Gründer: Die Frühstarter

Nur wenige Österreicher wagen noch während der Schulzeit oder gleich nach der Matura den Sprung in die Selbstständigkeit. Doch einige lassen sich in jungen Jahren auf das Abenteuer Wirtschaft ein – mit frischen Ideen und Mut zum Scheitern.

In der Ferne stehen die Wohntürme von Alterlaa. Die Geleise der S-Bahn und die alte, im Abriss befindliche Kabelfabrik dominieren das Bild in der Oswaldgasse im zwölften Wiener Gemeindebezirk. Dort oben, in den riesigen Hallen, wo früher Drähte und Kabel gefertigt wurden, haben heute Künstler, Maler und Bildhauer Werkstätten gefunden.

Zwischen alten Sofas, Tischen, riesigen Bildern, Skulpturen und Unrat aller Art werken auch zwei junge Modeschöpferinnen vom Label „2Megatscheli“. Auf voll beladenen Tischen sind Stoffe, teils fertige Röcke und T-Shirts ausgebreitet, im Nebenraum stehen eine Nähmaschine und ein Belichtungstisch für Siebdrucke.

In diesem kreativen Chaos sind Alexandra Marischka und Leni Michl, beide 21 Jahre alt, gerade dabei, ihre Kollektion für die Modeveranstaltung Fashion-Week zu entwerfen. „Wir müssen nur noch schnell dieses T-Shirt fertig machen“, sagt Leni, und beide Mädels stürzen sich auf ein Stück Stoff, das sie mit einem Sieb und dunkelblauer Farbe bearbeiten.

Minderheit. Junge Unternehmer, die sich noch während oder direkt nach der Schule in die Geschäftswelt wagen und versuchen, ihre Ideen zu Geld zu machen, sind selten. Nur wenig mehr als zwei Prozent aller Unternehmensgründer in Österreich sind – laut Gründerstatistik 2003 – jünger als 20 Jahre.

„Die Jungen schaffen es aber, die Menschen zu begeistern“, glaubt Peter Lehner, Obmann der Jungen Wirtschaft. Unternehmerische Frühstarter machten mangelnde Erfahrung vielfach durch Enthusiasmus und Engagement wett. „Natürlich schaffen es nicht alle, aber es müssen ja nicht alle, die eine Firma gründen, Unternehmer bleiben. Es gibt einen Trend zur Selbstständigkeit auf Zeit.“

Als Schülerinnen der Lederklasse an der Wiener Modeschule Hetzendorf hatten die beiden Modeschöpferinnen Marischka und Michl mit Mode zunächst eigentlich nicht viel zu tun. Doch weil sie für Ausstellungen und Wettbewerbe ständig experimentieren mussten, etwa um herauszufinden, wie der Schnitt eines Pullovers oder eines T-Shirts eigentlich aussieht, begannen sie selbst Mode zu entwerfen. Woraus auch das heutige Vorzeigestück ihres jungen Labels resultierte: ein T-Shirt in Form eines Rechtecks, das man auf vier verschiedene Arten tragen kann, indem man es mit daran angebrachten Haken verändert.

Aktive Nachfrage. Auch der Verkauf der Kreationen war nicht geplant. Bei ihrer ersten Ausstellung, die Michl und Marischka als 17-Jährige organisierten, wollten sie ihre Taschen und T-Shirts nur präsentieren. „Auf einmal hat jemand gefragt: Kann man das auch kaufen?“, erinnert sich Leni Michl.

Heute kann man die Entwürfe bei Modemessen erwerben, und die bedruckten Unikate werden in fünf Läden in Wien, der Schweiz und Berlin verkauft. Einige hundert T-Shirts, sagt Michl, würden pro Jahr abgesetzt und „ein paar tausend Euro“ verdient. Ihr Auskommen finden die Jung-Designerinnen damit freilich noch nicht. Die Einnahmen aus den Verkäufen werden sofort wieder ausgegeben – für Stoffe, die Miete für Messestände, für Flyer.

Auch die Gründung einer eingetragenen Firma war noch nicht drin. „Da müssten wir mehr zahlen, als es uns bringt“, sagt Michl und legt einen BH mit Kapuze auf den Tisch, „im Moment arbeiten wir kostendeckend.“ Dennoch sind die Wienerinnen entschlossen, den Weg ins Unternehmertum zu beschreiten. Jene Alternative, die viele Studienkollegen wählen, käme dagegen nicht infrage: mangels attraktiver Jobmöglichkeiten bloß als Verkäuferinnen in Modeketten wie H&M zu arbeiten.

„Man muss nur früh beginnen“, sagt Marischka, „dann kann man ins Geschäft hineinwachsen und hat nicht von vornherein den Druck, einen tollen Job haben oder gleich viel Geld verdienen zu müssen.“ Ziel ist, in zwei, drei Jahren von der Mode leben zu können.

Flohmarkt-Lehre. Der Wiener Markus Lang, 22, indes ist bereits seit drei Jahren mit seinem Unternehmen „Make New Media“ am IT-Markt präsent. Handy-Logos, Klingeltöne und „Entertainment im weiteren Sinne“ zählen, so Lang, zu den Kernkompetenzen seines Unternehmens. Gemeinsam mit seinem 15 Mitarbeiter umfassenden Team wickelt er Administration, Service und Webhosting für Kunden ab. Die stammen, eigenen Angaben zufolge, zu 90 Prozent aus dem Ausland. Lang: „Mittlerweile brauchen wir uns um die Akquirierung kaum mehr zu kümmern, jetzt kommen die Leute zu uns.“

Begonnen hat Langs unternehmerisches Interesse äußerst früh. Im Alter von zwölf Jahren handelte der spätere TGM-Absolvent bei Flohmärkten mit Spielzeug – und lernte, wie er sagt, die „Basics des Business“: „Ich habe es pro Flohmarkt auf zirka 1000 Schilling Gewinn gebracht, ohne Kapital einzusetzen.“ Bei der Organisation von Kinopremieren-Partys, der Mitarbeit bei der preisgekrönten Schülerzeitung „BlackTower“ und beim Vertrieb von Content-Management-Systemen entwickelte er sein kaufmännisches Talent.

Sein aktuelles Unternehmen brauchte rund eineinhalb Jahre Vorbereitungszeit: „Wir haben alles gründlich durchgespielt.“ Das Schwierigste, erinnert sich Lang, war die Aufbringung des notwendigen Kapitals. Anfangs habe er gemeinsam mit einem Freund privates Geld in das Unternehmen gesteckt, bis auch die Banken dem Projekt Vertrauen schenkten: „Ich kann jungen Unternehmern nur raten, nicht blindlings zu ihrer gewohnten Hausbank zu gehen. Die hat oft nicht das Gefühl für lohnende Investitionen, wie es Geschäftsbanken haben.“ Die Phase des Misstrauens habe man aber „hinter sich gebracht“, sagt Lang.

Sein Ziel klingt äußerst ambitioniert – wenn auch wie jenes eines eben 22-Jährigen: Mit 30 will er, so Lang, aufhören zu arbeiten, theoretisch jedenfalls. „Ich weiß aber jetzt schon, dass ich wahrscheinlich weitermache. Es ist nur so, dass es für mich derzeit kein Privatleben gibt.“

Business im Vordergrund: Vor zwei Jahren trennte er sich von seinen Mitgründern, um „Ideen umzusetzen, ohne blockiert zu werden“. Das letzte Wort zu haben sei unbedingt notwendig, um flexibel zu bleiben – gerade in der IT-Branche. Dass dabei auch das eine oder andere Projekt danebengeht und der Fall ins Bodenlose stets möglich ist, ist Lang klar: „Wir bewegen uns in einem High-Risk-Business.“

Erfolg mit Events. An seine Sache geglaubt hat auch DocLX alias Alexander Knechtsberger von Anfang an. Heute ist er bei Schülern und Studenten in ganz Österreich wegen seiner längst legendären Studenten- und Schülerfeste bekannt. Seit dem vorvergangenen Jahr macht er auch mit Massen-Maturareisen nach Griechenland und Tunesien auf sich aufmerksam – allesamt Sponsoren-Events, die der heute 36-Jährige geschickt zu vermarkten weiß.

„Als ich mit 19 Jahren privat begonnen habe, Feste für Freunde zu organisieren, habe ich niemals daran gedacht, dass ich jemals damit Erfolg haben könnte“, so der promovierte Jurist. Nach seinem Studium versuchte Knechtsberger, seinen Traum von der Selbstständigkeit in seinem Wohnzimmer und im Rahmen einer 80-Stunden-Arbeitswoche zu verwirklichen. Der Plan war, Feste wie den legendären „Tuesday-Club“ in der Wiener Disco U4 in großem Stil durchzuführen. „Anfangs hat niemand an meine Idee geglaubt, alle hielten mich für verrückt“, sagt er.

Heute besitzt Knechtsberger, der praktisch ohne Geld startete, die Jugendmarketing- und Event-Agentur DocLX Event Consulting mit 19 Mitarbeitern, die im Jahr 2003 einen Umsatz von 3,5 Millionen Euro erwirtschaftete. Anderen Jungunternehmern empfiehlt er, sich nicht die Motivation rauben zu lassen: „Nicht abbringen lassen, an die Idee glauben und, ganz wichtig, von Beginn an einen genauen Finanzplan installieren.“

Kindheitstraum. Eiliger hatte es der 20-jährige Oberösterreicher Helmut Niessner. Im Oktober soll sein bereits zweites Unternehmen, die WebInfoSystems KEG mit der Internetsuchmaschine www.redball.info, starten: eine Plattform, die Beiträge aus Chatforen, Mailinglisten und Nachrichtendiensten speichert und über die Suchmaschine für jedermann abrufbar macht. Die Idee kam Niessner durch seine vorherige Tätigkeit: das Programmieren von Homepages.

Mit elf Jahren besuchte er einen Computerkurs, mit fünfzehn zog er über Chatforen und Mailinglisten die ersten Aufträge an Land. Zum 18. Geburtstag besorgte er sich einen Gewerbeschein und gründete die Web Engineering Niessner. „Ein eigenes Unternehmen war immer ein ganz wichtiges Ziel“, sagt der Jungunternehmer, „das hab ich schon lange vor meinem 18. Geburtstag gewusst.“

Mit ein paar tausend Euro aus den Homepage-Projekten und einer Finanzspritze seiner Eltern gründeten Niessner und sein Geschäftspartner Christoph Maier, 20, im Mai dieses Jahres die WebInfoSystems. „Mein großer Vorteil ist es, von dem Geld nicht abhängig zu sein“, sagt der heutige Student Niessner. Im Moment lebt er noch vom Geld seiner Eltern, ist aber überzeugt, dass die Suchmaschine in wenigen Monaten an die 200.000 Anwender angelockt haben wird – die kritische Größe, um von Agenturen an die zur Finanzierung notwendigen Werbekunden vermittelt zu werden.

Pionierarbeit. Martin Hermann, 19, indes hat eine etwas beschaulichere Branche ausgewählt, um seine ersten Sporen zu verdienen. Der Maturant des HTL-Zweigs „Betriebsmanagement“ erstellte das Online-Portal www.antiquitaeten-vienna.com. Die Idee dazu kam dem Präsenzdiener bereits während der Schulzeit: „Ich wollte etwas machen, das noch keiner versucht hat, ohne dass jemand anders den Anstoß dazu gibt.“

Das Portal soll zu einem umfassenden Forum werden, um auf exquisite Stücke aufmerksam zu werden: „Bislang waren Händler in aller Welt unterwegs, um nach Schnäppchen zu suchen. Mit einer Website geht das schneller und kostengünstiger.“ Die Homepage selbst basiert auf einer von Hermann erstellten Datenbank, die sämtliche eingetragenen Werke kategorisiert und auf der Website zugänglich macht. Vier Wiener Antiquitätenhändler sind bereits fix im Projekt integriert, weitere haben Interesse bekundet. „Im Endausbau sollen es 40 bis 50 werden“, so Hermann.

Den Arbeitsaufwand der Unternehmensgründung hat er unterschätzt: „In der Übungsfirma in der Schule hat das alles ganz anders ausgesehen.“ Überrascht war er von der flinken Bürokratie. Den Gewerbeschein habe er „binnen kürzester Zeit“ bekommen, auch die Beratung bei den Behörden beurteilt Hermann als „ausgezeichnet“. Bleibt nur die Frage, ob mit dem Vorhaben Geld zu verdienen ist. Hermann ist überzeugt davon: Er sieht seine Chance vor allem in der „mangelnden Netzwerkbildung“ der Antiquitätenhändler. Sollte das Projekt scheitern, wäre es kein Beinbruch für Hermann, obwohl er einräumt: „Ich habe mir vorgenommen, dass ich es gescheit mache. Ich fixiere mich aber nicht so darauf, dass es unbedingt was werden muss.“

„Der Fall bei scheiternden Jungunternehmern ist meist nicht so tief“, beobachtet auch Peter Lehner von der Jungen Wirtschaft. „Ich würde nicht sagen, sie fallen weicher, aber sie haben einen anderen Zugang zum Risiko.“

Asien-Connection. Der Vorarlberger Tobias Loser indes stieß in Nepal auf „die Geschäftsidee“. Der heute 22-Jährige verbrachte den vergangenen Sommer damit, das Himalaja-Gebirge zu erkunden. Im Mount-Everest-Basislager lernte Loser den Schweizer Hermann Blaser kennen. Blaser, ein routinierter Bergsteiger und Nepal-Experte, der auch die Hauptstadt Kathmandu von zahlreichen Aufenthalten bestens kennt, erzählte ihm von der dortigen „Sherpa“-Textilmanufaktur. „Da ist mir sofort ein Licht aufgegangen“, sagt Loser heute. Es sei schon immer sein Ziel gewesen, Produkte zu vertreiben, mit denen in Österreich Marktlücken geschlossen werden könnten.

Der Mann aus dem Ländle und sein Schweizer Kompagnon besuchten prompt die Textilfabrik in Kathmandu. Sie stießen auf zweierlei: auf qualitativ hochwertige, günstige Produkte und auf Arbeitsbedingungen der lokalen Mitarbeiter, die alles andere als zumutbar erschienen: Kinderarbeit, überlange Arbeitszeiten und Niedrigstlöhne. Noch vor Ort wurde per Handschlag eine Kooperation mit dem nepalesischen Unternehmen besiegelt. Nach einem Produkttest im Himalaja-Gebirge wurden die wind- und wetterfesten Jacken und Westen als tauglich befunden. Daraufhin erstanden Loser und Blaser die Europa-Rechte an den „Sherpa“-Produkten. Besonders stolz ist Tobias Loser auf die vertraglich festgelegten sozialen Auflagen: „Wir wollen nicht nur Geld verdienen, sondern auch den Menschen in Nepal helfen.“ Also wurde im Kontrakt mit der Manufaktur aus Kathmandu der „Nepal Fair Trade“ vereinbart, der unter anderem Kinderarbeit verbietet.

Wieder in der Heimat, ging Tobias Loser auf die Suche nach Kapital für den Österreich-Vertrieb der „Sherpa“-Produkte und wurde fündig: Vier jeweils 22-jährige Freunde erklärten sich dazu bereit, private Ersparnisse zu investieren. Gemeinsam gründeten sie eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts. Seit Mitte Juni wird die vorerst neun Produkte umfassende Palette über Direktkontakte – vor allem zu Unternehmen – in Österreich angeboten. Als Umsatzziel 2004 peilt das Quartett rund 22.000 Euro an. Noch im Lauf des Oktober soll mit Online-Verkäufen über eine neue Website begonnen werden. Loser: „Auch ein Outlet in Bregenz ist schon in Planung.“

Zündende Idee. Zwei, die ebenso jung begonnen haben wie Martin Hermann und auch immer an ihre Idee geglaubt haben, sind die Wiener Julian Breitenecker und Stefan Siegl. „Ich war immer auf der Suche nach einer zündenden Geschäftsidee“, sagt Breitenecker. Neben dem Wirtschaftsstudium starteten die beiden daher als Veranstalter von Kinderpartys.

Als der damals 21-jährige Breitenecker 1996 im Radio hört, dass das Werbeverbot an Schulen fallen soll, ist das künftige Geschäftsfeld gefunden. Noch bevor das Gesetz beschlossen war, machten sich die beiden Döblinger ans Werk, schrieben Konzepte und versuchten, Schulen und die Werbebranche von ihrer Idee zu überzeugen, Plakatwände in Schulen aufzustellen. „Am Anfang war es irrsinnig schwer, als Bürschchen ohne Titel und Bartwuchs die Direktoren davon zu überzeugen, dass wir ihnen damit viel Geld bringen wollen“, so Breitenecker.

Heute, viele Höhen, Tiefen, Pannen und acht Jahre später, betreiben die beiden Jungunternehmer ein florierendes Cross-Media-Vermarktungsunternehmen, mit dem sie im Vorjahr 3,3 Millionen Euro umsetzten. Unter der Dachmarke Young Enterprises GmbH betreiben sie mit mittlerweile 20 Mitarbeitern, alle zwischen 20 und 35 Jahre alt, das Gratis-Schülermagazin „Chalk“, die Schulwerbung, eine Promotion- und eine Event-Agentur sowie weitere Aktivitäten im Vermarktungsbereich.

„An uns geht heute keine Jugendkampagne spurlos vorüber“, so Julian Breitenecker. Als Rat an seine jungen Kollegen in der Selbstständigkeit hat er Folgendes parat: „Die Idee ist immer nur ein Prozent des Erfolges, auf die Umsetzung kommt es an und darauf, die ersten Jahre wirklich viel zu arbeiten.“