Gewalt in der Familie: Die Qualverwandtschaften

Kinder müssen nicht mehr auf Holzscheiten knien. Immer öfter holen Nachbarn die Polizei, wenn sie vermuten, in der Wohnung nebenan verprügelt einer seine Ehefrau. Gewalt in der Familie ist gesellschaftlich geächtet. Trotzdem herrschen in den eigenen vier Wänden nach wie vor Angst, Schrecken und immer öfter Psychoterror.

Gerda Sch. kann über ihre Erlebnisse nicht mehr reden. Die 47-jährige Frau ist seit Freitag vorvergangener Woche tot. Ihr malträtierter Körper offenbart den Gerichtsmedizinern die Geschichte eines jahrelangen Martyriums. Im Obduktionsbericht ist von vernarbten Stichwunden und Serienrippenbrüchen die Rede. Die jüngste Verletzung, ein Schädelbasisbruch, war tödlich. Den Hauptverdächtigen, Gerdas Lebensgefährte Dragan K., fand die Polizei volltrunken neben der nackten Leiche auf dem Sofa sitzend. Statt den Notarzt zu alarmieren, hatte er einen befreundeten Tierarzt gerufen und mit diesem, als feststand, dass Gerda tot war, einen Doppler Wein geleert. Zeugen behaupten, Dragan K. habe seine Frau öfter misshandelt. Er leugnet die Tat.

Eine Schlagzeile für die Tageszeitungen. Ein Einzelfall. Ein barbarischer Einbruch in die zivilisierte, bürgerliche Welt.

Die Zeiten, als Politiker die gesunde Watschn verteidigten, sind lang vorbei. Heerscharen von Lehrern wurden in Fortbildungsseminaren geschult, bei ihren Schülern auf Anzeichen von Misshandlungen zu achten. Nachbarn drehen nicht mehr das Radio lauter, sondern rufen die Polizei, wenn aus der Nebenwohnung Schläge oder Schreie zu hören sind. Die urbane Bildungselite hat die Traumata ihrer eigenen Kindheit in psychotherapeutischen Sitzungen verarbeitet – Holzscheitlknien, in der Ecke stehen, sadistische Lehrer. Wenn ihnen, inzwischen selbst Eltern, die Hand ausrutscht, dann jedenfalls nicht im Supermarkt oder am Spielplatz, wo andere zuschauen – und in der Regel quält sie danach ein schlechtes Gewissen.

Sensibilisiert. Es scheint, als hätten die Debatten und Kampagnen der vergangenen 30 Jahre gefruchtet. Mitte der siebziger Jahre wurde die körperliche Züchtigung von Kindern verboten. Ende der achtziger Jahre stellte der Gesetzgeber Vergewaltigungen in der Ehe unter Strafe. Gewalt in den eigenen vier Wänden gilt längst nicht mehr als ausschließlich familieninterne Angelegenheit: Die Öffentlichkeit ist sensibilisiert; der Staat mischt sich ein.

Und doch wartet man vergeblich auf eine Entwarnung. Weit und breit findet sich kein namhafter Experte, der zu behaupten wagte, es gebe weniger Gewalt als früher. Verlässliche Studien zu diesem Thema fehlen in Österreich, international ist die „Datenlage unklar“, konstatiert Romeo Bissuti von der Wiener Männerberatung.

So viel steht freilich fest: In heimischen Familien wird nach wie vor zugeschlagen, getreten, misshandelt, immer noch werden Angehörige eingeschüchtert, psychisch fertig gemacht und mit dem Umbringen bedroht; weiterhin werden Frauen vergewaltigt, Kinder misshandelt und vernachlässigt. Angst und Schrecken sind aus vielen heimischen Schlaf-, Wohn- und Kinderzimmern nicht verschwunden.

Die jüngste Auswertung des Wiener Jugendamtes zeigt, dass die Zahl der registrierten Fälle von Kindesmisshandlungen zum Teil sogar drastisch gestiegen ist. Vor allem die seelische Gewalt gegen Kinder, nicht zuletzt durch Vernachlässigung, nahm von 253 Fällen aktenkundig gewordenen Causen im Jahr 2002 auf 1521 im Jahr 2003 zu (siehe Grafik).

„Ein partnerschaftliches Familien- und Ehemodell ist zur gesellschaftlich akzeptierten Norm geworden, trotzdem gibt es viele Menschen, bei denen die alten, patriarchalischen Muster weiter wirken“, weiß Rosa Logar, Leiterin der Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie aus ihrer täglichen Praxis. Einschlägige Untersuchungen bestätigen diese Einschätzung. „Nur ein Drittel aller Eltern lehnt Gewalt ab, ein Drittel erhebt ab und zu die Hand gegen ihre Kinder, das restliche Drittel wendet Gewalt als rituelle Strafe an“, referiert Manfred Pavlik, Familientherapeut beim Verein Kinderfreunde, aktuelle Studien.

Ausgerechnet dort, wo man sich am sichersten fühlen möchte, ist die Gefahr, Opfer von Gewalt zu werden, am größten. 90 Prozent aller Gewalttaten werden in der Familie und im sozialen Nahraum ausgeübt. Traditionelle Rollenmodelle und starke Abhängigkeiten erhöhen das Gewaltrisiko. Was sich in der Kriminalstatistik niederschlägt: Die meisten der im Vorjahr in Wien verübten Beziehungsmorde wurden in Familien mit Migrationshintergrund begangen.

Gefährliche Drohungen. „Mein Leben ist zu Ende, jetzt nehme ich dir deines“, hatte Irfan Y. seiner Frau kurz vor ihrem gewaltsamen Tod gedroht. Am 11. September des Vorjahres wurde Fatma Y., Mutter dreier Kinder, auf dem Heimweg von der Arbeit erstochen. Der Hauptverdächtige, der sich ins Ausland abgesetzt hatte und wenige Tage später an der serbisch-bulgarischen Grenze gefasst wurde, hatte nicht akzeptieren wollen, dass seine Frau die Scheidung wünschte.

Mit Sorge verfolgt Bülent Öztoplu, Leiter des Jugendzentrums Echo, die steigende Zahl von Zwangsehen. „Je emanzipierter die Mädchen der dritten und vierten Gastarbeitergeneration werden, umso höher stehen bei den Männern Tugenden wie Reinheit und Anständigkeit im Kurs. Viele Männer holen sich ihre Frauen deshalb aus der Türkei und fordern von ihnen totale Unterwerfung“, erklärt Öztoplu.

Eifersucht, Besitzdenken, Isolierung des Opfers, soziale und ökonomische Abhängigkeiten, Drohungen, Waffenbesitz und Trennungsphasen – all dies sind tausendfach empirisch belegte Risikofaktoren für eine Eskalation der Gewalt. Freilich nicht nur in Migrantenfamilien, sondern quer durch alle sozialen Schichten.

Das Risiko, ermordet zu werden, steigt für Frauen in Trennungsphasen auf das Fünffache. Auch in der Eltern-Kind-Beziehung gibt es kritische Phasen. „Wenn das Neugeborene unablässig brüllt, in der Trotzphase zwischen dem dritten und vierten Lebensjahr und in der Schulzeit, wenn die ersten Lernprobleme auftauchen, kommt es besonders häufig zu Übergriffen“, sagt die Leiterin der Servicestelle des Wiener Jugendamts, Elisabeth Köpl. Auch in der Pubertät fliegen mitunter die Fetzen. Vor Gewaltausbrüchen sind weder Eltern noch die Jugendlichen gefeit. Beratungsstellen berichten von einer steigenden Anzahl von Eltern, die von ihren Kindern misshandelt werden.

Strafe muss sein. Zusätzlich haben sich neue Formen der Demütigung und Erniedrigung herausgebildet, konstatiert die Wiener Psychotherapeutin Rotraud Perner: „Das Grundproblem ist, dass Eltern immer noch das Recht für sich in Anspruch nehmen, ein Kind zu bestrafen, weil sie glauben, dass man diesem auf diese weise etwas beibringen kann. Aber ein demütigend bestraftes Kind lernt nichts außer Verbitterung und wie man straft.“

Die Familiengeschichte der Gewalt reicht oft Generationen zurück. „Kinder, die Gewalt erlebt haben, haben ein höheres Risiko, später selbst Opfer oder Täter zu werden“, erläutert Rosa Logar, Leiterin der Wiener Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie. Durchbrochen werden kann die Tradition nur, wenn sich die Beteiligten mit ihren Verhaltensmustern auseinander setzen, sagt Karl Toifl von der Universitätsklinik für Neuropsychiatrie am Wiener AKH. Vor allem den Tätern falle das extrem schwer, „weil sie dafür ihr gesamtes Lebenskonstrukt infrage stellen müssen“.

Wer als Kind mit dem Lederriemen gezüchtigt wurde, schafft es häufig gerade noch, ihn bei den eigenen Sprösslingen nicht einzusetzen. Das bedeutet aber noch nicht einen Verzicht auf Gewalt. Familientherapeut Pavlik machte die Erfahrung, dass in höheren sozialen Schichten Gewaltanwendung oft „verschleiert wird“. Der Nachwuchs wird mit Liebesentzug bestraft, die Angetraute mit Schweigen geächtet, das Selbstvertrauen von Familienmitgliedern systematisch untergraben, Lebenspartner durch Spott und Hohn in Gesellschaft bloßgestellt. Toifl, der sich mit Täter und Opfern von Gewalt beschäftigt, hält Gewalttäter in diesem Punkt für erfinderisch: „Manche legen sich laufend neue Strategien zu, um andere fertig zu machen, holen sich zum Beispiel Mittäter und lassen diese für sich agieren.“

Subkultur. Die technische Entwicklung förderte zudem eine Kommerzialisierung der Gewalt. Mit erniedrigenden sexuellen Darstellungen, Gewaltvideos und Kinderpornografie lässt sich viel Geld verdienen. Mittlerweile bilden sich einschlägige Subkulturen heraus, so Psychotherapeutin Rotraud Perner: „Die Menschen starten mit den besten Vorsätzen ins Leben und werden entwurzelt, oft durch Paarung mit Leuten, die halb kriminell sind, durch Männer, die sich sanieren wollen, indem sie zwei Pferderl laufen lassen. Selbst die triviale Misshandlung eines Kindes hat einen Markt, denn es gibt Leute, die sich daran begeilen. Vor Jahren habe ich ein Video gesehen, in dem ein zehnjähriger, auf dem Bauch liegender Bub ausgepeitscht wird“ (siehe Interview).

Noch in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wurden solche Gewaltdarstellungen auf Super-8-Filme gebannt und in überschaubaren Zirkeln vermarktet. Dann kamen Videos hinzu, die über verschlüsselte Anzeigen in Sexmagazinen und Tageszeitungen vertrieben wurden. Erst das Internet machte solches Material für jeden PC-Besitzer zugänglich. Experten schätzen, dass mittlerweile bis zu drei Millionen einschlägiger Bilder im WorldWide-Web kursieren. Laut UN-Kinderhilfswerk werden weltweit jährlich 4,2 Milliarden Euro mit Kinderpornos umgesetzt.

Den Kampf gegen das weltumspannende Netz der Kinderschänder führen Cyber-Cops und Spezialeinheiten. Das Einschreiten am Tatort Wohnzimmer hingegen gehört zur Alltagsroutine des normalen Sicherheitswachebeamten. „Bei einem durchschnittlichen Nachtdienst werden wir drei- bis viermal zu einem Familienstreit gerufen“, erzählt eine Beamtin aus dem 16. Wiener Gemeindebezirk. Diese Einsätze gehören zu den schwierigsten überhaupt: Die Gewalttäter, mehrheitlich Männer, leugnen. Die Opfer, Frauen und Kinder, sitzen verschüchtert in der Ecke – und schweigen. Aus Scham. Und aus Furcht.

Seit Inkrafttreten des Gewaltschutzgesetzes im Jahr 1997 werden die Gefährder aus der Wohnung gewiesen, wenn die Beamten zur Auffassung gelangen, dass die Gefahr nicht gebannt ist. „Die Zahl der Streitschlichtungen und Wegweisungen ist in den vergangenen Jahren rapid gestiegen“, sagt Maria Ullmann, Expertin für Prävention und Gewalt in der Familie im Bundeskriminalamt. Von Anfang des Jahres 2000 bis September des Vorjahres wurden österreichweit 13.640 Gefährder aus den eigenen vier Wänden entfernt.

Mit polizeilichen Maßnahmen allein ist dem Problem nicht beizukommen. Um die Überwindung patriarchaler Strukturen und wirtschaftlicher Benachteiligungen müsste sich auch die Politik kümmern. Doch die huldigt dem Recht des Stärkeren und lebt damit genau das Gegenteil vor, kritisiert Christian Vielhaber vom Verein für gewaltfreie Erziehung. Hier hakt die Frauensprecherin der Grünen, Brigid Weinzinger, ein: „Viele der von der Regierung beschlossenen Maßnahmen gehen von einem traditionellen Rollenbild aus und sind in diesem Sinne kontraproduktiv.“