Gottes verstoßene Söhne - Sieben österreichische Priester und Ihre Familien

Zum Katholizismus konvertierte Priester dürfen Sexualität und Familie leben. Ihre römisch-katholisch berufenen Kollegen nicht. Verheiratete Priester erzählen in profil von ihrem Leben – und Leiden.

Noch stellt der kleine Noa keine Fragen. Sollte er später einmal seine Herkunft erkunden wollen, wird auch die Frage nach den Großeltern kommen: Warum darf der eine Opa, was dem anderen verboten ist – obwohl sie den gleichen Beruf haben?
Noas Großväter sind katholische Priester. Als sich der eine, Hans Chocholka, für seine Familie entschied, musste er die Berufung als römisch-katholischer Priester aufgeben. Für Viktor Kurmanowytsch, Noas Großvater väterlicherseits, war die Hochzeit erst der Beginn seines griechisch-katholischen Priesterdaseins.

Rom messe mit zweierlei Maß, ärgern sich nun viele verheiratete römisch-katholische Priester, die ihr Amt für ihre Familie niederlegen mussten. Anlass für den jüngsten Aufschrei der Priester ohne Amt ist die Weihe des ehemals evangelisch-lutherischen Pfarrers Gerhard Höberth, der nach seiner Konvertierung nun trotz und mit Familie als römisch-katholischer Priester in Wien arbeiten darf. In Bayern gab es in den vergangenen 30 Jahren 20 solcher Fälle, weltweit sind es 500. Ganz legal, im Sinne des Kirchenrechts.
Die Ehelosigkeit ist nur römisch-katholischen Priestern vorgeschrieben – und auch hier gibt es, siehe Höberth, Ausnahmen. In anderen katholischen Kirchen, wie den 22 katholischen Ostkirchen, die ebenfalls den Papst als Kirchenoberhaupt anerkennen, sind verheiratete Priester unterhalb des Bischofsranges seit jeher erlaubt: 97 Prozent der Pfarrer leben, lieben und streiten hier in einer Ehe. Auch die Mehrheit der evangelischen Pfarrer ist verheiratet. Erich Leitenberger, Sprecher der Erzdiözese Wien, streicht hervor, dass verheiratete Priester vor Eheproblemen nicht gefeit seien. Mit erhobenem Zeigefinger verweist Rom gern auf die Scheidungsraten bei protestantischen Priesterehen. Michael Bünker, designierter Bischof der evangelischen Kirche A.B., kontert, in Österreich liege die Scheidungsrate mit zwölf Prozent bei evangelischen Pfarrern weit unter dem allgemeinen Durchschnitt von 49 Prozent.

Egal, wie hoch die Wahrscheinlichkeit einer Trennung auch sein mag – viele römisch-katholische Priester würden das Risiko, in einer Beziehung zu scheitern, nur allzu gern auf sich nehmen: Drei Viertel von ihnen sprachen sich bei einer Umfrage der Gesellschaft für Marketing und Kommunikation vor zwei Jahren offen gegen die Zölibatsverpflichtung aus (vom höheren Klerus wird dieses Ergebnis angezweifelt).
Wie schwer das Versprechen, das sie bei ihrer Weihe ablegen, auf ihnen lasten wird, ist vielen Priestern vor der Weihe nicht bewusst. „Als Männer steht ihr nun vor mir, als Priester werdet ihr gleich gehen“, meinte einst der damalige Erzbischof von Salzburg, Georg Eder, kurz vor einer Priesterweihe. Selbstironie?
Mehr als die Hälfte der Geistlichen hat Affären, schätzen Betroffene; andere leiden unter Einsamkeit und Depressionen, entwickeln religiös bedingte Neurosen oder verfallen dem Alkohol. Manche ziehen einen Schlussstrich und tauschen Beruf gegen Familie. Oft sind Kinder der Auslöser.

Ignoriert. Weltweit kehrten deshalb in den vergangenen 40 Jahren gezwungenermaßen rund 100.000 Priester ihrem Amt in der römisch-katholischen Kirche, der 95 Prozent aller Katholiken angehören, den Rücken. In Österreich mussten nach Schätzungen der Plattform „Priester ohne Amt“ rund 800 Pfarrer wegen der Zölibatsverpflichtung ihren Beruf wechseln (siehe Reportagen). Forderungen, diese abzuschaffen, wurden in Rom meist nicht einmal ignoriert. Nur 1971, kurz nach dem reformversprechenden zweiten Vatikanischen Konzil, fiel die bislang letzte Abstimmung in der Bischofssynode eher knapp gegen eine Abschaffung des Zölibats aus. Seither weht im Vatikan wieder der gewohnt raue Wind, der den Zölibat regelmäßig von der Tagesordnung klerikaler Treffen bläst.
Dabei ist der Zölibat kein göttliches Gesetz, kein unumstößliches Dogma. Er wurde erst 1139 eingeführt, weil Sexualität als unrein galt (siehe Kasten Seite 18). Rom verteidigt das Regulativ aus dem Mittelalter beharrlich: Priester müssten frei sein für den Herrn, „um des Himmelsreichs willen“, wird oft Matthäus zitiert. Nur Unbeflecktheit garantiere die Nähe zu Gott. Nur durch ungeteilte Aufmerksamkeit könne ein Pfarrer all seine Verpflichtungen Gott und Gemeinde gegenüber wahrnehmen. Papst Benedikt XVI. nannte den Zölibat jüngst eine „kostbare Gabe“.

„Für wen?“, fragt ein stetig wachsender Teil der Priesterschaft. Er sieht darin mittlerweile vor allem ein Machtinstrument Roms, Priester bei der Stange zu halten: Wer eine eigene Familie habe, lehne sich schneller gegen die Regeln seines Arbeitgebers auf – auch wenn dieser direkt Gott unterstellt ist.
Für diese Macht nimmt Rom sogar eine seelsorgerische Ausdünnung in Kauf: Seit den achtziger Jahren schrumpfte Österreichs römisch-katholische Priesterschaft von 5320 auf 4285 im Jahr 2005. In Wien müssen von 660 Pfarren 210 von einem anderen Pfarrer „mitbetreut“ werden. In Oberösterreich haben 100 Pfarren keinen eigenen Seelsorger und 150 Priester wegen ihrer Familie kein Amt. Dabei würden die meisten gern wieder als Pfarrer arbeiten – manche tun es, auch wenn Rom es ihnen verbietet. Sie fühlen sich Gott und der Heiligen Schrift verpflichtet, denn ihre Priesterweihe gilt ewig: Sie ist ein Character indebili, ein unauslöschliches Merkmal. Der Kanon 1335 des Kirchenrechts verpflichtet ihres Amtes enthobene Priester sogar dazu, in lebensbedrohlichen Notlagen die Sakramente zu spenden. Eine andere, oft ignorierte Stelle des Kirchenrechts besagt außerdem, dass sie dies immer tun müssen, wenn Gläubige sie darum bitten.

In Laa an der Thaya beriefen sich im Jahr 2002 die Katholiken auf diesen Kanon, um für ihren ebenso beliebten wie verliebten Pfarrer zu kämpfen: Er solle bleiben dürfen, trotz Familie. Dafür sammelten sie Unterschriften, schrieben Briefe an Kirchenobere wie Kardinal Christoph Schönborn und den Nuntius Donato Squicciarini und trommelten in christlich orientierten Medien für den Verbleib ihres Pfarrers. Heute arbeitet er als Autoverkäufer in Mistelbach.

Vir probati. In Wien sind mehrere Pfarren mit byzantinisch-katholischen Priestern besetzt, die auch nach römisch-katholischem Ritus die Messe feiern können. Die meisten von ihnen haben Familie. Bedingung: Sie müssen vor ihrer Priesterweihe geheiratet haben. Dieses Modell der Viri probati (erprobte Männer) taucht auch immer wieder in Reformvorschlägen für die römisch-katholische Kirche auf. Damit, so die Befürworter, könnte der Priestermangel eingedämmt werden: Für viele Junge sei die Ehelosigkeitsverpflichtung Grund, nicht Priester zu werden.
Paul Zulehner, Professor für Religionssoziologie und Theologie an der Universität Wien, will keinen direkten Zusammenhang zwischen Priestermangel und Zölibatsverpflichtung erkennen: „Bei der alles dominierenden Diesseitsverhaftung unseres Kulturkreises finden sich relativ wenige Leute, die ihr ganzes Leben für einen selbstlosen Dienst wie jenen eines Priesters investieren“ (siehe Interview Seite 16). Der Zölibat sei nur ein Nebenaspekt. Nikolaj Hornykewycz, Seelsorger der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche in Salzburg, glaubt ebenfalls nicht, dass in der Abschaffung des Zölibats die Lösung des Priestermangels liege: „Auch unsere Kirche im Westen hat Nachwuchsprobleme. Das Problem ist der Glaubensabfall im Westen.“
Die Gläubigen würden sich jedenfalls nicht an verheirateten Priestern stoßen, wie mehrere Studien belegen: Auch in Österreich ist mehr als die Hälfte für die Abschaffung des Pflichtzölibats, so eine IMAS-Umfrage aus 2004; bei den unter 30-Jährigen liegt der Wert gar über 80 Prozent. Was viele dabei vergäßen, so Hornykewycz, seien die Kosten. Derzeit reiche das Priestergehalt nur für eine Person. Eine ganze Familie könne man damit nicht ernähren. Er selbst habe „gut geheiratet“, räumt der zweifache Familienvater ein: Seine Frau ist Augenärztin. Auch mit dem Einstiegsgehalt evangelischer Pfarrer lassen sich keine großen Sprünge machen: 2128 Euro brutto werden ihnen monatlich überwiesen, für jedes Kind gibt es einen Zuschuss in der Höhe von 25 Euro. In der römisch-katholischen Kirche ist das Einkommen ebenfalls gestaffelt: nach Dienstalter, Dienstort und Funktion. 1064 Euro erhält ein Kaplan, ein Priester im 25. Dienstjahr bekommt rund 1550 Euro. Um Priestern eine Familie zu ermöglichen, müsste also auch ihr Gehalt erhöht werden, meint Hornykewycz, was zwangsläufig eine Erhöhung des Kirchenbeitrags bedingen würde.

Eine Diskussion, die in nächster Zeit nicht geführt werden wird. Derzeit schwingt das Pendel in der katholischen Kirche zurück: Mitte Juli hob Papst Benedikt XVI. Teile des zweiten Vatikanischen Konzils auf: Auf Wunsch der Gläubigen muss die Messe auch wieder auf Latein gehalten werden. In einem Vatikanschreiben sprach der Papst den christlich-protestantischen Gemeinschaften die Bezeichnung „Kirche“ ab.
Vor nunmehr 36 Jahren hatte man von Joseph Ratzinger noch andere Töne gehört. In einem Brief prophezeite der Kardinal 1971, die Kirche werde „auch gewiss neue Formen des Amtes kennen und bewährte Christen, die im Beruf stehen, zu Priestern weihen“. Nun will er von Viri probati und verheirateten Priestern nichts mehr wissen. Wie auch die anderen Päpste vor ihm. Tradition verpflichtet.

Ingolf Friedrich
Priester seit 1963
Verheiratet seit 1975
2 leibliche Kinder, 2 aus erster Ehe seiner Frau

„Von der schlimmsten Sorte“
Seine Eltern hatten mit Glaube, Kirche und Gott gar nichts am Hut. Ingolf Friedrich wollte dennoch Priester werden, wie sein Religionslehrer, den er so bewundert hatte: redegewandt, charismatisch, belesen und beliebt. Nach zahlreichen Diskussionen und einem Jahr Englischstudium setzte sich Friedrich schließlich gegen seine Eltern durch – 1963 erhielt der damals 24-Jährige die Priesterwürde. Noch heute ist Friedrich Priester, die Weihe gilt ewig – sein Amt auszuüben ist ihm allerdings strikt verboten. Nicht einmal Taufpate dürfte er werden. „Ich bin in den Augen Roms von der schlimmsten Sorte“, meint der Theologe. Er ist standesamtlich verheiratet, hat Kinder und Enkel. Eine Erlaubnis, die Dispens des Papstes, fehlt ihm allerdings. Jahrelang hatte er darum angesucht, wollte mit Roms Segen zu seiner Liebe stehen und dafür die mit der Dispens verbundene Rückstellung in den Laienstand in Kauf nehmen. Doch sein Wunsch, eine Familie zu gründen, war für den oberen Klerus kein Grund gewesen, ihn vom Zölibatsversprechen zu entbinden. Für eine Suspendierung vom Priesteramt reichte es aber allemal: Noch bevor sein Dispensansuchen den Vatikan erreichen konnte, hielt Friedrich bereits das bischöfliche Schreiben in Händen, das ihm die Amtsausübung verbot. Auch eine Stelle als Religionslehrer wurde ihm verwehrt.
Frisch vermählt, das erste Kind war unterwegs, versuchte Friedrich, ein neues Leben aufzubauen, zuerst als Lektor. Ein paar Jahre später, als die Druckerei mit Finanznöten kämpfte, musste er abermals umsatteln. Mit 40 Jahren begann der promovierte Theologe als Programmierer zu arbeiten. Fast zwei Jahrzehnte werkte er für Raiffeisen, quälte sich mit Assembler und anderen Programmiersprachen, bis zur Pensionierung. „Leicht war es nicht, aber ich habe mich durchgebissen. Schließlich hatte ich eine Familie zu ernähren“, erzählt der Pensionist.
Nach dem Beruf widmete er sich wieder seiner Berufung. Und hielt es fortan mit Wilhelm Busch: „Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert.“ Rom könne ihn nur einmal suspendieren, „was wollen sie mir jetzt noch tun?“, meint Friedrich. 103-mal hat er bereits seine Suspendierung gebrochen: Er leitete Begräbnisse, sprach Ehepredigten, taufte Kinder und gab vielen die letzte Ölung. Das Krankenhaus in seiner Nähe hätte ohne ihn einen seelsorgerischen Notstand. Denn Priester sind heutzutage Mangelware.

Richard Picker
Priester seit 1961
Verheiratet seit 1970
3 Töchter

„Gejeier und Geseier“
Ein großzügiger Raum, in dem ein paar bequeme Korbstühle stehen, dazwischen eine gemütliche Couch. An den Wänden hängen farbenprächtige Bilder und ein goldener Gong. Leise tickt eine Pendeluhr in der Ecke, in einer anderen steht eine kleine rote Espressomaschine. Ein Hauch von Esoterik liegt in der Luft. Das Heim des Ehepaares Picker lädt eher zum Meditieren als zum Beten ein. Und doch sind beide tiefgläubige Christen, die jeden Sonntag in die Kirche gehen. Einst stand Richard Picker selbst am Altar – bis er seine jetzige Frau kennen lernte. Von den Schriftstücken Roms und seinen „alternden Säuglingen“ halten sie heute allerdings nichts mehr: Das „Gejeier und Geseier“ der Kirche finden sie furchtbar, den jammernden Tonfall vieler Pfarrer gar „zum Speiben“. Wie überhaupt die ganze „Doppelmoral“ der Kirche: Solange Priester lediglich heimlich liiert seien, würde der obere Klerus gar zum Nachwuchs gratulieren. Für Ehewünsche von Priestern gebe es jedoch kein Verständnis.
Doch Heimlichtuerei und Affären lehnte Picker ab. Auch das Leben allein war ihm bald zuwider. Nach sieben Jahren als Priester ertrug er die Einsamkeit nicht mehr: „Den fehlenden Sex kann man irgendwie kompensieren“, erklärt Picker. „Aber Menschen sind Berührungswesen. Heimkinder sterben am Mangel von Körperkontakt. Ein Erwachsener verkümmert. Und mit ihm seine Liebesfähigkeit – den Menschen, sich selbst und auch Gott gegenüber.“ Wie sollte so jemand Seelsorger sein?, fragte er und entschied sich kurz darauf „für das Leben“: Er träumte von Kindern, einer Familie. Und begann nach der passenden Frau zu suchen. „Dann ging alles sehr schnell“, erinnert sich seine Frau Christl, einst Hörerin an der Pädagogischen Akademie, wo Picker damals lehrte und der Funke schließlich übersprang. Ein monatelanges Abtasten, ob es mit der Beziehung klappen könnte, gab es nicht: Kaum war die päpstliche Dispens ins Haus geflattert, standen die frisch Verliebten 1970 vor dem Traualtar. Heute bereut Picker manchmal diesen Schritt. Hätte er nur standesamtlich geheiratet, hätte er – nach einer rein formalen Trennung von seiner Frau – wieder Aussichten auf eine Pfarrei gehabt. Mit dem kirchlichen Segen zu seiner Ehe war diese Chance vertan. Seelsorger blieb er dennoch: Nach einer Ausbildung zum Psychotherapeuten führt Picker mit seiner Frau eine Praxis für Gestalttherapie.

Josef Dürrnberger
Priester seit 1973
Verheiratet seit 2002
1 Sohn

„Ja, ich werde Vater“
Fast 20 Jahre lang hatte es funktioniert, mal besser, mal schlechter. Aber es hatte funktioniert. Heimlich, irgendwie. Dann kam der Junior und mit ihm für Josef Dürrnberger der Abschied vom Priesteramt. Im Radio verkündete er: „Ja, ich werde Vater.“ Etwas Stolz schwang dabei schon mit; die Wehmut, nun nicht mehr Dechant, Anlaufstelle und Hirte sein zu dürfen, stellte sich kurz danach ein. Von einem Tag auf den anderen hatte Dürrnberger das Gefühl, für die Kirche, der er 29 Jahre lang gedient hatte, nutz- und wertlos zu sein: „Solange man nichts sagt, ist alles in Ordnung. Aber wehe, man wird ehrlich und steht zu seiner Beziehung.“ Dann sitze man als 54-jähriger Theologe beim AMS. Heute arbeitet er, dank klerikaler Schützenhilfe, bei der Kirchenbeitragsstelle.
Bevor Dürrnberger 2001 an die Öffentlichkeit gegangen war, hatte es von Insidern noch gut gemeinte Ratschläge gehagelt: „Ihr müsst ja nicht heiraten“, „Sie könnte doch ein Jahr wegfahren“ oder „Gebt es halt zur Adoption frei“. Dass manch anderer in der 10.000-Seelen-Gemeinde St. Johann im Pongau nachdenken musste, wer denn die Mutter des Pfarrerkindes sein könnte, schmerzte Dürrnbergers ehemalige „Haushälterin“ besonders. Schließlich waren sie und „der Herr Pfarrer“ bereits 1982 „auf eine Wellenlänge gekommen“ – kennen gelernt hatten sie sich bereits sieben Jahre früher in Salzburg-Nonntal: in der Kirche, bei den Messvorbereitungen und der Jugendarbeit. Damals hatte die 18-jährige Katholikin nicht einmal „gewagt, so etwas zu denken“. Doch die Dornenvögel-Romanze nahm ihren Lauf.
Ob das mit dem Zölibat so richtig funktionieren würde, hatte Josef Dürrnberger ohnehin schon während seiner Priesterausbildung Ende der sechziger Jahre bezweifelt. 50 zu 50 hatte er damals seine Chancen auf „Erfolg“ eingeschätzt. Versuchen wollte er es auf alle Fälle, ging es doch auch um die Familienehre: Der Dorfpfarrer hatte einst Dürrnbergers Vater, einen Bergbauern, auf das religiöse Talent seines elften Kindes angesprochen. Und dieser hatte die Priesteridee für gut befunden. Dürrnberger ging voll in seinem Beruf und in der Liebe zur Kirche auf. Bis heute. Auch wenn er diese Liebe wegen seiner Familie nun nicht mehr leben darf.

Herbert Bartl
Priester seit 1967
Verheiratet seit 1969
2 Kinder

„Die alten Knacker in Rom“
Pilot oder Lokomotivführer gaben seine Klassenkameraden als Berufswunsch an. Herbert Bartl hingegen wusste schon als Achtjähriger, dass er Pfarrer werden wollte. Sex war für ihn damals noch kein Thema, Kinder brachte der Storch. Als Bartl nach der Matura schließlich ins Priesterseminar eintrat, beschloss er, die „Ehelosigkeitskrot wohl oder übel zu schlucken“. Was Gott davon haben sollte, wenn Priester enthaltsam lebten, verstand er nie. Im Zölibat sah er lediglich ein Machtinstrument Roms, die Priester an die Kirche zu binden.
In seinem Fall erfolglos.
Nur ein Jahr nach seiner Priesterweihe „stolperte“ Bartl 1968 über seine Rosi. Erst redeten sie in seiner Kaplanswohnung über die Arbeit in der Pfarre, später lauschten sie gemeinsam Platten, irgendwann begannen sie Händchen zu halten – ganz schüchtern allerdings, mangelt es Priestern doch gewöhnlich an Flirterfahrung.
Die anfängliche Scheu währte nicht lange. Bereits wenige Monate später suchte Bartl um Dispens vom Zölibat an – seine erste Tochter Monika hatte sich angekündigt. Auch in der Kirche standen die Zeichen in den späten Sechzigern auf Aufbruch. Vom Ende des Zölibats wurde unter vorgehaltener Hand gesprochen, eine neue Art des Priesteramts propagiert. Bartl heiratete, anfangs fest im Glauben, bald wieder am Altar stehen zu dürfen. Bis es so weit sein sollte, engagierte er sich weiter in der Kirche und baute ab 1972 die Plattform „Priester ohne Amt“ auf: Kardinal König begrüßte Bartls Initiative und gab ihm die Adressen von 150 verheirateten Priestern in Österreich.
Am Altar steht Bartl heute nur selten und ohne eine entsprechende Befugnis. An das Ende des Zölibats glaubt er mittlerweile auch nicht mehr: „Wir können nicht erwarten, dass die alten Knacker in Rom, vom Papst abwärts, die selbst genug Zores mit dem Zölibat gehabt haben, ihn nun einfach streichen.“ Außerdem würden, sobald die Zölibatsverpflichtung falle, viele Priester heiraten – und Rom müsste eingestehen, dass das zölibatäre Leben doch nicht die gottgewollte Ideallebensform für Priester ist. Derzeit seien verheiratete Priester in der Diktion der Kirchenoberen bloß „Einzelfälle“ und „Ausrutscher“.
Um ebendiese kümmert sich Bartl auch heute noch. Seine Kartei von verheirateten Priestern umfasst mittlerweile fast 600 Namen. Wie viele es wirklich gibt, weiß er nicht genau. Nur: „Es werden immer weniger Priester, und von ihnen trauen sich immer mehr.“

H.R.
Priester seit 1992
Verheiratet seit 2000
3 Kinder

„Schreibtischtäter“
Wörgl, 10. September 1995. Erst fragende Blicke, dann fließen Tränen, vereinzelt hallt ein Schluchzen von den Kirchenwänden wider. Als Kooperator R. seinen Gläubigen eröffnet, warum er zum letzten Mal an ihrem Altar stehe, applaudieren sie ihm: Er geht, um eine Familie zu gründen. Nach dem Gottesdienst eilt eine ältere Frau auf ihn zu: Ihr tue es leid, dass er sein Amt niederlege, aber sie habe Verständnis. Sie drückt ihm 7000 Schilling in die Hand: für den Neustart.
Geld, das R. damals gut brauchen konnte. Es fehlte an allem: Von einem Tag auf den anderen wurde aus dem angesehenen Dorfpfarrer ein Nobody. Mit dem Ansuchen auf Dispens war der Job weg, ehemalige Priesterkollegen, die er als Freunde angesehen hatte, ebenso. Noch heute ist er auf die „Schreibtischtäter in Rom“ nicht gut zu sprechen – sie wüssten gar nicht, was ihre Schreiben bewirkten. Nicht einmal die Würde, die Briefe persönlich zu erhalten, ließen sie den Antragstellern: Das Ansuchen auf Dispens muss der Priester an den Papst selbst stellen, die Antwort erhält aber der Bischof. Wie zwei Schüler brüteten R. und sein Bischof 1999 über dem in Latein verfassten Apostolischen Reskript. Auf eine positive Antwort hatte er damals nicht zu hoffen gewagt: Er war bei seinem Ansuchen auf Dispens erst 29, reale Chancen auf Dispensierung räumte man Priestern unter Johannes Paul II. erst ab einem Alter von 40 Jahren ein. Doch R. hatte Glück.
In den vier Jahren zwischen Ansuchen und Dispensierung hatte er seinen Zivildienst nachgeholt – Priester sind davon befreit – und sein zweites Studium fast abgeschlossen. Er begann mit seiner Familie ein neues Leben außerhalb der Kirche. Viele seiner neuen Arbeitskollegen wissen bis heute nicht, dass er einst Pfarrer war. Vielleicht erzählt er es ihnen irgendwann. Noch hat er Angst vor ihrer Reaktion. Als Pfarrer auszuhelfen, wie es manche der mittlerweile pensionierten verheirateten Priester tun, kommt für ihn nicht infrage: „Mir wurde die Missio von der Kirche gegeben und auch wieder genommen. Ich habe nicht das Recht zu predigen. Außerdem will ich nicht nach einer vollen Arbeitswoche das Wochenende mit Messvorbereitungen verbringen.“ Die Familie brauche schließlich auch Zeit.

Hans Chocholka
Priester seit 1959
Verheiratet seit 1971
5 Kinder

„Nur weil es der Papst will?“
Es stürmte und schneite, als sich Hans und Anni im März 1971 in der Kapelle des erzbischöflichen Palais das Jawort gaben. Fotos existieren keine – schöne Erinnerungen an ein rauschendes Hochzeitsfest auch nicht. Gäste durften damals nicht kommen, nicht einmal Trauzeugen waren zur kirchlichen Heirat der Chocholkas zugelassen. Auch ein Taufbucheintrag wurde dem Brautpaar verwehrt. Das waren die Bedingungen Roms für Chocholkas Dispens.
Bis dorthin war es ein langer Weg gewesen. Im Priesterseminar war Hans Chocholka eingetrichtert worden, sich nur ja an den Zölibat zu halten – sonst warte die Hölle auf ihn. Damals, in den fünfziger Jahren, hatte er das noch geglaubt. Doch nach und nach beschlichen ihn Zweifel, er begann, die Geschichte des Zölibats zu studieren, suchte in der Heiligen Schrift nach einem göttlichen Gebot. Vergebens. „Ich habe mich gefragt: Warum halte ich mich an den Zölibat? Nur weil es der Papst will?“, beschreibt Chocholka seine Gedanken von damals. Zwar galt Papst Paul VI. als aufgeschlossen, auf ein Ende des Pflichtzölibats wagte Chocholka aber nicht zu hoffen. Monatelang fühlte er sich hin- und hergerissen zwischen seinem Wunsch nach Familie und seiner Berufung zum Priester. Bis er 1970 wusste, wohin sein Weg führen würde. Er bat um Dispens. Neun Monate später kam die Antwort aus Rom: Kapuziner Chocholka war „begnadigt“: Er durfte kirchlich heiraten. Sein Priesteramt musste er aufgeben; als Religionslehrer zu arbeiten, gestattete Paul VI. jedoch. Und das tat Chocholka bis zu seiner Pensionierung: Regierten vor 33 Jahren im steirischen Sankt Stefan im Rosental noch die konservativen Katholiken, die verheiratete Priester als Opfer von sündigen Frauen sahen, stößt sich heute nicht einmal mehr eine Hand voll daran: „Generationen von Schülern sind durch meine Hände gegangen, das musste doch irgendwie Wirkung zeigen“, meint Chocholka. Nur manchmal hadert er noch mit seinem Schicksal, will nicht hinnehmen, dass Rom am Pflichtzölibat festhält: „Priester zu werden ist eine Berufung. Das vergeht auch nach einer Hochzeit nicht. Darum habe ich für verheiratete Pfarrer gekämpft, darum kämpfe ich weiter – auch als Weißhaariger. Wenn ich dürfte, würde ich sofort wieder mein Amt aufnehmen.“ Es folgt eine kurze Pause, dann ein schelmischer Blick zu seiner Frau und der Nachsatz: „Manchmal tue ich es sowieso.“

Von Martina Lettner
Mitarbeit: Marianne Enigl, Otmar Lahodynsky