Geburten: Schneller Schnitt

Jedes vierte Baby kommt per Kaiserschnitt zur Welt. Die gut planbare Geburt hat Nebeneffekte: die Gefahr einer unreifen Lunge beim Baby – und einige tausend Euro beim Arzt.

Peter Husslein, Vorstand der Universitäts-Frauenklinik am Wiener AKH, vergleicht die Geburt mit einem Bergerlebnis: „Den Weg auf den Gipfel kann man zu Fuß gehen, man kann aber auch die Gondel nehmen.“ Ob eine Frau die Strapazen einer Spontangeburt auf sich nimmt oder in die Gondel steigt und ihr Baby per Kaiserschnitt bekommt, sei in jedem Fall ihre Privatsache. „Ich habe Respekt vor der Autonomie.“ Medizinische Gründe treten bei der Wahl der Geburtsmethode jedenfalls immer mehr in den Hintergrund. Mehr als die Hälfte der Kaiserschnitte wird heute auf Wunsch rechtzeitig vor dem Geburtstermin festgelegt. „Denn“, so Husslein, „die Menschen lieben eben planbare Prozesse.“

Für die Salzburger Verlegerin Caroline Oblasser hinkt der Gondel-Vergleich gewaltig. „Die Aussicht mag vielleicht die gleiche sein“, erklärt sie. „Aber im einen Fall kann ich zu Fuß auch wieder runtergehen – im anderen werde ich liegend als Patientin abtransportiert.“ Oblasser hat ihren eigenen Kaiserschnitt zum Anlass genommen, darüber ein umfangreiches Buch mit den Kaiserschnitt-Erfahrungen von 162 Frauen zu schreiben (siehe Interview auf Seite 90) – mit zwiespältiger Bilanz: „Keine einzige der Mütter wollte einen zweiten Kaiserschnitt.“

Wie in den USA. Dennoch wird die Gondel von Jahr zu Jahr häufiger bestiegen, und alle Kaiserschnitt-Statistiken gleichen einer rasanten Bergfahrt. Spitzenreiter ist das Burgenland, wo – wie in den USA – bereits mehr als 30 Prozent der Babys per Skalpell das Licht des Kreißsaals erblicken. Das Spital Oberpullendorf, in den achtziger Jahren noch Österreichs Mekka der sanften Geburt, hält heute mit einer Kaiserschnitt-Quote von 35,5 Prozent den fünften Rang unter den schnittfreudigen Kliniken hinter dem Wiener AKH (42,9 Prozent), der Uniklinik Innsbruck (39,1) sowie den Krankenhäusern Oberwart (37,5) und Tulln (36 Prozent).

„Wir sind von einem Extrem ins andere geschleudert“, erklärt der Oberpullendorfer Primarius Martin Fabsits, „und ich sage das durchaus mit Unbehagen.“ Ähnlich krass verlief der Anstieg in Korneuburg. „Als ich 1990 die Abteilung übernommen habe, lagen wir bei einer Kaiserschnitt-Rate von 5,7 Prozent“, sagt Primarius Peter Safar, „heute halten wir bei einem guten Viertel. Der Trend zum Kaiserschnitt ist ein Phänomen unserer Gesellschaft.“ Ein möglicher Grund liege in der stärkeren Rolle der Väter, vermutet Safar. „Sie bringen schon während der Schwangerschaft eine gewisse Unruhe mit rein.“ Peter Husslein formuliert es positiver: „Männer lieben den geplanten Kaiserschnitt, weil sie eben gerne einen kontrollierten Prozess haben.“

Das Resultat: Die Geburt ist heute so sicher wie nie zuvor. Selbst minimale Risiken werden kaum noch akzeptiert. Laut Statistik Austria stieg das Durchschnittsalter der Mütter bei der Geburt des ersten Kindes im Lauf der vergangenen zehn Jahre von 25,9 auf 27,5 Jahre an. Und bei durchschnittlich nur noch 1,4 Kindern pro Österreicherin verringert sich zudem die Gefahr, dass ein Kaiserschnitt – etwa aufgrund eines Narbenbruchs – bei nachfolgenden Geburten zum Problem wird. „Wenn mir allerdings eine 18-Jährige sagt, dass sie sechs Kinder haben möchte, so werde ich ihr sicher keinen Kaiserschnitt empfehlen“, erklärt Husslein.

Im Normalfall ist jedoch die Komplikationsrate beim Kaiserschnitt aufgrund verbesserter Narkose- und Schnitttechniken minimal. „Wenn ich denke, was ich früher oft für schlimme Fälle aus vaginalen Geburten auf die Intensivstation bekommen habe, so ist die Lage heute vergleichsweise richtig gut“, relativiert die Kinderärztin Marina Marcovich – als kritische Neonatologin bekannt – jede aufkommende Nostalgie nach angeblich besseren früheren Zeiten. „Wir haben nur ganz selten Patientenklagen“, bestätigt Alexander Ortel von der niederösterreichischen Patienten-Anwaltschaft Markovichs Befund. Beschwerden gebe es höchstens wegen einer kleinen Schnittwunde am Kopf des Babys oder einer unschön verheilten Narbe. „Wenn etwas ernsthaft schiefgeht, so wird das beim Kaiserschnitt viel eher als Schicksal angesehen“, sagt Ortel. „Für die vaginale Geburt gilt das heute jedoch nicht mehr.“

Im Kriminal. Viele Mediziner sehen denn auch die Juristen als eigentlichen Motor der Entwicklung. „Sie bestimmen heute, was im Kreißsaal passiert, und wir stehen alle mit einem Bein im Kriminal“, klagt Fabsits. Der Primar verweist auf zahlreiche Prozesse gegen Gynäkologen und Hebammen, die mit Verurteilungen endeten, weil sie bei Komplikationen angeblich zu spät zum Skalpell gegriffen hatten. „Wegen eines Kaiserschnitts wurde hingegen noch niemand verurteilt.“ Bei der Operation seien die Gynäkologen rechtlich sehr gut abgesichert. „Was hier die Patientin alles unterschreiben muss, das gleicht schon fast einem Notariatsakt“, sagt Fabsits.

Aus wissenschaftlicher Sicht sind die Risiken zwar klein, jedoch nicht unbedingt so gering, wie es Juristen und ihre medizinischen Gutachter glauben machen. Seit Längerem ist beispielsweise bekannt, dass Kaiserschnitt-Kinder ein mehrfach höheres Risiko eines Pneumothorax haben. Bei dieser lebensgefährlichen Komplikation dringt Luft in den Brustkorb ein, wodurch die Ausdehnung der Lungenflügel behindert wird. Per Sectio entbundene Kinder leiden generell häufiger an Lungenunreife. Im Extrem müssen sie gleich nach der Entbindung auf die Baby-Intensivstation überstellt und dort künstlich beatmet werden. Aus Langzeituntersuchungen weiß man, dass diese Kinder später doppelt so häufig an Asthma leiden.

Eine im Dezember im angesehenen „British Medical Journal“ veröffentlichte dänische Studie verglich knapp 2700 Geburten nach Wunsch-Kaiserschnitt mit vaginalen Geburten und lieferte zu dieser Problematik nun erstmals genaue Daten: Bei Entbindungen in der 37. Schwangerschaftswoche ist das Risiko auf leichte Lungenunreife um das Vierfache, jenes auf schwere Unreife sogar um das Fünffache höher. Erst ab der 39. Woche gleicht sich der Unterschied langsam aus. Peter Husslein ist sich dieses Problems durchaus bewusst. „Wir setzen die Termine deshalb möglichst spät an.“ Ein zu später Geburtstermin sei allerdings auch riskant, weil ein Viertel der Frauen bereits vor der 39. Woche Wehen bekommt und damit das sorgsam geplante Arrangement platzt.

Anne Hansen, die Leiterin des dänischen Wissenschafterteams, vermutet die Ursache für die Lungenproblematik im Ausbleiben des starken Hormonschubs, welchen die Babys beim mühsamen Weg durch den Geburtskanal erhalten. Dass dieser Geburtsstress die Lungenreife fördert, wurde in einer britischen Untersuchung auch konkret bewiesen: Babys von Müttern, denen vor der Geburt spezielle Stresshormone verabreicht wurden, hatten ein deutlich verringertes Risiko. Experten diskutieren deshalb, ob bei frühen Kaiserschnitt-Entbindungen die Hormonspritze für die Mütter eingeführt werden sollte.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO beobachtet den weltweiten Trend zum Kaiserschnitt mit Sorge. Die empfohlene Rate von zehn bis 15 Prozent wird nahezu überall überschritten. Manche Länder Südamerikas erreichen, speziell in der wohlhabenden Sozialschicht, Werte jenseits der 80 Prozent. José Villar vom Genfer WHO-Büro wertete mit seinem Team die Daten von mehr als 100.000 Geburten aus acht Ländern Südamerikas aus und veröffentlichte die Ergebnisse kürzlich im „British Medical Journal“. „Das Risiko geht dabei vor allem zulasten der Mütter“, erklärt Villar. Sie tragen bei Kaiserschnitten generell ein doppelt so hohes Komplikationsrisiko und benötigen fünfmal so oft antibiotische Behandlung wie vaginal entbindende Frauen.

Sexuelles Empfinden. Das Sterberisiko der Babys wird durch Kaiserschnitt hingegen um 30 Prozent verringert. Bei Steißlage ist der Prozentsatz noch deutlich höher. Speziell in Südamerika und in den USA wird als Hauptargument gegen die natürliche Geburt häufig die Angst vor einer Minderung des sexuellen Empfindens genannt. Privatkliniken werben vielfach damit. „Schütze deinen Liebeskanal, mach einen Kaiserschnitt“, lautet einer der diesbezüglichen Slogans. Ob dieses Argument zutrifft, ist wissenschaftlich höchst umstritten. „Klar wird die Scheide bei einer Sectio weniger stark gedehnt“, sagt Husslein. „Doch die Datenlage ist hier ziemlich dürftig, es bestehen auch enorme individuelle Unterschiede im Gewebe.“

Gesichert ist, dass Frauen nach vaginaler Geburt etwas häufiger unter Stressinkontinenz leiden. Bei einer schwedischen Langzeitstudie zu diesem Thema fanden sich nach einem Zeitraum von zehn Jahren jedoch keine Unterschiede mehr zwischen den Entbindungsmethoden.

Ein weiterer von vielen Frauen geschätzter Vorteil des Kaiserschnitts ist, dass der Dammschnitt entfällt, der im österreichweiten Schnitt bei jeder dritten Erstgebärenden vorgenommen wird. Dammrisse werden vermieden. Doch auch die Kaiserschnitt-Wunde braucht ihre Zeit, bis sie verheilt ist. Die Frauen müssen meist ein bis zwei Tage länger in der Klinik bleiben, manchmal ist die Bewegungsfreiheit über Wochen eingeschränkt. Und bei einer neuerlichen Geburt besteht das Risiko, dass die Narbe reißt oder die Plazenta mit dem Narbengewebe verwächst.

„Kaiserschnitte sind oft ein Grund dafür, dass Frauen keine Kinder mehr wollen“, sagt Alfons Staudach, Vorstand der Universitäts-Frauenklinik in Salzburg. Staudach ist einer der wenigen Gynäkologen, die sich offen gegen den Trend zur schnellen Geburt stellen. Mit seiner Lehrtätigkeit hat er viel dazu beigetragen, dass Salzburg in der Kaiserschnitt-Statistik abgeschlagen an letzter Stelle rangiert. Staudach sieht die Gründe für den Boom weniger in der Wissenschaft oder gar bei den Frauen als vielmehr bei den Gynäkologen selbst. „Es ist halt für die Ärzte wesentlich angenehmer, um neun Uhr Vormittag gemütlich zu operieren, als sich die halbe Nacht um die Ohren zu schlagen und für den Notfall bereitzustehen.“

Wenn der Italien-Trip am Wochenende in Gefahr sei oder die Patienten in der privaten Ordination warteten, fiele eben auch die Indikation für den Kaiserschnitt leichter. Zumal dann, wenn die Patienten privat versichert sind. In diesen Fällen kassieren die Vorstände der Abteilungen mindestens 40 Prozent des Sonderklasse-Honorars. Und das liegt – je nach Klasse der Entbindungs-Klinik und Privatversicherung – zwischen 2500 und 4500 Euro pro Geburt. Kein schlechter Lohn für einen Eingriff, der im Schnitt gerade dreißig Minuten dauert.

Von Bert Ehgartner