Geschütztes Geschlecht

Neun von zehn Kriegstoten sind Zivilpersonen, acht davon Frauen und Kinder.

Als Margaret Hassans Tod gemeldet wurde, hieß es in den Radionachrichten: Erstmals sei im Irak eine weibliche Geisel ermordet worden.

Das mag in der Sache richtig gewesen sein, aber in der Wirkung war es problematisch. Denn wieder einmal entstand der Eindruck, dass Frauen nur ausnahmsweise Opfer von Kampfhandlungen werden.

Ungeachtet aller Realität hält sich in vielen Köpfen nach wie vor die Vorstellung von Frauen als einem geschützten Geschlecht, dem Männer ritterlich den Vortritt beim Verlassen sinkender Schiffe lassen, das vergleichsweise komfortabel zu Hause sitzt, während Männer an Kriegsfronten ihr Leben riskieren müssen, und um das bewaffnete Konflikte jeder Art einen höflichen Bogen machen.

Dementsprechend distanzierte sich eine Terroristengruppe (die ihre Botschaft mit „al-Qa’ida im Irak“ unterschrieb) von der Ermordung Margaret Hassans mit den Worten: „Im wahren Islam tötet man keine Frauen und keine kleinen Kinder. Wir töten nur diejenigen, die gegen uns und unser Volk kämpfen.“

Tatsache ist indes, dass religiös begründete Gewalt Frauen nicht nur nicht schont, sondern sogar in einem besonderen Ausmaß terrorisiert.

Frauen sind kein geschütztes, sondern ein extrem bedrohtes Geschlecht. Sie werden von Bomben getroffen und von Minen zerfetzt oder verstümmelt. Sie werden verschleppt, misshandelt, gefoltert, getötet. Sie werden gefangen genommen und mit umgeschnallten Bomben als Selbstmordattentäterinnen in Menschenmengen getrieben, ehe der Sprengsatz an ihrem Körper per Fernsteuerung gezündet wird. Sie werden systematisch vergewaltigt.

90 Prozent aller Kriegstoten sind heute nach Expertenschätzungen Zivilpersonen, davon 80 Prozent Frauen und Kinder.

Die Vergewaltigung von Frauen ist eine bewusst eingesetzte Waffe in Konfliktgebieten. In Ruanda, im Kongo, in Darfur, in Bosnien – die Zahl der Opfer von systematisch ausgeübter sexueller Gewalt geht in die hunderttausende.

Trotzdem wird immer wieder so getan, als sei es alarmierend unüblich, dass Frauen zu Schaden kommen. Unter den Opfern sind auch Frauen und Kinder. Als seien von Gewalt, Not und Tod nicht immer auch Frauen und Kinder betroffen, als seien sie nicht meistens besonders stark betroffen, als gäbe es allen Ernstes einen Konsens, dass Frauenleben extra kostbar und daher zu schonen seien.
Um Missverständnisse auszuschließen: Es geht nicht darum, dass Frauenleben tatsächlich kostbarer sein sollen als Männerleben.

Es geht darum, keine falschen Behauptungen aufzustellen. Angesichts der Tatsache, dass Frauenleben gefährdeter sind als Männerleben, heuchlerisch zu staunen, wenn eine Frau zu Tode kommt, grenzt an Hohn.

Dass Margaret Hassan ermordet wurde, ist schlimm, weil Mord schlimm ist, unabhängig vom Geschlecht des oder der Ermordeten. Zusätzlich tragisch ist ihr Tod, weil sie nationale, religiöse und kulturelle Vorurteile offenbar nicht kannte, weil sie, eine Person mit drei Staatsbürgerschaften, vorlebte, dass unbegrenzte Loyalität möglich ist. Dass sie von blinder, fanatischer Engstirnigkeit besiegt wurde, ist furchtbar genug. Ihren Tod zur Bekräftigung der Legende heranzuziehen, Frauen wären üblicherweise durch ihre Geschlechtszugehörigkeit geschützt, ist überflüssig und fällt noch einmal unter Unrecht.

Gewalt gegen Frauen hat viele Gesichter und beschränkt sich keineswegs auf Kriegs- und Krisengebiete. Sie reicht von staatlich legitimiertem Vorenthalten der Menschenrechte über Genitalverstümmelung, Zwangsprostitution und Frauenhandel bis hin zum Mord aus Besitzdenken, der von den Medien hierzulande gern Mord aus Liebe genannt wird.

Gewalt gegen Frauen findet nicht nur weit weg statt, sondern auch hier, mitten unter uns. Und obwohl Österreich über vergleichsweise gute (wenn auch noch nicht optimale) gesetzliche Instrumente wie das Wegweiserecht verfügt, fehlt es doch an vielem. Zum Beispiel an Frauenhäusern in Tirol, Vorarlberg und im nördlichen Niederösterreich. Zum Beispiel an Arbeitsmöglichkeiten und Kinderbetreuungseinrichtungen, die es Frauen auf dem Land erleichtern würden, sich aus der finanziellen Abhängigkeit von einem Gewalttäter zu befreien. Zum Beispiel an einer eigenständigen Aufenthalts- und Arbeitsberechtigung für Migrantinnen, die ansonsten gezwungen sind, bei prügelnden Ehemännern auszuharren. Zum Beispiel an konkreten Maßnahmen gegen die Genitalverstümmelung, die – trotz Verbots – praktiziert wird. Zum Beispiel daran, dass Flucht vor Genitalverstümmelung als Asylgrund anerkannt wird.

Stattdessen: Sparmaßnahmen bei Gewaltschutzeinrichtungen. Die bestehenden Interventionsstellen sind finanziell nicht abgesichert, ein flächendeckender Ausbau ist, obwohl notwendig, nicht geplant. Dafür jede Menge Lippenbekenntnisse, die kosten schließlich nichts.

Ob das politische Folgen haben wird, bleibt abzuwarten. Denn das Verständnis für weibliche Gewaltopfer hält sich, das muss leider gesagt werden, nach wie vor in Grenzen, man braucht sich nur die Postings in den einschlägigen Internetforen anzuschauen. Die Selber-schuld-Theorie ist erschreckend beliebt.

Frauen, das privilegierte Geschlecht: Sie leben sieben Jahre länger. Wenn sie nicht vorher totgeschlagen werden.