Gesellschaft: Rezession, Mauserl!

In den Neunzigern sah es kurz so aus, als sei es ein Privileg, Frau zu sein, und als könnten die Frauen sich jeden Tag neu und frei entscheiden, wie sie es sein wollten. Doris Knecht über die Ernüchterung im neuen Jahrtausend – und warum nur „Sex and the City“ hilft.

Und als Madonna dann in einem schlecht geschnittenen Blümchenkleid und braver Frisur ein selbst geschriebenes Kinderbuch präsentierte, war es nicht mehr zu leugnen: Die Neunziger sind vorbei, definitiv.

In den Neunzigern hatte es ein paar Jahre lang so ausgesehen, als sei das Leben der Frauen auf wundersame Weise irgendwie besser geworden: als habe sich eine Art Wurmloch aufgetan, durch das die Frauen aus dem anhaltenden Weibchenmief der fünfziger und sechziger Jahre mit Warp-Geschwindigkeit in eine neue Welt tauchen konnten. Eine Welt, in der es total lässig und cool, ja ein Privileg war, eine Frau zu sein. Eine Welt, in der Frauen schwuppdiwupp gleiche Chancen, gleiche Rechte, gleiche Verantwortlichkeiten hatten, ohne dass sie dafür wie Männer zu sein brauchten.

Eine Welt, in der man sich jeden Morgen neu aussuchen konnte, wer man gern sein wollte: Karrierefrau oder Romantikerin, mütterliche Freundin oder Sexbombe – oder von allem ein bisschen; stark, sexy, selbstbestimmt. Eine Welt, in der auch Fantasien und Gefühle Platz hatten, eine Welt voller solidarischer Freundinnen und verständiger Männer.

Heute fragen wir uns, auf was für Drogen wir damals waren, aber zu jener Zeit wirkte das Konzept relativ realistisch, jedenfalls diskussionswürdig – abgesehen von der Tatsache, dass ein paar verbitterte Feministinnen wie Alice Schwarzer den fitten Postfeministinnen und fetzigen Girlies (die damals allerdings alle auch schon um die 30 waren) den verdienten Speck madig machen wollten.

Was allerdings einerlei war – weil wir hatten ja andere, poppigere Role Models: Wir hatten die kompromisslose Schlampe Courtney Love. Wir hatten die gefühlvolle Ally McBeal. Wir hatten, ähm, Verona Feldbusch, die zeigte, dass man für erfolgreiche Selbstvermarktung weniger als nichts zu können braucht, und das mit Stolz. Wir hatten die geile Hexe Demi Moore. Wir hatten vor allem Madonna, dieses herrliche Weib, auf das sich fast alle Frauen – und fast alle Männer – einigen konnten: die coolste, die schönste, die wichtigste Frau der Welt. Madonna und ihr Erfolg schienen zu beweisen, dass Frauen alles können, alles dürfen und alles kriegen, wenn sie es nur wirklich, wirklich wollen und strategisch geschickt anpacken.

Strategisch geschickt bedeutete auch: Nutze deine Weiblichkeit. Setz das ein, was die Männer nicht haben, aber immer haben wollen – einen Frauenkörper. Benutze Sex als Waffe, wenn es dir und deiner Karriere nützt oder dich sonst an dein Ziel bringt: Wenn du die Männer nicht mit Kraft besiegen kannst, mach sie kirre – alle Mittel sind erlaubt. Es ging darum, sich die Kohle sozusagen an den männlichen Strategien vorbei zu organisieren.

Nicht zuletzt die Bereitschaft der Frauen, ihren Sex und ihre Weiblichkeit einzusetzen, führte dazu, dass es, no na, auch für Männer chic war, Frauen um sich zu haben – und zwar mal nicht nur als Geliebte, sondern als Kollegin, als Beraterin oder als Stellvertreterin. Beziehungsweise: Es wirkte verstaubt und reaktionär, überhaupt keine Frauen um sich zu haben – das galt für Führungsetagen, politische Parteien, Fernsehdebatten, Verlagsprogramme, Kongresse, das Popbusiness … Plötzlich sprachen alle von Power- und Klassefrauen – und wenn die Frauen schon nicht reihenweise die Chefsessel eroberten, so machten sie wenigstens als Stellvertreterin, als Abteilungsleiterin, als Projektbeauftragte gute Figur.

Es war sexy, Probleme mal nicht nur auf der sachlichen, sondern auch auf der emotionalen Ebene, aus der so genannten weiblichen Sicht, zu betrachten. Mit genau diesen Mechanismen spielte sehr erfolgreich auch die TV-Serie „Ally McBeal“: Mit großen Gefühlen, Kleinmädchenfantasien und viel Soul wurde eine Anwaltskanzlei – der amerikanische Inbegriff kalten, geldgierigen Unternehmertums – von Frauen aufgemischt. Puhh, tat das gut. Das sahen wir uns gerne an.

Es schien jedenfalls allen Grund zur Euphorie zu geben – denn von der Position der Stellvertreterin, der Abteilungsleiterin, der Projektbeauftragten konnte es nach ganz oben ja nicht mehr weit sein. Wart nur, Alice, gleich haben wir es geschafft – mit unseren Mitteln!

Haben wir leider nicht. Denn die Idee der Emanzipation auf Stöckeln war zwar gut, aber. Und Alice Schwarzer hatte wieder mal Recht behalten und konnte in ihrem 2000 erschienenen Buch „Der große Unterschied“ (S. Fischer) spötteln: „Die Strapse von Madonna kann ich mir nur erlauben, wenn ich auch ihr Maul habe, noch besser ihr Bankkonto.“ Beides hat sich als weibliche Grundausstattung bedauerlicherweise nicht durchgesetzt.

Im neuen Jahrtausend regiert die große Ernüchterung. Es ist Rezession, Mauserl! Und wenn Rezession ist, gehen sich so luxuriöse Schlenker wie totale Gleichberechtigung, weibliche Selbstverwirklichung, Quotendiskussionen und andere Gefühlsduseleien halt leider nicht mehr aus – da verlässt man sich lieber wieder auf sichere Werte, da bleibt man gern unter sich, da braucht man nichts weniger als emotionale Zugänge zu Problemen, die besser sachlich von jenen gelöst werden, die sie schon immer gelöst haben: den Männern. Keine Experimente, bitte.

Was haben wir, was haben die selbstbewussten Maulaufreißerinnen der Neunziger erreicht? Nicht viel bis gar nichts. Vom neuen weiblichen Selbstbewusstsein, von den Klassefrauen ist momentan eher wenig zu hören. Der Begriff „Postfeminismus“ wurde mehr als verfrüht in den Orkus der Geschichte geworfen.

Und die ganz selbstverständlich emanzipierten Töchter, die in Scharen das Erbe ihrer noch kämpfenden Mütter antreten hätten sollen – wo sind sie geblieben? Bewundern Christina Aguilera, sehen Mystery-Serien und Grusel-Schocker, haben die sexuelle Revolution gründlich missverstanden und tragen den Nutten-Look quasi als Schuluniform, lesen, wenn überhaupt, immer nur Harry Potter und wollen unter allen Umständen Fernsehstar werden. Diesen Eindruck kriegt man jedenfalls.

Es lässt sich nicht feststellen, dass die Gesellschaft weiblicher geworden wäre oder dass Frauen in der Gesellschaft – vor allem: in der Wirtschaft – mehr mitzureden, mitzuverantworten, mitzuverdienen hätten. Im Gegenteil: Die Schere klafft eigentlich immer weiter auseinander. Die österreichischen Frauen verdienen noch immer durchschnittlich ein Drittel (genau: 32,8 Prozent) weniger als die Männer – in Vorarlberg sogar 41,9 Prozent. Sie sind in der Politik immer noch unterdurchschnittlich vertreten, als Personen und als Stimme (eine neue Untersuchung zeigt, dass die durchschnittlichen Redezeiten von weiblichen Abgeordneten bei Parlamentsdebatten sowohl bei SPÖ als auch bei ÖVP jeweils 13 Prozent der Gesamtredezeit betragen). Und sie kümmern sich immer noch überdurchschnittlich um Haushalt und Kinder (im Schnitt 29 Stunden wöchentlich). Und so weiter und so fort – es ist im Prinzip genau jenes alte Lied, das schon die Generationen vor uns sangen.

Diese Fakten zur Lage der Frauen rechtfertigen den etwas zynischen Tonfall, in dem die beiden Sozialwissenschaftlerinnen Cheryl Benard und Edith Schlaffer in ihrem jüngsten Ratgeber „Die Emotionsfalle“ (S. Fischer) auf eine der Schimären der neunziger Jahre eingehen – die angebliche Macht der Gefühle. „Beim kolossalen Vorsprung, den Frauen angeblich auf dem Gefühlssektor besitzen“, schreiben die beiden Autorinnen, „müssten sie schon längst die Welt beherrschen, zumindest aber ihren unmittelbaren Wirkungskreis. Sie müssten sich routinemäßig durchsetzen können gegen Mitarbeiter, Verwandte und Ehemänner, deren angeblich rudimentärer Gefühlshaushalt ihrer virtuosen Manipulation hilflos ausgeliefert sein müsste.“ Aber: Leider nein.

Vielleicht geht es genau darum in Track 10 von „Auf der Maur“ (Capitol), dem umwerfend rockenden ersten Soloalbum der Bassistin Melissa auf der Maur, die zuvor in den Diensten von Courtney Love und den Smashing Pumpkins stand: In „Overpower Thee“ singt auf der Maur zu einem drohend dröhnenden Pianodreiklang „And I could easily overpower you“, was zwei Deutungen zulässt. Entweder sie schlüpft in diesem Song in die Rolle eines Mannes – jedes Mannes, der auf einer nächtlichen Straße hinter einer Frau hergeht – und formuliert damit eine weibliche Urangst, deren Quelle auch in der zivilisiertesten und emanzipiertesten Gesellschaft nicht auszurotten ist: die latente drohende Möglichkeit von sexueller Gewalt. Oder aber es handelt sich um das resignierte Echo des Frauen-Lamentos der neunziger Jahre: Ich könnte dich leicht besiegen – wenn ich nur wollte.

Aber: Lieber doch nicht. Die coolen so genannten Girlies, die in den Neunzigern die Nase, wenn schon nicht vorn, dann zumindest oben und die Pappn offen hatten, die waren ja damals auch schon um die 30, dann kam das neue Jahrtausend, und plötzlich waren sie 35 und 40. Und 35, 40 ist natürlich ein verfluchtes Alter für Frauen. Weil: Die Kinderfrage muss entschieden werden; ja oder nein, für vielleicht ist keine Zeit mehr.

Jetzt haben viele von diesen Frauen Kinder und arbeiten Teilzeit in den unteren Etagen, anstatt fulltime dort oben – wo immer das genau ist – zu sitzen, wo sie eigentlich mal vorhatten zu sein und wichtige Entscheidungen zu treffen, spätestens mit 35, allerspätestens mit 40. Jetzt sagen sie, dass es wegen der Kinder ist. Und zwar zu Recht, weil das Leben mit Kindern und Arbeit sie tatsächlich erst mal in eine Umlaufbahn von Verantwortlichkeiten und Stress und unaufschiebbaren Verpflichtungen wirft, von denen sie vorher nicht mal eine Idee hatten. Aber abgesehen davon sind kleine Kinder auch eine gute Ausrede dafür, da oben nicht sitzen zu müssen. Weil es irgendwie doch anstrengender wurde, als das damals in den Neunzigern ausgemacht war. Weil es so sagenhaft viel Kraft kosten würde, die viele Frauen doch lieber woanders – in die Familie, in den Haushalt, in ihren Freundeskreis – investieren. Und weil sie vielleicht, anders als viele Männer, doch eine andere Auffassung davon haben oder bekamen, was ein erfolgreiches Leben ist.

Selbst die einstigen Identifikationsfiguren haben ihre Identitätskrisen. Als Madonna vergangenen Sommer in ihrem Blümchenkleid mit ihrem Kinderbuch vor die Kameras trat, wurde klar: Auch diese Frau hat ein Problem. Mit dem Muttersein, mit ihrer Rolle als Gattin, mit dem Älterwerden. Courtney Love geht es schon lange dreckig – das Letzte, was man von ihr gesehen hat, war ein erschreckender Auftritt bei den Osbournes, wo sie versuchte, die kleine Schwester ihres verstorbenen Mannes Kurt Cobain an den traurigen Esel Jack Osbourne zu verschachern; und die gruseligen Fotos zu ihrem neuen Album (die knapp 40-jährige Love in Rüschenunterwäsche), das so künstlich wirkt wie ihre aufgepumpten Brüste. Ihre Band Hole wurde durch Studiomusiker ersetzt, die lassen es professionell krachen, Love greint dazu, das war’s, danke, auf Wiedersehen. Nur auf Demi Moore ist einigermaßen Verlass – sie markiert noch immer die böse, aber gut befriedigte Hexe, hält sich einen hübschen jungen Liebhaber und pflegt einen boshaften Zug um den Mund.

Aber Demi Moore war nie so besonders wichtig – Love und Madonna dagegen schon. Love war eine brauchbare Schlampe vom Dienst, ein böses, unangepasstes Mädchen, das damit durchkam. (Jetzt muss sie allerdings aufgrund übertriebenen Drogenmissbrauchs um das Sorgerecht ihrer Tochter kämpfen.) Und Madonna wusste immer, was gerade getan, gesagt, gezeigt werden musste; auf sie konnte man sich fast 20 Jahre lang immer verlassen, sie inspirierte wenigstens. Aber jetzt …

Eine neue Madonna ist nicht in Sicht, nirgends. Britney Spears? Da fehlt alles: Format, Intelligenz, Intuition. Christina Aguilera: ein Fick-mich-Klon von einem andern Stern. Die kleine Kelly Osbourne: herzig, aber nichts ohne ihre Mama. Mama Osbourne: interessanter Mutter-Typ, als Managerin ganz offensichtlich ein Genie; aber was sie da so erfolgreich verkauft – nämlich ihren debilen Mann und ihre schwer neurotischen Kinder –, ist am Ende halt doch fragwürdig. Oder Julia Roberts, die jetzt plötzlich in Fünfziger-Jahre-Kostümchen-Filmen („Mona Lisa Smile“) eine Art Feminismus light entdeckt? Hmm.

Es sieht so aus, als biete die Realität – soweit man das Showbusiness und die Unterhaltungsindustrie als Realität bezeichnen kann – derzeit keine lebenden weiblichen Personen, an deren Lebensführung man sich auch nur ansatzweise orientieren wollen würde.

Da muss man wieder mal sagen: Danke, liebe Kunst, dass du uns einmal mehr die Realität zeigst. Und – wenn auch ungern: Danke, liebes Fernsehen. Denn dort (auf ORF und Pro 7) sind ab 17. Februar die neuen Folgen der neuen und letzten Staffel von „Sex and the City“ zu sehen.

Die vier Hauptcharaktere der Serie sind zwar auch zu fernsehgerechten Stereotypen zurechtgezimmert, aber zumindest als feminines und feministisches Anschauungsmaterial sind sie ganz brauchbar. Es gibt im Fernsehen sonst nicht sehr viele Figuren, von denen moderne, aufgeklärte Frauen sich so gut repräsentiert fühlen wie von den vier New Yorker Serien-Freundinnen. Allein erziehende Mütter und Frauen, die sich nicht von ihren Gefühlen verleiten lassen wollen, bevorzugen die schroffe, zynische, allein erziehende Anwältin Miranda Hobbes. Heillose Romantikerinnen, Frauen, die sich heimlich nach einer Familienidylle verzehren oder einen unerfüllten Kinderwunsch hegen, werden von Charlotte York verstanden. Für gewissenlose, amoralische Schlampen, die sich ohne Reue und – das ist einer der Pluspunkte der Serie – ohne Strafe vergnügen wollen, ist Samantha Jones zuständig. Und die zumindest semiintellektuelle Hauptfigur Carrie Bradshaw, die rauchende, sarkastische Beziehungsdesillusionistin und Schuhfanatikerin, finden sowieso die meisten Frauen in Ordnung.

Mal abgesehen von der Tatsache, dass die atemberaubende Mode, mit der die vier Protagonistinnen der Show behängt werden, im richtigen Leben nicht mal in zwanzig Kleiderschränke passen (und die Gehälter von grob geschätzt vierzig Durchschnittsverdienerinnen verschlingen) würde, stimmt in „Sex and the City“ sehr viel. Während sich Ally McBeal immer mehr in unheilbarem Romantizismus und völlig abgedrehten Plots verschliss (und schließlich zu Recht eingestellt wurde), bleibt „Sex and the City“, was die Gefühle, Chancen, Aussichten und jeweils aktuellen Lebensrealitäten ihrer Protagonistinnen betrifft, fast immer am Boden. Es wird nichts beschönigt. Es geht sehr oft nicht gut aus – auch wenn es noch so viel versprechend anfängt. Es ist meistens realistisch, was diese Frauen im Beruf und im Umgang mit Männern erleben und wie sie dabei fühlen.

„Sex and the City“ lullt nicht mit Erlösungsfantasien ein – die dürfen höchstens als Stolpersteine für die Protagonistinnen herhalten und zur Erheiterung des lebenserfahrenen Publikums. Wobei sich die Serie nie über ihre Protagonistinnen lustig macht, nur über die Situationen, in die sie sich meistens selber katapultieren. Und über die Männer – und das hat das revanchistische weibliche Publikum immer ein bisschen gern.

Die Botschaft jedenfalls lautet: Eine Frau sollte sich lieber auf niemanden verlassen als auf sich selbst (und ein bisschen auf die besten Freundinnen). Es ist zwar nett, einen Mann zu haben, aber es wird dich nicht retten. Rechne auf keinen Fall damit, dass es die Welt da draußen gut mit dir meint – mach halt das Beste daraus. Und vor allem: Die Neunziger sind vorbei, als es so aussah, als könntest du alles kriegen und alles sein, wenn du nur willst. Was immer das ist. Auch Fußballerin.

Vor einigen Tagen meinte Fifa-Chef Sepp Blatter, die Frauen sollten, wenn sie schon unbedingt Fußball spielen müssten, das doch wenigstens in engeren Leibchen und knackigeren Höschen tun. Da sind wir Frauen im neuen Jahrtausend, genau da. Weiter sind wir nicht.