Gesamtschule als Privatschule

Wie man die ÖVP bei der eigenen Ideologie packen und ihren Widerstand vielleicht doch knacken könnte.

Wann immer man derzeit Zahlen aus der österreichischen Wirtschaft im europäischen Vergleich betrachtet, zählen sie zu den besten: von der besonders niedrigen Arbeitslosigkeit über den besonders hohen Produktivitätszuwachs bis zur gestiegenen Standortattraktivität.
Das ist ein Verdienst der abgewählten Regierung Schüssel, denn wirtschaftliche Entwicklungen dieser Art haben eine Vorlaufzeit von wenigstens vier, fünf Jahren.

Wenn man die Qualität einer Regierung alleine am wirtschaftlichen Erfolg misst – wenn man den Aufstieg „nationaler“ Koalitionspartner in hohe Staatsämter völlig negiert –, hat die ÖVP die Wahlen zu Unrecht verloren.
Vielleicht erklärt das ihre fortgesetzte Weigerung, sich auch nur entfernt als Koalitionspartner der Regierung Gusenbauer zu sehen.

Bei jeder zweiten Wortmeldung vermitteln Molterer & Co bis hin zur Körpersprache: Wir wollen diese Regierung nicht – sie möge scheitern.
Die Eurofighter waren kein taugliches Mittel. Es mochte hundertmal geschrieben werden, dass die SPÖ ihr Wahlversprechen, sie zu verhindern, gebrochen hat – auch schon die Reduzierung wurde ihr gutgeschrieben. Das war kein Thema, den Bruch und Neuwahlen zu provozieren. Die „Gesamtschule“ hingegen könnte eines sein, denn:
E Die Bevölkerung hat in der Sache wenig Ahnung, und daher fällt es leicht, sie mit Neuem zu schrecken.

E Vor allem aber will jenes „bürgerliche Lager“, dem längst auch die Aufsteiger der SPÖ angehören, seinen Kindern den Vorsprung bewahren, den es ihnen durch das Privileg eines AHS-Besuches mit auf den Lebensweg gibt.

Dass „die Wirtschaft“ die Gesamtschule bejaht, wiegt in der ÖVP wie in der Bevölkerung weit geringer, als dass die Lehrergewerkschaft sie ablehnt, denn von der nimmt man an, dass sie sich in Schulfragen auskennt.

Alles in allem: Ein guter Boden für die schwarzen Totschlagworte vom „Schuleintopf“ und „Einheitsbrei“ – auch wenn die Gesamtschule das Gegenteil davon ist.

Deshalb halte ich es für durchaus möglich, dass die ÖVP die Schulfrage im geeigneten Moment doch zur Koalitionsfrage macht: etwa, indem sie ein Volksbegehren „für die Beibehaltung des erfolgreichen differenzierten Schulsystems“ initiiert, das laut Umfragen zu erwartende, für sie positive Resultat erntet und der SPÖ dann vorwirft, sich „über den offenkundigen Willen der Mehrheit hinwegzusetzen“.

Ich hätte es deshalb für weniger riskant und letztlich erfolgreicher gehalten, hätte die Unterrichtsministerin „kleiner“ begonnen: beim viel schwerer zu diffamierenden Vorschuljahr, bei dem die schwarze Ablehnungsfront viel leichter zu durchbrechen gewesen wäre. Zumal ich – wiewohl ein Anhänger der Gesamtschule – das Vorschuljahr für die wichtigere Reform halte: Vor allem anderen müssen die Kinder auf ein einigermaßen brauchbares Sprachniveau gebracht werden, und das geht umso besser, je jünger sie sind.

Eine solche Reform hätte zwar eine Menge gekostet, aber weit weniger Staub aufgewirbelt, weniger Totschlagargumente erlaubt und wäre im Resultat mit Sicherheit ein Erfolg gewesen.

Beim stattdessen geplanten Gesamtschul-„Fleckerlteppich“ bin ich dessen weit weniger sicher. Selbst wo er funktioniert, werden die Gegner immer einwenden können, dass es keinen „fairen“ Vergleich zwischen Normschulen und solchen Schulen geben kann, die „aufgrund des besonderen Engagements der Lehrer“ an einem Versuch teilnehmen. Vor allem aber scheinen mir die entscheidenden Voraussetzungen für eine funktionierende Gesamtschule vorerst nicht gegeben: nämlich mehr Lehrer und mehr Räume, das heißt sehr viel mehr Geld.

Man kann, so fürchte ich, die Gesamtschule beim besten Willen nicht erfolgreich gegen einen Koalitionspartner einführen, der nur danach sinnt, wie er die Zusammenarbeit sprengen und die folgenden Neuwahlen gewinnen kann.

Warum unternimmt die Unterrichtsministerin ihren Gesamtschulversuch nicht über einen Umweg, den die ÖVP aus ideologischen Gründen kaum ablehnen könnte: eine massive Vergrößerung des Privatschulsektors unter folgenden Bedingungen:
E Diese Schulen erhalten pro Schüler und Schuljahr genau den gleichen Betrag, den der Staat derzeit pro Schüler und Schuljahr einer öffentlichen Schule ausgibt.

E Voraussetzung für diese Zahlungen ist, dass die Schule jeden Schüler, gleich welchen Volksschulabschluss er ausweist, aufnimmt und dass der Betreffende letztlich einen Schulabschluss auf dem Niveau öffentlicher Schulen schafft.

E Gleichzeitig wird die Gründung solcher Privatschulen rechtlich maximal erleichtert, und es werden ihnen minimale interne Vorschriften gemacht.
Ich bin überzeugt, dass sich serienweise Betreiber solcher neuer Privatschulen fänden, weil diese durchaus ein Geschäft wären. Der Staat gibt nämlich pro Jahr und Schüler erstaunlich viel Geld aus, das ihm im Wege dieser „Schulprivatisierung“ zur Verfügung stünde. (Natürlich wäre wegen der ÖVP auch die Förderung der konfessionellen Privatschulen auf dieses Niveau anzuheben.)

De facto entstünden aufgrund der Vorgaben durchwegs „Gesamtschulen“. Auch wenn sie, wie alle Privatschulen, vorerst – trotz öffentlich finanzierter Werbung im Migrantenmilieu – eher von „Privilegierten“ genützt würden, wüchsen auf diese Weise jene Gesamtschul-„Leuchttürme“, von denen die Unterrichtsministerin hofft, dass sie die Österreicher letztlich von diesem Modell überzeugen.