Googlemugl

Der Mount Everest des Internet wird zehn Jahre alt.

Kürzlich stellten die Kollegen eines TV-Senders wieder die beliebte Frage nach persönlichen Rankings. Diesmal ging es nicht um Banales wie den „bestgekleideten Politiker“ (eher Bartenstein als Kdolsky) oder das wohlschmeckendste Bio-Produkt (F. X. Pichler, Riesling Smaragd, Kellerberg), sondern um die drei faszinierends­ten Wirtschaftsfragen und die drei interessantesten ­Companys. Antwort 1: Wann hören wir die ersten Schmerzensschreie der China-Fanatiker? Wie bremst man den Sturzflug des Dollars? Merkt niemand, dass die Industrie ein Comeback feiert?
Antwort 2: Toyota, Microsoft, Google. Toyota, das überragende Automobilunternehmen, lassen wir zu diesem Zeitpunkt höflich beiseite. Man hat gerade die Grundlagen dafür gelegt, sich auch in der Formel-1-Saison 2008 zu blamieren. Umso interessanter die beiden US-Firmen. Das Übernahmeangebot Microsofts an Yahoo! ist der Aufreger der Saison. Gründer Bill Gates und CEO Steve Ballmer wollen 45 Milliarden Dollar investieren, um im Wettkampf der Internet-Suchmaschinen wenigstens noch in Sichtweite des Kometen Google zu bleiben. Ein feiner Anlass, um das 10-Jahre-Jubiläum von Google um sechs Monate vorzuverlegen.

Wunderkinder faszinieren. Ihre Väter vergöttern sie wegen des schnellen Gelds. Ihre Mütter vergöttern sie wegen des schnellen Ruhms. Für den Rest der Welt haben sie aber immer auch etwas Seltsames, Befremdliches, Perverses, wenn nicht Abstoßendes gehabt. Dies gilt auch für das Digitalprojekt Google. Als Larry Page und Sergey Brin, die Gründer von Google Inc., am 7. September 1998 die erste Testseite ihrer neuartigen Suchmaschine ins World Wide Web (WWW) stellten, ahnte niemand, dass aus diesem Atom innerhalb einer einzigen Dekade ein Riesenmolekül mit irrem, anscheinend unkontrollierbarem Wachstum werden würde. Wer Schwindelgefühle schätzt, sollte einen Blick auf die Datenbasis von Google werfen. Die Zahl der Dokumente, die unter dem Such-Index schlummern, entwickelte sich wie folgt: Gründungsjahr 1998: 25 Millionen. Jahr 2000: eine Milliarde. 2002: zwei Milliarden. 2003: drei Milliarden. Von September 2004 auf November 2004 sprang die Zahl von vier auf acht Milliarden. Ab 2005 hat man aufgehört, die Anzahl der Dokus auf der Google-Hauptseite einzublenden. Seither spricht Google untertreibend von einem Index von „mehr als acht Milliarden Websites“. Die mächtige Suchmaschine hat weltweit eine Reichweite von 64 Prozent, im deutschsprachigen Raum eine von 90 Prozent. Anteil der Suchmaschinen-Online-Werbung knapp 80 Prozent. Das heißt zunächst ganz cool: Google hat zufriedene Kunden. Die Google Inc. macht ihre Arbeit gut. Sie bietet auch glänzende Selbstdarstellung. Der zentrale Campus in Mountain View, Kalifornien, spiegelt die Fröhlichkeit des buntesten Logos der Welt. Eine Firma als siebente Wolke. Über grüne Wiesen taumeln Schmetterlinge, in den Büros taumeln besinnungslos glückliche, verwöhnte, gut bezahlte, liberal geführte, hoch motivierte Mitarbeiter. Sie denken 16 Stunden pro Tag darüber nach, wie man a) die Suchmaschine verfeinern und b) die peripheren Serviceleistungen erweitern und c) die Online-Werbeerträge maximieren kann.

Eine Extramacht der Google-Fürsten liegt im Page-Ranking, also der Frage, welche Website etwa beim ­Suchbegriff „profil“ vorne liegt. In Österreich gleich ­dreimal das gleichnamige Nachrichtenmagazin (profil-Online, profil-Magazin, profil-in-Wikipedia). Man erkennt: ­Google ist bereits ins Nationale verfeinert. Der Algorithmus des Page-Rankings, im Wesentlichen ein ständig jus­tiertes Abbild der Nachfrage, wird geheim gehalten, um unwürdige, intelligente Schurken abzuhalten, sich nach vorne zu manipulieren. Ein endloser Kampf, und nicht unwitzig. Gegner von George Bush schafften es, dessen Website mit verächtlichen Suchworten wie „Unfähigkeit“ und „Fehler“ zu verknüpfen. Umgekehrt wurde BMW kurz aus dem Index entfernt. Mit so genannten doorways hatten die Bayern ihre kessen Boliden unsittlich oft auf den Bildschirm der Auto-affinen Suchenden gezaubert. Einst erfunden, um auf alle irdischen Fragen eine Antwort zu geben, ist Google selbst zu einem Problem geworden. Es wirft viele neue Fragen auf. Eine Lösung ist zunächst nicht in Sicht. Es gibt mehr Unbekannte als Gleichungen. Google hat Muskeln an Stellen, wo andere nicht einmal Stellen haben. Zu den ernsten Vorwürfen zählen: merkwürdige, teils militärisch bedingte Inhaltszensuren, Verletzung von Datenschutz, inhaltliche Nachgiebigkeit gegenüber mächtigen Diktaturen wie China und vorrangig das Quasi-Monopol. Zerschlagungsforderungen kommen nicht zuletzt aus Paris. Dort verlangt man ein euro­päisches Pendant, sonst wird am Ende die englische Sprache noch wichtiger als die französische.
Google wurde unheimlich wie Golem. Nur so wurde Undenkbares möglich: dass man Microsoft, bisher der Riesen-Watschenmann, geradezu bittet, mit dem Erwerb von Yahoo! und einem dann immer noch schwachen Marktanteil von unter 20 Prozent zum Terminator und Retter zu werden, der den unberechenbaren, robotisch voranschreitenden, scharfäugigen Such-Golem Google bremst und bändigt.