Jean-Claude Trichet: „Austritt wäre die schlechteste Option“

Ex-EZB-Chef Jean-Claude Trichet über Inflationsgefahren, Milliardenkredite und die Krise in Griechenland.

Interview: Claas Relotius

profil: Seit ihrer Gründung besteht die Hauptaufgabe der Europäischen Zentralbank (EZB) darin, für Preisstabilität zu sorgen. Jetzt häufen sich Forderungen, die EZB auch mit einem Mandat zur Anregung von Wachstum auszustatten. Halten Sie dies für sinnvoll?
Trichet: Indem die EZB für Preisstabilität sorgt, schafft sie eine Bedingung für Wachstum. Außerdem hat die EZB ihre in der Festsetzung der Zinssätze bestehenden Standardmaßnahmen erweitert, um angemessen auf die Unregelmäßigkeiten der Märkte zu reagieren. Hierzu zählen die vollständige Zuteilung von Liquidität zu einem festen Zinssatz, der Ankauf von gedeckten Schuldverschreibungen sowie das Programm für die Wertpapiermärkte.

profil:
Viele Experten sind der Meinung, dass sich die Wachstumsraten hoch verschuldeter Länder wie Spanien durch eine temporäre Erhöhung der Inflationsrate auf vier Prozent anheben ließen. Warum schließt die EZB eine Erhöhung der Inflationsrate über das Ziel von zwei Prozent trotzdem aus?
Trichet: Der Gedanke, dass man allein mit einer etwas höheren Inflationsrate Wachstum schaffen kann, ist wissenschaftlich nicht belegt. Vielmehr wird die Solidität des Wirtschaftswachstums durch eine zu hohe Inflationsrate unterminiert. Nur Wachstum in Zusammenhang mit Preisstabilität hilft uns langfristig weiter. Deshalb sage ich: Die EZB muss auch in Zukunft in erster Linie der Anker der Preisstabilität bleiben, um Planungssicherheit zu gewährleisten.

profil:
Die wirtschaftlichen Unterschiede zwischen den Mitgliedsstaaten der Eurozone sind enorm. Muss ein Staat wie Griechenland nicht mittelfristig die Währungsunion verlassen?
Trichet: Ich kann mir so etwas ganz und gar nicht vorstellen. Und ich halte dies auch für die schlechteste Option. Wir haben 17 Mitgliedsstaaten im Euroraum, und jede einzelne Regierung davon hat bereits deutlich gemacht, dass sie dies für kein geeignetes Mittel hält, um die gegenwärtigen Probleme zu lösen.

profil:
Unter Ihrem Nachfolger Mario Draghi hat die EZB schon mehr als eine Billion Euro in das europäische Bankensystem gepumpt. Ein Teil davon ging an spanische Banken, die damit spanische Staatsanleihen aufkauften. Werden die Probleme dadurch nicht nur verschleppt?
Trichet: Alle Zentralbanken der Welt sind sich darüber einig, dass man Sondermaßnahmen ergreifen muss, um diese Krise zu bewältigen. Wir befinden uns in der komplexen Situation, dass die Märkte nicht wie gewohnt funktionieren und Zentralbanken deshalb gezielt einspringen müssen. Die EZB vergibt deshalb bereits seit August 2007 immer wieder Kredite zu sehr genau festgelegten Zinssätzen. Das Risiko, diese Kredite nicht zu vergeben, wäre weitaus größer. Es geht darum, sowohl den Banken als auch den Regierungen Zeit zu verschaffen, um sich neu aufzustellen. Wir erleben in Europa derzeit die größte Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg, die im Fall falscher Entscheidungen auch zu einer großen Depression und damit zur schlimmsten Krise seit dem Ersten Weltkrieg hätte führen können.