Genmais: Der Kukuruz-Kampf

Die EU-Handelszulassung einer gentechnisch veränderten Maissorte sorgt in Österreich für Empörung.

Gentechnisch veränderte Lebensmittel rufen in Österreich stets heftige Abwehrreaktionen hervor – und zwar schon vor ihrem Verzehr. Nach der vorwöchigen Zulassung des Bt11-Süßmaises der Schweizer Firma Syngenta durch die EU-Kommission sprach die grüne EU-Kandidatin Eva Lichtenberger von einem „skandalösen Dammbruch“, Sprecher der Umweltschutzorganisationen Global 2000 und Greenpeace forderten ein Importverbot und nannten die Entscheidung der EU-Kommission einen „demokratiepolitischen Skandal“.

In dem durch den angelaufenen EU-Wahlkampf noch zusätzlich verstärkten Aufschrei gingen allerdings viele Fakten unter, welche vor allem jene zahlreichen Österreicher interessieren könnten, die gentechnisch veränderte Lebensmittel rundweg ablehnen. Denn die Entscheidung der EU-Kommission, künftig die Einfuhr von Bt11-Süßmais in Dosen zu gestatten, eröffnet den Konsumenten eine Wahlmöglichkeit, die sie bisher nicht hatten: Sie können frei darüber entscheiden, ob sie die genmanipulierten Körner schlucken wollen oder nicht. Laut EU-Recht müssen nämlich seit 18. April dieses Jahres alle Lebensmittel, die gentechnisch veränderte Bestandteile haben, deutlich als solche gekennzeichnet sein.

Und genau diese Information bekamen die österreichischen Konsumenten bisher nicht: Ob sie wollten oder nicht, sie genossen etliche Lebensmittel, in denen der umstrittene Bt11-Süßmais verarbeitet ist. Zitat aus einer Presseaussendung der EU-Kommission vom Mittwoch der Vorwoche: „Die Einfuhr von Maiskörnern der Sorte Bt11 in die EU ist seit 1998 zugelassen; der Mais wird in der EU in Futtermitteln und Lebensmitteln – etwa Maisöl, Maismehl, Zucker und Sirup, Snacks, Backwaren, frittierten Lebensmitteln, Konfekt und Softdrinks – allgemein eingesetzt.“

Österreich dagegen. Die EU-Kommission traf die nunmehrige Entscheidung selbst, weil es im Rat keine qualifizierte Mehrheit dafür oder dagegen gab (Österreich stimmte dagegen). David Byrne, EU-Kommissar für Gesundheit und Verbraucherschutz, begründet die Entscheidung der Kommission so: „Gentechnisch veränderter Süßmais wurde vor dem In-Verkehr-Bringen einer weltweit beispiellos strengen Bewertung unterzogen. Die wissenschaftliche Bewertung hat ergeben, dass er genauso sicher ist wie konventionelle Maissorten.“

Dem nunmehr zugelassenen Mais wurde ein Gen aus dem natürlichen Bodenbakterium Bacillus thuringiensis (Bt) eingebaut, das die Pflanze dazu bringt, selbstständig ein Abwehrgift gegen den Maiszünsler, einen in manchen Regionen verbreiteten Pflanzenschädling, zu entwickeln (siehe Grafik Seite 123).

Der Maiszünsler ist eine Schmetterlingsart, welche ihre Eier auf die Blätter der Maispflanze setzt. Die daraus schlüpfenden, höchst gefräßigen Raupen bohren Löcher in Blätter, Stängel und Maiskolben. Der durch den Schädlingsfraß ausgehöhlte Pflanzenschaft kann einknicken, was häufig zum Absterben der Pflanze führt. Dadurch wird der Ertrag einer Anbaufläche mitunter erheblich gemindert. Die Einbohrlöcher erleichtern auch das Eindringen von Schadpilzen wie Fusarien, eine in der Natur vorkommende Schimmelpilzart, wodurch sich Mykotoxine (Pilzgifte) in der Pflanze und im Kolben anreichern können, deren üblicherweise auftretende Konzentrationen für den Menschen zwar nicht akut, wohl aber langfristig gesundheitsgefährdend sind.

Maiszünsler und Fusarien sind auch in der biologischen Landwirtschaft ein Problem, allerdings oft gemildert durch die praktizierte Fruchtfolge. Denn der Maiszünsler ist auf Mais angewiesen und vermehrt sich daher leichter, wenn auf einem Feld auch in den Folgejahren Mais und nicht etwa Gerste angebaut wird, die dem Schädling die Lebensgrundlage entzieht. Dennoch kann der Maiszünsler gelegentlich auch im biologischen Landbau auftreten. Er wird dann vielfach mit genau jenem Bodenbakterium Bacillus thuringiensis bekämpft, welches auch beim gentechnisch veränderten Bt-Mais eine zentrale Rolle spielt.

Zerstörungswerk. Zu diesem Zweck werden die ursprünglich aus dem Boden gewonnenen Bakterien im Labor gezüchtet und in Form eines Spritzmittels ausgebracht. Diese Methode hat allerdings den Nachteil, dass die Bakterien nur an der Oberfläche der Pflanze verteilt sind. Ein Maiszünsler, der sich schon ins Innere der Pflanze gebohrt hat, wird dadurch nicht tangiert und kann sein Zerstörungswerk ungehindert fortsetzen. Und die Fusarien-Pilze, die dann in die Pflanze leichter eindringen können, werden durch den biologischen Landbau eher begünstigt. Denn wissenschaftliche Studien belegen, dass die in der Biolandwirtschaft geübte Praxis, den Boden weniger zu pflügen, dazu führen kann, dass auf Ernterückständen vorhandene Fusarien im Folgejahr zu erneuter und verstärkter Pilzinfektion führen können.

Zwar wird im Biolandbau durch den Verzicht auf chemische Pestizide und Herbizide stärker auf die Vielfalt der Mikroorganismen, auf die Bodengesundheit und Vermeidung von Bodenerosion geachtet, aber das heißt nicht, dass der Biolandbau alle Probleme der Landwirtschaft lösen kann. „Wie die konventionelle Landwirtschaft hat auch der Biolandbau kein ausreichend wirksames Mittel gegen Pilze“, erklärt Josef Glößl, Leiter des Instituts für Angewandte Genetik und Zellbiologie an der Wiener Universität für Bodenkultur.

In der Öffentlichkeit ist dieses Problem überhaupt nicht präsent. Wer denkt schon daran, dass das Mehl, das er im Supermarkt oder im Bioladen kauft, aus mit Pilzgiften belastetem Weizen stammen könnte? Die Forschung arbeitet daran, auch dieses und viele andere Probleme mit biotechnologischen Methoden zu lösen, wie sie es beim Maiszünsler demonstriert hat. Und während die Welternährungsorganisation FAO in der Gentechnik einen wesentlichen Ansatz zur Lösung des Hungerproblems in der Welt erblickt, warnen die Gegner der Gentechnik unvermindert vor gesundheitlichen oder ökologischen Risken, die man mit der neuen Technologie eingehe.

Laborbedingungen. Zur Untermauerung dieser Warnungen wurden immer wieder „Beweise“ vorgelegt, die allerdings bisher einer seriösen Überprüfung nicht standhielten. So gab es beispielsweise Versuche, durch Studien zu belegen, dass verschiedene Nützlinge wie der Monarchfalter oder der Marienkäfer durch das von der gentechnisch veränderten Maispflanze produzierte Bt-Toxin tödliche Giftdosen aufnehmen könnten. Französische Forscher äußerten nach Tests an Ratten schwere Bedenken gegen eine Genmaissorte des US-Unternehmens Monsanto. Nach Verfütterung der Sorte MON 863 zeigten die männlichen Ratten Nierenbeschwerden sowie eine Zunahme der weißen und Abnahme der roten Blutkörperchen, bei Weibchen wurde ein erhöhter Blutzuckerspiegel registriert. Die Bedenken wurden aber von der Pariser Lebensmittelbehörde und auch vom wissenschaftlichen Ausschuss der EU beiseite gewischt und der Mais zur Vermarktung zugelassen. Der Grund: Bei derartigen Studien hat sich wiederholt herausgestellt, dass die Probleme zwar unter Laborbedingungen mit der dort praktizierten Zwangsfütterung auftreten, nicht aber bei In-vivo-Versuchen unter normalen Bedingungen. Die Wiener Molekularbiologin Andrea Barta, langjähriges Mitglied der Gentechnikkommission, vermutet das Problem auch eher in der Politik als in der Wissenschaft: „Das Ganze spielt schon lange nicht mehr auf der Wissenschaftsebene.“

So werden in der derzeitigen Debatte unerwünschte Nebenwirkungen ausschließlich genmanipulierten Pflanzen zugeschrieben, obwohl es diese in der konventionellen Züchtung genauso geben kann. So sind etwa in der Rapszüchtung Glucosinolate aufgetreten, aus denen giftige Abbauprodukte entstehen können. Dennoch ist die Chance, ein Toxin oder ein Allergen zu entdecken, bei genetisch veränderten Pflanzen ungleich höher, „weil die viel besser untersucht werden als konventionelle Pflanzen“ (Glößl).

Eine vom Bundesumweltamt in Auftrag gegebene Studie über die Sicherheit von genmanipulierten Pflanzen kommt jedoch zum gegenteiligen Schluss. Dabei wurden bei der EU eingebrachte Zulassungsanträge auf die Qualität der Riskenabschätzung hin durchleuchtet. Resultat, so Michael Haas, für die Beurteilung der Gesundheitsrisken von Lebensmitteln zuständiger Abteilungsleiter im Gesundheitsministerium: „Die Risikobewertung erfolgte nicht nach dem letzten Stand des Wissens.“ Studienleiter Helmut Gaugitsch ortet in den von Agrarfirmen vorgelegten Datensätzen erhebliche methodische Mängel vor allem in der Abschätzung der Toxizität und eventueller Allergieauslöser (siehe auch Interview).

Rudolf Valenta, Immunpathologe am Wiener AKH und Autor jenes Teils der Studie, der sich mit möglichen allergischen Reaktionen beschäftigt, ortet ebenfalls methodische Schwächen, schränkt aber ein, dass es zur Zeit der Datenerstellung seitens der EU keinerlei entsprechende Richtlinien gab. „Es gibt keine ausreichende toxikologische Analyse, das ist bedenklich. Aber mir ist bisher kein Fall bekannt, wo durch ein eingebautes Fremdprotein eine allergische Reaktion aufgetreten ist.“ Valenta plädiert für eingehende Untersuchungen aller, also auch konventioneller Lebensmittel, denn: „Auch in ganz normalen österreichischen Äpfeln stecken Allergene.“