„Good old Sally“ vor der Einschmelzung

Eine filmreife „Schnitzeljagd“ der Polizei nach dem Salzfass der Nation könnte das Werk in höchste Gefahr gebracht haben.

Der Zund stammte von einem profil-Informanten mit höchster Glaubwürdigkeit und ging am Mittwoch der vergangenen Woche in der Redaktion ein. Der Hinweis enthielt spektakuläre Neuigkeiten über die Jagd nach dem vor zweieinhalb Jahren geraubten und seither verschwundenen Salzfass der Nation. Tags darauf kontaktierte profil die zuständigen Fahnder der Kriminaldirektion 1, um die Informationen zu verifizieren.

Ernst Geiger, der Chef der Abteilung, sowie zwei seiner mit der Fahndung nach der Saliera befassten Mitarbeiter bestätigten alle Details, ersuchten aber, die Geschichte nicht zu veröffentlichen. Auch andere Medien seien über die neuen Entwicklungen im Bilde, hätten aber zugestimmt, Stillschweigen zu bewahren, um die Fahndung nicht zu gefährden.

Jede Veröffentlichung bedeute zwangsläufig, dass das Salzfass für immer verschwinden werde. Erfahre der Verdächtige, dass die Polizei ein Foto von ihm besitze, das ihn beim Kauf einer SIM-Karte für ein Mobiltelefon zeige, würde der Mann die Saliera mit hoher Wahrscheinlichkeit zerstören. Und ihm selbst, dem mutmaßlichen Täter, könne man unter Umständen gar nichts nachweisen. Denn eine SIM-Karte zu kaufen sei nicht verboten. Und mehr könne man ihm nicht vorhalten, sofern er alle Spuren beseitige.

profil sah sich nicht in der Lage, so einfach zu versprechen, der Öffentlichkeit die neuen Informationen vorzuenthalten. In der Redaktion wurde das Interesse der Öffentlichkeit gegen jenes der Polizei in langen Diskussionen abgewogen. Bis Freitagmittag rief Einsatzleiter Ernst Geiger rund 20-mal in der profil-Redaktion an, um zu erfahren, ob bereits eine Entscheidung gefallen sei. Würde profil die Geschichte abdrucken, so Geiger, müsse er sofort eine Pressekonferenz einberufen. Seine Deadline lautete auf Freitag 12.00 Uhr Mittag. profil entschied aus prinzipiellen Erwägungen, kein Stillschweigeversprechen abzugeben, und beschloss, die Entscheidung über die allfällige journalistische Behandlung der Angelegenheit auf den Nachmittag zu vertagen, um vorerst das Ultimatum Geigers verstreichen zu lassen und dessen Reaktion abzuwarten. Kurz nach 12.00 Uhr veröffentlichte die Polizei eine Aussendung mit der Einladung zu einer für 13.30 Uhr angesetzten Pressekonferenz.

Funkstille. Nach zwei Jahren der Funkstille hatte sich am 7. Oktober des Vorjahres wieder ein Kontakt mit den mutmaßlichen Saliera-Räubern ergeben. In einem Brief an die Uniqa-Versicherung, bei der die Skulptur versichert ist, hatte der Absender seine Forderung über zehn Millionen Euro für die Rückgabe des 450 Jahre alten Kunstwerks eingebracht und eine Reihe von Anweisungen erteilt, die den Deal technisch abwickelbar machen sollten: Uniqa solle ein Postfach einrichten, eine E-Mail-Adresse sowie eine Mobiltelefonnummer zur Verfügung stellen und dies via Zeitungsinserat bekannt geben, um die nötige Kommunikation zwischen den beiden Verhandlungsparteien zu ermöglichen. Die Versicherung verhandelte jedoch nicht selbst, sondern schaltete sofort die zuständigen Fahnder ein. Am 22. Oktober wurde das geforderte Inserat in der Tageszeitung „Kurier“ geschaltet.

Der nach Polizei-Einschätzung überaus präzise vorbereitete Kontaktmann machte nun den nächsten Schritt: Er machte glaubhaft, dass er auch tatsächlich über das begehrte Kunstobjekt verfüge. Er entfernte den goldenen Dreizack aus der Skulptur, mutmaßlich ohne dabei das Werk zu beschädigen, packte ihn in eine Frischhaltefolie und deponierte die heikle Fracht bei einem Elektrokasten in der Nähe des Mozart-Denkmals im Wiener Burggarten. In einem weiteren Brief, den die Fahnder am 27.10. im eingerichteten Postfach vorfanden, informierte er, wo der angebliche Saliera-Teil zu finden sei. Ob der Dreizack tatsächlich ein Originalbestandteil des von Benvenuto Cellini angefertigten Salzbehältnisses ist, konnte bislang zwar noch nicht mit absoluter Sicherheit geklärt werden, es gilt nach entsprechender Materialuntersuchung jedoch als höchstwahrscheinlich.

Am 4. November erging ein SMS mit der Ankündigung, dass die Geldübergabe nun erfolgen sollte. Am 7.11. ging es dann tatsächlich los. Freilich ganz ohne Geld, denn die Polizei ist weder berechtigt noch entsprechend liquid, in irgendwelchen schwarzen Plastiksäcken Euro-Millionen zu hinterlegen. Und die Versicherung wollte dem Vernehmen nach das Werk eigentlich nie kaufen, weil sie es danach nicht besitzen wollte. Um 7.01 Uhr dieses Tages langte jedenfalls das Startsignal via SMS bei der Polizei ein, und es begann eine reichlich kuriose „Schnitzeljagd“.

Den ganzen Tag über „trieb er uns kreuz und quer durch Wien“, sagt ein beteiligter Polizist, „bis er sich dann doch wieder vertschüsste“. Das Saliera-Phantom erteilte laufend Anweisungen via SMS und benützte für jede einzelne Meldung eine andere SIM-Karte. Er, der sich bislang nur in guter englischer Sprache artikuliert hatte, schrieb jetzt auf Deutsch. Anfangs in sehr schlechtem Deutsch, das aber von Meldung zu Meldung immer besser wurde. Damit hat er sich in den Augen der Polizei als deutschsprachig, vermutlich sogar als Österreicher verraten.

Aus den Reihen der Fahnder wurde ein Bote auserkoren und die Anweisung „Keine Polizei“ solcherart naturgemäß missachtet. Der Unbekannte übermittelte die Koordinaten für ein Ziel, und der Bote zog los. Der Geldüberbringer solle auch eine Badehose und einen Liter Wasser mitnehmen, lautete eine weitere Anweisung. Die Polizisten erblicken in diesen und ähnlichen „Faxen“ Anleihen aus Filmen, in denen Polizisten von einem Erpresser angewiesen werden, vor einem Übergabetermin durch ein Wasserbecken zu schwimmen, um mögliche Wanzen außer Gefecht zu setzen.

„Ärger als Kottan“. An den verschiedenen angegebenen Schauplätzen fand sich jeweils ein schwarzes Plastiksackerl, in dem sich ein Stein und eine Nachricht auf Papier befanden, die das nächste anzupeilende Ziel angab und auf welche Weise der Bote die Strecke zurücklegen sollte. Einige der Stationen waren die Friedensbrücke, die Jedleseer Straße und die Höhenstraße. Einmal musste der Bote einen Bus nehmen, dann wieder auf ein Fahrrad steigen oder zu Fuß gehen. Die Kriminalisten setzten eine große Anzahl von Beamten ein, um im Wettlauf beschattungsmäßig mithalten zu können.

Gegen 20.00 Uhr piepste das Saliera-Handy dann bislang zum letzten Mal. Der Inhalt der eingegangenen SMS war für die Fahnder niederschmetternd: Sinngemäß verwies der Schreiber darauf, mit seiner Geduld am Ende angelangt und selbst nicht auf den Kopf gefallen zu sein. Er nehme es den Fahndern übel, ihn, den Saliera-Dieb, nicht ernst genommen zu haben. An den einzelnen Zwischenstationen hätte es nur so gewimmelt vor lauter Beamten – seine Anordnung habe aber unmissverständlich „keine Polizei“ gelautet. Er habe dies alles natürlich mitbekommen. Insgesamt sei das Verhalten der Fahnder „ärger als bei Kottan“ gewesen. Jetzt aber werde er „good old Sally“, wie er das Salzfass liebevoll nannte, einschmelzen, diesen Vorgang fotografisch festhalten und die Bilder den Medien zukommen lassen.

Diese Abschiedsworte wurden bei der Polizei-Pressekonferenz am Freitag vergangener Woche anders dargestellt. Da behauptete man, der Unbekannte hätte nur das Ende der Übung für diesen Tag verkündet, sich quasi nur verabschiedet und angekündigt, sich wieder zu melden.

Das war’s dann. Die bislang letzte Aktion des Phantoms wurde eine Woche später registriert: Da wurde die Mailbox eines der benutzten Mobiltelefone abgehört.

Der IMEI-Code. In der darauffolgenden Woche gelang den Fahndern ein spektakulär erscheinender Ermittlungserfolg: Sie kamen an ein Foto heran, das einen Mann zeigt, der der Gesuchte sein könnte. Über den so genannten IMEI-Code, eine 15-stellige Identifizierungszahl, die jedes Mobiltelefon (meist unterhalb des Akkus) aufweist und die beim Einklinken in ein Mobiltelefonnetz automatisch mitübertragen wird, konnte rückerfasst werden, dass das konkrete Telefon in einem A1-Shop auf der Wiener Mariahilfer Straße gekauft wurde. Dann mussten nur noch die Bänder der Überwachungskamera des Ladens auf den Zeitpunkt des Kaufes zurückgespult werden, und schon erschien der „gut aussehende, südländische Typ“, der vielleicht etwas mit der Sache zu tun hat. Vielleicht, denn schließlich wäre auch möglich, dass er zwar das Telefon erstanden hat, ihm dieses aber später gestohlen wurde oder der Mann den Kauf auf Bitte eines unbekannten Passanten getätigt hat.

Die Kriminalpolizisten sitzen seither auf Nadeln. Haben sie ihn verärgert? Hätten sie irgendetwas anders gestalten können oder sollen? Meldet er sich wieder? Vermutlich ja, aber wann? Wieder erst in zwei Jahren? Schmilzt er „das Ding“ tatsächlich ein? Was macht er, wenn er erfährt, dass es ein Foto von ihm gibt? Ist er tatsächlich kunstsinnig genug, um von einer sinnlosen Zerstörung Abstand zu nehmen? „Spuren hat er keine hinterlassen“, sagt einer der Polizisten.

Der einzige verbliebene Ermittlungsansatz lautet daher: warten. Und Ausschau halten nach dem gut aussehenden Mann auf dem Foto.

In einem Punkt waren sich die Kriminalbeamten Mitte vergangener Woche noch einig: Ein Bekanntwerden dieser Geschichte in der Öffentlichkeit bedeute praktisch das Ende der Hoffnungen, die Saliera jemals wieder zurückzubekommen. Besonders die Veröffentlichung des Fotos wurde als potenziell „extrem gefährlich und kontraproduktiv“ eingestuft. Das Mindeste wäre, dass der Betroffene sorgfältig alle Spuren beseitigen könne. Und es sei nicht einmal auszuschließen, dass er zum juristischen Gegenangriff übergehe, weil ihm nichts nachzuweisen sei, außer ein Starter-Paket für ein Handy gekauft zu haben.

Bei der Pressekonferenz, welche die Fahndungsgruppe Saliera am Freitag vergangener Woche eilig einberufen hatte, wurden die Risken und Gefahren dann freilich ganz anders beurteilt. Man sei sich sicher, der Mann werde das wertvolle Prunkstück nicht kaputt machen. Dazu sei er zu intelligent. Und die Veröffentlichung des Fotos könne vielleicht doch zu einem Fahndungserfolg führen.
Vielleicht.

Von Emil Bobi
Mitarbeit: Ulla Schmid