<small><i>Gastkommentar: Gerd Prechtl</i></small>
Weltklasse-Exilanten

Eines Tages fragte ein Schokoladenfabrikant Ernest Dichter, wie er den Markt besser ansprechen könne. Darauf fragte Ernest: „Darf ich Ihre Schokolade kosten?“

„Selbstverständlich, gerne!“, antwortete der Fabrikant und überreichte Ihm sein kostbarstes Produkt. Ernest nahm es, biss hinein, kaute sorgfältig und gab ihm den Rest zurück, mit der Bemerkung: „Machen Sie bessere Schokolade – ich kann leider nichts für Sie tun.“ Peter Drucker hätte sich weder auf so eine Frage eingelassen noch so reagiert. Peter Drucker war wahrscheinlich der größte Denker, Ernest Dichter der wahrscheinlich beharrlichste Frager unter den ausgewanderten Österreichern.

Der Eine, Drucker, schon 1933 aus Österreich weggegangen, jüdisches intellektuelles Großbürgertum, präziser systematischer Denker und Großliterat. Durch sein Schlüsselwerk „Zaungast der Zeit“ hatte er 70 Jahre Geschichte der Auseinandersetzung mit den essenziellen Herausforderungen unserer Zeit, und damit aus den USA eine neue Dimension der Philosophie, fast unbemerkt in Europa, eröffnet. Der Andere – Realist, Künstler, Improvisator und Mystiker zugleich, der in traumtänzerischer Manier die Erkenntnisse über verborgene Motive unseres Handelns zu Tage förderte. Einer der schon im Titel seines Hauptwerkes „Motivforschung mein Leben“ seine Distanz zu den Menschen und zur Familie offenbarte – obwohl ihn Menschen und ihre Reaktionen zeitlebens faszinierten – aber als Beobachter.

Auch er entstammte einer jüdischen Familie, aber kleinbürgerlich und von einem starken Hang zum Handel geprägt. Beide hatten Schwierigkeiten im Kontakt mit Menschen, die sie so gekonnt umworben hatten, aber aus unterschiedlichen Gründen. Zwar wollten beide mehr Liebe als sie von zu Hause erfahren hatten, aber dies gelang weder Drucker aufgrund seines systematischen Zugangs zu den Problemen der Wirtschaft und der Gesellschaft, noch Dichter, der Unternehmer und Konsumenten, aber nicht seine Familie gewinnen konnte. Seine Frau Hedy, der ich heute noch eng verbunden bin, war ihm dennoch stets treue Begleiterin und Managerin zugleich. Seinen Sohn konnte er leider bis jetzt, über den Tod hinaus nicht gewinnen.

Dichter wurde durch neue Zugänge zu den Motiven für Kaufentscheidungen und der Gestaltung von Produkten zu einem profilierten Vertreter der Moderne, zu einem Befreier der Konsumenten von Schuldgefühlen.
Drucker hatte in den neunziger Jahren fast vollständig mit Österreich gebrochen. Mir persönlich hatte er, als ich ihn 1998 noch einmal für eine Veranstaltung in Österreich engagieren wollte, gesagt, dass er eigentlich nicht mehr nach Österreich kommen wolle, weil ihm das Land noch enger geworden schien, als er es verlassen hatte.

Dichter kam noch bis ein Jahr vor seinem Tod, im Jahr 1990 nach Österreich, zuletzt für eine Veranstaltung der Wirtschafskammer Österreich in deren Anschluss wir die übrig gebliebenen Brötchen dem Altersheim Wieden spendeten. Seine Botschaft damals, heute gleich aktuell: sich dem Teufelskreis eingefahrenen Denkens zu entziehen und die Ermunterung, dass jedem ein Stück „Messianität“ geschenkt sei.

In der Würdigung großer Österreicher, wie Drucker und Dichter fehlen mir jedoch Paul Watzlawick, einer der Verdientesten für die literarische Aufarbeitung des allumfassenden Themas Kommunikation sowie Rudolf Eckstein, der Doyen der Kinderpsychologie, mein väterlicher Freund, Sterbebegleiter von Bruno Bettelheim, als Vierter im Bunde derjenigen Wissenschafter die den Ruf Österreichs in den USA groß gemacht haben.
Allesamt haben sie zu den großen Ermutigern gezählt, wie sie heute oft notwendig wären, um eine ehrliche Auseinandersetzung mit den großen Fragen unserer Zeit, wie Globalisierung, Migrationspolitik und Steuerung der Wirtschaft durch die Politik voranzutreiben.

In den Arbeiten dieser Emigranten stecken gewaltige Potenziale, die uns heute noch nützlich sein können. Die Literaturlisten im Internet, sprechen im wahrsten Sinne Bände. Der Nachlass von Ernest Dichter wurde von der Republik Österreich angekauft, mit Hilfe der Nationalbank katalogisiert und im Institut für Publizistik an der Wiener Universität sowie unter www.ernest-dichter.net zur Verfügung gestellt. Der Zugriff auf die Website sollte daher für die Zukunft gesichert werden.

Peter Drucker wurde eine Plattform in Österreich gewidmet, in der sich prominente Österreicher um die Weiterführung seiner Gedanken, nicht zuletzt im kommenden Drucker-Forum am 19. und 20. November im Haus der Industrie, anlässlich seines 100. Geburtstages, bemühen.
Bisher sind sowohl er als auch seine Gedanken in Österreich weitgehend unbekannt.

Peter Drucker, der Vor- und Nachdenker, Erforscher und Wegweiser durch die immer komplexeren Zusammenhänge unseres Lebens.
Ernest Dichter, der ermutigende Aufklärer über verborgene Motive und Mentor, der Magier vom Chimborasso der Wünsche, der Österreich als quasi Laboratorium für die Welt sah und zum Mut zu unkonventionellen Entscheidungen aufrief.

Aber was kümmert uns das schon? – Hurra, wir beschäftigen uns doch mit der Gegenwart.