Globalisierung, Loser Comedy, Groteske:
Die Problemzonen des heimischen Films

Die Grazer Diagonale 2009 leuchtete unter neuer Leitung die Gewinn- und ­Problemzonen des öster­reichischen Gegenwartskinos aus – bis hin zum Drogenrausch.

Von Stefan Grissemann

Als Sehnsuchtsort und atmosphärischer Fluchtpunkt erfreut sich der Ozean im Kino ungebrochener Aktualität. Das österreichische Gegenwartskino, wie es vergangene Woche bei der Grazer Diagonale präsentiert wurde, scheint vom Meer gar nicht genug bekommen zu können. Im Binnenstaat kann diese Ausweichbewegung auch als Geste der Fiktion, als Utopie gelesen werden: Überall ist es besser, wo wir nicht sind.

Am Meer, bei guter Fernsicht , werden die Dinge einfach, wird die Welt überschaubar. Dietmar Brehm verwandelt in seinem achtminütigen Video „Ozean“ gefundene Szenen aus einem, wie der Künstler festhält, „sehr schlechten Pornofilm“ in extrem unscharfe, ultramarinblau gefärbte Bilder kaum definierbarer Körperaktionen, die eher an den Akt der Zellteilung erinnern als an klassische Pornografie: Der verfilmte Mensch regrediert zum Mikroorganismus. Zwei der besseren Spielfilme dieses Kinojahrgangs thematisieren ebenfalls sehnsüchtig das Fernziel des Meeres: Peter Jaitz’ erstaunliches Debüt „Rimini“, eine suggestiv konzipierte Studie über die Allgegenwart der digitalen Bilder, endet in einem Café an der Adriaküste, weit weg von den visuellen und existenziellen Komplikationen der tristen Wienerstadt. In der essayistischen Erzählung „Schottentor“ dagegen kommt das Meeresrauschen gleich zu Beginn aus der Konserve, gefolgt von einem Auftritt des Regisseurs Caspar Pfaundler, der zwischen zwei Straßenbahngleisen mit Blick in die Kamera davon berichtet, dass sein Budget leider zu gering gewesen sei, um eine Reise ans Meer für sich und sein Team zu erlauben. So sei es bei der Drehbuchidee für die Szene geblieben – und beim Wiener Schottentor als Hauptschauplatz.

Das fünftägige Grazer Festival des österreichischen Films ist ein vielschichtiges, dichtes Konstrukt: Ruhe und Konzentration aufs Wesentliche kann es brauchen. Barbara Pichler, die neue Intendantin der Diagonale, hat gut daran getan, ihr Programm schlanker zu gestalten, nicht zu überfrachten. Die immense Bandbreite des Austro­kinos, von der man im regulären Kinobetrieb keine Ahnung kriegen kann, wird dadurch nur noch deutlicher. Ihr erstes Jahr als Diagonale-Chefin hat Pichler in einer für den österreichischen Film besonders günstigen Situation absolviert. Das hiesige Kino hat sich 2008/2009 überraschend gut entwickelt: Aus dem Stand hat es seinen Marktanteil verdreifacht, zwei Oscar-Nominierungen en suite verbucht und sogar die Politiker fast geschlossen für sich vereinnahmt.

Aber: kein Sieg ohne Wermutstropfen. Die akute Krise des ORF droht dieser Tage aufs Kino heftig zurückzuschlagen: Der schwer defizitäre Rundfunk ist in der Filmförderung kaum noch manövrierfähig. Durch die letztjährigen Vorgriffe auf das Budget 2009 werde der ORF-Kinofilmtopf, so vermutet Roland Teichmann, Chef des Österreichischen Filminstituts, noch vor dem Sommer leer sein. Und dann? Nur noch Low-Budget-Operationen?
Film sei „ein Schwerpunkt des Regierungsprogramms“, wird inzwischen Kulturministerin Claudia Schmied nicht müde zu betonen. Es steht allerdings zu befürchten, dass sie nicht ganz genau weiß, wovon sie spricht, denn die heimlichen Glanzleistungen des österreichischen Films, das Kino jenseits exponierter Festival- und Feuilletonrenner, die Arbeiten von Siegfried Fruhauf („Ground Control“) und Gerhard Friedl („Shedding Details“), von Michael Palm („Laws of Physics“) und Josef Dabernig („Hotel Roccalba“), von Johann Lurf („12 Explosionen“) und Billy Roisz („Tilt“), tauchen in ihren Elogen nirgendwo auf. Noch in ihrem Vorwort zum jüngst vom Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur veröffentlichten Katalog „innovative film austria 08/09“ erwähnt Claudia Schmied namentlich einen einzigen Film: „Die Fälscher“. In der Politik sticht der Oscar eben immer, obwohl dieser bekanntlich nicht gerade für Innovation steht.

Zorn & Aggression. Als wollte man diese Sicht der Dinge noch bestätigen, ging die Diagonale 2009 mit einem eher belanglosen Abend ins Rennen: Die Eröffnungsveranstaltung am Dienstag vergangener Woche geriet mit der Premiere von Marco Antoniazzis Debütfilm „Kleine Fische“ (siehe Kritik-Kasten) enttäuschend. Glücklicherweise ließ sich der matte Eindruck anderntags zerstreuen. Die Bregenzer Filmemacherin Claudia Larcher etwa realisierte mit „HEIM“ eine der verstörendsten Arbeiten dieses Festivals: Dabei zeigt sie nichts als einen synthetischen Panoramaschwenk durch die – am Rechner vielfach manipulierten – Interieurs eines ländlichen Kleinbürgerdomizils. Tiefer in die Abstraktion wagte sich der Digitalminimalist Manuel Knapp mit „distorted areas – 01“, einer Studie der Oberflächen eines elektronischen Schwarzweißbilds: Mit äußerster Präzision ästhetisiert Knapp seine herbeigeführten Bild- und Tonstörungen, das Zucken der Zeilen und das Rauschen der Maschinen. „Ästhetik der Zerstörung“ nennt Manuel Knapp selbst das. Eine gewisse Aggression ist Österreichs Bewegungsbildermachern nach wie vor nicht abzusprechen.

Nicht nur der Zorn motorisiert: Auch die Lust an der Realitätsverzerrung ist dem hiesigen Kino geblieben. In den unwirklichen Korridoren entlegener Hotels beispielsweise spielt sich allerhand Befremdliches ab, wie zwei der schönsten Arbeiten der Diagonale 2009 demonstrierten: Mara Mattuschka setzt in ihrer halbstündigen erotischen Groteske „Burning Palace“ die Kooperation mit dem Choreografen Chris Haring und dessen Truppe Liquid Loft fort – und schöpft dabei die theatral-tänzerischen Kapazitäten ihres Aktions- und Körperkinos aus. Mindestens ebenso kunstvoll, nur noch infantiler, schlägt Michael Glawogger in seiner neuen Drogen-Placebo-Comedy „Contact High“ aus einer sehr eigenen Form des Surrealismus Profit: Das erneut gemeinsam mit Hauptdarsteller ­Michael Ostrowski verfasste Sequel zum Lustspiel „Nacktschnecken“ (2004) geht planvoll im totalen Realitätsverlust auf. So kommt das österreichische Kino ganz umweglos vom Meeres- zum Drogenrausch: entfesselt vom Zwang zur psycho­sozialen Botschaft, von Raum, Zeit und ­Vernunft entbunden.