Gesund altern!

Gebrechlich zu werden und Pflege zu brauchen ist einfach ein überholtes Konzept.

Also, Tante Mimi, du bist alt, klapprig und hilflos. Das kommt davon, wenn man älter wird, als die Polizei erlaubt. Aber brauchst du deswegen wirklich diese Pflegerin? Denk einmal nach! Nein, Tante Mimi, außer dir will niemand nachdenken, das wäre zu deprimierend, und vielleicht stellte sich auch die Erkenntnis einer gewissen Ausweglosigkeit dabei ein, wer möchte das schon. Zunächst nimm bitte zur Kenntnis: Es gibt keinen Pflegenotstand. Das müsste dich schon einmal enorm erleichtern. Und dann: Warum hast du nicht vorgesorgt? Vorsorge ist alles. Künftige Generationen jedenfalls werden vorsorgen müssen, statt ihre Einkommen leichtsinnig zu verprassen wie du. Was hast du eigentlich die vielen Jahre über mit deinem Geld gemacht? Lebensmittel gekauft, Miete gezahlt, Steuern abgeliefert und Krankenkassenbeiträge, für die Pensionsversicherung geblecht, dir eine Gasetagenheizung geleistet sowie Sommerkleider, Wintermäntel und ab und zu sogar eine Dauerwelle? Ja dann, Tante Mimi. Dann darfst du dich nicht wundern.
Vorsorge, Tante Mimi, private Vorsorge ist das neue Zauberwort. Die öffentlichen Pensionskassen sind überfordert? Privatpension einzahlen! Die öffentlichen Krankenkassen müssen sparen? Zusatzversicherung abschließen! Die Reallöhne sinken? Rechtzeitig einen gut bezahlten Job für später beiseite legen!

Ehrlich, Tante Mimi, wer ernsthaft will, der kann. Vorsorge ist möglich. Denk an Herrn Elsner. Oder schau dir den alten Flick an. Hat der es nötig, billiges Pflegepersonal aus dem Osten zu beschäftigen? Nein, Tante Mimi, ich kenne den auch nicht persönlich, ich habe keine Ahnung, wie viel er seinem Pflegepersonal bezahlt, aber das war auch nicht die Frage. Du musst genau hinhören, ich habe nicht gefragt, ob er billiges Pflegepersonal beschäftigt, sondern, ob er es nötig hat. Das ist der springende Punkt, verstehst du?

Das zweite Zauberwort, Tante Mimi, heißt Vorbeugung. Die neue Parole lautet: „Gesund alt werden.“ Im Alter krank oder gebrechlich zu sein ist ein überholtes Konzept. Immer mehr junge Leute sagen, wenn sie euch sehen: So möchte ich aber nicht enden! Ich verstehe ja auch nicht ganz, warum du so enden willst, aber offenbar hast du es dir in den Kopf gesetzt. Bitte, wenn du glaubst – es ist nur nicht fair, andere dafür büßen zu lassen. Das solltest du dir immer vor Augen halten.

Im Prinzip ist es möglich, gesund zu leben. Dass die PolitikerInnen, die zum Beispiel zu gesunder Ernährung mahnen, meistens eher ein bisserl ungesund ernährt ausschauen, ist nebensächlich, weil sie sich ja eine ordentliche Pflege leisten können, wenn es so weit ist. Aber solche wie du, Tante Mimi, die sollten sich klar machen: Von nichts kommt nichts. Oder denkst du, grüner Star, Parkinson, Alzheimer überfallen einen Menschen einfach so, ohne dass der das mutwillig herausgefordert hat? Im Übrigen unterschätze nicht die präventiven Möglichkeiten der modernen Medizin! Ich sage nur: Früherkennung, Frühbehandlung, neueste Medikamente … Was heißt das: Wenn’s aber doch die Krankenkassen nicht zahlen wollen? Die Krankenkassen haben wir schon abgehakt, das ist jetzt nicht mehr das Thema, du musst nicht immer krampfhaft irgendwelche Zusammenhänge konstruieren!

Und was ist eigentlich mit deinen Kindern, Tante Mimi? Müssen arbeiten? Wohnen woanders? Wollen ihr eigenes Leben leben? Ja gut, dein Sohn. Aber deine Tochter? Kennst du den Ausdruck Pflegetöchterpotenzial, Tante Mimi? Das sagt’s doch. Die Tochter ist die potenzielle Pflegerin ihrer Eltern. Deine nicht? Muss gleichfalls Geld verdienen? Liebt ihren Beruf? Ist eine mobile, flexible Arbeitnehmerin, wie die Wirtschaft sie braucht? Hat ihre Kinder noch nicht großgezogen?

Ach, Tante Mimi. Ein bisschen mehr Eigeninitiative! Töchter in die Welt zu setzen ist ein guter erster Schritt, aber danach gehören sie reich verheiratet und in die Pflicht genommen!

Okay, Klartext, Tante Mimi. An deiner Stelle würde ich dasselbe wollen wie du: den Kindern nicht zur Last fallen, nicht allein sein, nicht dahinvegetieren müssen, nicht auf einer Bettenstation landen, wo mein nackter Hintern vor den Augen der anderen geputzt wird.

Anstelle deiner Kinder würde ich dasselbe wollen wie deine Kinder: die Mutter gut versorgt wissen, ohne selber physisch, psychisch und/oder finanziell vor die Hunde zu gehen.

Anstelle deiner Pflegerinnen würde ich freilich auf den Tag hoffen, an dem ich nicht mehr gezwungen bin, ins Ausland zu pendeln und dort zu Dumpingpreisen zu arbeiten, auch wenn ich jetzt froh wäre, diese Beschäftigung zu haben, statt einer noch schlechter bezahlten in meiner Heimat.

Nicht gerade deckungsgleiche Interessen. Wie sie unter einen Hut zu bringen sind, weiß ich auch nicht, ich weiß nur, was garantiert nicht hilft: die Probleme leugnen, die Beteiligten kriminalisieren, hohle Phrasen dreschen.

Themawechsel: Im Sommergespräch in profil 32/06 sagte Barbara Karlich: „Ich bin keine Emanze. Ich liebe die Männer zu sehr, um sie ständig runterzumachen.“ Dazu ist zweierlei anzumerken. Erstens: Emanzen machen nicht die Männer runter, sondern gesellschaftliche Rahmenbedingungen, die Frauen benachteiligen. Und zweitens: Ganze Personengruppen pauschal und ohne Ansehen des einzelnen Menschen zu lieben ist im besten Fall dumm, im schlechtesten rassistisch.