Gigant der Meere

Wahre Superlative lassen sich am ehesten durch beeindruckendes Zahlenwerk veranschaulichen. Diesem Prinzip folgt vermutlich auch die britische Reederei Cunard Line, die sich redlich müht, die Dimensionen ihrer jüngsten Entwicklung zu kommunizieren.

Das Passagierschiff „Queen Mary 2“, das zurzeit im englischen Hafen Southampton der Taufe durch Königin Elizabeth II. am Donnerstag dieser Woche harrt, ist mit 345 Meter Länge und 41 Meter Breite der größte jemals konstruierte Luxusliner. Die 72 Meter Höhe entsprechen einem 23-stöckigen Hochhaus. Auch Vergleiche mit anderen Bauwerken verfehlen selten ihre Wirkung: So misst die Queen Mary 2, unter dem Kürzel „QM2“ beworben, um knapp 45 Meter mehr als der Eiffelturm und ist um neun Meter zu breit, um den Panamakanal passieren zu können.
Der Stahlkoloss, der um Entwicklungs- und Baukosten von rund 650 Millionen Euro im Verlauf zweier Jahre in der französischen Werft Chantiers de l’Antlantique konstruiert wurde, verfügt über einen Raumgehalt von 150.000 Bruttoregistertonnen und wird von vier Dieselmotoren und zwei Gasturbinen angetrieben, die das Schiff auf bis zu 54 Stundenkilometer beschleunigen. Die QM2 bietet Platz für 1253 Besatzungsmitglieder und 2620 Passagiere. Zwecks Zeitvertreib stehen unter anderem zur Verfügung: ein Theater mit mehr als 1000 Sitzplätzen, fünf Swimming-Pools, sechs Restaurants, 14 Bars, eine Disco, eine Bibliothek, ein Casino, ein Planetarium, interaktives Fernsehen, Internet, Tierhort, Ballsaal, Grill-Lounge, Play-Zones, persönliche Butler-Services.

Beeindruckend sind nicht nur Ausmaße und Ausstattung des fertigen Schiffes, welches am 12. Jänner unter dem Kommando von Kapitän Ronald Warwick zur Jungfernfahrt nach Fort Lauderdale, Florida, in See stechen soll – auch die Planungs- und Bauphase dürfen in vielerlei Hinsicht als singulär im Schiffsbau gelten. Vor gut dreieinhalb Jahren begann ein Projektteam mit den Entwürfen nach Vorgaben von Cunard: Die traditionsreiche Reederei, die 1936 den Vorgänger der QM2, die „Queen Mary“ in Dienst gestellt hatte sowie den Ocean Liner „Queen Elizabeth“ betrieben und deren Nachfolger – die heute noch in Betrieb befindliche – „QE2“ zu ihrer Flotte zählt, wollte nicht weniger als das längste, beste, teuerste, luxuriösteste Passagierschiff der Welt bauen lassen – freilich nicht das größte Schiff überhaupt: Denn im Vergleich zu Tankern wie der 458 Meter langen und 69 Meter breiten „Jahre Viking“ wirkt selbst die QM2 bescheiden.
Nach einer Ausschreibung bezüglich einer geeigneten Werft fiel die Wahl auf Chantiers de l’Antlantique, eine Tochtergesellschaft des Alsthom-Konzerns, in Saint-Nazaire. Als einziger Konkurrent war die Werft Harland & Wolff in Belfast infrage gekommen – doch deren Anbot lag preislich deutlich höher als jenes der Franzosen. Andere Werften konnten die technischen Vorgaben nicht erfüllen: Denn QM2 sollte erstens komplett in einer Werft und zudem möglichst zeit- und personalsparend gebaut werden.
Chantiers de l’Antlantique gelang dieses Kunststück bis März des Vorjahres. Während im konventionellen Schiffsbau ein Schiff sukzessive von unten nach oben – also vom Kiel Richtung Schornstein – konstruiert wird, wurde für die QM2 ein noch kaum gebräuchliches Verfahren gewählt: Komplette Teile des Schiffes, jeweils etwa 16 Meter lange Abschnitte des Rumpfes, wurden vorgefertigt und dann wie Baukastenelemente zusammengefügt. Mittels Präzisionsinstrumenten wie Lasermessgeräten passten Spezialisten die einzelnen Bauteile schließlich millimetergenau ein, bevor sie verschweißt wurden.

Praktisch einzigartig ist auch der Antrieb der QM2. Statt riesiger, dröhnender Propellerwellen, die sonst von den Maschinen durch den Schiffsbauch zu den Schrauben führen, erzeugen die Dieselmotoren und Gasturbinen Strom – welcher neben der Stromversorgung an Bord auch zum Betrieb riesiger Elektromotoren genutzt wird. Diese so genannten Mermaids sind außen am Heck der QM2 angebracht und treiben die Schiffsschraube an.
Die technische Innovation, die Materialverschleiß minimieren und die sonst üblichen Vibrationen dämpfen soll, birgt freilich auch Fehlerquellen – gerade weil das System noch so gut wie einzigartig ist, mangelt es an praktischen Erfahrungen, und ob die Elektromotoren tatsächlich genügend Kraft erzeugen, bleibt abzuwarten. Bei den bisherigen Probefahrten soll zumindest nach Angaben der Reederei technisch alles nach Plan verlaufen sein. „Die Tests haben bestätigt, was wir die ganze Zeit gedacht haben“, gab Cunard-CEO Peter Shanks anschließend bekannt, „die Queen Mary 2 ist der feinste Ocean Liner aller Zeiten.“
Wie lange das Schiff den exklusiven Status innehaben wird, ist allerdings fraglich. Andere Schiffseigner haben bereits Konkurrenz angekündigt. So will Royal Caribbean Cruises mit Hauptsitz in Miami bis 2006 einen Luxuskreuzer fertig stellen, der 3600 Passagiere und 1400 Crewmitglieder aufnehmen kann. Und in der italienischen Werft Monfalcone soll im Auftrag von US-Investoren angeblich ein 1,5 Kilometer langer Schiffsgigant entstehen, der 25.000 Wohnungen für 50.000 Menschen beherbergen soll – wann und ob die schwimmende Stadt je Realität werden wird, ist jedoch wohl aus gutem Grund ungewiss.