Geld und Parfüm: Die Hintergründe zum
Skandal bei den Salzburger Festspielen

Zwei fristlose Entlassungen, Schaden in sechsstelliger Euro-Höhe: Die Salzburger Festspiele sind erneut in eine schwere Krise geraten. Manuel Brug zeichnet die Hintergründe der Affäre nach.

Die Salzburger Festspiele kommen aus den Schlagzeilen nicht heraus. Und diese haben so gut wie nichts mit Kunst zu tun. Nach den Dauerquerelen um die schwächelnde künstlerische Leitung durch einen ausgelaugt wirkenden Jürgen Flimm (68) und dessen erst 2012 verfügbaren, als eher konservativ eingestuften Nachfolger Alexander Pereira (62) folgte die Schlacht um die Zukunft der Osterfestspiele, des ehemaligen Karajan-Privatfestivals. Die Berliner Philharmoniker wollten sich zurückziehen, zumal sie ein attraktives Angebot aus Baden-Baden hatten. Dies wurde verhindert: Stadt und Land entschieden sich, zu Ostern finanziell stärker einzusteigen.
Beim Aufräumen und Neujustieren der als Institution strikt getrennten, weitgehend von der Karajan-Stiftung gehaltenen Osterfestspiele GmbH wurden nun finanzielle Unregelmäßigkeiten in hohem Ausmaß aufgedeckt, die vergangene Woche die fristlose Entlassung des seit zwölf Jahren amtierenden Geschäftsführers Michael Dewitte (43) zur Folge hatten. Davon sind aber auch die Sommerfestspiele betroffen. Diese nämlich vermieten dem Osterfestival Personal und technische Leistungen. Und dabei kam Klaus Kretschmer (49), der seit 1991 amtierende technische Direktor, ins Visier der Ermittlungen. Die Vorwürfe gegen ihn, die wohl auf Unterschlagungen und unlautere Nebentätigkeiten im hohen sechsstelligen Bereich über mindestens acht Jahre hinweg lauten werden – es gilt die Unschuldsvermutung –, wurden am 21. Jänner bekannt. Bereits einen Tag später wurde auch Kretschmer fristlos gekündigt.

Bei den Osterfestspielen waren die Vorwürfe gegen Dewitte schon seit Ende Dezember bekannt, sie führten zunächst zur Berufung von Peter Raue, dem Anwalt der Berliner Philharmoniker, zum interimistischen Geschäftsführer. Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler ging erst Anfang vergangener Woche an die Öffentlichkeit, aus arbeitsrechtlichen Gründen wurden bislang keine Details genannt. Der Fall Kretschmer wurde der Staatsanwaltschaft übergeben. Die Leitung der Sommerfestspiele hofft nun, dass Dewitte und Kretschmer nicht noch Mitwisser hatten, die insbesondere in der Technik­abteilung oder bei jenen Wirtschaftsprüfern zu vermuten sind, die eine korrekte Betriebsdurchführung zu kontrollieren und bisher nichts zu beanstanden hatten.
Während der Schweizer Dewitte von eher zurückhaltender Natur ist und vor seiner Berufung zu den Osterfestspielen nur als persönlicher Sekretär Claudio Abbados in Berlin fungiert hatte, war Klaus Kretschmer eine nicht nur Insiderkreisen bekannte Figur. Der meist im T-Shirt auftretende Zopfträger und Porschefahrer hatte unter Mortier und Ruzicka nicht nur zweimal Bühnenbilder für die Festspiele entworfen, er wurde von Direktoren wie Regisseuren auch für seine Kreativität und sein Improvisationstalent gerühmt. Wie Dewitte kam der gelernte Schlosser freilich aus kleinen Verhältnissen. Beiden scheint das so lokalspezifische wie verführerische Salzburger Fluidum aus Geld und Society-Parfüm zu Kopf gestiegen zu sein – man wollte mithalten, mehr scheinen als sein. Während Dewitte – niemals hinterfragt – auch seine Frau in die Agenden der Osterfestspiele einspannte und honorierte, sich hohe Sponsorenprovisionen auszahlte, ein stattliches Haus baute und den Glanz Eliette von Karajans samt ihrer geldwerten Freunde genoss, ließ sich Kretschmer für sein Können feiern. 2006 stemmte er in einem bühnentechnischen Gewaltakt für Peter Ruzicka sämtliche Mozart-Opern. Die scheinbar stille Souveränität von Dewitte und Kretschmer vernebelte den Blick für ihre Machenschaften.

In dem Salzburger Skandal liegt nun auch eine Chance, vor allem für die Osterfestspiele, die international seit Jahren an Nimbus verloren haben. Keiner hatte gemerkt, wie scheintot dieses auch von vielen Beteiligten kaum noch geliebte Festival längst war. Ein Neuanfang kann nach dem Dewitte-Rausschmiss nur umfassend sein, organisatorisch wie personell, finanziell wie künstlerisch. Die Person dafür hat man dem Vernehmen nach bereits gefunden. Der erfahrene, mit den Salzburger Verhältnissen bestens vertraute und international vernetzte Manager hätte eigentlich schon Anfang dieser Woche von Landeshauptfrau Gabi Burgstaller, die seit 2004 auch als Präsidentin der Osterfestspiele fungiert, als neuer Festivalleiter vorgestellt werden sollen. Doch erst muss kräftig ausgemistet werden, damit die geistige wie reale Liegenschaft in der Hofstallgasse besenrein übergeben werden kann. Dies soll, so hört man, noch etwa zwei Wochen dauern. Ob dann über Salzburg die Festspielsonne wieder scheinen wird?