<i><small>Gastkommentar: Eva Menasse</small></i>
I bin’s, dei’ Präsident!

Die Schriftstellerin Eva Menasse hält eine Rede über Österreich – und wird dafür vom hiesigen Buchhandelschef attackiert. Eine Widerrede.

Vor zwei Jahren wurde ich eingeladen, die Messe und Lese­festwoche „BuchWien“ mit einer Rede zu eröffnen. Das ist bei solchen Veranstaltungen guter Brauch, die Eröffnungsrede ist längst ein eigenes literarisches Genre geworden. Das Thema ist meist eins, das den betreffenden Autor gerade beschäftigt, solche Reden sind oft sehr intime literarische oder politische Verortungen.

Ich nahm mir damals vor, mich streng und selbstkritisch mit meinem ambivalenten Verhältnis zu Österreich auseinanderzusetzen. Ich schrieb und schrieb, und am Ende kam, zu meiner eigenen Verblüffung und der meiner Freunde, eine Art Liebeserklärung an mein Heimatland heraus.
Die Rede endete mit den Worten: „Nein, es gibt keine ungestörte Identität, meine österreichische Identität ist jedenfalls überaus gestört. Aber sie ist ganz zweifellos: eine Identität. Und die besteht aus Pech und Schwefel, aus Teer und Federn und einem zwar schwankenden, aber notwendig vorhandenen Anteil Liebe, über den man sich in besonderen Momenten auch einmal Rechenschaft ablegen darf.“

Das Bild werde ich nie vergessen, ich habe es später oft erzählt: Während ich sprach, rutschte der Präsident des Verbands des österreichischen Buchhandels, Gerald Schantin, immer tiefer in seinen Erste-Reihe-Sessel hinein; nach einer Weile machte ich mir Sorgen, dass er abstürzen und direkt zu meinen Füßen auf dem Teppich landen könnte. Ich nahm ihm das nicht weiter übel; in einem Land, in dem die literarische Publikumsbeschimpfung nicht nur erfunden, sondern zur höchsten Kunst entwickelt worden ist, muss man als Funktionär mit dem subjektiv Schlimmsten rechnen, sobald ein Dichter das Mikrofon in die Hand bekommt. Doch wir Nachkommen der großen, wütenden Autoren sind sanfter. Das ist übrigens etwas, was auch manche Literaturkritiker, die mit Bernhard, Handke, Jelinek und Turrini aufgewachsen sind, nicht verstehen wollen: dass wir, um keine Epigonen zu sein, zu anderen Stilmitteln greifen müssen und dass diese Mittel anders, vielleicht langsamer wirken, als es unser liebes, kleines, pausenlos aufgeregtes Österreich gewöhnt ist.

Nun aber hat der Präsident Schantin, ohne erkennbaren Anlass, dieser Tage zu Protokoll gegeben, dass er meine Rede auch zwei Jahre später für etwas vollkommen anderes hält, als sie tatsächlich war. „Da sind Vertreter der Bundesregierung anwesend – und dann ist alles schlecht an dem Land. So was brauche ich nicht mehr“, wurde er von einer Tageszeitung zitiert, die im Absatz davor die höchst kritische Griechenland-Rede des griechischen Autors Petros Markaris martialisch als „Volltreffer“ pries.

Zerlegen wir nun Schantins kurzes Zitattörtchen textanalytisch in drei Teile, dann zerfällt es in zwei dumme und einen infamen Teil. Tortenstück eins illustriert die typisch autoritätsgläubig-klerikale Untertanenhaltung, die selbst im 21. Jahrhundert noch im österreichischen Fleisch und Blut steckt. Wo soll man denn bitte Kritik üben, wenn nicht öffentlich und im Beisein der „Macht“? Wofür sonst wäre die öffentliche Rede seit der Antike da? In einer Demokratie darf man die Verhältnisse nicht nur in Anwesenheit von Regierungs-, besser: Volks-Vertretern kritisieren, man muss es geradezu. Sonst könnte man auch in ein Erdloch flüstern wie der Bauer im Märchen sein Geheimnis.

Vom zweiten Tortenstück, der vermeintlichen Sachaussage, die im Internet überprüft werden kann, habe ich bereits gesprochen. Daran ist nur bemerkenswert, dass ausgerechnet der Buchhandelspräsident den Sinn komplexerer Texte offenbar nicht erfassen kann.

Das dritte Stückchen hat es aber in sich: „Das brauche ich nicht mehr“, im Original vermutlich: „Des brauch i nimma.“ Ja, da klingt es mir wieder vertraut, mein Österreich. Wir laden uns den Dichter ein, aber brav soll er sein. Wenn uns das, was er sagt, nicht gefällt, dann beschweren wir uns! So wie wir uns beschweren, wenn der Wein, den wir gekauft haben, nicht schmackhaft oder der Fernseher nicht funktionsfähig wäre. Als wären wir die Kunden des Künstlers.

In diesem kleinen, engen Land, das so viel Wert auf Zugehörigkeit, auf seine hitzige „Nestwärme“ legt, ist dies der hoppertatschige Versuch eines Vernichtungsurteils. Er tangiert mich persönlich nicht; es gibt so viele Buchmessen, so viele Möglichkeiten zu schreiben und zu reden, dass ich die „BuchWien“ in Zukunft wirklich nicht mit meiner Anwesenheit belästigen muss. Bestürzend ist aber, in Verbindung mit dem Amt des Sprechers, die eingefleischte Verachtung von Schriftstellern und Künstlern. Bestürzend ist die absolute, gleichzeitig naiv eingestandene Unfähigkeit, sowohl das geschriebene und gesprochene Wort als auch die Rolle des Autors zu verstehen. Der doch, wenn man ihn so ritualisiert reden lässt, nur ein moderner Hofnarr ist, höflich beklatscht am einen, vergessen am nächsten Tag.

Küss die Hand, Herr Präsident Schantin, Ihr Gesicht, als Sie mich in der Buchhandelszentrale willkommen hießen, nur zwei Tage bevor „Des brauch i nimma“ erschien, werde ich nun doch nicht so schnell vergessen. Es trug jenes begeistert-mokante Lächeln, wie es Franz Werfel treffend beschrieben hat. Es war das urösterreichische Hofschranzengesicht, über das die Zeit hoffentlich doch irgendwann hinweggeht.


Eva Menasse
, 41, veröffentlichte 2005 mit „Vienna“ ihr Romandebüt, 2009 folgte der Erzählband „Lässliche Todsünden“,