die Vereinigten Staaten bemüht, einen Weg zu finden, diesen Personen wenigstens die US-Staatsbürgerschaft und Aufenthaltsgenehmigung zu entziehen – eine Lösung, die alles andere als ideal ist, aber nichts desto weniger ehrenhaft.

Es ist eine Schande, dass profil eine negative Haltung dagegen eingenommen hat, paradoxerweise gerade zu einem Zeitpunkt, zu dem es anderswo ermutigende Neuigkeiten gibt. Durch ein proaktiveres Vorgehen deutscher Strafverfolger werden diesen Herbst zwei Nazi-Kriegsverbrecher vor Gericht gestellt. Ungarische Behörden haben vor einigen Wochen Kepiro verhaftet und seinen Pass konfisziert. Und der wegen Mordes gesuchte Charles Zentai sitzt in Australien im Gefängnis und erwartet seine Auslieferung an Ungarn.

Selbstverständlich gibt es aus Österreich, dem Land, das seit mehr als 30 Jahren keinen Holocaust-Täter belangt hat, keine so guten Nachrichten. Aber wenn profil Artikel wie die Covergeschichte der vorvergangenen Woche publiziert, ist es offensichtlich, dass Österreich ein verlorener Fall geworden ist, was die Gerechtigkeit für Nazi-Opfer anbelangt.


Efraim Zuroff, 61, koordiniert weltweit die Verfolgung von NS-Tätern ( www.operationlastchance.org). Demnächst erscheint im Verlag Macmillan sein Buch „Operation Last Chance. One Man’s Quest to Bring Nazi Criminals to Justice“.