Debatte Günter Grass: Wie kritisiert man Israel richtig?

Das umstrittene Gedicht von Günter Grass hat in ­Deutschland eine Debatte entfacht, die in Österreich unterschwellig schon seit geraumer Zeit läuft: Steht Kritik an Israel in jedem Fall unter Antisemitismus-Verdacht?

Als Israels Panzer auf den sandigen Pisten von Sinai vorrückten und die Luftwaffe die Flughäfen Ägyptens bombardierte, war er einer der Ersten, die sich zum Dienst meldeten: Günter Grass, gefeierter Autor der „Blechtrommel“, wollte in jenem denkwürdigen Juni 1967 durch Arbeit in den Fabriken des Judenstaats die im Feld stehenden Soldaten ersetzen. Dass es nicht dazu kam, ist der Kürze des Feldzugs zu verdanken: Nach sechs Tagen war der Krieg mit den arabischen Nachbarn auch schon wieder vorbei. 700 Israeli hatten ihr Leben verloren, die Gegenseite zählte rund 35.000 Tote.

45 Jahre später dürfte der inzwischen zum Nobelpreisträger geadelte Autor gar nicht einreisen: Israels Innenminister hat nach seinem unter anderem in der „Süddeutschen Zeitung“ veröffentlichten „Gedicht“ mit dem seltsamen Titel „Was gesagt werden muss“ Einreiseverbot über den inzwischen 84-Jährigen verhängt.

Es ist tatsächlich nicht das glänzendste Œuvre des Meisters. Verquer warnt Grass vor der israelischen Atombombe und der möglichen „Auslöschung des iranischen Volkes“ durch Israel, fordert eine Kontrolle der Atomanlagen hüben wie drüben und fragt sich – die Antwort gleich nachschiebend –, warum er so lange zu diesem Thema geschwiegen habe: „Das Verdikt ,Antisemitismus‘ ist geläufig“.

Da war Grass’ Prognose richtig. Einen „Anschlag auf Israels Existenz“ vermeinte der Publizist Ralph Giordano in dem Textchen zu erkennen; ein „aggressives Pamphlet“ antisemitischer Agitation ortete Dieter Graumann, Präsident des Zentralrats der Juden. Die „Nazi-Jägerin“ Beate Klarsfeld verglich Grass hyperventilierend gar mit Adolf Hitler. Kritikerpapst Marcel Reich-Ranicki befundete, es handle sich um ein „ekelhaftes Gedicht, politisch und literarisch wertlos – ein geplanter Schlag nicht nur gegen Israel, sondern gegen alle Juden“.

Günter Grass ein Antisemit? War es vielleicht gar keine jugendliche Torheit, die den 17-Jährigen in den letzten Tagen des Kriegs zur Waffen-SS getrieben hatte? Ist sein 2002 erschienener Roman „Im Krebsgang“ über die Versenkung des Flüchtlingsschiffs „Wilhelm Gustloff“ als revanchistisches Machwerk zu lesen?

Nach dem Ansturm der Entrüsteten fanden sich gegen Ende der Woche auch Verteidiger des Gebeutelten. Klaus Staeck, Präsident der deutschen Akademie der Künste, warf ein, man müsse „ein klares Wort sagen dürfen, ohne als Israel-Feind denunziert zu werden“. Der israelische Historiker Tom Segev, Autor der großen Wiesenthal-Biografie, bescheinigte Grass, definitiv kein Antisemit zu sein. Jakob Augstein, Sohn des Blattgründers, kommentierte auf „Spiegel“-Online: „Man muss Grass danken. Er hat es auf sich genommen, diesen Satz für uns alle auszusprechen. Ein überfälliges Gespräch hat begonnen.“

Wie die deutschen sind auch die österreichischen Autoren nicht ganz einig in der Einstufung des Grass-Textes. „Einseitig aggressiv und vorauseilend selbstmitleidig“ fand ihn die in Berlin lebende Eva Menasse im „Falter“; Robert Schindel urteilt gegenüber profil in einem Sprachspiel: „So schnell ist man nicht Antisemit – aber manchmal ist man schneller Antisemit, als man glaubt.“ Auch Doron Rabinovici, geboren 1961 in Tel Aviv, will Grass im Interview mit profil nicht als Antisemiten einstufen. Wenn dieser aber meine, die Opfer von gestern seien die Täter von heute, dann folge das einem „antisemitischen Muster“ (siehe Interview). Anders sieht das Josef Haslinger: Grass habe „im Prinzip einen wichtigen Punkt angesprochen“, es mangle ihm aber an moralischer Autorität, so der in Leipzig Literatur lehrende Wiener.

„Die wirkliche Provokation von Grass ist, dass ein Deutscher Israel nicht kritisieren kann, ohne als antisemitisch zu gelten“, wundert sich das „Wall Street Journal“ über den Aufruhr.

Steht tatsächlich jede Israel-Kritik unter Antisemitismusverdacht? Nein, meinte 2002 der junge außenpolitische Sprecher der ÖVP Michael Spindelegger, als Israels Armee die zweite Intifada blutig niederschlug: „Natürlich sind die Schatten der Vergangenheit noch nicht überwunden, aber jetzt muss die Politik Israels verurteilt werden. Vergangenheitsbewältigung kann ja nicht so weit gehen, dass man nichts mehr zum Nahost-Konflikt sagen darf.“

Der Journalist Hans Rauscher definierte in seinem 2004 erschienenen Buch „Israel, Europa und der neue Antisemitismus“ eine Wasserscheide: Der Staat Israel müsse „als Ort der Selbstvergewisserung und Sicherheit“ für die Juden außer Frage stehen, alles andere sei Antisemitismus. „Aber wie sich Israel diesen Ort der Sicherheit gestaltet – das ist alles zu Recht Gegenstand einer heftigen Auseinandersetzung, am heftigsten in Israel selbst.“

64 Jahre nach seiner Gründung kommen die unter dem Verdikt der Geschichte stehenden Täterländer Deutschland und Österreich mit dem Judenstaat nicht zurecht. Das hat auch mit Israel selbst zu tun: Das Land hat sich demografisch grundlegend verändert. Im Gründerjahr 1948 hatten noch die aus Europa zugewanderten Juden dominiert – der erste Präsident David Ben Gurion stammte aus Polen, seine Nachfolgerin Golda Meir aus der Ukraine. Zehntausende vor den Nazis aus Mitteleuropa geflohene Juden hatten hier Familien gegründet. Israel – das war Europa in Nahost. Die Zuwanderung von Hunderttausenden Juden aus der ehemaligen Sowjetunion, aus Äthiopien und dem Maghreb veränderte das Land in den vergangenen Jahrzehnten massiv.

Die alte Arbeiterpartei, die Partei Ben Gurions, Jitzhak Rabins und Shimon Peres’, Sozialdemokraten europäischen Zuschnitts, kam bei den Knesset-Wahlen 2009 nur noch auf ernüchternde neun Prozent. In der Regierung koalieren der Likud von Benjamin Netanjahu (22 Prozent), die Rechtsradikalen von Außenminister Avigdor Liebermann, einem zugewanderten Moldawier (zwölf Prozent), und die ultraorthodoxe Schas-Partei (neun Prozent) mit drei Kleinparteien. Die Schas-Partei stellt mit Eli Jischai den Innenminister, der vergangene Woche das Einreiseverbot für Günter Grass aussprach. Jischai, wie Netanjahu in Jerusalem geboren, hält Immigranten für Seuchenüberträger und Homosexuelle für krank. Die palästinensische Hamas will er ausradieren. Liebermann denkt daran, die nach 1948 in Israel verbliebenen Araber zu deportieren, etwa ein Fünftel der Bevölkerung. Nur jeder dritte Israeli ist heute Einwanderer oder direkter Nachkomme von Einwanderern aus Europa oder den USA.

Während sich Israel so von Europa entfernte, zeigte man in Österreich von Beginn an wenig Interesse am Staat der Juden. Am Tag der Staatsgründung, dem 14. Juni 1948, meldete dies die vom Juden Oscar Pollak geführte „Arbeiter-Zeitung“ in einem Zweispalter. Die anderen Blätter widmeten dem Ereignis nicht einmal diesen Platz.

Den aus der westlichen Emigration nach Wien zurückgekehrten Juden war die Heimstatt der Zionisten fremd. Bruno Kreisky erzählte in kleinem Kreis gern, wie absurd ihm der Gedanke an eine Übersiedelung in diesen staubigen Wüstenstrich schon als Jugendlichem erschienen war (sein Bruder Paul war 1938 nach Palästina emigriert). Als ersten Geschäftsträger entsandte Österreich 1950 einen Mann nach Israel, der wohl jedes Verständnis für die neue Heimstatt der Juden haben musste. Der Sozialdemokrat Karl Hartl, damals 41, war mit einer jüdischen Frau verheiratet, gemeinsam hatte das Paar in der Résistance heldenhaft Widerstand gegen die Nazis geleistet. Was er in seinem Gastland sah, verstörte Hartl: „Der israelische Nationalismus unterscheidet sich wenig vom deutschen.“ Seinem Freund, dem SPÖ-­Vizekanzler Adolf Schärf, riet er heftig von Reparationszahlungen ab: „Ich bin für Gerechtigkeit, aber das Hemd eines österreichischen Arbeitslosen ist mir näher als der israelische Mörser, mit dem arabische Dörfer zusammengeschossen werden.“ Als Hartl 1955 seinen Posten verließ, empfahl er einen Nachfolger zu entsenden, der definitiv nicht antisemitisch ist: „Antisemit wird er schon hier.“

Dennoch schlug die Stimmung in Österreich um:
Israels zäher Pioniergeist beeindruckte auch die hiesige Wiederaufbaugeneration. Die Kibbuz-Bewegung faszinierte besonders die Sozialdemokraten. ÖGB-Präsident Anton Benya sah darin „die Urform des Sozialismus“ verwirklicht. Die bemerkenswerte militärische Leistung während des Sechstagekriegs führte im Juni 1967 zu einem wahren Israel-Taumel. Die SPÖ-Studenten geißelten den „Nationalismus der Araber“, die „Kronen Zeitung“ ortete „von Ägypten ausgebildete Negersoldaten“, und die Kultusgemeinde nannte das im Krieg stehende Israel „ein Bollwerk der Kultur des Westens im Nahen Osten“. Die neonazistische „Nationalzeitung“ verglich General Moshe Dayan mit Hitlers Wüstenfuchs Erwin Rommel. Die „Kleine Zeitung“ konstatierte irritiert, „Landserromantik“ mache sich breit.

Israels Botschafter in Wien, Michael Patish, fasste die Stimmung in einen Witz: „Während des Sechstagekriegs steckt ein österreichischer Minister Fähnchen auf die Landkarte, um den Vormarsch Israels zu verfolgen. Plötzlich hört er damit auf. Warum? Er hat eben erfahren, dass die Israeli Juden sind.“

Der bittere Scherz hat reale Grundlagen:
Noch 1972 stimmten in einer Umfrage zwei von drei Österreichern dem Satz zu: „Die Juden sind zum Teil selbst schuld daran, dass sie immer wieder verfolgt wurden.“ Als Bruno Kreisky im selben Jahr von US-Zeitungen heftig kritisiert wurde, weil er auf Druck arabischer Terroristen das Durchgangslager Schönau hatte schließen lassen, moserte Verteidigungsminister Karl Lüttgendorf, diese Blätter seien doch „alle in jüdischer Hand“. Nach dem Libanon-Feldzug 1982 „analysierte“ das SPÖ-Organ „Kärntner Tageszeitung“: „Die jüdische Kriegsstrategie im Nahen Osten wird von der jüdischen Geldstrategie im fernen Westen diktiert.“ Trefflich passte da vier Jahre später der böse Sager von der „Ostküste“ – eine Chiffre für amerikanische Juden –, die nach Ansicht des Lagers des Kandidaten Kurt Waldheim die „Kämpägn“ gegen diesen lanciert habe.

Kein Wunder, dass dies den arabischen Gegnern Israels gefiel. Wer gegen die Juden ist, ist für sie ein logischer Bündnispartner gegen Israel. Während des Jordanien-Besuchs Waldheims 1987 veröffentlichte die größte Zeitung des Landes eine sympathisierende Karikatur, auf welcher der Papst und Waldheim per Händedruck einem kleinen Juden an die Gurgel gehen. Als Jörg Haider 2002 den irakischen Diktator Saddam Hussein besuchte, veröffentlichte Bagdad wie selbstverständlich ein Kommuniqué mit antiisraelischen Verwünschungen. Kurz zuvor hatte Haider den Wiener Wahlkampf mit antisemitischen Einlagen gegen den SPÖ-Wahlkampfguru gewürzt. „Der Herr Greeeenberg von der Ostküste“, hatte er vor johlendem Publikum gejiddelt. H. C. Strache trat bei seinem Israel-Besuch im Vorjahr verschmitzt mit einer Kappe der rechten Burschenschaften auf – ein Signal an interne Kritiker zu Hause?

Auch die Linke erwies sich im Umgang mit Israel oft als unsicher. Als etwa der frühere Innenminister Karl Blecha 2001 im Zusammenhang mit der brutalen Niederschlagung der palästinensischen Intifada von einer „zionistischen Tradition des Wortbruchs“ sprach, führte das zu wütenden Reaktionen der Kultusgemeinde. Blecha verstand die Welt nicht mehr: Er war in den 1950er- und 1960er-Jahren bei allen Demos gegen Neonazis in der ersten Reihe gestanden – jetzt sollte er plötzlich ein Antisemit sein? Die Politologin Margit Reiter erklärt das in ihrem Buch „Unter Antisemitismusverdacht – die österreichische Linke und Israel“ so: Die Linke habe die Gegnerschaft zum Antisemitismus immer als selbstverständlich vorausgesetzt und daher Israel keine Sonderrolle in der Geschichte zugestanden – was nach Meinung Reiters nach Auschwitz aber notwendig gewesen wäre. Ähnlich sieht das Politik-Professor Anton Pelinka: „Wenn ­Israel als Normalstaat behandelt werden soll, dann ist immer in Rechnung zu stellen, dass Israel von seinen Nachbarn nicht als Normalstaat behandelt wird“ – siehe die Vernichtungsfantasien des Iran.

Aber erklärt sich daraus schon, warum etwa der Wiener Gemeinderat – für gewöhnlich in internationalen Fragen nicht übermäßig aktiv – 2010 mit den Stimmen aller Parteien eine Protestresolution verabschiedete, nachdem ein israelisches Sonderkommando ein Gaza-Hilfsschiff blutig überfallen hatte? Der Wiener Publizistikprofessor Maximilian Gottschlich erklärt sich das in seinem soeben erschienenen Buch „Die große Abneigung – wie antisemitisch ist Österreich?“ mit einer von den Medien transportierten Milchmädchenrechnung: „Es wird insinuiert, dass jene Konfliktpartei, die mehr Opfer zu beklagen hat, auch jene ist, auf deren Seite das Recht steht.“ Und mehr Tote gibt es praktisch immer bei Israels Gegnern. Bei der Demonstration gegen die Ka­perung des Gaza-Schiffs war damals übrigens auch ein Transparent mit der ­Aufschrift „Hitler, wach auf“ aufgetaucht.

Freilich wird auch von Israel und seinen Freunden der NS-Terror immer wieder als Argumentationshilfe in Sachen Nahost-Politik eingesetzt. Der neue Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde, Oskar Deutsch, etwa protestierte vor zwei Wochen gegen Österreichs Ja zur Aufnahme der Palästinenser in die UN-Bildungsorganisation Unesco mit der merkwürdigen Begründung: „Es würde Österreich aufgrund seiner Vergangenheit zustehen, sich neutral zu verhalten.“ Was, bitte, hat der Holocaust mit den Palästinensern in der Unesco zu tun?

Anton Pelinka rät sogar dazu, Israel nicht immer aus der Perspektive des Holocaust zu sehen: „Man erwartet dann von Israel moralisch ,besser‘ zu sein – in der verqueren Annahme, die Nachfahren der Opfer des Holocaust hätten ja als Erste die Lehren aus diesem zu ziehen.“

Bleibt als Rezeptur für Israel-Kritiker also nur das Fingerspitzengefühl, denn, wie der Autor Robert Schindel meint: „Zwischen Antizionismus und Antisemitismus liegt nur eine Handbreit.“

Darüber denkt Kollege Grass derzeit vielleicht auch gerade nach.

Lesen Sie im profil 16/2012: „Vollgesogen mit Klischees“ - Der Schriftsteller Doron Rabinovici über den Grass-Text und Kritik an Israel.