<i><small>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Eine kleine CIA-Verteidigung

Otto Schulmeister hat im Lichte der Geschichte eine milde Beurteilung verdient.

Ein posthumes Pech für Otto Schulmeister. Die CIA-Connection des ehemaligen Herausgebers der „Presse“ wurde von profil zu einem Zeitpunkt aufgedeckt, zu dem die Central Intelligence Agency den schlechtesten nur denkbaren Ruf genießt. Wie methodisch, kaltblütig und systematisch der amerikanische Auslandsgeheimdienst in Guantanamo, Abu Ghraib und den über die Welt verstreuten Geheimgefängnissen gefoltert hat, kann in den CIA-Memos, die auf Anweisung von Präsident Barack Obama veröffentlicht wurden, nachgelesen werden. Die Lektüre dieser Texte raubt einem den Atem. Man glaubt sich Jahrhunderte – in die Zeit der Heiligen Inquisition – zurückversetzt.

Und mit dieser furchtbaren CIA hat Otto Schulmeister, der journalistische Retter des Abendlandes und für viele einst eine medial-moralische Instanz Österreichs, kooperiert? Um es klar zu sagen: Das aktuelle Image des Geheimdienstes wirft ein falsches Licht auf die Beziehung von Schulmeister und anderen österreichischen Journalisten zur CIA. Die Kollaboration Schulmeisters, der sich immer seiner Unabhängigkeit rühmte, war bedenklich, gewiss. Aber bei Weitem nicht so bedenklich, wie man meinen könnte, wenn man dar­über bloß im Kontext der aktuellen Berichterstattung über die Umtriebe der amerikanischen Spionage liest. Im geschichtlichen Zusammenhang sieht die Sache anders aus.

Sympathisch war die CIA wohl nie. Das sind Geheimdienste selten. Tarnen und Täuschen ist ihre Aufgabe. Und da geht es auch zuweilen brutal und kriminell zu. Und zimperlich war die CIA in ihrer 62-jährigen Geschichte nie. Da hilft es nicht, wenn man betont, dass im Kalten Krieg die USA als Führung des demokratischen Westens letztlich die Guten und die totalitären Sowjets die Bösen waren – die Blockkonfrontation hat Grausliches auf beiden Seiten generiert.

Bis in die siebziger Jahre unterstützte oder organisierte die CIA rechtsgerichtete Militärputsche gegen demokratisch gewählte Regierungen: etwa in Guatemala (1954), Brasilien (1964) und Chile (1973). Als 1953 der gewählte persische Premier Mossadegh die Ölindustrie verstaatlichen wollte, stürzte ihn der amerikanische Geheimdienst und setzte den Schah Reza Pahlevi ein. Die CIA hielt diesen und andere grausame und blutrünstige Diktatoren wie Noriega in Panama, Somoza in Nicaragua oder Marcos auf den Philippinen lange Jahre hindurch an der Macht. Während des Vietnamkriegs wurden Kriegsgegner auf der ganzen Welt systematisch bespitzelt. Und das ist nur ein kleiner Teil des CIA-Sündenregisters.

Neben dieser dunklen Seite gibt es jedoch auch eine hellere. Etwa die geheimdienstliche Kulturpolitik. Natürlich ging es den USA nach 1945 darum, die kulturelle Hegemonie zu erringen. Aber siehe da: Während in den USA der „Hexenjäger“ Joseph McCarthy alles, was links oder nur liberal war, wegen „antiamerikanischer Umtriebe“ vor Gericht zerrte und dumpf-antikommunistische Paranoia jenseits des Atlantiks herrschte, förderte und finanzierte die CIA über unzählige Deckorganisationen weltweit das Avancierteste, was es damals an Kunst gab. Gegen den lange durch die verschiedensten Faschismen versauten Geschmack der westeuropäischen Eliten und gegen den Konservativismus der Doktrin des östlichen „Sozialistischen Realismus“ setzte man ganz gezielt auf den „abstrakten Expressionismus“ von Malern wie Jackson Pollock und Mark Rothko – heute die Superstars der klassischen Moderne. CIA-Gelder sorgten auch dafür, dass die moderne Musik – Atonales, Zwölfton, Serielles – in den Konzertsälen aufgeführt und durch den Rundfunk ausgestrahlt wurde. So paradox es klingen mag: Auf der kulturellen Ebene setzte sich nach 1945 der Fortschritt auf dem geheimen Dienstweg durch.

Auch die europäische Nachkriegs-Intelligenz hatte in der CIA einen generösen Mäzen. Kaum einer der großen Intellektuellen – vorausgesetzt, er dachte antikommunistisch – war damals nicht mit dem amerikanischen Geheimdienst verbandelt: Die Crème de la Crème der Dichter und Denker, von Arthur Köstler bis Hannah Arendt, von George Orwell bis Raymond Aron und von Mary McCarthy bis Albert Camus – alle waren eingebunden in ein fein gesponnenes CIA-Netz. Unzählige Zeitschriften wurden gegründet, Stipendien vergeben, manche der Intellektuellen waren direkt angeworben, mancher, wie Orwell, spielte den willigen Informanten. In Washington konzentrierte man sich im Übrigen bei diesem Propaganda-Unternehmen vor allem auf antistalinistische Linke, auf demokratische Sozialisten oder Ex-Kommunisten. Die konnten – ob sie, wie die meisten unter ihnen, nun wussten, mit wem sie da kollaborierten, oder nicht – am besten die Doppelaufgabe erfüllen: gegen die in den Köpfen der Menschen noch präsente Nazi-Ideologie anschreiben und gleichzeitig den Sowjetkommunismus und seine intellektuellen „Fellow Traveller“ bekämpfen.

Der ehemalige aktive Nationalsozialist Otto Schulmeister befand sich mit seiner CIA-Connection also in durchaus guter Gesellschaft. Und bei der Beziehung der USA zu den Medien darf man auch nicht vergessen: Da ging es ja nicht nur um Kalte-Krieg-Propaganda. In Deutschland und Österreich lag der Journalismus nach 1945 am Boden. Der nicht kleine jüdische Teil dieser Zunft war ermordet worden oder emigriert. Und die jetzt in den Redaktionen saßen, hatten ihr Metier in Nazi-Propagandablättern gelernt. Da musste erst durch „Reeducation“ ein moderner, professioneller und einer Demokratie angemessener Journalismus geschaffen werden. Dabei spielte der US-Auslandsgeheimdienst eine nicht zu unterschätzende positive Rolle. Die Geschichte der CIA ist eben nicht nur eine Kriminalgeschichte, sondern eine der Ambivalenzen und Widersprüche. In diesen steckte auch Otto Schulmeister.

georg.ostenhof@profil.at