<i><small>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Opernführer Marx

Wie Chinas Kommunisten aus Angst vor den Arbeitern den Kapitalismus retten.

Ein japanischer Theoretiker hat schon einmal versucht, es in mathematische Formeln zu gießen. Der berühmte sowjetische Regisseur Sergej Eisenstein machte sich daran, es zu verfilmen. Und Generationen von jungen Linken wollten es verstehen: „Das Kapital“. Alle scheiterten irgendwie: Karl Marx’ dreibändige Grundlage der politischen Ökonomie ist offenbar ein zu spröder und komplizierter Text. Nun soll er doch noch einem breiten Publikum nahegebracht werden, in Form einer Oper. Kommendes Jahr soll die Bibel der marxistischen Wirtschaftstheorie auf einer Schanghaier Bühne gesungen werden.

Der für seine spritzigen Parodien von fernöstlichen Martial-Arts-Filmen bekannte Regisseur He Nian ist fest entschlossen, den Kampf der Klassen mit Arien, Chören und Belcanto zu inszenieren. Dabei borgt er sich Elemente von Broadway-Musicals und Las-Vegas-Shows. Die Marx’sche Lehre soll jedoch unverfälscht von der Bühne herabgeschmettert werden, versichert Herr He. Und die Handlung liegt schon in Grundzügen vor: Im ersten Akt entdecken die Arbeiter einer Fabrik, dass sie Mehrwert produzieren, den sich der Kapitalist aneignet, dass sie also ausgebeutet werden. Im zweiten Akt ziehen sie daraus die Konsequenzen.

Aber anders als im Kommunistischen Manifest, wo sich die Proletarier zusammenschließen, „um alle Verhältnisse, in denen der Mensch ein geknechtetes und erniedrigtes Wesen ist, umzustoßen“, machen in Hes Oper die chinesischen Arbeiter etwas anderes. Die einen hackeln einfach weiter wie zuvor, andere planen den Aufstand, eine Gruppe der Arbeiter aber beschreitet einen dritten Weg: Sie treten in Kollektivverhandlungen ein. Und, wie es aussieht, triumphieren im dritten Akt die sozialpartnerschaftlich agierenden Proleten.

Ob dieses seltsame Singspiel wirklich so lustig anzuschauen sein wird, wie He verspricht, ist zu bezweifeln. Eins jedoch ist jetzt schon klar: Das Regime in Peking hatte bei der Inszenierung der Oper sicher einiges mitzureden. Ohne Zustimmung von ganz oben ist in China ein derartiges Kulturprojekt nicht zu realisieren.

Was also will die Führung der chinesischen Kommunisten? Sie will offenbar mit dem in Musik gesetzten „Kapital“ die Arbeiterklasse, in deren Namen die KP herrscht, davon abhalten, Revolution gegen ein System kapitalistischer Ausbeutung zu machen, das unter kommunistischer Führung in den vergangenen dreißig Jahren etabliert wurde – geradezu eine Kaskade von Paradoxa.

Der Hintergrund: Nicht erst seit China von der Weltwirtschaftskrise erfasst ist, aber jetzt besonders, geht dort die panische Angst um, die Arbeiter könnten zu rebellieren beginnen. Die wachsende Arbeitslosigkeit und die immer größer werdenden Einkommensunterschiede „sind die noch nie da gewesenen Herausforderungen“, vor denen die chinesische Politik steht. So formulierte der Volkskongress Anfang März ganz offen. Und wenn man sich die Zusammensetzung des in Peking geschnürten gewaltigen Konjunkturpakets von umgerechnet rund einer halben Billion Euro genauer ansieht, dann wird klar, dass es sich dabei um einen New Deal im Stil des Wirtschaftsprogramms von Franklin D. Roosevelt in den USA der dreißiger Jahre handelt. Damit soll vor allem die soziale Krisensituation entschärft werden: Der Großteil der Investitionen zielt auf neue Eisenbahnen, Schnellstraßen, sozialen Wohnungsbau, die Modernisierung und Industrialisierung unterentwickelter Landgebiete, den Aufbau einer bisher fehlenden sozialen und medizinischen Grundver­sorgung für Bauern und nicht städtische Arbeiter und groß angelegte Arbeitsbeschaffungs- und Umschulungspro­gramme. Offensichtlich soll die Erhöhung der Ausgaben für die öffentliche Sicherheit um ein Drittel auch die drohende Explosion von Sozialkonflikten verhindern.

Und siehe da: Der Pekinger New Deal wirkt. Zwar wird der Plan der chinesischen Regierung, die Wirtschaft dieses Jahr um 7,5 Prozent wachsen zu lassen, nicht einzuhalten sein. Ein Wachstum von 6,5 Prozent sagt die Weltbank voraus. Aber sie diagnostiziert auch: Chinas Ökonomie zeigt Anzeichen der Stabilisierung, die öffentlichen Investitionen kompensieren tendenziell den Absturz der chinesischen Exportwirtschaft. „China managt den globalen Wirtschaftsabschwung besser als die meisten anderen Nationen.“ Und werde schneller aus den Tiefen der Krise herauskommen.

Man muss aber auch sagen, dass die Führung in China bessere Voraussetzungen als andere Regierungen hat. Der Exportboom der vergangenen drei Jahrzehnte hat die Staatskassen prall gefüllt, die meisten westlichen Länder hingegen sind schwer verschuldet. Die Banken sind schon staatlich und müssen nicht erst wie im Westen verstaatlicht werden. Und offensichtlich kann in einer so gewaltigen Krise eine klug agierende kommunistische Diktatur schneller und effektiver wirtschaftlich handeln als kapitalistische Demokratien.

Die Angst vor dem Proletariat ist eine der wesentlichen Triebfedern für Pekings Politik. Es sieht ganz so aus, als ob man die viel beschworene Chance, die in der Krise steckt, nutzen würde. Kann China diesmal einen wirklichen „großen Sprung vorwärts“ machen und mit seinem massiven Modernisierungsprogramm wieder auf Erfolgskurs gehen? Wenn das so kommt, dann ist die Hoffnung angebracht, dass Chinas Ökonomie – sie ist inzwischen immerhin die weltweit drittgrößte – die Lokomotive spielt, welche die Weltwirtschaft aus dem Sumpf herauszieht. Fernöstliche Kommunisten als Retter des globalen Kapitalismus – wenn das nicht ein prachtvolles Sujet für eine große Oper ist.

georg.ostenhof@profil.at