„Borgen”: TV-Wunder aus Dänemark

Mit reichlich Verspätung strahlt der ORF die Polit­serie „Borgen“ aus, die das kleine Dänemark zum TV-Wunderland machte.

Was für ein feministischer Magic-Life-Club, dieses Dänemark! Die erste Premierministerin des Landes ist weder Eiskönigin noch Machtfurie, und atmet auch nicht die Tante-Angela-Spießigkeit der deutschen Kanzlerin. Keine Topffrisur, sondern hochgestecktes Haar, wo auch durchaus Strähnchen freigehen dürfen. Die Frisur ist in Birgitte Nyborgs Fall auch als ideologisches Manifest zu werten. Sie signalisiert: „Ich schmeiße hier den Laden, also bitte den entsprechenden Respekt, aber High Heels und ein Bleistiftrock müssen trotzdem noch immer drinnen sein.“

Sie verlässt sich beim ­Regieren auf die goldene Kombination analytischer Intelligenz und Intuition. Die Chefin der fiktiven Moderaten-Partei, einer Fraktion, die Gutmenschen-Liberalismus, CO2-Bewusstsein, Fahrrad-Lifestyle und Rechts- Ekel auf ihren Bannern trägt, leistet sich den in der Politik so geschäftsschädigenden Luxus von Idealismus. Sie weigert sich, den Dreck der anderen politisch zu instrumentalisieren. Noch.
Als auffliegt, dass die schwer depressive Ehefrau ihres Vorgängers und Mitbewerbers ihre emotionalen Defizite beim London-Besuch mit Kaufräuschen bei Mulberry zu lindern trachtete und deren verzweifelter Mann ihre Suchtexzesse mit der Kreditkarte des Staatshaushalts bezahlte, verzichtet sie auf die entsprechende mediale Schlammschlacht. Wenn Nyborg (fantastisch gespielt von Sidse Babett Knudsen) abends müde von den machiavellischen Ränkespielen aus Christiansborg, so die Kopenhagener Schlossfestung und der Regierungssitz, in ihr IKEA-Sofa plumpst, massiert ihr der durchaus begehrenswerte Ehemann die Füße. Er ist alles andere als ein Weichei, sondern stolz und Stütze, und bekommt auch keinen Kastrationskomplex, wenn er den beiden gemeinsamen Kindern abends Fischstäbchen in die Pfanne schmeißt oder ihnen die vergessenen Schlittschuhe in den Sportunterricht nachchauffiert. „Das Wichtigste für eine Frau, die erfolgreich sein will“, erklärte die diesjährige Wittgenstein-Preisträgerin und Physikerin Ulrike Diebold kürzlich in einem „Kurier“-Interview, „ist es, einen Mann zu finden, der diesen Erfolg auch erträgt.“

Und natürlich muss auch Frau Nyborg für ihren Triumph mit dieser Erkenntnis bitter bezahlen: Irgendwann findet die Fußmassage des frauenverstehenden Gatten dann doch außer Haus statt, die Kinder werden zu Bettnässern und reif für die Psychiatrie. Aber bis dahin sind noch ein paar Folgen Zeit.

„Gefährliche Seilschaften“
Mit unverständlicher Verspätung und zu einer nicht nachvollziehbar späten Sendezeit wird die dänische Politserie, die auch klug und realistisch mit den Grenzen des Feminismus umgeht, ohne dabei in die üblichen biederen Klischeefallen zu tappen, im österreichischen Staatsfernsehen gezeigt: „Gefährliche Seilschaften“, so die deutsche Übersetzung des Originaltitels „Borgen“, was auf Dänisch so viel wie „Festung“ bedeutet, wird ab Sonntag, dem 7. Juli (auf ORF 2 um 22 Uhr 50), gezeigt; auf Arte und ARD lief das Macht- und Intrigenspiel, das bereits in 70 Länder verkauft wurde, bereits vor Monaten.

Intelligentes Fernsehen trägt am Küniglberg offensichtlich noch immer das Stigma „Nischenprodukt“. Denn auch Meilensteine der Popkultur wie etwa die Mafiaserie „Sopranos“ (Hauptdarsteller James Gandolfini verstarb letzte Woche mit 51 Jahren) oder „Six Feet Under“ wurden früher schon zu Zeiten verstrahlt, in denen der handelsübliche Arbeitnehmer bereits kein Sendungs-Bewusstsein mehr hat und schläft.

Aber inzwischen hat sich das Gezeitensystem des TV-Konsums ohnehin radikal verändert. Der Lagerfeuer-Gedanke, der nach dem Prinzip fuktionierte, dass man sich wöchentlich einmal um einen Sendeplatz auf dem Kanal seines Vertrauens schart, ist ohnehin längst démodé: „Borgen“ haben die nach hochklassigen Serienprodukten süchtigen „digitalen Einwanderer“ längst auf arte gesehen oder sich per Amazon staffelweise nach Hause liefern lassen. Die jüngeren „digitalen Eingeborenen“ pfeifen sich TV-Filetstücke wie „Downtown Abbey“, „Breaking Bad“ oder die Retro-Werbeserie „Mad Men“ auf diversen legalen oder illegalen Download- und Streamforen rein. Fernsehen als emotionaler Wohlfühl- und Sammelplatz funktioniert bestenfalls noch in der „Generation Kukident“, wie der frühere RTL-Direktor und Pionier des Krachwums-Fernsehens Helmut Thoma gerne zynisch jene „Musikantenstadl“- und Pilcher-affine Zielgruppe umschrieb, die für die Werbung Jahrzehnte als totes Quotengebiet galt. Doch auch diese Einteilung funktioniert längst nicht mehr: Denn die Alten sind so jung und dementsprechend konsumfreudig wie nie zuvor. Und US-Serien wie der Politthriller „Homeland“ mit Claire Danes als psychotischer CIA-Agentin oder „Breaking Bad“, die wahnwitzige Geschichte eines Krebspatienten, der zum Drogenproduzenten mutiert, um seine Therapie finanzieren zu können, funktionieren innerhalb einer Geschmacks- und Werte-Community generationenübergreifend. Die gute Nachricht also: Man ist der behäbigen Zögerlichkeit einer öffentlich-rechtlichen Serieneinkaufspolitik längst nicht mehr ausgeliefert.

Bleibt die Frage, warum ein kleines Land, das ohne Grönland und die Färöer-Inseln gerade einmal 5,6 Millionen Einwohner hat, dermaßen herausragendes Fernsehen macht? Am Talent mangelt es auch in Österreich nicht. Das beweist allein die Nominierungswelle des österreichischen Films bei den Oscars. Dass auch das Publikum durchaus Entertainment jenseits von Klippendramen in Cornwall und „Landarzt“-Idyllen zu schätzen weiß, zeigte die Sogwirkung von David Schalkos Waldviertel-Twin-Peaks „Braunschlag“, in dem durchaus auch Themen wie heuchlerischer Event-Katholizismus, Landeskaisertum und die Verrottetheit der Politik subversiv behandelt wurden.

„Nordisches TV-Wunder”
Die Argumentation, dass eine amerikanische CSI-Folge über mehr Produktionsbudget verfügt als bei uns eine ganze Serie, greift im Falle Dänemark nicht. Denn an Budgetknappheit und krisenbedingten Kürzungsmaßnahmen laboriert auch Danmarks Radio, der öffentlich-rechtliche Sender des Landes. Das US-Branchenblatt der Entertainementindustrie „Variety“ spricht sogar von „einem nordischen TV-Wunder“: Denn vor „Borgen“, dessen dritte Staffel im Herbst auf arte ausgestrahlt und an dessen Remake in den USA bereits heftig gewerkt wird, zeigten die Dänen bereits mehrfach in der Kategorie „kluge, verstörende, exzellent gemachte Serienware“ auf. „Kommissarin Lund“ hieß der deutsche Titel der tiefschwarzen, nervenzerfetzenden Krimireihe, koproduziert vom ZDF, in der die melancholisch-trockene und wortkarge Einzelgängerin Sarah Lund mit einem obsessiven Investigationstrieb Sexualverbrechen aufklärt und parallel dazu durch den Sumpf einer von Wirtschaftsmagnaten korruptionszersetzten Regierung watet. Sofie Gråbøl wurde für die Darstellung der düsteren Heldin, die ihren beruflichen Einsatz mit einem erbärmlich deprimierenden Privatleben bezahlen muss, mehrfach international ausgezeichnet; ein US-Remake der TV-Serie lief erfolgreich unter dem Titel „The Killing“. Die Reihe wurde inzwischen in über 80 Länder verkauft. Als Lund beim Finale der dritten Staffel im vergangenen Frühjahr zur Selbstjustiz schreitet und einen durch seine Beziehungen in höchste Kreisen davongekommenen pädophilen Mädchenmörder erschießt, gellte ein Aufschrei des Entsetzens durch die zahlreichen Fan-Foren von „Forbrydelsen“, so der Originaltitel. Denn mit diesem radikalen Schritt scheint die Rückkehr der notorischen Trägerin eines grob gestrickten Sternenmuster-Pullovers, der inzwischen zum Modefetisch avancierte, nahezu unmöglich.

Doch für Serien-Nachschub aus dem Land, das bislang nur durch Möbeldesign, hohe Selbstmordraten und eine muntere Pornofilmindustrie besonders aufgefallen war, ist bereits gesorgt: „Those who kill“ heißt eine Krimifolge mit Lars Mikkelsen als Kommissar, der als Politiker schon bei Lund agierte.

Respekt vor der Kreativität
Die Zauberformel der dänischen Fernsehmacher scheint einfacher zu entschlüsseln zu sein, als man glaubt: Finanzielle Investments in Entwicklungsprozesse, Respekt vor der Kreativität, eine hohe staatliche Förderung von Drehbuchautoren und deren Ausbildung bilden das Grundkapital, die Risikofreude wird durch die Auslandsverkäufe belohnt.
„Es wirklich so erschreckend simpel“, erklärt „Borgen“-Erfinder und Drehbuchautor Adam Price, der aus einer Koch- und Zirkusdynastie stammt. „Bei uns ist der Autor sakrosankt, er steht über dem Regisseur. Das heißt, bei meinen Büchern reden nicht Dutzende klugscheißende TV-Redakteure mit, bis jede Idee endgültig verwässert ist, sondern das, was ich schreibe, gilt dann auch.“