Götz Spielmann: „Ich bin kein Bittsteller“

Götz Spielmann, Regisseur des Diagonale-Eröffnungsfilms, über ästhetische Globalisierung, die Banalität der Politik und die Unschuld seiner Sexszenen.

profil: Wie sehen Sie die aktuellen Entwicklungen in der Causa Diagonale? Das Festival erhält heuer keinerlei Bundessubvention, dennoch ist von einer Annäherung zwischen Kinoszene und Kunststaatssekretariat die Rede.
Spielmann: Meine Position in der Auseinandersetzung war immer: kompromisslos in der Sache sein, selbstbewusst und höflich in der Argumentation. Die jüngsten Taten Moraks – die ÖFI-Neubesetzung und die Einbindung der Szene in Sachen Diagonale – waren letztlich intelligente Entscheidungen. Es gibt jetzt tatsächlich eine ernste Gesprächsbereitschaft.
profil: Kommt das nicht zu spät? Österreichs Kino steht kulturpolitisch ärmer da als je zuvor.
Spielmann: Kunst ist komplexer als Politik. Als Filmemacher bin ich persönlich ein Angebot, keine Nachfrage. Wenn die Politik einen eigenständigen österreichischen Film will, bin ich dafür ein Angebot. Ich bin aber kein Bittsteller. Wenn die Politik Österreichs Kino abschaffen oder kommerziell trivialisieren will, gilt eben mein Angebot nicht mehr. Das ist alles.
profil: Was bedeutet es für Sie, gerade diese – so sehr umkämpfte – Diagonale zu eröffnen?
Spielmann: Das ist erstens eine große Freude, zweitens eine Ehre. Ich denke aber, dass heuer auf dem Eröffnungsfilm ein gewisser Druck lastet, der muss schon was bestätigen. Dieser Druck ist mir recht, den mag ich.
profil: Ihr Sozialdrama „Antares“ befasst sich mit österreichischem Alltag, mit dem Hier und Jetzt des Lebens in diesem Land. Gefällt Ihnen die Vorstellung, damit das Austrofilmfestival zu eröffnen, auch deshalb?
Spielmann: Jean Renoir hat gesagt: Nur ein Film, der provinziell ist, wird überall verstanden. Ich glaube nicht an die ästhetische Globalisierung. Sie verflacht und banalisiert alles. „Antares“ ist gesellschaftlich präzise, damit auch österreichisch, aber es ist kein Film über soziale Probleme, sondern über Menschen und Leidenschaften.
profil: Eines der Klischees, die dem österreichischen Kino vorauseilen, ist das der Depression, der ewigen Tristesse. Kultiviert nicht auch „Antares“ einen gewissen Pessimismus?
Spielmann: Dezidiert nicht. Ich halte „Antares“ nicht für pessimistisch. Auch ich habe ein Problem mit Kunst, die das Leben als etwas grundlegend Falsches darstellt.
profil: Glückliche Menschen zeigt „Antares“ jedenfalls nicht.
Spielmann: Glück ist ein Ausnahmezustand. Im Allgemeinen ist unser Leben nicht glücklich – das ist nicht schlecht, sondern eine Tatsache. Das Leben braucht kein Glück, um gut zu sein. Wo ununterbrochen Glück und Harmonie betont sein muss, verbergen sich nur der Zweifel und die Depression. Ich zweifle am Leben nicht, ich bin ein Optimist, der sich den Tatsachen stellt.
profil: In „Antares“ gehen Sie mit Sex erstaunlich explizit um. Mit welchen Reaktionen rechnen Sie?
Spielmann: Ich hoffe, dass die Zuschauer dabei ein starkes Erlebnis haben, dass es sie bewegt. Diese Szenen sind zwar schamlos, aber auch mit großer Aufrichtigkeit gedreht worden – sie haben eine Art Unschuld. Es ging nie um Spekulation oder Skandal, sondern um Genauigkeit.
profil: Geht es dem österreichischen Kino denn gut? Welches Bild wird die Diagonale 2004 zeigen?
Spielmann: Die Qualität nimmt zu, während die Möglichkeiten, Qualitätsarbeit zu leisten, geringer werden. Es gibt in Österreich mehr Leute, die gute Filme machen können, als Geld da ist. Hier versäumt man etwas. Man sollte dieses Potenzial nicht verschleudern.