Geldanlage: Die sieben Todsünden

Gier, Neid, Wollust, Hochmut, Faulheit, Völlerei, Zorn - auch den Finanzmärkten ist nichts Menschliches fremd.

Von Heinz Wallner

Kaum ein Zocker, der noch nicht der "Gambler’s Fallacy“, dem Trugschluss aller Spieler, zum Opfer gefallen wäre. Zum Beispiel beim Roulette: Die Chancen, dass die Kugel auf Schwarz oder Rot fällt, stehen fifty-fifty, so der Tisch nicht manipuliert ist. Aber immer noch ist eine Fehlannahme weitverbreitet: Die Wahrscheinlichkeit, dass die Kugel beim nächsten Mal wieder auf dieselbe Farbe trifft, sei nur noch halb so groß (ein Viertel), beim übernächsten Mal nur noch ein Achtel - und immer weiter in dieser Reihe. Doch das stimmt leider nicht: Die Chancen auf Schwarz oder Rot stehen immer wieder aufs Neue bei 50 zu 50. Trotzdem haben Legionen von Spielern in dieser trügerischen Hoffnung Haus und Hof verspielt.

Die "Gambler’s Fallacy“ gilt unter Profi-Zockern als Anfänger-Todsünde Nummer eins. Und sie hat auch ihre Gültigkeit in einer anderen, wenngleich weitaus ernsthafteren Form des Spielens - der Geldanlage. Denn auch in dieser Disziplin hat sich - spätestens seit dem Siegeszug der Verhaltensforschung etwa ab den 1960er-Jahren - inzwischen die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Vorstellung des "homo oeconomicus“, also eines in wirtschaftlichen Angelegenheiten nach den Regeln der Vernunft handelnden Menschen, meist bloß ein frommer Wunschtraum ist. "Wenn es ums Geld geht“, sagt Brad Klontz, ein klinischer Psychologe der Kansas State University mit Spezialgebiet "behavioral fincance“, "haben wir das Gehirn eines Höhlenmenschen.“

Und so wird das von Banken, Versicherungen oder Finanzberatern reich bestellte weite Feld des Finanzanlagegeschäftes immer wieder zerpflügt durch gierige Herden von Investoren, die lüstern dem jüngsten Anlagetrend hinterherhecheln, weil sie zu hochmütig oder faul sind, ihre Hausaufgaben zu machen, zu neidvoll auf den Nachbarn blicken und am Schluss keineswegs in den Früchten ihres Investments völlern, sondern ihre wertlosen Papiere nur noch zornig verramschen können. Willkommen, in unbestimmter Reihenfolge, in der Welt der sieben Todsünden der Geldanlage.

1. Todsünde Gier
Stammtischhelden und Herdentiere

Erinnern Sie sich noch an die Hochzeiten der Immofinanz, als der Titel spätestens ab der Jahrtausendwende unaufhörlich nach oben kletterte, um dann 2008 innerhalb weniger Wochen ins Nichts abzustürzen? Viel war im darauffolgenden gerichtlichen Nachspiel von der Gier der Manager und Anlageberater zu lesen. Doch kaum etwas von der Gier von tausenden Kleinanlegern, die auf ewig steigende Kurse wetteten, und natürlich in den sauren Apfel bissen.

Anlegerschützer berichten von einem Investitionsmuster, dessen Eckpunkte Stammtischangeberei und Herdentrieb sind. Prahlereien, sei es im Bekanntenkreis oder von selbsternannten Finanzgurus, wecken die Gier auf das leichte Geld. Die anfänglich positive Kursentwicklung des Wertpapiers bestätigt das Investment, wegen schlechter Beratung und Ignoranz werden alle Warnzeichen beiseitegewischt, und dann, wenn die Talfahrt des Titels beginnt, wollen alle einer Herde von Lemmingen gleich nur noch blindlings verkaufen, was den Kurs endgültig abstürzen lässt.

Dieses Anlegerverhalten hat den Aktienmarkt bei Ausbruch der Krise 2008 geprägt. Dasselbe Phänomen ließ sich diesen Sommer auf den Anleihemärkten beobachten, wo zuerst Großanleger aus Angst vor den Konsequenzen höherer Zinsen Zigmilliarden aus Anleihefonds abzogen und ihnen das Volk der Kleinanleger daraufhin in Scharen folgte, bis die Notenbankchefs mit der Prolongierung ihrer Niedrigzinspolitik dem Spuk ein Ende machten.

2. Todsünde Neid
Die Rache der Ohnmächtigen

Als Anfang 2012 bekannt wurde, dass das soziale Netzwerk Facebook im Mai an die Börse gehen wolle, bombardierten unzählige Anleger das Unternehmen mit Anfragen, ob sie nicht bereits im Vorfeld Aktien kaufen könnten. Tatsächlich wurde auch ein kleiner Kreis von institutionellen Anlegern bevorzugt behandelt. Der Gang an die Börse erwies sich dann aber als Flop. Dieser Drang zu Exklusivität sei auch ein Grund gewesen, warum derart viele Anleger auf das betrügerische Schneeballsystem des ehemaligen Finanzjongleurs und Nasdaq-Vorsitzenden Bernie Madoff hereingefallen wären. Das meint zumindest Meir Statman, ein auf Verhaltensökonomie spezialisierter Finanzprofessor der Santa Clara Universität: "Dieser Neid treibt die Menschen dazu, oft wider besseren Wissens in Anlagen zu investieren, die überhaupt nicht zu ihrem restlichen Portfolio passen.“

Im Fall von Facebook konnten sie nach gut einem Jahr aufatmen, als wenigstens die Höhe des Ausgabekurses nach einem langen Tief wieder erreicht war. Im Fall von Madoff ist diese Form von Neid bekanntlich hart bestraft worden. Deswegen der Tipp der US-Finanzberaterin Susan Strasbaugh: "Legen Sie für solche Neid-Investments einfach ein, Las-Vegas-Konto‘ an, maximal fünf Prozent Ihres Vermögens für unvernünftiges Zocken.“

Der Wiener Anlageberater Wolfgang Matejka will noch eine weitere Spielart des Neids beobachtet haben: Jenen auf den Typus des Bankers per se, dessen herausragendes Merkmal üppige Bonuszahlungen seien. "Das ist die Rache der Ohnmächtigen“, sagt er. "Dieses Banker-Bashing aus purem Neid zerstört zu Unrecht das Image einer ganzen Branche.“

3. Todsünde Wollust
Der Reiz des schnellen Geldes

Fachleute nennen das Phänomen "Recency Bias“ (Kurzzeiteffekt) - Anleger investieren nur allzu gerne in Titel, die sich kürzlich gut entwickelt haben, in der Hoffnung, dass es ewig so weitergehen wird. Vor der Finanzkrise waren das Immobilien-Wertpapiere, während der Krise Gold. "Aber es braucht gar keine Krise“, sagt Wolfgang Matejka. "Oft reicht der vermeintliche Geheimtipp eines Kollegen, und schon ist die unstillbare Lust auf den raschen Reibach geschürt.“

Experten würden selbst bei brandheißen, vermeintlich kursrelevanten Neuigkeiten, ja sogar Insider-Tipps, kühlen Kopf bewahren. Sie raten zu langfristigen historischen Analysen von Kursentwicklungen und Vergleichen innerhalb der jeweiligen Anlageklassen. Gold beispielsweise hätte über einen längeren Zeitraum - darunter sind mindestens zehn Jahre oder noch mehr zu verstehen - eine schlechtere Performance als die wichtigsten Aktienindices aufzuweisen.

4. Todsünde Hochmut
Das Risiko des Selbstvertrauens

"Wer glaubt, alles besser zu wissen, sollte lieber seine Finger von Finanzinvestments lassen“, sagt Anlageberater Matejka. "Selbst erfahrene Fondsmanager tun gut daran, sich die Demut vor den Märkten zu bewahren.“ In die gleiche Kerbe schlägt auch der Finanzwissenschafter Terrance Odean von der University of California in Berkeley: "Die meisten Anleger haben eine viel zu hohe Meinung von sich. Sie bräuchten mehr gesunden Selbstzweifel und Bescheidenheit.“ Der beste Schutz vor dieser gefährlichen Besserwisserei: die Überprüfung einer Anlageidee durch einen nicht betroffenen fachkundigen Dritten, beispielsweise in einem privaten Investmentklub.

5. Todsünde Faulheit
Des Hochmuts kleine Schwester

Wie jede der sieben Todsünden der Geldanlage ist auch diese nur allzu menschlich. Sie ist bei Investoren vor allem dann zu beobachten, wenn die Geschäfte besonders gut laufen. Matejka: "Faulheit ist ein Phänomen steigender Märkte. Viele vergessen dann gerne, ihre Hausaufgaben zu machen.“ Die da sind: Fundamental- und technische Analyse, historische Vergleiche, Peergroup-Checks oder Verhandlungen hinsichtlich schnell aus dem Ruder laufender Brokergebühren. "Völlig umgekehrt ist es jedoch bei fallenden Märkten“, berichtet Matejka. "Da werden die Leute plötzlich besonders fleißig. Jene, die eine solche Baisse überleben, legen sich nachher kein zweites Mal ins Faulbett.“

6. Todsünde Völlerei
Der Makel der Maßlosigkeit

Eine weitverbreitete Folge erfolgreicher Geldanlage, die die obigen Todsünden anzieht wie Motten das Licht und deswegen den Keim des Scheiterns jeglicher weiteren Investments in sich trägt.

7. Todsünde Zorn
Die dunkle Bedrohung

Zorn ist wohl jene Regung, die die meisten Anleger, so sie Verluste realisieren mussten, bereits einmal erlebt haben. Beschränkt er sich auf eine kurze Raserei, ist er wohl nicht weiter der Rede wert. Doch wenn sich durch allzu viele Verluste ein Übermaß an Zorn anhäuft, egal ob auf eine konkrete Person oder auf abstrakte Feindbilder, sei diese Todsünde die gefährlichste Bedrohung für die Geldanlage-Branche überhaupt, meint Wolfgang Matejka: "Dann hält jemand, der in Immobilienwerten verloren hat, am Ende plötzlich alle Immobilien-Manager für nicht mehr vertrauenswürdig. Oder überhaupt alle Anlageberater für Gauner.“