„Gezauberte Wirksamkeit“

Von Schamanismus bis Misteltherapie: Seit mehr als zehn Jahren prüft Edzard Ernst die Wirksamkeit alternativer Heilmethoden.

Edzard Ernst, 57, ist Inhaber des Lehrstuhls für Komplementärmedizin an der Universität Exeter in England. In den letzten zehn Jahren publizierte er mit seiner Forschergruppe nahezu 1000 wissenschaftliche Studien zu allen Bereichen alternativmedizinischer Techniken. Der gebürtige Bayer, der auch einige Jahre als Vorstand der Abteilung für Physikalische Medizin am Wiener AKH fungierte, ist seit 1999 britischer Staatsbürger.

profil: Sie gelten als erste Instanz in der Bewertung unkonventioneller medizinischer Methoden. Geraten Sie da manchmal zwischen die Fronten der verschiedenen Denkschulen?
Ernst: Sowohl Gegner als auch Befürworter der Alternativmedizin haben leider oft Schaum vorm Mund, was ihrer Objektivität nicht gut tut. Ich bin Wissenschafter. Wir arbeiten für die Patienten und bemühen uns zu ermitteln, was an den Methoden konkret dran ist.
profil: Was ist denn zum Beispiel dran an der Homöopathie? Gibt es Beweise für ihre Wirksamkeit?
Ernst: Wir haben erst kürzlich wieder zwei Studien dazu gemacht. Eine mit asthmakranken Kindern und eine zur Wirksamkeit von homöopathischen Arnika-Präparaten bei Verletzungen. Die Ergebnisse waren beide negativ. Überhaupt haben alle unsere Studien zur Homöopathie ein negatives Ergebnis gebracht.
profil: Das heißt, eines der beliebtesten medizinischen Angebote ist in Wahrheit reines Blendwerk?
Ernst: Ich bin fasziniert von dem Widerspruch, der sich hier auftut. Die Homöopathie ist so unplausibel, wie eine These nur sein kann. Bei vielen angeblichen Beweisen für ihre Wirksamkeit wurde ziemlich gezaubert und nicht ordentlich gearbeitet. Und dennoch erscheint auch immer wieder mal eine gut gemachte Studie, die einen heilsamen Effekt der Homöopathie findet. Die Mehrzahl der guten Arbeiten zusammengenommen lässt das Pendel aber eindeutig zur negativen Seite ausschlagen.
profil: Haben Sie nicht selbst auch als Homöopath gearbeitet?
Ernst: Ja, ich habe die Homöopathie gelernt und sie auch klinisch angewandt. Sogar mit wirklich guten Erfolgen. Aber damals war ich ein junger Arzt und leicht zu beeindrucken. Heute bin ich Wissenschafter und sehe die Dinge objektiver. Dennoch, ohne diese persönlichen guten Erfahrungen hätte ich die Homöopathie längst schon abgehakt und ad acta gelegt als reines Placebo.
profil: Wäre es denn so schlimm, wenn die Homöopathie ein reines Placebo wäre? Placebos gehören doch zu den wirksamsten Arzneien, die der Medizin überhaupt zur Verfügung stehen?
Ernst: Das stimmt schon, dass wir es bei Placebos mit einem hochinteressanten Phänomen zu tun haben. Dabei handelt es sich um einen Blumenstrauß der verschiedensten Effekte, und unser Wissen darüber hat noch nicht einmal die Oberfläche angekratzt. Nur leider interessiert sich kein Geldgeber für die Erforschung dieses Phänomens – und auch die Ethik-Kommissionen sind extrem ablehnend.
profil: Wieso? Placebos schaden doch niemand?
Ernst: Aber die Patienten werden irregeführt. Uns wurden gerade drei Studienanträge zurückgeschmissen deswegen. Die Ethiker stehen auf dem Standpunkt, dass man den Patienten immer die Wahrheit sagen muss. Wenn sie den Studienteilnehmern aber sagen, dass sie gerade ein Placebo nehmen, so zerstören sie damit alle Effekte.
profil: Sehr viele Angebote macht die Komplementärmedizin bei der sanfteren Behandlung von Krebs. Was halten Sie denn beispielsweise von der Misteltherapie?
Ernst: Das ist nun wirklich völliger Humbug. Sie ist als Therapeutikum nicht effektiv, verlängert das Leben nicht und bessert nicht mal die Lebensqualität, was ja immer wieder behauptet wird.
profil: Wo sehen Sie denn die Meriten der alternativen Krebstherapien?
Ernst: Überall dort, wo Entspannungstechniken, Massagen, schmerzlindernde Therapien und Gruppentherapien angeboten werden. Hier sind die Studien gut und die Ergebnisse plausibel. Und hier hat die Komplementärmedizin ihren wirklichen Platz.

Interview: Bert Ehgartner