Genuss: Phönix aus der Flasche

Vor zwanzig Jahren zerstörte der Glykol-Skandal die Fundamente des österreichischen Weinbaus. Der nachfolgende Aufstieg der heimischen Winzer war eine beispiellose Erfolgsgeschichte. Doch Fehlentwicklungen und die Konjunkturkrise bedrohen die reiche Ernte.

Der Niedergang kündigte sich an einem Nebenschauplatz an. Im September 1984 drohten burgenländische Winzer mit dem Aufstand: Das Gebiet der Langen Lacke, in deren Umgebung sie ihre gewinnträchtigen Beerenauslesen und Eisweine kelterten (und bis heute keltern), sollte zum Naturschutzgebiet werden. Der Streit eskalierte, Gendarmen mussten Besetzungen verhindern. Bei einer Konfrontation zwischen Landwirten und Exekutive ließ ein Beamter seiner Wut freien Lauf: „Passts auf“, schrie der erregte Postenkommandant, „weil was bei euch im Keller liegt, das ist eine riesige Sauerei!“

Keiner der anwesenden Pressevertreter konnte mit der Andeutung etwas anfangen. Die Einheimischen aber wussten genau, was der Gendarm meinte: Viele der großen Weinproduzenten dieser Region panschten, was das Zeug hielt – von der halblegalen Zugabe von Zucker bis hin zur illegalen Beimischung von Diäthylenglykol, einem Frostschutzmittel, das extraktlosen Weinen den Anschein perfekter Spätlesen gab.

Es war das chemische Untersuchungsamt der Stadt Trier, im westlichsten Winkel der alten Bundesrepublik Deutschland gelegen, das den gärenden Skandal an die Öffentlichkeit brachte. Es destillierte unerlaubte Zusatzstoffe aus einigen österreichischen Spätlesen und informierte Öffentlichkeit und Behörden des Nachbarlandes. Mehrere „Weinfahnder“ des Landwirtschaftsministeriums begannen mit gezielten Kellerkontrollen, am 23. April 1985 ging Landwirtschaftsminister Günter Haiden an die Öffentlichkeit: „Wir haben Hinweise bekommen, dass dem Wein in einigen Betrieben ein chemisches Mittel beigefügt wird, durch das eine Extrakterhöhung eintritt.“ Haiden entlastete sogleich die kleinen Winzer und sprach von einer „Spätlese aus der Chemieküche“ – ein verhängnisvolles Zitat, das sich bald in jeder deutschen Tageszeitung wiederfand.

Nebenwirkungen. Fast zeitgleich kostete ein Weinskandal in Italien mehrere Menschen das Leben, doch es waren die Süßweine aus Österreich, welche die weltweite Empörung schürten. Von Japan bis Mexiko, von Kanada bis ins kommunistische Polen schlugen die Wellen hoch. Österreichischer Wein, ob gepanscht oder nicht, flog aus allen Regalen. Schwerkranke oder gar Tote waren freilich keine zu beklagen, die häufigsten Nebenwirkungen waren Übelkeit und Nierenbeschwerden.

Den ersten Untersuchungen folgten recht spät auch Verhaftungen. Ende Juli wurde der Golser Weinhändler Hans Sautner wegen Verdachts auf schweren gewerbsmäßigen Betrug inhaftiert, einige Tage später folgten vier weitere Weinmacher. Der Skandal weitete sich aus, als man in einer Spätlese der Gebrüder Grill aus Fels am Wagram die sagenhafte Menge von 48 Gramm Glykol feststellte – „absolute Vergiftungsgefahr“, wie die Behörde festhielt. Anfang August 1985 waren zwanzig Winzer und Kellermeister in Haft, Betriebe wurden geschlossen und deren Buchhaltung beschlagnahmt. Im Oktober 1985 kam es zu einer Reihe von Prozessen, die Urteile erstreckten sich von 15 Monaten bis zu zweieinhalb Jahren Haft. Der österreichische Weinexport, im Jahre 1984 noch 478.434 Hektoliter stark, sank bis 1986 auf 42.119 Hektoliter – eine ökonomische Katastrophe. Viele Winzer standen vor dem Ruin. Selbst die österreichischen Konsumenten, einst die verlässlichsten Abnehmer, tranken lieber italienischen Wein.

Da jeder Winzer gleichermaßen litt und vor dem Abgrund stand, wurden alle Rivalitäten begraben. Auch der Staat reagierte schnell: Österreich erhielt das strengste Weingesetz der Welt. Damit war der Boden für Reformen bereitet.

Neubeginn. Kurioserweise sorgten in den folgenden Jahren zunächst unbekannte Rotweine für Aufmerksamkeit. Nur die besten Trauben der Rebstöcke wurden etwa für den sagenhaftesten Blaufränkischen dieser Zeit gekeltert, den Ried Marienthal von Ernst Triebaumer. Auch andere Weinbauern begannen auszulesen und zu experimentieren, bauten ihre Weine in Barriques aus. Neben den alten Betontanks, den riesigen Kastanienfässern und den leicht angerosteten Stahltanks standen diese neuen, hellen Fässer wie Symbole für den Kulturbruch: klein statt groß, Auslese statt Menge, Qualität statt Masse.

Zwar konnte sich manch alteingesessener Weinbauer mit der neuen Praxis nur schwer anfreunden, doch der Generationswechsel beschleunigte den Umschwung. Der Nachwuchs kehrte von den Weinbauschulen in die elterlichen Betriebe zurück, viele hatten ihre Lehrjahre im Ausland absolviert. Diese avantgardistisch angehauchte Elite strebte nach Selbstverwirklichung; die Eltern mussten – noch unter dem Schock des Glykol-Skandals – ihre Entmachtung still erdulden.

Exporterfolge. Erste Erfolge bei internationalen Messen und der aufkommende Boom der heimischen Spitzengastronomie ließen die Nachfrage nach österreichischem Wein stetig steigen. Vor allem der Inlandsmarkt schulterte den Erfolg – und trägt ihn noch heute. Doch die internationale Stilistik der neuen österreichischen Weine zeitigte bald auch erstaunliche Exporterlöse. Es war nicht mehr nur plumpe Imitation, es war das selbstbezogene Weinmachen, die Verbindung neuer Techniken mit alten Fertigkeiten, die diesen Weinen neue Märkte erschloss. Und auch der verpönte Süßwein war wieder gefragt, der Illmitzer Winzer Alois Kracher wurde gar zum Lieblingsweinmacher von Robert Parker, dem international mächtigsten Verkoster der liquiden Börsenboom-Jahre.

Die Preise stiegen sprunghaft, eine Bouteille ab Hof konnte bald bis zu 30 Euro und mehr kosten, große Rieslinge von Franz Xaver Pichler waren unter hundert Euro gar nicht zu bekommen. Der einfache Konsument wandte sich ab, eine neue Mittelschicht nahm seinen Platz ein. Und die zögerte nicht zu kaufen, Flasche um Flasche.

Wer liefern konnte, wurde schnell wohlhabend und expandierte, Zukäufe wurden großzügig aus Krediten finanziert. Neue Keller entstanden, perfekt designte Tempel einer selbstbewussten Branche.

Doch das Ende der Fahnenstange wird nun sichtbar. Ein zweiter Rotweinboom sorgte Ende des vergangenen Jahrzehnts für ein Übermaß an Neuanpflanzungen, auch der Plafond bei Weißweinen ist erreicht. Mit der Einführung kontrollierter Weinregionen – den Anfang machte das Weinviertel – will die Österreichische Weinmarketinggesellschaft (ÖWM) nun Schablonen für österreichische Weine abseits der bekannten Namen und Marken etablieren. Synonyme wie DAC (Districtus Austriae Controllatus) sollen dem Konsumenten einen Weg durch den Wildwuchs weisen, der sich mit dem jüngsten Trend, der Wiederentdeckung autochthoner Sorten, rapide ausgebreitet hat. Nur: Das Neue kann kaum noch begeistern, die Öffentlichkeit nimmt heute von Markteinführungen weit weniger Notiz als noch vor zwei Jahren. Der Konsument verliert zusehends den Überblick.

Marketing. Diesen Befund teilt auch Heinz Kammerer, Gründer der Vinotheken-Kette Wein & Co: „Die nach wie vor starke Inlandsnachfrage hält zwar die Verkaufszahlen hoch, der Käufer ist aber weit weniger experimentierfreudig. Wer jetzt mit Neuem auf den Markt drängt, muss schon ein gutes Konzept haben. Beherztes Engagement allein reicht nicht mehr.“

„Leider“, so ein ungenannt bleiben wollender Verkoster, „scheint perfektes Handwerk allein kein Garant eines ökonomischen Erfolges zu bleiben. Vor allem jene Winzer, die die Usancen des Marketings nicht verstehen, bleiben auf ihren Flaschen sitzen. Sie werden zukünftig nur als Traubenlieferanten überleben.“ „Aber überall, wo ich das sage“, so der angesehene Fachautor weiter, „tritt man mir empört entgegen. Bei den kleinen Winzern herrscht sture Realitätsverweigerung.“ Nachsatz: „Wie vor zwanzig Jahren.“

Ein ebenfalls anonym bleiben wollender Vinothekar in der Wiener Innenstadt berichtet sogar von einem Rückgang der Verkäufe: „Völlig unerwartet haben wir in den ersten drei Monaten dieses Jahres weniger österreichischen Wein abgesetzt als noch im vergangenen Herbst. Das betrifft vor allem Flaschen über fünfzehn Euro. Ich hoffe, es kommt nicht zu einem ähnlichen Einbruch wie bei italienischem Wein, der sich seit dem Vorjahr nur mehr schwer verkaufen lässt.“

Konsumunlust. An der Exportfront stellt sich die Situation differenzierter dar. Zwar werden von Jahr zu Jahr weniger Flaschen verkauft, diese bringen aber mehr Geld auf die Konten der Winzer. Vor allem die Vinothekare des wichtigsten Exportlandes Deutschland leiden an der Konsumunlust ihrer Klientel. „Unglücklicherweise bleiben wir gerade auf unseren besten Flaschen aus Österreich sitzen“, berichtet der Verkäufer in der großen Mövenpick-Vinothek in Berlin Mitte. „Das ist auch kein Wunder, bei 40 Euro für einen einfachen Smaragd-Veltliner von Knoll. Da werde ich heuer nichts mehr nachbestellen.“

Einem eventuell bevorstehenden Exporteinbruch will die Weinmarketinggesellschaft mit neuen Initiativen begegnen. Umtriebig wird der Osten abgegrast, wo vor allem Weine aus Kalifornien, Chile, Australien und Neuseeland bestellt werden. Österreichs Vertreter haben es schwer, mit den Preisen dieser massenproduzierenden Länder mitzuhalten.

So drängt der Geschäftsführer der ÖWM, Michael Thurner, auch auf eine Lockerung des strengen Weingesetzes, die dem neuen Massengeschmack entgegenkommen soll: „Neue Weinbereitungsmethoden müssen im Hinblick auf die zunehmende internationale Verbreitung auch in Österreich diskutiert werden. In anderen Ländern sind diese schon längst üblich, bei uns sind die meisten nur in Großversuchen und unter Aufsicht erlaubt.“

Damit ist etwa der Einsatz von Zuchthefen gemeint, die den Traubengeschmack verstärken, die vermehrte Zuhilfenahme von Weinkonzentratoren, die dem Most das Wasser nehmen, oder gar die Zugabe geräucherter Holzscheite, die einem in Stahl ausgebauten Wein einen höherwertigen Fasston geben. Das alles klingt in den Ohren mancher Winzer und Enthusiasten wie der bevorstehende Weltuntergang. Von der Anrüchigkeit von Glykol oder anderer Panschereien sind diese Verbesserungsmethoden aber weit entfernt.

Welchen Stellenwert österreichischer Wein heute hat, erfährt man auch, wenn man in der Weinkarte des Berliner Restaurants 44 blättert. Hier, im Swissôtel am Kurfürstendamm, kocht Tim Raue, einer der kreativsten Köche Deutschlands. Seine Post-Fusion-Menüs verlangen nach kräftigen und ausdrucksstarken Weinen: einem Riesling Singerriedel von Franz Hirzberger etwa, der hier mit 132 Euro ausgewiesen wird; oder nach der gewaltigen Rotwein-Cuvée Titan des burgenländischen Winzers Josef Tesch, für die der Sommelier 139 Euro berechnet. Zum Vergleich: Eine Flasche Leoville las Cases – ein angesehener Bordeaux, in diesem Falle aus einem guten Jahrgang – kostet im selben Lokal 140 Euro. Der österreichische Winzer Tesch, ein Mann ohne Image und Namen, ist an den Star aus Frankreich bis auf einen Euro herangerückt. Wird dieser Wein auch verkauft?

Wachstumsgrenzen. Der Sommelier lächelt und verneint: Weder der Riesling aus der Wachau noch der burgenländische Rote würden von den Gästen angenommen. Inzwischen sind selbst bessere französische Weißweine aus dem Burgund billiger zu bekommen. „Was sich aber ohne Beredsamkeit verkaufen lässt, sind einfache, gut gemachte niederösterreichische Veltliner oder steirische Sauvignons. Diese Weine gehen weg wie warme Brötchen“, erzählt Hendrik Canis, Sommelier im Berliner Restaurant Vau. In der Oberliga, so die Botschaft, ist für Österreich im Ausland nur wenig zu holen; in Zeiten der ökonomischen Krise bestellen auch die Wohlhabenden lieber das Bekannte: Bordeaux und Burgund, Piemont und Toskana, Elsass und Mosel.

So garantiert auch im zwanzigsten Jahr nach dem Weinskandal fast ausschließlich die Inlandsnachfrage das ökonomische Auslangen von Österreichs Winzern; im Finale des einzigartigen Aufstiegs zeigen sich die Grenzen des Wachstums. Da hilft auch kein Schönreden: Der Phönix aus der Asche setzt zur Landung an. Manche werden das Aufsetzen nicht überleben.

Von Manfred Klimek