Geschichte: Das Kreuz mit der Wissenschaft

Seit Jahrhunderten plagt sich die katholische Kirche mit neuen Erkenntnissen der Forschung.

Ganz in Weiß trat der greise Galileio Galilei 1633 vor die Inquisition. Damit wollte er Demut signalisieren, und wahrscheinlich bewahrte ihn diese symbolische Geste vor dem Scheiterhaufen. Sonst waren die Richter streng: Sie verlangten das öffentliche Widerrufen der These, wonach die Erde um die Sonne kreise, und schickten Galileo für den Rest seines Lebens in Hausarrest. Schlimmer als den Wissenschafter traf das Urteil auf lange Sicht jedoch die Kirche selbst: Die Institution hatte sich rationalen Argumenten allzu starrköpfig verschlossen – ein PR-Super-GAU, der das Image des Vatikans nachhaltig prägen sollte.

Tatsächlich gestaltete sich der Wettstreit der Welterklärungsmodelle über Jahrhunderte äußerst brutal. Forscher wurden exkommuniziert oder, wie der Astronom Giordano Bruno, auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Die Kirche war allerdings auch großzügigster Sponsor der Wissenschaft, wobei es weniger um Grundlagenforschung als um konkrete Gegenleistungen ging. Besonderes Interesse hatte die Kirche naturgemäß am Himmel. Von dort erwartete sie Hilfe bei der Festlegung des höchsten kirchlichen Feiertages. Traditionell legte der Vatikan das Osterfest auf den ersten Sonntag nach dem ersten Vollmond nach Frühlingsbeginn. Doch wann beginnt rein kalendarisch der Frühling? Der lange verwendete julianische Kalender stand bereits im 12. Jahrhundert wegen fehlender Schaltjahre kaum mit den natürlichen Jahreszeiten in Einklang.

1576 gestattete Papst Gregor XIII. die Nutzung der Basilika von San Petronio in Bologna als Sonnenbeobachtungswarte. Der Dominikanerpater Egnatio Danti ließ ein kleines Loch in die südliche Kirchenmauer schlagen, durch welches die Sonne einen dünnen Strahl in den Dom werfen konnte. Eine in den Steinboden eingearbeitete Metallleiste markierte jene Punkte, die im Verlauf des Jahres jeweils exakt zu Mittag angeleuchtet wurden. Derart konnte Danti die Sonnenwenden zuverlässig bestimmen. Kurz darauf führte Papst Gregor den gregorianischen Kalender ein. Danti erhielt zur Belohnung die Erlaubnis, ein weiteres Observatorium zu installieren: im Turm der Winde im Vatikan. Auf ähnliche Weise wurden in Paris, Mailand und Antwerpen Gotteshäuser als Observatorien genutzt.

Am kreativsten wusste Giovanni Cassini mit diesen Instrumenten umzugehen. Seine Arbeiten trugen sogar dazu bei, das geozentrische Weltbild zu stürzen. 1652 überredete Cassini, bekannt für seine Entdeckung der Saturnmonde und -ringe, die Domverantwortlichen in Bologna, Dantis Observatorium zu verbessern. Das Lichtloch wurde um 30 Meter nach oben versetzt. Wie in einer überdimensionalen Lochkamera entstand am Kirchenboden ein maßstabsgetreues Abbild der Sonne. Exakte Vermessungen dieser Projektion zeigten, dass das Zentralgestirn im Verlauf des Jahres offenbar seine Größe ändert. Für Cassini war dieser Umstand erklärbar: Die Umlaufbahn der Erde um die Sonne bildet keinen perfekten Kreis, sondern eine Ellipse (was Johannes Kepler bereits 1609 behauptet hatte). Daher ändert sich ihr Abstand laufend, und das Zentralgestirn scheint seine Größe zu verändern.

Imagepflege. 1891 gründete Papst Leo XIII. ein eigenes Observatorium im Vatikan. Wieder ging es nicht nur um Forschung, sondern auch um das Image: Das Observatorium sollte als Beweis dafür dienen, dass die Kirche nichts gegen solide Wissenschaft hatte.

Leos Vorgänger Pius IX. annullierte 1869 das fast 100 Jahre gültige Dogma, wonach ein männlicher Fötus 40 Tage nach der Befruchtung, ein weiblicher indes erst nach 90 Tagen beseelt werde. Dass sich hingegen der Mönch Gregor Mendel lieber um Erbsenbeete als um den Gottesacker seines Klosters in Brünn kümmerte und damit die Basis für die Vererbungslehre schuf, blieb außerhalb des Radius kirchlicher Kontrolle.

Viel später bot Johannes Paul II. in seiner 13. Enzyklika eine Art Waffenstillstand an: „Glaube und Vernunft sind die beiden Flügel, mit denen sich der menschliche Geist zur Betrachtung der Wahrheit erhebt“, verkündete er. Er lud gar den im Rollstuhl sitzenden Astrophysiker Stephen Hawking zu einer Audienz in den Vatikan. Um den mit kaum vernehmbarer Stimme sprechenden Forscher besser verstehen zu können, beugte der Papst seinen Kopf in dessen Richtung, was wie eine Verneigung aussah. „Die Dinge haben sich ganz schön verändert seit Galileo“, meinte ein anwesender Forscher.

Was der Papst zu hören bekam, grenzte an Häresie: Seine Arbeit – die Anwendung der Quantenmechanik auf den Moment des Urknalls – habe gezeigt, dass ein solches Ereignis ohne Zutun eines Gottes möglich wäre, so Hawking. Dies sei jedoch kein Beweis dafür, dass es Gott nicht gibt, fügte er hinzu.

Die beiden Lehren erscheinen tatsächlich kompatibel: Die Urknalltheorie lässt sich als naturwissenschaftliches Pendant zur biblischen Schöpfungsgeschichte lesen. Denn was vor dem Urknall war, können Forscher bis heute nicht erklären. In diesem Vakuum könnte durchaus Platz für einen Schöpfer sein, der aus dem Nichts das Universum erschuf. Selbst Roger Penrose, Atheist und Doyen der Urknallforschung, meinte jüngst in einem Interview über Erklärungen des Urknalls: „Gott ist keine gute Theorie. Aber er ist eine bessere Theorie als die, die ich bisher gesehen habe.“

Der amerikanische Jesuit und Astrophysiker George Coyne leitet heute das päpstliche Observatorium mit 13 Mitarbeitern in der päpstlichen Sommerresidenz in Castelgandolfo und an einer Außenstelle in Arizona. Er könne sich die Entstehung des Universums nach streng physikalischen Gesetzmäßigkeiten und ohne jeglichen Eingriff einer höheren Intelligenz sehr wohl erklären, so Coyne. Listiger Nachsatz: Die Gabe, sich dies vorzustellen, habe er wohl von Gott bekommen.

Dass spirituelle Autoritäten auch entspannter auf Erkenntnisse der Wissenschaft reagieren können, beweist der Dalai Lama. Das religiöse Oberhaupt der tibetischen Buddhisten ließ sich einst vom Wiener Experimentalphysiker Anton Zeilinger die Quantenmechanik erklären. Eine fundamentale Erkenntnis ist dabei das Prinzip echten Zufalls. In der Welt der Atome gibt es Ereignisse, die keine Ursache haben – etwa der Zerfall von radioaktiven Atomen. Im Buddhismus dagegen gibt es für alles eine Ursache. Lächelnd meinte der Dalai Lama, die Forscher sollten besser noch einmal nachsehen, ob die beobachteten Zufälle nicht doch eine bisher unbekannte Ursache hätten: „Und wenn ihr wirklich nichts findet, müssen wir eben unsere Religion ändern.“

Gottfried Derka