Geldanlage: Kapital mit Airbag

Strukturierte Produkte mit Kapitalgarantie werden zurzeit massiv nachgefragt. Sie bedienen das Bedürfnis nach Sicherheit und versprechen zugleich solide Erträge. Doch die verwirrende Produktvielfalt erfordert sorgfältige Information.

Kaum jemand hat den Ehrgeiz, im Detail zu verstehen, wie die Sicherheitssysteme seines Autos funktionieren – Hauptsache, sie beugen Unfällen vor. Bei so genannten strukturierten Finanzprodukten, insbesondere solchen mit einer Kapitalgarantie, verhält es sich ähnlich: Die wenigsten Käufer setzen sich wirklich damit auseinander, wie diese Produkte konstruiert sind, und wollen sich bloß darauf verlassen, dass das Geld bestens veranlagt ist.

Selbst nach zwei nicht so üblen Börsenjahren verkaufen sich strukturierte Produkte fast wie von selbst. „Alles, was mit einer Garantie kombiniert ist, wird stark nachgefragt“, berichtet Werner Wiedenbrig, Leiter der Produktentwicklung bei der Erste Bank. „Strukturierte Investments haben sich zu einer eigenen Asset-Klasse entwickelt.“ Bestimmte Produkte seien Bestseller geworden, so Wiedenbrig, „obwohl wir sie nicht massiv beworben haben und das Produkt erklärungsbedürftig ist“.

Schätzungen zufolge – offizielle Zahlen existieren nicht – wurden im Jahr 2004 in Österreich Produkte dieser Kategorie im Wert von mehr als einer Milliarde Euro abgesetzt. Und derzeit vergeht kaum eine Woche, in der nicht mindestens ein neues Garantiezertifikat zur Zeichnung aufgelegt wird.

Produkte mit Kapitalschutz versprechen Anlegern, an den Kursanstiegen teilzuhaben, aber nach unten abgesichert und von Kapitalverlusten weit gehend nicht betroffen zu sein. „Es geht um eine Kombination aus verschiedenen Finanzinstrumenten, etwa einer Anleihe mit einer Option, wodurch eben eine neue Struktur entsteht“, erläutert Rudolf Petritsch, Geschäftsführer des Kärntner Finanzdienstleisters Invor Financial Services.

Inzwischen werden zahlreiche Varianten derartiger Produkte angeboten, die meist hochtrabende Bezeichnungen wie „Österreich Winner“, „Winner Plus“, „Kärntner Best Performer“ oder „Superfund Garant“ tragen und fast jede denkbare Vermögensstrategie abdecken.

Garantieprodukte sind in etwa mit einer Vollkaskoversicherung vergleichbar, da man am Ende der Laufzeit von im Schnitt vier bis zehn Jahren sein Geld plus eventuell eine garantierte Mindestverzinsung erhält. Indexzertifikate wiederum machen eine bestimmte Indexentwicklung originalgetreu mit. Weiters werden Produkte mit Bezeichnungen wie Airbag-, Bonus-, Turbo- und Diskontzertifikate angeboten (siehe Kasten rechts). „Zum Teil sind auch seltsame Wetten zu finden, die nur unter bestimmten Bedingungen eine Auszahlung über der Kapitalgarantie versprechen“, sagt Peter Schillinger, Leiter Asset Management Aktien bei der Schoellerbank AG, die 1994 das erste Garantieprodukt in Österreich auf den Markt brachte. „Die Optik lässt da oft weitaus mehr erwarten, als unter realistischen Annahmen möglich ist“, so Schillinger.

In Wirklichkeit sei daher – anders als bei der Kfz-Technik – ein prüfender Blick auf die jeweilige Konstruktion geboten. „Der Anbieter trägt das Kapitalmarktrisiko nie selbst, immer trägt es auch der Anleger mit“, sagt Constantin Veyder-Malberg, Vorstand der Capital Bank. „Ob ein Anleger investieren soll, hängt vor allem davon ab, wie viel Risiko er akzeptieren kann und möchte“, meint Heike Arbter, Produktmanagerin der Raiffeisen Centrobank (RCB). Die Entscheidung solle sich letztlich an der Zusammensetzung seines Depots orientieren: Wer bereits durch Aktien oder Aktienfonds eine hohe Risikoquote habe, könne durchaus Garantieprodukte beimischen.

Produktvielfalt. Die Konditionen, Strukturen und Klauseln der verschiedenen Konstrukte, die zurzeit offeriert werden, sind derartig vielfältig und mitunter auch diffizil, dass eine Orientierung schwer fällt. Haben manche Angebote etwa einen bestimmten Börsenindex als Grundlage, so fußen andere auf individuell kombinierten Aktienkörben. Bei wieder anderen ist die Preisentwicklung von Rohstoffen wie Rohöl für die letztendliche Rendite maßgeblich. Der ESPA Garant China etwa beteiligt den Anleger bei hundertprozentigem Kapitalschutz zu mindestens 75 Prozent an der Wertentwicklung des Aktienindex Golden Dragon, der den Großraum China abbildet. Beim RCB Blue Chip Bond 6 wiederum erhält man in den ersten beiden Jahren einen garantierten Kupon. Danach hängt die Rendite von der Kursentwicklung eines Korbes aus internationalen Aktien ab: Zum jährlichen Basiskupon von zehn Prozent werden 28,5 Prozent des am tiefsten notierenden Kurses addiert beziehungsweise verringert sich bei fallenden Notierungen der Kupon.

Beim C-Quadrat Blue Fox 5 bildet ebenfalls ein Aktienkorb den Basiswert. Unabhängig von dessen Performance, erhalten Anleger im ersten Jahr einen fixen Zinssatz von acht Prozent. Ab dem zweiten Jahr besteht die Chance auf jährlich zehn Prozent – und zwar immer dann, wenn keine der enthaltenen Aktien an einem der vier Stichtage pro Jahr um mehr als 30 Prozent gegenüber dem Startwert fällt. Gibt auch nur eine Aktie um mehr als 30 Prozent nach, wird in diesem Jahr kein Kupon ausgeschüttet. Entgangene Kupons können allerdings wieder aufgeholt werden, wenn im Folgejahr alle im Basket enthaltenen Aktien an oder über der 70-Prozent-Schwelle stehen.

Andere Angebote wie die Produkte ÖVAG Bonus Performer und Spängler SMART Plus bieten eine hundertprozentige Kapitalgarantie plus einen Bonus von beispielsweise 25 Prozent oder eine gehebelte Beteiligungsquote von 133 Prozent. Bis zu einem bestimmten Kursrückgang verliert der Investor nichts. Fällt das Portfolio noch mehr, endet der Kapitalschutz, und der Anleger macht ab diesem Punkt die Bewegung des Index exakt mit – in jede Richtung. Steigt der Kurs indes um mehr als die 25 Prozent, partizipiert man ohne Einschränkung.

Höchststandgarantie. Eine weitere Spielart sind Zertifikate, bei denen zum Laufzeitende im Falle steigender Börsenkurse mindestens 105 Prozent des Kapitals ausgeschüttet werden – selbst dann, wenn der Kursverlust während der Laufzeit ein definiertes Ausmaß von beispielsweise maximal 20 Prozent erreicht. Beliebt sind auch so genannte Höchststandgarantieprodukte, bei denen der Anleger beispielsweise 90 Prozent des höchsten Indexstandes bekommt, der in den Jahren zuvor erreicht wurde. Dies gilt selbst dann, wenn das Börsenbarometer zum Ende der Laufzeit an Wert eingebüßt hat. „Bei einem Höchststandgarantieprodukt sind dem Investor 90 Prozent des Topniveaus sicher, egal, wo der Basiswert am Schluss notiert“, erläutert Alexandra Baldessarini, die Marketingverantwortliche der Österreichischen Volksbanken AG.

Grundmuster. Trotz der recht verwirrenden Vielfalt funktionieren all die Papiere im Wesentlichen nach zwei Strickmustern. Die erste Gruppe stellen die „passiven“ oder „statischen“ Angebote dar. Dabei trennt die Bank das angelegte Kapital gewissermaßen in zwei Teile. Der Großteil oder „risikolose Teil“ – zwischen 70 und 90 Prozent – wandert in Nullkuponanleihen. Das sind Anleihen, bei denen die Zinsen erst am Ende der Laufzeit gezahlt werden. Sie werden daher bis zu 25 Prozent unter dem Nennwert ausgegeben und bei Fälligkeit zum Nominalwert eingelöst. Ihre Verzinsung errechnet sich aus der Differenz zwischen Kaufkurs und Nominalwert. Der „Risikoteil“ dagegen wird am Terminmarkt investiert, und zwar hauptsächlich in Optionen. Allerdings: „Rutscht dieser Teil gleich zu Beginn in den Keller, sind Bank und Anleger praktisch im Anleihenteil eingesperrt“, meint Finanzdienstleister Petritsch. Im ungünstigen Fall erhält der Kunde sein Kapital unverzinst zurück.

Andererseits können freilich nur mit dem riskanteren Teil Gewinne erzielt werden – der Spielraum dabei ist allerdings eher schmal: Selbst wenn das riskante Segment eines solchen Produkts 50 Prozent an Wert zulegt, ergeben sich – bei einem Risikoteil von angenommenen 30 Prozent – insgesamt bloß 15 Prozent Profit. Auch bei den Angeboten mit Höchststandgarantie sollten Anleger den Rechenstift spitzen, meint Walter Hager vom Verein für Konsumenteninformation, denn hier gelte das gleiche Prinzip.

Entscheidend für die Ertragschancen sind die aktuellen Preise (Prämien) der Optionen. Je günstiger diese sind, desto mehr Chancen können wahrgenommen werden. Derzeit steht es angesichts geringer Volatilität recht gut, weshalb die Partizipationsraten und Kapitalgarantien meist höher sind als bei den vor einigen Jahren angebotenen Produkten. Wesentlich ist bei derartigen Investments demnach naturgemäß die Wahl des Zeitpunkts.

Ein weiterer wesentlicher Punkt sind die Kosten. „Es werden immer vier bis acht Prozent Kosten hineingepreist, was den spekulativen Teil nochmals drückt, ohne dass dies dem Anleger bewusst ist“, warnt Capital-Bank-Vorstand Veyder-Malberg. Zu solchen unerwarteten Kosten können beispielsweise Aufwendungen für Transaktionen zählen, die den Gesellschaften entstehen. Hinzu kommt überdies noch oft ein Ausgabeaufschlag.

Branchenkenner wie Veyder-Malberg halten diese Gruppe von Produkten deshalb nicht unbedingt für optimal: „In Wahrheit verkauft man dem Kunden dabei etwa 75 Prozent schlecht verzinste Anleihen und nur zu einem kleinen Teil das, worin er investiert sein will“, urteilt der Banker.

Anbieter wie Invor und die Capital Bank favorisieren daher die zweite – die „aktive“ – Variante von Garantieprodukten. Dabei werden der risikolose und der „sportlichere“ Teil, in diesem Fall ein Investmentfonds, regelmäßig an die Marktgegebenheiten angepasst. Dies geschieht nach mathematischen Berechnungsmodellen, die ermitteln sollen, wie das Kapital zwischen Anleihe und Fonds verteilt werden muss, um am Laufzeitende die erhofften Resultate zu erzielen. Derart wird es theoretisch möglich, zeitweise sogar bis zu 100 Prozent des Kapitals in den Risikoteil zu stecken. Umgekehrt kann das Geld vorübergehend auch vollständig auf der sicheren Seite in Anleihen geparkt werden, wenn sich die Märkte schlecht entwickeln.

So ist das Kernstück des Produkts Aurora der Capital Bank der Apollo Osteuropa-Fonds. Auf die jungen Demokratien Zentral- und Mitteleuropas setzt die Capital Bank immer wieder. Veyder-Malberg: „Bei unserem Modell wird der Risikoteil, also der Fonds, am Kundendepot verändert, der Kunde sieht genau, was passiert. Es ist daher kein Geheimnis, keine Black Box.“ Invor wiederum bietet mit Opportunities & Protection 912 ebenfalls Kapitalerhalt, wobei in einen Fonds von Rothschild Financial Services investiert wird. „Aber auch diese Konstruktionen sind mit Vorsicht zu genießen“, kontert Baldessarini, denn eventuell müsse man häufig das Portfolio umschichten, was wiederum zu hohen Kosten führe.

Kombinationen. Manche Anbieter wie etwa MPC Capital Austria oder die Vorarlberger Volksbank setzen zwecks Mehrertrags auf eine Kombination so genannter Hedgefonds, denen besonders risikoreiche Investments – etwa Optionen und Futures auf Währungen, Metalle und Öl – sowie die Spekulation auf fallende Kurse gestattet sind. Die Fortrust Anleihe von MPC basiert auf der Wertentwicklung von drei Dach-Hedgefonds. „Zu Beginn werden wir dank gehebelter Veranlagung zu 105 Prozent investiert sein“, erläutert MPC-Geschäftsführer Peter Maierhofer. „Wir geben zudem die Garantie, zu jedem Zeitpunkt zu mindestens 20 Prozent in die Dach-Hedgefonds investiert zu bleiben.“ Die Volksbank setzt auf den Quadriga Superfund, allerdings in zwei fixierten Varianten: Bei der Serie Superfund Garant I (100 Prozent Kapitalgarantie) wandern zwei Drittel des Kapitals in die Anleihe, bei der Serie II (100 Prozent Kapitalgarantie und 18 Prozent Ertragsgarantie) gehen vier Fünftel in die Anleihe und ein Fünftel in den Hedgefonds.

Bei einer resümierenden Beurteilung der gesamten Renditeaussichten derartiger Produkte müsse man zwar naturgemäß einräumen, dass „mit einem Voll-Aktien-Investment die Chancen größer sind“, so Andreas Nurscher von der Capital Invest KAG, die demnächst ein erweitertes Osteuropa-Produkt lancieren will. „Für viele ist Osteuropa als Anlageregion sehr attraktiv, aber zu riskant. Und wer bereit ist, das volle Risiko zu tragen, für den sind Garantieprodukte ohnehin kein Thema.“

„Trotzdem verdient man mit Garantieprodukten genug, und es gibt keine transparenteren Produkte als derartige Zertifikate“, urteilt RCB-Strategin Arbter. „Und man kann Gewinne erzielen, selbst wenn die Aktienmärkte fallen“, ergänzt Baldessarini. „All jene, die beim Platzen der Tech-Blase herbe Verluste gemacht haben, hätten rückblickend liebend gern Kapitalschutz genossen.“

Derzeit sind tatsächlich viele Garantiezertifikate dank günstiger Anleihen-, Zins- und Optionskonditionen im Plus. Nicht wenige Anleger verkauften daher laut Heike Arbter ihre alten Investments entweder über die Börse oder über einen Sekundärmarkt, der von den Anbietern betrieben wird, mit Gewinn – um danach in neue Tranchen mit Kapitalschutz zu reinvestieren.

Von Linda Führing