<i><small>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Kant, Obama und der Fortschritt

Die Wende in den USA widerlegt die Argumente der Geschichtspessimisten.

Dass Glück nicht von Dauer ist und Begeisterung eine flüchtige Gefühlsregung, weiß man. Gemessen an dieser trivialen Erkenntnis hält die Freudenstimmung angesichts des Regierungswechsels in den USA von George W. Bush zu Barack H. Obama bereits erstaunlich lange an. Einen vorläufig letzten Überschwang der Emotionen erlebte die Welt Dienstag vergangener Woche. Über zwei Millionen Menschen waren in Washington bei bitterer Kälte vor dem Kapitol zusammengeströmt, um mitzuerleben, wie Oba­ma seinen Amtseid ablegte. Über eine Milliarde Menschen in aller Welt verfolgten über die TV-Bildschirme die Inaugurationsfeier und ließen sich dann von dem neuen US-Präsidenten faszinieren, der mit First Lady Michelle Obama elegant quasi in den Sonnenaufgang einer neuen Zeit tanzte.

Doch schon mahnen viele zur Nüchternheit, schon spöttelt so mancher über Obama-Kitsch und findet die „Obamania“ zusehends nervig. Bange Fragen werden allerorten gestellt: Kann der neue Bewohner des Weißen Hauses mit seiner Mannschaft, die so wenig radikal ist, den versprochenen großen Wandel herbeiführen? Wird er womöglich nur ein Bush mit menschlicherem Antlitz sein? Sind die Probleme, denen sich Obama gegenübersieht, nicht von einer Größe, die sein Scheitern unvermeidlich machen? Ist also die globale Begeisterung für Obama nur Naivität der Massen, machen sich die Obama-Fans zu viele Illusionen? Um all diese Fragen zu beantworten, gilt es zu ergründen, was die aktuelle Euphorie, die der Machtwechsel in Washington hervorgerufen hat, letztlich bedeutet.

Einen Hinweis gibt Immanuel Kant, der deutsche Aufklärungsphilosoph des 18. Jahrhunderts, in seiner Schrift „Streit der Fakultäten“, in der er sich unter anderem mit der Französischen Revolution beschäftigt: „Die Revolution eines geistreichen Volks, die wir in unseren Tagen haben vor sich gehen sehen, mag gelingen oder scheitern ... diese Revolution findet doch in den Gemüthern aller Zuschauer (die nicht selbst in diesem Spiele mit verwickelt sind) eine Theilnehmung, ... die nahe an Enthusiasmus grenzet“, schreibt er. Dieser Enthusiasmus sei aber weniger von den realen Gegebenheiten und Vorgängen erzeugt als vielmehr dem blitzartigen Erkennen einer geschichtlichen Möglichkeit geschuldet – im Falle der Französischen Revolution der Möglichkeit von Freiheit und Gleichheit. Der Sturm der Bastille war – meint der Königsberger Denker – ein „Geschichtszeichen“. Und es war nach Kant vor allem der universelle Enthusiasmus, der die französischen Ereignisse so geschichtsmächtig machte.

Fortschritt ist möglich. Das war die Botschaft aus Paris: „Ein solches Phänomen in der Menschheitsgeschichte vergisst sich nicht mehr, weil es eine Anlage und ein Vermögen in der menschlichen Natur zum Besseren aufgedeckt hat, dergleichen kein Politiker aus dem bisherigen Lauf der Dinge herausgeklügelt hätte.“ Die Revolution mag laut Kant fehlschlagen oder „doch wiederum alles ins vorige Gleis zurückgebracht“ werden – dennoch: „Die Begebenheit ist zu groß, zu sehr mit dem Interesse der Menschheit verwebt, als dass sie nicht den Völkern bei irgendeiner Veranlassung günstiger Umstände in Erinnerung gebracht und zu Wiederholung neuer Versuche dieser Art erweckt werden sollte.“ Für 1789 stimmt das gewiss. Frankreich erlebte nach der Revolution: Terror, Restauration, Kriege und alle Furchtbarkeiten des 20. Jahrhunderts. Die Ideen und Hoffnungen von damals aber blieben Movens der Weltgeschichte – bis heute.

Der slowenische Psychoanalytiker und Essayist Slavoj Zizek, der im Zuge seiner Beschäftigung mit der politischen Wende in den USA als Erster auf Kant gestoßen ist, sieht im Einzug Obamas ins Weiße Haus ebenfalls ein „Geschichtszeichen“. Ein Zeichen, in dem die Erinnerung an die Sklaverei und den langen Kampf dagegen mitschwingt, ein Zeichen, in dem die Hoffnung enthalten ist, dass dereinst die Völker dieser Welt, welcher Hautfarbe sie auch sein mögen, gleichberechtigt miteinander leben können, ein Zeichen auch, mit dem signalisiert wird: Die Welt bleibt nicht, wie sie ist. Sie kann sich zum Besseren verändern.

Da mag Obamas Einzug ins Weiße Haus als Signum weniger stark sein als der Sturm auf die Bastille, aber das Phänomen Obama widerlegt kraftvoll gleich mehrere Ideologien: jene der Zyniker des Status quo, die meinen, die Hoffnung auf geschichtlichen Fortschritt sei vergebens, der missmutigen Apokalyptiker, welche die Menschheit dem Untergang geweiht sehen, und der selbst ernannten Realisten, die überzeugt sind, Unrecht und Ungleichheit seien naturgegeben. Es sind dieselben, die etwa vor 1968 wortreich die politische Apathie der Jugend beklagten, die noch 1988 glauben machten, die Politbüros im Osten würden auf immer herrschen, und die bis vor Kurzem den Rassismus in den USA für eine unverrückbare Größe gehalten haben.

Die Welle der Begeisterung für Obama wird nun ein wenig abebben. Nüchternheit ist durchaus angesagt. Und es ist ja tatsächlich möglich, dass der neue amerikanische Präsident die Erwartungen, die er erweckt hat, nicht erfüllen wird können. Ja, Obama kann scheitern. Trotzdem bleibt: Das amerikanische Wunder, das die Welt in diesen Wochen und Monaten so begeistert, „vergisst sich nicht mehr“, wie Kant formuliert. Auch kann man Slavoj Zizeks Ratschlag folgen: Die Illusionen mögen nicht aufgegeben werden, im Gegenteil – es gilt, sie zu nützen.

georg.ostenhof@profil.at