Gott und die Welt: Kardinal Schönborns Aussagen irritieren Klerus und Kirchenvolk

Kardinal Christoph Schönborn verstört Teile des Klerus und des Kirchenvolks durch umstrittene Positionen zu Sexualität, Empfängnisverhütung und Evolution. In Rom wird seine Linie positiv aufgenommen.

Oft brennt in der Wohnung hinter den dicken Mauern des Erzbischöflichen Palais in der Wiener Wollzeile noch spät das Licht. Mit Füllfeder und in gestochen feiner Schrift schreibt Christoph Schönborn dort an seinen Büchern und an den Predigten, die er in den nächsten Tagen drüben im Dom halten wird. Hier arbeitet, das gestehen auch seine Kritiker ein, einer der großen Theologen unserer Zeit. Das Werkverzeichnis des 64-jährigen Oberhirten weist ihn als Koryphäe aus. Schönborn schrieb über „Die charismatische Erneuerung der Kirche“ ebenso wie über „Die kirchliche Erbsündenlehre“. Er dachte seitenweise über „Die christliche Moral nach dem Katechismus“ nach und machte sich „Gedanken zum Evangelium im Markusjahr“. Sakramente, Pilgerschaft und Dogmatik, Liturgie, Eucharistie und Christologie – kaum ein Fachgebiet seiner Fakultät, auf dem der zum Kardinal erhobene Universitätsprofessor nicht gearbeitet hätte. Meist nachts, immer mit Füllfeder und in gestochen schöner Schrift.

Stimme Roms. Seine theologische Hinführung zu den Ikonen – Schönborns Dissertationsthema – machte ihn auch in der Ostkirche zum Star. In den vergangenen Jahren beschäftigte sich der Wissenschafter mit „Hauptberuf“ Erzbischof von Wien vor allem mit Kosmologie und Evolution und setzte sich im Buch „Ziel oder Zufall – Schöpfung und Evolution aus der Sicht eines vernünftigen Glaubens“ hochaktuell mit Charles Darwin auseinander. Nur einer kann den hoch gebildeten Spross der deutschen Adelsfamilie Schönborn in puncto theologischer Gelehrsamkeit noch übertrumpfen: der Papst selbst. Professor Joseph Ratzinger war schließlich Schönborns Lehrer gewesen. Ihm eifert der Lieblingsschüler nicht erst seit dessen Wahl zum Pontifex maximus nach.

Das nehmen ihm nun viele krumm. In den Aussagen Schönborns der letzten Monate wollen sie die Stimme Roms heraushören und einen neuen, strengeren, offensiveren Kurs herauslesen. Christoph Schönborn, meinen skeptische Gefolgsleute, sei dabei zum wichtigsten Herold des deutschen Papstes geworden.

Im März etwa hatte Christoph Schönborn in Jerusalem zu 170 Priestern des so genannten Neokatechumenats gesprochen, einer papsttreuen Erneuerungsbewegung. Der polyglotte Kardinal bediente sich dabei der italienischen Sprache. Sein Thema: der Rückgang der Geburtenraten in Europa. Drei Gründe machte Schönborn dafür aus: die in den siebziger Jahren liberalisierten Abtreibungsgesetze, die zunehmende Tendenz zur staatlichen Anerkennung von homosexuellen Partnerschaften und die Empfängnisverhütung. Beim letzten Thema machte Schönborn auch seine Vorgänger mitverantwortlich: Es sei eine „Sünde“ gewesen, dass die österreichische Bischofskonferenz 1968 in der so genannten „Mariatroster Erklärung“ „Nein“ zur strengen Antibabypillen-Enzyklika von Papst Paul VI. gesagt habe. Man habe „nicht den Mut gehabt, Ja zu sagen“.

Der Vorsitzende der Bischofskonferenz war damals kein Geringerer als Kardinal Franz König gewesen, der große Immaculatus der österreichischen Kirche. Entsprechend war der Wirbel, der hinter den Mauern der Kirche losbrach. Schon im April wurde im Priesterrat – einem etwa 60-köpfigen Beratergremium des Kardinals – offen Kritik an Schönborns Aussagen geübt. „Wir haben ihm dringend geraten, nicht mehr so zu argumentieren“, erinnert sich ein Mitlied des Gremiums. Denn ganz so, wie es der Kardinal dargestellt hatte, war es nicht. Die österreichischen Bischöfe hatten sich in ihrer „Mariatroster Erklärung“ keineswegs für eine Laissez-faire-Politik gegenüber Sex & Pille ausgesprochen, sondern bloß – wie übrigens zwei Drittel der nationalen Bischofskonferenzen – daran erinnert, dass das Zweite Vatikanische Konzil doch eben erst die Selbstverantwortung der Eheleute für die Zahl der Kinder betont hatte. Der Text des in Mariatrost bei Graz beschlossenen Papiers stammte vom Tiroler Bischof Paulus Rusch – ein gebildeter Theologe und alles andere als ein linker Rappelkopf. Aber wenigstens dieses kleine Zugeständnis an die gesellschaftliche Wirklichkeit wollte die österreichische Kirche im Revolutionsjahr ’68 machen: Sex muss nicht ausschließlich der Fortpflanzung dienen.

In der Öffentlichkeit wurde der Text von Schönborns Jerusalemer Rede erst im November 2008 bekannt, also mehr als ein halbes Jahr nachdem sie gehalten worden war. Der letzte 1968 in Mariatrost Dabeigewesene, der eben emeritierte Wiener Weihbischof Helmut Krätzl, reagierte entrüstet: In Gastkommentaren in der „Furche“ und in der „Presse“ kritisierte er Schönborns „verwunderliche Schuldzuweisung“: „In Wahrheit haben die Bischöfe gerade in Mariatrost Verantwortung gezeigt.“

Der Doyen der katholischen Publizisten, Hubert Feichtlbauer, ging mit Schönborn schärfer ins Gericht: „Das sind Sätze, die einen sprachlos machen. Es zeugt von Naivität, wenn man annimmt, alles wäre in Ordnung, wären die Bischöfe damals auf einer Linie mit dem Papst gestanden“, schrieb Feichtlbauer in der „Wiener Zeitung“. „Einen verhinderten Eisprung mit Lebensverhinderung gleichzusetzen würde in logischer Konsequenz bedeuten, auch in jeder eingetrockneten Samenzelle auf dem Bettlaken verhindertem Leben nachtrauern zu müssen“, ätzte Leserin Gertrude Schmid in den Postings des Amtsblatts über die späte Pillenangst des Kardinals.

Rückzieher. Im „Standard“ zerlegte dessen Geschäftsführer Wolfgang Bergmann, zuvor viele Jahre lang als Chef der Öffentlichkeitsarbeit der Erzdiözese einer der engsten Mitarbeiter Schönborns, dessen Schluss, die Homo-Ehe fördere den Geburtenrückgang: „Die Wahrscheinlichkeit, dass sich Homosexuelle eher fortpflanzen, wenn sie nicht miteinander verheiratet sind, ist wohl kaum gegeben.“ Leicht erschrocken nahm der Kardinal daraufhin seine Kritik an den Altvorderen etwas zurück, blieb in der Sache selbst aber standfest: Die Pille sei „de facto ein Nein zum Leben“ und mit ein Grund für die „demografische Implosion in Europa“.

Auf der Gegenseite hatte die Rede des Kardinals gewisse Kräfte auf Ideen gebracht. Anfang Dezember versammelte sich in Graz die von Opus Dei inspirierte katholische Fundi-Organisation „Europäische Ärzteaktion“ und forderte die Rücknahme der „Maria-troster Erklärung“. Erschrocken zog Landeshauptmann Franz Voves den Ehrenschutz zurück, als durchsickerte, dass bei der Veranstaltung auch Exorzisten und „Spezialisten“ für die „Heilung Homosexueller“ auftreten sollten. Sukkurs erhielt Schönborn wohl nicht zufällig vom päpstlichen Nuntius in Wien, Edmond Farhat: „Was der Kardinal gesagt hat, halte ich für eine Gnade Gottes.“ Schönborn habe „nur an die Lehre der Kirche erinnert“.

Widersprüche. Bei der Debatte geht es keineswegs nur um Wortklauberei und ein längst vergessenes Bischofspapier: Aussagen zu Fragen der Sexualmoral sind für die Kirche seit jeher ein Hochseilakt. Mit keinem anderen Thema lässt sich das Publikum so wirkungsvoll vergraulen, auf keinem anderen Gebiet stehen die Anforderungen der Kirche der gesellschaftlichen Wirklichkeit so diametral entgegen. Laut einer vergangene Woche im Auftrag von profil durchgeführten Umfrage des OGM-Instituts vertreten 82 Prozent der Österreicher die Meinung, die Kirche solle bei den Fragen Empfängnisverhütung und Schwangerschaftsabbruch nichts mitreden. Nur zwölf Prozent wollen bei diesen Themen mehr Einfluss der Geistlichkeit.

77 Prozent sehen die Sexualmoral der Kirche als nicht mehr zeitgemäß. Mehr als zwei Drittel der Österreicher, 68 Prozent, glauben, dass die Kirche auch bei ihrem Umgang mit dem Thema Homosexualität falsch liege. Dabei ist Christoph Schönborn keineswegs ein weltfremder, nach innen gestülpter Sonderling. Zu seinen Freunden zählen etwa der fortschrittliche Feuergeist Peter Turrini und der bärige TV-Direktor Elmar Oberhauser. Mit dem Vorarlberger Oberhauser und zwei weiteren Kumpeln aus dem Ländle – Casino-General Karl Stoss und Ottakringer-Chef Sigi Menz – trifft sich der in Schruns aufgewachsene Schönborn regelmäßig zum Jassen im Dachstübchen des „Kirchenwirts“, wie Attila Dogudans Feinschmeckerlokal Do & Co am Wiener Stephansplatz vom Stammpublikum genannt wird. Mit der Fernseh-Ikone Barbara Stöckl unterhielt sich Schönborn im Vorjahr für ein Interview-Buch tagelang über Bibelworte, Esoterik, Liebe & Scheidung. Beobachter, die viel mit ihm zu tun haben, beschreiben den Kardinal als „liebevoll, gescheit und nachdenklich“, manchmal aber etwas „beratungsresistent“.

Missionare. Oft sind es Entscheidungen aus Rom, die dem Wiener Kardinal schwere Bürden auferlegen. Im Vorjahr etwa hatte Papst Benedikt ärgerlicherweise die seit dem Konzil ausgesetzte Karfreitagsfürbitte wieder zugelassen, in der für die Bekehrung der Juden gebetet wird. Jüdische Organisationen reagierten empört: Bekannte sich die Kirche wieder zur grausamen Judenmission vergangener Jahrhunderte? Kultusgemeindepräsident Ariel Muzicant suspendierte sofort den interkonfessionellen Dialog mit der katholischen Kirche. Ein Artikel Schönborns in der englischen katholischen Zeitung „The Tablet“ trug nicht wirklich zur Beruhigung bei. Man solle auf eine Missionierung verzichten, schrieb Schönborn, aber die Bibel schreibe halt vor, das Evangelium „den Juden zuerst“ zu verkünden.

Entspannung brachte erst ein vom „Koordinierungsausschuss für Christlich-jüdische Zusammenarbeit“ ausgearbeiteter und von Schönborn und Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg abgesegneter Text, in dem „jede Form von Missionierung“ -ausgeschlossen wird. Besiegelt wurde die Übereinkunft bei einem Besuch des Kardinals in der Synagoge anlässlich des 70. Jahrestags der Judenpogrome am 9. November. Auch bei einer anderen Mission Schönborns vermuten Kenner im Hintergrund die lenkende Hand des Papstes. Im Sommer 2005 war unangekündigt ein Kommentar des Kardinals in der „New York Times“ erschienen, in dem sich dieser recht distanziert mit Darwins Evolutionstheorie beschäftigte. Diese „kann wahr sein“, erkläre die Welt aber nicht, weil sie die Entwicklungsgeschichte als Kette von Zufällen sehe, während die Kirche darin die lenkende Hand Gottes erkenne, argumentierte Schönborn sinngemäß.

Weniger der für einen Kirchenmann ja nicht übermäßig überraschende Inhalt des Gesagten als die Begleitumstände sorgten für Aufregung. Immerhin gibt es in den USA christliche Fundis, die „Kreationisten“, die die Schöpfungsgeschichte aus dem Buch Genesis – samt Schlange, Apfel und Adam & Eva – in den Schulen gleichrangig mit der modernen Evolutionstheo-rie unterrichtet sehen wollen. Bald si-ckerte durch, dass dieselbe PR-Agentur, die Schönborns Text an die „New York Times“ vermittelt hatte, das in Seattle ansässige Discovery Institute vertritt. Dieses wurde zur Propagierung der Idee des -„Intelligent Design“, einer abgemilderten Variante des Kreationismus, eingerichtet, an der auch der neue Papst Gefallen findet. John Ryland, der Vizepräsident des Discovery Institute, gab an, er habe Schönborn zu dem Artikel geraten. Schönborn wiederum bestätigte, er habe vor dessen Abfassung mit dem Papst darüber gesprochen.

Inzwischen langte aus Rom neue „heiße Ware“ ein. Kurz vor Weihnachten legte der Vatikan ein äußerst restriktives Papier zur Bioethik vor. Präimplantationsdiagnostik, therapeutisches Klonen und Stammzellenforschung werden darin -neuerlich abgelehnt. Sogar die In-vitro-Fertilisation wird als Sündenfall gebrandmarkt. Rigider ist nur noch die „Internationale katholische Medizinervereinigung“. Deren Präsident Pedro Castellvi argumentierte vergangene Woche im „Osservatore Romano“, die Spermienqualität der Männer nehme deshalb so stark ab, weil die Umwelt durch die Ausscheidungen der die Pille schluckenden Frauen so stark kontaminiert sei. Amen.

Von Herbert Lackner