Gib Gas, Gorbach!

Der Vorstoß des Verkehrsministers ist begrüßenswert, wenn auch etwas zimperlich.

Vergangene Woche wurde eine alte Motorhaube wieder aufpoliert: Verkehrsminister Hubert Gorbach überholte jene vor sich hin zockelnden Straßensperren, die sich fälschlings für besonnene Autofahrer halten, zügig mit der Bemerkung, er könne sich auf unseren Autobahnen Tempo 160 durchaus vorstellen.

Das war, nach so vielen schon ermüdenden Wehklagen über Verkehrstote und Verstümmelte, endlich ein erfrischender Tritt aufs Gaspedal. Warum sollen Österreichs private Piloten nicht allen zeigen, was sie unter der Haube haben, warum sollen funkelnde Motorräder nicht einmal männlich gefahren werden? Natürlich versammelten sich in seinem Windschatten gleich verschiedene aufgescheucht gackernde Lagerhendln: Engstirnige Zeitungen stigmatisierten den gesunden Freiheitsdrang als „Lizenz zum Rasen“; der ÖAMTC erwies sich wenigstens als Schutzengel der Straße und frohlockte; der ARBÖ wollte, wie nicht anders von diesen Smart- und 2-CV-Helfern zu erwarten, sinnlos irgendwas testen; die Roten und die Grünen waren natürlich dagegen, die einen faselten von noch schwereren Folgeschäden, die anderen was von erhöhten Emissionen; und erste Umfragen unter denen, die das Lenkrad noch wie eine Geliebte umklammern, zeigten, dass die Hälfte von ihnen nichts dagegen hätte, den feigen Schafen das Rücklicht zu zeigen.

Tatsächlich ist die derzeitige Tempobremse mit 130 km/h zu stark angezogen. Statistisch ereignen sich die meisten Unfälle bei vier km/h – im Haushalt nämlich. Das zeigt schon die Haltlosigkeit der Gegner Gorbachs. Seine Hilflosigkeit zeigt sein Vorschlag allerdings auch, denn wenn schon der segensreiche Neoliberalismus (viel zu spät) auf die Straße übergreift, warum dann nicht off limits? Soll doch jeder nach seiner Façon, im wahrsten Wortsinn, selig werden!

Dem wirklich schnellen, sportlich-eleganten Fahren stehen bis heute ohnehin einige schmachvolle Hürden im Weg. Erstens werden von einer schon dekadent verweichlichten Industrie immer noch haufenweise Autos hergestellt, die 160 km/h gar nicht erzielen können – da wird bei jenen berufsverfehlten Konstrukteuren, die sich neuerdings fast ausschließlich auf entbehrliche Extras wie Treibstoff-Ersparnis konzentrieren, ein Umplanen einsetzen müssen; schon die Autofahrer-Legende Helmut Qualtinger jubelte: „I waaß zwar net, wo i hinfahr, dafür bin i schneller durt.“

Eine sinnvolle Verkehrserziehung muss schon ab der Fahrschule jedem Pferdehalbstarken Mut zur Dynamik machen: Verbrennt die alte Studie, der zufolge nicht mehr als 20 Prozent die bereits gültigen Tempolimits voll nutzen – was heute auf dem mitunter welligen Beton gefragt ist, sind Selbstvertrauen und Freude an Fortbewegung! Vergesst das große Jammern, das vor etwa 20 Jahren anhob, als auf der Südautobahn zwei Monate lang zwei Kilometer Leitplanken fehlten und die Autofahrer (inklusive des ÖAMTC) sich ängstigten, nicht heil heimzukommen – das ist Panik von gestern. Heute brauchen wir keine Leitplanken mehr, sondern Leitbilder wie Gorbachs Dienstwagen-Chauffeur. Der österreichische Autofahrer ist nachweislich einer der besten und sichersten der Welt: Er vereint die Gelassenheit der Spanier mit der Disziplin der Griechen, den Instinkt der Holländer mit dem Reaktionsvermögen der Albaner.

Tempotaugliche Straßen gibt es bei uns genug: Für Highspeed-Slalom um umgekippte Lkws empfehlen sich die A 2, die A 21 und alle verstopften Stadtautobahnen. Um den Verkehr zu harmonisieren, sollten auch die Geschwindigkeitsgrenzen für Lkws hinaufgesetzt werden: Warum soll ein flotter Ziegeltransporter keine 120 Sachen drauf haben?

Darüber hinaus muss dem versierten Staatsmann Gorbach attestiert werden, dass er mit seinem Kokettieren mit den Kampfbolzern auch gesamtwirtschaftlich gedacht hat. Mögliche Folgen hastigerer Harakirideure könnten durchaus die allgegenwärtige Wohnungsnot lindern, die Arbeitslosenziffern auf natürliche Weise herabdrücken, dank rüstiger, präsumtiver De-facto-Draufgänger eventuell sogar den Pensionsschock, den die Regierung erlitten hat, mildern und so manchen Engpass bei Lehrlingsstellen überwinden. Arbeitslose Jungärzte müssten nicht mehr (langsam) Taxi fahren, sondern würden von Einsatz zu Einsatz hetzen, Sargtischler und Grabsteinmetzen wären in einer ungeahnten Hoffnungsbranche tätig, die oft öden Verkehrsmeldungen der Privatradios gewännen an Thrill. Und durch die verdrießliche Langlebigkeit der Bevölkerung etwas eingerostete Pfarrer würden Rhetorik-Seminare belegen.

Einzig die Krankenkassen befänden sich im Zwiespalt, sollten allzu viele Spritzfahrer mit nicht heiler Haut davonkommen. Ihnen könnte der Gesetzgeber mit einer zeitgemäßen Liberalisierung der Gurtenpflicht entgegenkommen, ferner mit einer Nachjustierung der Tempogrenzen im Stadtgebiet auf 80 km/h und einer verordneten Mindestgeschwindigkeit für Radfahrer (25 km/h).

Wenn auch noch die Promillegrenze fällt, werden selbst Hasenfüße ihre Wege rascher finalisieren.