Geschichte: Der andere Kolumbus - Hehrer Entdecker oder selbstherrlicher Fanatiker?

Die Schulbücher skizzieren ihn immer noch als hehren Entdecker Amerikas. 500 Jahre nach seinem Tod zeichnet die neueste Geschichtsforschung Christoph Kolumbus als begnadeten Seefahrer, der schon von Zeitgenossen eher als selbstherrlicher Fanatiker denn als großer Entdecker gesehen wurde.

Kolumbus und wie er die Welt sah: Im Wiener Globenmuseum ist sein Bild der Erde hinter dickem Vitrinenglas zu betrachten. Der „Erdapfel“ des Martin Behaim, so groß wie ein Wasserball, den ein Kleinkind gerade noch halb umfassen kann, ist eine Replik des ältesten noch erhaltenen Globus der Welt; das Original befindet sich in Behaims Heimatstadt Nürnberg. Dort ließ der weit gereiste Kartograf und Astronom sein geografisches Wissen auf eine Kugel aus Leinen, Leder, Holz und Papier bannen.

Was den Erdball, neben seiner Einzigartigkeit, aber so bemerkenswert macht, ist vor allem der Zeitpunkt seiner Entstehung: 1492. Während der Deutsche den Atlantik seines „Erdapfels“ mit Inseln verziert, von denen niemand weiß, ob es sie wirklich gibt, und Karavellen mit geblähten Segeln auf unbekannte Seewege platziert, ist Kolumbus gerade zum ersten Mal unterwegs, um den Westweg nach „Las Indias“, wie der asiatische Kontinent aus chinesischen Landmassen und zahllosen Eilanden damals genannt wird, zu finden. Viermal wird er in den folgenden zwölf Jahren versuchen, die indischen Länder zu erforschen; seine Annahmen über die Ausdehnung der Meere bleiben, obwohl es nur Spekulationen über eine Bekanntschaft der beiden gibt, ident mit jenen Behaims.

„Ein letztes Mal wurde hier das alte Weltbild vor Kolumbus zementiert“, sagt Jan Mokre, der Direktor des Globenmuseums, über sein kostbares Ausstellungsstück. Und Behaim macht dieselben Fehler wie der berühmte Seefahrer. Wie schon der antike Alexandriner Claudius Ptolemäus unterschätzt er den Erdumfang um mehr als 10.000 Kilometer, sein Asien ragt viel zu weit gegen Osten, und das seit Marco Polo als „Goldland“ verklärte Cipangu, das heutige Japan, liegt überdimensional weit vom asiatischen Festland entfernt und rückt somit noch ein Stück näher an Europa.

Kurzum: Es ist eine Welt ganz im Sinne von Christoph Kolumbus. Der Seemann zimmert sie sich aus ähnlichen Quellen wie Behaim zusammen, lässt weg, was ihm nicht ins Konzept passt, und streicht heraus, was diesem entspricht. Der Planet sei kleiner, als es heißt, argumentiert er während seines Werbens um Unterstützung für die große Fahrt nach Indien immer wieder, und einmal notiert er an den Rand eines geografischen Bandes in seiner umfangreichen Bibliothek: „Zwischen dem Ende Spaniens und dem Anfang Indiens ist das Meer nicht breit und in wenigen Tagen zu überqueren.“ Nach 800 Leguas, etwa 4400 Kilometern, werde er auf asiatisches Land stoßen, beteuert er, und weil er später ziemlich genau nach dieser Strecke auf den Bahamas landet, fällt es ihm leicht, auf seiner Einschätzung zu beharren; in Wahrheit liegt Japan viermal so weit entfernt.

Aber so ist Kolumbus nun einmal, nicht nur bei den Berechnungen seiner Westfahrt, sondern auch bei der Konstruktion seiner Biografie und bei der Durchsetzung seiner materiellen Interessen. Heute, genau 500 Jahre nach seinem einsamen Tod in Vallodolid am 20. Mai 1506, rücken neue Biografien wieder die Person Christoph Kolumbus ins Blickfeld. Der legendäre Irrtum und das legendäre Beharren darauf – kein verzeihlicher Rechenfehler aufgrund des fehlerhaften Wissensstandes seiner Zeit, sondern unausweichliche Konsequenz einer schwierigen Persönlichkeit?

Maßloser Ehrgeiz. Vernichtend erscheint das Urteil der Heidelberger Literatur- und Kulturwissenschafterin Frauke Gewecke über den großen Mann: „Kolumbus’ maßloser Ehrgeiz war gepaart mit einem an Hochmut grenzenden Stolz und einer Ruhmsucht, die in all seinen Briefen die eigene Person in das Zentrum des Weltgeschehens rückt.“ Doch einschränkend fügt die Biografin hinzu, dass Kolumbus wohl „kompensatorische Strategien“ entwickeln musste, denn er war ein „Mann obskurer Herkunft und Aufsteiger“, der in der hocharistokratischen Gesellschaft bis hin zu Königinnen und Königen Anerkennung suchte. So konnte er auch gar nicht zurückrudern mit all seinen Versprechungen, konnte nur unter Druck geraten, als einmal, zweimal, dreimal und noch ein allerletztes Mal keine riesigen Goldmengen seine Schiffe auf der Heimreise tiefer legten. Auch die Grußbotschaft des chinesischen Großkhans blieb jedes Mal aus, stattdessen ging es in Westindien drunter und drüber. Kolumbus’ Leute begannen, nicht nur die Eingeborenen zu verfolgen, sondern schlugen sich auch gegenseitig die Schädel ein.

Trotz allem: In die populäre Geschichtsschreibung ist der Seefahrer mit seinem folgenschweren Irrtum eingegangen. Ein Schulbuchheld und visionärer Entdecker Amerikas ist entstanden; ein Mann, der seine Pioniertat ganz einfach dadurch belegt, dass er – nach einer anzweifelbaren Legende – als Einziger ein Ei aufstellen kann, indem er auf die Idee kommt, es dabei ein wenig zu beschädigen. Zur persönlichen Tragik des Admirals trägt lange Zeit allenfalls bei, dass der von ihm betretene Kontinent heute nicht Kolumbien heißt, sondern Amerika – nur weil sein Kollege Amerigo Vespucci zu der Zeit, in der er die Karibik durchkreuzte, an der brasilianischen Küste entlangschipperte. Dennoch, kein anderer Entdecker konnte Kolumbus je an Nachruhm überflügeln: nicht Vasco da Gama, der schon zu Kolumbus’ Lebzeiten auf einer weit längeren Reise den östlichen Seeweg nach Indien fand, und auch nicht Ferdinand Magellan, dessen Mannschaft auf der ersten Weltumsegelung zwischen 1519 und 1522 Leder fraß und mit toten Ratten handelte und der das Ziel nicht mehr erreichte, weil er unterwegs getötet wurde.

Warum also ausgerechnet Christoph Kolumbus? Noch dazu, wo man sich – wie der verstorbene Wiener Historiker Günther Hamann 1993 befand – von der allzu direkten Vorstellung befreien müsse, Kolumbus als Entdecker Amerikas zu feiern, „der er subjektiv besehen gar nicht gewesen ist und auch gar nicht sein wollte“.

Alfred Kohler, Professor für neuere Geschichte an der Universität Wien, sitzt in seinem geräumigen Dekanatsbüro und klopft mit dem Finger sachte auf Christoph Kolumbus’ Nase, wie der Maler Sebastiano del Piombo sie 1519 pinselte. Das Porträt ist auf dem Buchdeckel von Kohlers neuem Buch über „Columbus und seine Zeit“ zu sehen. „Er hat es gemacht, er ist losgesegelt“, sagt Kohler, „auch wenn es ursprünglich nicht seine Idee war – der Irrtum war fruchtbar.“ So konnte in der Rezeption jene Figur entstehen, die für „den Beginn der europäischen Neuzeit“ steht, schreibt der Historiker.

Inszenierung. Doch auch der eigene Clan trug bald nach Christophs Tod zur „Inszenierung des Entdeckers“ (Kohler) bei. Offenbar genau instruiert von Kolumbus selbst, entstand eine idealisierende Biografie aus der Feder seines Sohnes Hernando; sie hatte vor allem familienpolitische Ziele, denn der Seefahrer war in den letzten Jahren seines Lebens bereits arg unter Beschuss und schließlich sogar ins gesellschaftliche Abseits geraten. Jahrzehntelang prozessierten seine Erben um verloren gegangene Privilegien, und was während des Verfahrens zur Sprache kam, bestimmte über viele Jahre hinweg ein Kolumbus-Bild, das der Vielschichtigkeit seiner Persönlichkeit und den Folgen seiner vier Entdeckungsfahrten weit näher war als die späteren romantischen Verklärungen. Die unmittelbare Nachwelt zweifelte sogar seine Ruhmestaten an – und seine Loyalität gegenüber dem spanischen Königspaar Ferdinand von Aragon und Isabella von Kastilien. In anderen Ländern Europas und später besonders in Lateinamerika galt er als Wegbereiter der „leyenda negra“, der schwarzen Legende, wie die systematische Unterdrückung und Ausrottung der Ureinwohner Mittel- und Südamerikas durch die Konquistadoren genannt wurde. Das steigerte sich bis zum Höhepunkt im Jahr 1992, dem 500. Jahrestag seiner Entdeckung, als in einer „Erklärung von Mexiko“ der 12. Oktober 1492, an dem endlich Land in Sicht kam, zum „Beginn eines der größten Völkermorde, Plünderungs- und Ausbeutungsprozesse der menschlichen Geschichte“ gebrandmarkt wurde.

Doch es gab für die umstrittene Entdecker-Ikone auch Zeiten auf ruhigerer See. Einen prominenten Anwalt außerhalb Spaniens fand Kolumbus etwa in Johann Wolfgang von Goethe. Ihm das Verdienst der Entdeckung der Neuen Welt zu rauben, schrieb der Dichterfürst, sei „ein merkwürdiges Beispiel, wie die Nachwelt irgendeinem Vorfahren die Ehre zu rauben geneigt ist“. Mit respektvoller Skepsis ob seiner geografischen Fehleinschätzung begegneten fortan Dichter und Gelehrte dem Seefahrer in spanischen Diensten. Als „Mann höheren Geistes, voll tiefer Einsicht und unerschütterlichen Muthes im Unglück“ beschrieb ihn Alexander von Humboldt 1836. „Steure, mutiger Segler! Es mag der Witz dich verhöhnen“, rief ihm Friedrich Schiller zu. Eine Gruppe einflussreicher katholischer Geistlicher schaffte es Mitte des 19. Jahrhunderts sogar, bei Papst Pius IX. den Prozess der Seligsprechung einzuleiten.

Erst um die Wende zum 20. Jahrhundert in Archiven aufgestöberte Dokumente kratzten wieder am Glanz des Entdeckers. Kolumbus habe einen „Lotterietreffer“ gelandet, urteilte Egon Friedell in seiner Geschichte der Neuzeit lakonisch. Wie kein anderer Biograf zuvor beleuchtete der Schriftsteller Jakob Wassermann 1930 auf Basis damals neuer Erkenntnisse den Irrfahrer. Kolumbus sei ein „von seinen Einbildungen berauschter Schwärmer“ gewesen, ein „Don Quichote des Ozeans“. Vollends despektierlich näherten sich schließlich die Schriftsteller Walter Hasenclever und Kurt Tucholsky dem anderen Kolumbus, der so lange hinter den stolzen Segeln seiner Karavellen verborgen geblieben war. In einem Theaterstück aus dem Jahr 1932 setzten sie einen gebrochenen halsstarrigen Greis in eine Hafenkaschemme, wo er sich von Amerigo Vespucci sagen lassen muss: „Ich verdanke Ihnen eine tiefe Erkenntnis, Herr Admiral. Große Männer soll man bewundern, aber man soll sie niemals kennen lernen.“

Aber genau das, was die beiden Autoren ihm posthum als Schmähung zudachten, scheint für Kolumbus so etwas wie eine Lebensmaxime gewesen zu sein. Historiker beklagen immer noch die vielen Lücken in der frühen Kolumbus-Biografie. In den siebziger Jahren versuchte Simon Wiesenthal, den Nachweis einer jüdischen Abstammung von Kolumbus zu führen, und argumentierte, der Seefahrer könnte ein Auswanderungsland für sein Volk gesucht haben; durchgesetzt hat sich diese Theorie jedoch nicht. Derzeit bemühen sich Genetiker, seine noch immer nicht restlos geklärte Herkunft biologisch zu bestimmen (siehe Kasten auf dieser Seite).

Geburtsjahr fraglich. Nicht einmal sein Geburtsjahr 1451 ist, obwohl gängige Lehrmeinung, gänzlich unumstritten. Die Schweizer Autorin und langjährige Kolumbus-Expertin Corina Bucher stellt jetzt noch einmal alte Quellen, die eine Geburt zwischen 1442 und 1444 andeuten, zur Diskussion; aber auch sie ist nicht restlos von einem viel älteren Kapitän überzeugt. Viel Augenmerk widmet Bucher in ihrer neuen Kolumbus-Biografie „Christoph Kolumbus – Korsar und Kreuzfahrer“ den mysteriösen frühen Lebensjahren des Entdeckers. Kolumbus, so ihre Theorie, könnte nicht nur wegen seiner niedrigen Herkunft als Sohn eines Wollwebers Interesse daran gehabt haben, sein Leben vor 1492 im Dunkeln zu lassen, sondern auch wegen seiner ersten Tätigkeiten auf See. Bucher hält es für möglich, dass Kolumbus in den siebziger Jahren des 15. Jahrhunderts unter verschiedenen Flaggen als Korsar im Mittelmeer unterwegs war und dabei sowohl gegen seine späteren spanischen Gönner als auch gegen seine Heimatstadt Genua im Einsatz war. Die durch Sohn Hernando später überlieferte Tätigkeit als Kaufmann sei möglicherweise bloß ein „Handelsagenten-Mythos“.

Staatlicher Pirat? Korsaren waren so etwas wie staatlich befugte Piraten mit gewissen auf dem Seekriegsrecht beruhenden Befugnissen, die in Erbfolgekriegen und Machtkämpfen um Handelswege die Interessen ihrer Auftraggeber vertraten und Schiffe angriffen, die sich nicht als befreundet legitimieren konnten. Tatsächlich kreuzten unter dem für diesen Zweck gebräuchlichen Decknamen „Columbus“ mehrere Korsaren zwischen Zypern und Gibraltar; doch ob einer von ihnen der spätere Entdecker Amerikas war, lässt sich nur schwer belegen. „Das Problem“, so Bucher, „ist, herauszufinden, wer wer war.“

Die Biografin mutmaßt, dass die Dokumente, die solche Aktivitäten belegen könnten, bereits zu Kolumbus’ Lebzeiten verloren gingen – und zwar in den Wirren um den ersten großen Karriereknick des Entdeckers: Der Admiral wird während seiner dritten Reise vom königlichen Gesandten Francisco Bobadilla entmachtet. Ein übler Verdacht war bis nach Spanien gedrungen: Kolumbus habe Kontakte zu anderen Herrscherhäusern geknüpft und wolle ihnen das Gold der indischen Länder zukommen lassen – das klingt nach Hochverrat. Bobadilla, den Kolumbus einen „Seeräuber“ nennt, dringt in sein Haus im neu gegründeten Santo Domingo auf Hispaniola ein und beschlagnahmt sämtliche Schriften des Admirals. „Urkunden, Briefe, Berichte, Soldverträge, nautische Aufzeichnungen“ – um diesen biografischen Schatz könnte es sich laut Bucher gehandelt haben. In Ketten muss Kolumbus nach Spanien zurückkehren, doch er wird noch einmal rehabilitiert und beginnt 1502 seine letzte Reise. Als er wieder in Santo Domingo einläuft, macht sich Bobadilla – mit Kolumbus’ beschlagnahmten Dokumenten an Bord – gerade für die Reise nach Europa bereit. Dann geschieht etwas Unglaubliches, das Kolumbus ungemeine Schadenfreude bereiten muss; er nennt es später ein „offensichtliches Wunder“. Bobadillas Schiff geht noch bei der Hafenausfahrt unter, und keiner weiß, warum. Nie wieder beklagt der Seefahrer den Verlust seiner Unterlagen. Ist er froh, dass Beweismaterial über einen womöglich tatsächlich beabsichtigten Verrat an der spanischen Krone und seine dunkle Vergangenheit durch einen Wink des Herrgotts beseitigt wurde?

Schenkt man der zeitgenössischen Hagiografie Glauben, taucht der spätere Held im Jahr 1476 praktisch aus dem Nichts in Portugal auf. Sein genuesisches Schiff, das ihn nach Flandern führen soll, wird gekapert. Kolumbus rettet sich an einer Ruderstange zur Südküste Portugals und findet in Lissabon Anschluss an die italienische Kolonie, in der schon sein Bruder Bartolomé einen Seekartenladen betreibt. Schiffsreisen führen ihn in den folgenden Jahren nach Irland, Island und England. Dort, so vermutet der Schweizer Historiker und Doyen der Forschung über die Entdeckung Amerikas, Urs Bitterli, mag der Seefahrer auch von jenen sagenhaften Inseln im Atlantik erfahren haben, zu denen schon in früheren Jahrhunderten Abenteurer wie der irische Mönch St. Brendan und die Wikinger aufgebrochen sein sollen. In Lissabon reift langsam der Entschluss, den Westweg nach Indien zu suchen. Kolumbus studiert Karten wie jene des Paolo del Pozzo Toscanelli, der die Westfahrt nach Asien in einem Brief als Kinderspiel darstellt; der Weg sei „wesentlich kürzer“ als der über Afrika. Aber Toscanelli fügt noch eine Bemerkung hinzu: Die Länder im Westen seien „überaus reich an Gewürzen und Edelsteinen“. Diese Hoffnung, bereits von Marco Polo genährt, wird zur wesentlichen Triebfeder für den noch nicht einmal 30-jährigen Auswanderer aus Italien.

Gold – so predigt er 1483 vor Portugals Herrscher Johann II. Doch dessen Experten halten nichts von Toscanellis Thesen; die nationalen Kapitäne, die nach und nach Afrikas Westküste abklopften, hatten bereits realistischere Ahnungen von den Dimensionen des Planeten. Dann eben Spanien.

Gold – davon schwärmt Kolumbus auch dem lange ungläubigen spanischen Königspaar vor. Und Gewürze. Und natürlich jede Menge potenzielle Christen.

Sieben Jahre währt der Kampf um Unterstützung, in denen Kolumbus – wie später der lange in der Karibik lebende Priester und Kolumbus-Freund Bartolomé de Las Casas schreibt – „so viel Ächtung und so viel Qualen, Zurückweisungen, Kränkungen, Mühsal, Armut, Kälte und Hunger“ erdulden muss. Doch die Mühe lohnt sich. Immer noch wundern sich Historiker über das dem Seemann zugestandene Ausmaß an Privilegien: Er wird zum Admiral ernannt, soll Gouverneur und Vizekönig in den von ihm entdeckten Ländern werden und zehn Prozent der Reichtümer erhalten. Für den belgischen Historiker Charles Verlinden übertreffen die Belohnungen sogar „die persönlichen Befugnisse“ der Krone.

Doch von diesem Augenblick an steht Kolumbus unter Erfolgszwang. „Obsessiv“, so Kulturwissenschafterin Gewecke, verweist er in der Zeit der großen Reisen auf künftige Profite und ist immer wieder bemüht, sich für die hohen Reisekosten, die im Übrigen zu einem beachtlichen Teil von privaten Gönnern finanziert werden, darunter auch ein Sklavenhändler, zu rechtfertigen. Nein, er versenke kein Geld in der Karibik, und „niemand soll Euren Hoheiten sagen, dass es Euch auf Silber oder Gold oder andere wertvolle Dinge ankommen muss“. Das Unternehmen dient, wie der Admiral an die Könige schreibt, dem Ruhm der Krone – und „Unserem Herrn“.

Religiöse Motive für seine Überfahrten treten in den Vordergrund. Kolumbus träumt davon, mit den gefundenen Reichtümern 10.000 Reiter und 100.000 Fußsoldaten zu finanzieren, mit denen Papst Alexander VI. zur Rückeroberung Jerusalems schreiten könne. Den Kolonisten verordnet er Beichte und Kommunion, bevor sie zur Goldwäsche schreiten; das mehre die Funde. Wer seine Seele nicht reinigt, wird streng bestraft. Das erzeugt viel Unmut. Gerüchte machen die Runde. Steckt Kolumbus Perlen in den eigenen Sack? Wie Moses über sein abtrünniges Volk klagt er über die fehlende Moral der ersten Siedler in Westindien. Sie glaubten wohl, „dass man das Gold mit der Schaufel einsackt und die Gewürze fertig abgepackt sind und alles am Strand nur darauf wartet, auf Schiffe verladen zu werden“, beschwert er sich gegenüber Ferdinand und Isabella. Der gesamte Kolumbus-Clan gerät in Verruf. Später müssen sich seine Kinder Sätze wie folgenden anhören: „Seht nur, da kommen die Söhne vom Admiral der Moskitos, der Länder entdeckt hat, die pure Einbildung und Täuschung sind.“

Zweifel werden laut an den Entdeckungen des Kolumbus. Und der Kapitän reagiert darauf, indem er sich eine „heilsgeschichtliche Rolle und Bedeutung“ (Gewecke) anmaßt. Als er 1500 die Mündung des Orinoko erreicht, glaubt er, das irdische Paradies, den Quell der vier Hauptflüsse der Erde, entdeckt zu haben. Sein Bild von der Kugelform des Planeten wankt; er wähnt sich auf einer Birne oder auf einem Ball, „an dem an einer Stelle eine Frauenbrust sitzt“. Nur dort nämlich, an der dem Himmel nächsten Stelle, könne dieses Paradies liegen.

Keine Landratte. Jahre später, auf der letzten Reise, vermasselt er nach Einschätzung mancher Historiker die damals schon mögliche Entdeckung des Pazifiks, die erst Vasco Nunez de Balboa im Jahr 1513 gelingen sollte. Vor der Küste Panamas verzichtet er auf eine Expedition ins Landesinnere, „weil er bereits träumte, im Goldland Salomos, in Ophir, angekommen zu sein“ (Bitterli).

Aber Kolumbus, dem die Geschichtsforscher fast durchwegs große nautische Fähigkeiten zuerkennen, ist eben keine Landratte. Er hat auch als Kolonist, wie Bitterli urteilt, spätestens seit seinem Scheitern bei den Unruhen auf Hispaniola im Jahr 1500 „versagt“.

Als „verbitterter alter Mann“ (Gewecke) verbringt er seine letzten Jahre. Und obwohl längst in Selbstmitleid und tiefer Religiosität versunken, liebäugelt er in der Manier Don Camillos, der Christus am Kreuz um Wohlwollen für weltliches Handeln bittet, mit dem materiellen Reichtum. „Gold ist vortrefflich. Mit Gold häuft man Schätze an“, schreibt er am Ende seiner vierten Reise. „Und wenn Gott unser Herr nicht widerspricht, befördert es die Seelen ins Paradies.“

Dieser Christoph Kolumbus, schwankend zwischen Mammon und Messias, ist wohl wirklich jene „Schwellenfigur“ zur Neuzeit, als die ihn heute Historiker interpretieren. Und es passt trefflich für einen Seefahrer, dass seine Ära von Globen markiert ist. Gleich neben dem „Erdapfel“ Behaims im Wiener Globenmuseum steht eine andere, kleinere Kugel. Sie stammt von Martin Waldseemüller aus Lothringen, der 1507 darüber zu befinden hatte, wie er diese neue Welt, die nun schon so oft befahren worden war, nennen sollte. Er entschied sich für einen „Mann von scharfsinnigem Verstand“, Amerigo Vespucci, und schrieb „America“. Dieser Anblick immerhin blieb Christoph Kolumbus erspart.

Von Klaus Kamolz