<small><i>Gastkommentar: Friedrich Schneider</i></small>
Wer braucht noch Ökonomen?

Die Wirtschaftswissenschafter haben in der Finanzkrise versagt. Noch fehlen die Grundlagen für die notwendige Erweiterung der bisherigen ökonomischen Modelle.

Noch vor zwei Jahren wurden Konjunkturforscher daran gemessen, auf wie viele Stellen nach dem Komma ihre Prognosen zutrafen. Heute werden die Daten fortlaufend revidiert – und zwar nicht nur im Promillebereich, sondern durchaus auch vor dem Komma. Die Ökonomen, so scheint es, wissen nicht mehr ein noch aus. Das zeigt sich ebenso in der öffentlichen Diskussion. Experten sämtlicher Fachrichtungen sprechen über Maßnahmen, wie die Wirtschafts- und Finanzkrise überwunden werden kann. Die meisten ökonomischen Vertreter schweigen. Kein Wunder, dass inzwischen die Frage gestellt wird, ob die Ökonomen überhaupt noch eine Rolle spielen bzw. was sie zur Lösung beitragen können. Viele Wirtschaftswissenschafter haben auf Fragen, die heute gestellt werden (zum Beispiel: „Auf welche Art und Weise soll in Finanznot geratenen Banken geholfen werden, oder sollen sie in Konkurs gehen?“), unzureichende oder gar keine Antworten. Auch fällt es den meisten Ökonomen schwer, die tatsächlichen Ursachen der ­Finanz- und Wirtschaftskrise sowie deren Interaktion zu analysieren; ganz zu schweigen von Vorschlägen, wie man sie lösen kann.

Die Gründe hierfür sind, dass wir wenig umfassende ökonomische Modelle haben, mit denen eine derartig globale Krise (wie die aktuelle mit ihren gigantischen realwirtschaftlichen Folgen) modelliert werden kann. Notwendig sind auch Modelle für den Finanzsektor, die Ausfälle von Krediten und Bürgschaften bis zu 40 Prozent verarbeiten können oder was für Konsequenzen es hätte, wenn eine Großbank Konkurs anmelden würde, um einmal eine treffsichere Analyse des Arguments „Too big to fail“ bereitstellen zu können. Darüber hinaus fehlen Strategien, wie wir die Banken am effektivsten stützen, die in Schieflage geraten sind, und ob Verstaatlichung von Kreditinstituten die beste, das heißt die Krise am raschesten überwindende Strategie darstellt.

Die Ursache für diese Krise der Ökonomie liegt darin, dass wir einige Verhaltensweisen der Menschen nicht in unsere Modelle integriert haben, zum Beispiel den „Herdentrieb“ an den Finanzmärkten oder „fehlendes Vertrauen“ oder „Gier“ und „mangelnde Fairness“ im Wirtschaftsleben. Wir haben mathematisch sehr ausgeklügelte ökonomische Modelle, die uns wichtige Erkenntnisse liefern, aber sie beschreiben nur einen Teil der Realität und blenden viele wichtige Aspekte (wie Vertrauen, Herdentrieb, Gier etc.) aus. Ich will keinesfalls die ökonomische Theorie verdammen. Sie ist ein elementarer Teil unserer Wissenschaft, und sie kann uns zu messerscharfen Schlüssen und Erkenntnissen verhelfen. Momentan fehlen aber die Grundlagen für die notwendige Erweiterung dieser (theoretischen) ökonomischen Modelle.

Darüber hinaus kann man feststellen, dass die ökonomische Wissenschaft nur begrenzt gut im Modellieren großer ökonomischer Umwälzungen ist. Als zum Beispiel die Planwirtschaften Anfang der neunziger Jahre zusammenbrachen, gab es keine Modelle, wie diese Länder am schnellsten und ohne große Reibungsverluste in Marktwirtschaften umgewandelt werden könnten.

Wir erleben nun, dass die Finanz- und Wirtschaftskrise global und sehr tief greifend ist, und auch hier haben wir keine guten Antworten parat, wie diese zu bewältigen ist. Es stellt sich die Frage, ob in den Vereinigten Staaten mehr Einsicht und eine höhere Lösungskapazität vorhanden sind. Mit Ausnahme einiger Ökonomen, wie die Nobelpreisträger Paul Krugman und Joseph E. Stiglitz und Nouriel Roubini, hat auch in Amerika der allergrößte Teil unserer Kollegen auf diese Fragen (zur Lösung der Krise) kaum ziel­führende Antworten.

In der Ökonomie ist daher ein Umdenken notwendig, sich diesen Fragestellungen wissenschaftlich zu stellen und die ökonomischen Modelle entsprechend zu adaptieren. Dies wird ein langer und schwieriger Weg werden, aber wir haben exzellente Ökonomen, die sich dieser Probleme annehmen, und gerade in der experimentellen Ökonomie ist es möglich, den Standardrahmen des ökonomischen Modells zu verlassen und andere Verhaltensweisen zu modellieren. Mithilfe von Labor- und Feld-Experimenten können Verhaltensweisen wie Gier, Vertrauen und der Einfluss von Indikatoren modelliert werden, um daraus Rückschlüsse zu ziehen, wie die ökonomischen Modelle um diese „weichen“ Faktoren ergänzt werden können. Dies sollte nun mit großem Elan vorangetrieben werden, sodass wir tatsächlich wieder gefragt und gebraucht werden.n

Ökonomieprofessor Friedrich Schneider lehrt seit 1986 in Linz Volkswirtschaft. Bis Ende 2008 war er Vorsitzender des Vereins für Sozialpolitik, der größten Ökonomenvereinigung des deutschsprachigen Raums.