Gugging-Reportage: Bardots Drillinge

In Gugging arbeiten hoch talentierte Psychiatriepatienten unbeirrt an der Entwicklung ihrer Kunst. Demnächst wird dort ein neues Art-Brut-Zentrum eröffnet – das weltgrößte Museum seiner Art.

Das kleine Zimmer, das August Walla 18 Jahre lang, bis zu seinem Tod 2001, bewohnte, ist ein Schauplatz der entfesselten Malerei, ein Ort der Privatmythologie: Es ist vom Fußboden bis zur Decke bemalt, in unzähligen übereinander gelegten Farbschichten, lückenlos mit grinsenden Gesichtern, politisch-religiösen Symbolen und fetten Lettern, die nur teilweise entschlüsselbare Begriffe ergeben. „Unsere Sixtina“ nennt Johann Feilacher, der Leiter des Hauses der Künstler in Maria Gugging, diesen Raum: ganz ohne Ironie, mit sichtlich echtem Stolz. Niemand durfte nach Walla, einem der unbestreitbaren Stars der internationalen Art Brut, in dieser Kunstkapelle mehr leben. Der Raum, in jedem Sinn von ihm gezeichnet, ist ihm somit geblieben, über den Tod hinaus.

August Walla war, wie alle Menschen, die seit 1981 in das Haus der Künstler gezogen sind, psychisch krank – und künstlerisch hoch begabt. Die Art Brut, auch Outsider-Kunst genannt, feiert die „rohen“, „unverstellten“ visuellen Talente sozialer Außenseiter: das antiakademische Zeichnen und Malen, die fantastischen inneren Bildwelten kompromisslos kreativer Menschen.

Künstlerkolonie. Das Haus der Künstler ist lauschig gelegen: auf einer Anhöhe, am Rande eines Waldes, der geplanten „Elite-Uni“ entrückt, die weiter unten, am Gelände der Landesnervenheilanstalt Gugging, 2007 entstehen wird. Eine kleine Künstlerkolonie arbeitet hier oben; im und ums Haus findet sich kaum ein Fleck, den die Kunst, die hier praktiziert wird, nicht erfasst hätte. Nicht nur ist die komplette Fassade des Gebäudes mit bunten Bilderfindungen zugemalt, die Farbe der hier tätigen Maler scheint epidemisch auch auf alle Objekte ringsum übergegriffen zu haben: Die Bänke im Gras, die Vogelhäuser an den Bäumen, eine Gartenhütte, eine Grillstelle, sogar die Parkschilder sind je individuell bearbeitet.

Man käme nicht ohne Weiteres auf die Idee, diesen idyllischen, aber in jeder Hinsicht bescheidenen Ort für ein Weltzentrum der Kunst zu halten. Und doch wird hier, am Rande der Nervenklinik Maria Gugging, seit den sechziger Jahren in spektakulärer Weise Kunst gemacht. Der Psychiater Leo Navratil hat dabei Pionierarbeit geleistet und den ästhetischen Eigensinn von Künstlern wie Johann Hauser, August Walla und Oswald Tschirtner durch gezielte Förderung entwickelt – und zu weltweitem Erfolg geführt. 1986 übernahm der Bildhauer und Psychiater Johann Feilacher Navratils Agenden und verwandelte dessen „kunst- und psychotherapeutisches Zentrum“ programmatisch in ein „Haus der Künstler“.

Therapie werde hier nämlich, von medikamentöser Behandlung abgesehen, ganz entschieden nicht mehr gemacht, betont Feilacher (siehe auch Interview auf Seite 117): Sogar das Wort „Patienten“ lehnt er ab, denn es gehe um nichts anderes als sanfte Betreuung, Begleitung – und darum, „adäquates soziales Verhalten“ zuzulassen, den Künstlern „eine Funktion in der Gruppe“ zu geben, „eine Möglichkeit, Geld zu verdienen, nicht nur Almosen zu beziehen. Und das brauchen wir doch alle: unsere Jobs, unsere Aufgaben. Warum also soll, was wir hier tun, Therapie heißen?“

Kunst ins Kinderhaus. Gemeinsam mit Nina Katschnig, die seit dem Jahr 2000 die dem Haus der Künstler angeschlossene Galerie leitet, hat Feilacher vor gut fünf Jahren ein ehrgeiziges Projekt ins Auge gefasst, das nun kurz vor seiner Realisierung steht: Das Museum Gugging, für kaum mehr als drei Millionen Euro im ehemaligen „Kinderhaus“ der Landesnervenheilanstalt angelegt, soll neben der Galerie ab Ende Juni das weltgrößte Ausstellungs- und Kompetenzzentrum für Art Brut beherbergen (siehe Kasten auf Seite 118). Äußerlich ist das Museum derzeit noch eine Baustelle, aber in seinem Inneren ist für den Ausstellungsbetrieb bereits alles vorbereitet.

Im Haus der Künstler wird hergestellt, was später im Museum nebenan gezeigt werden soll; hier arbeitet jeder, wo und woran er will: Johann Garber beispielsweise, an dessen Brust stets ein silberner Sheriffstern prangt, geht praktisch nur nachts ans Werk, zwischen Mitternacht und drei Uhr Früh. Der Herr Fischer dagegen, mit 87 der älteste, dabei aber disziplinierteste Bewohner des Hauses, sitzt Montag bis Freitag jeweils vormittags still über seinen archaisch anmutenden Buntstiftzeichnungen, die schematische Abbildungen von Männern, Frauen, Gebäuden und Tieren zeigen – und mit Text angefülllt sind: Johann Fischers ornamentale „Inschriftierungen“ drehen sich um Landwirtschaftliches, um Traubenernte oder Viehzucht, aber auch um die Freuden der Zweisamkeit und um das offizielle, das „sovärene“ Österreich.

Neugierig betritt Arnold Schmidt, der trotz seiner 47 Lebensjahre erstaunlich jung wirkt, im Bruce-Lee-T-Shirt den Arbeitsraum, in dem Fischer vor sich hin werkt. Schmidt lächelt und grüßt freundlich, dreht sich aber scheu gleich wieder weg. Er liebt es, ins Kino zu gehen, erklärt Nina Katschnig: Action und Fantasy seien seine bevorzugten Kategorien. Die „Herr der Ringe“-Trilogie und ein „Harry Potter“-Film hätten dem Andi, wie man ihn hier nennt, zuletzt besonders gefallen. In der dynamischen Gestaltung der Bilder Arnold Schmidts werden solche Vorlieben künstlerisch wieder aufgenommen: Seine mit schnellen Kreisbewegungen gezeichneten und aquarellierten Figuren zeugen ebenso davon wie die fragmentarischen Doppeldecker und Motorräder, die er als Motive unlängst entdeckt hat.

Detailfetischismus. Heinrich Reisenbauer, dem einzigen „seriellen“ Künstler des Hauses, geht es gerade weniger gut als seinen Kollegen: Mit geschwollener Backe spaziert er am Gang auf und ab, tapfer erträgt er die Zahnschmerzen, die ihn trotz diverser Betäubungssubstanzen plagen. Ein paar Stunden später wird Reisenbauer allein, ein Blatt Papier an seine Wange gedrückt, still an einem Tisch am Ende des schmalen Korridors im Parterre des Hauses sitzen. An den Wänden seines Zimmers, das er mit Johann Korec und Johann Garber teilt, findet sich kein einziges Reisenbauer-Bild; dafür hängen dort, eng gedrängt, über 200 der feingliedrigen, radikal detaillierten Tuschezeichnungen des extrovertierten Garber.

Vor zwei Jahren erst ist Karl Vondal, 53, ins Haus der Künstler gekommen. Als viel versprechender Stilist hat er sich dennoch bereits erwiesen: Seine Werke – meist großformatige, aus unzähligen Blättern Papier zusammengeklebte erotische Fantasien – werden in Spezialkunstmagazinen wie dem britischen „Raw Vision“ bereits enthusiastisch besprochen. Vondal zeigt gern, woran er arbeitet: Eine der drei noch unfertigen fleisch- und pastellfarbenen Zeichnungen vor ihm trägt den krakelig notierten Titel „Die Brigitte Bardot bekommt Drillinge am 29. Mai 2006“. Die beiden nackten jungen Frauen im Bild sind nicht dazu angetan, die Bedeutung dieses Titels näher zu erläutern, und auch Vondal selbst hüllt sich dazu in Schweigen. Immerhin lässt er einen über die bedingungslose Originalität seiner Arbeit nicht im Ungewissen: Für seine Bilder habe er „nix abgezeichnet“, versichert er, das habe er nicht nötig, alles daran sei „selber gezeichnet“.

Bibelfest. Nur einer im Haus bleibt gern in seinem Zimmer, aber das ist auch eine Frage der Kraft. Leise und sehr höflich grüßt aus einem Ledersessel im hinteren Teil des Raumes eine fragile, eingefallene Gestalt: Oswald Tschirtner. Murmelnd und mit zitternden Fingern blättert er in einer bunt illustrierten Bibel. Dass er der angesehenste und teuerste unter den lebenden Gugginger Künstlern ist, interessiert ihn nicht. Vor ein paar Tagen hat Tschirtner seinen 86. Geburtstag gefeiert. Die neue Großschrift-Bibel, die ihm aus diesem Anlass geschenkt wurde, hat die zerlesene alte Bibel, in die er sich bis dahin täglich stundenlang versenkte, verdrängt. An den Wänden seiner Wohnecke hängen ein paar gerahmte Fotos, die vor allem Johann Hauser zeigen, mit dem Oswald Tschirtner 20 Jahre lang gut befreundet war. Nur Tschirtners Fernseher, ein Designer-Großbildschirmgerät der Marke Bang & Olufsen, wirkt in diesem schlichten Ambiente ein wenig deplatziert. Der Herr Tschirtner sehe eben gern fern, erläutert Feilacher trocken – und er könne sich das leisten.

An der Wand über dem Bett seines Zimmerkollegen Arnold Schmidt prangt Profaneres – ein rares Filmplakat aus den siebziger Jahren. Titel: „Mein letzter Kampf“. Unter der reißerischen Aufschrift „Sein neuer und letzter authentischer Film“ ist darauf ein drahtiger junger Mann mit nacktem Oberkörper zu sehen, der die Hände zur Konfrontation erhebt: Bruce Lee. Aber auch er stört den Frieden nicht, der in diesem Haus herrscht, den Geist der produktiven Koexistenz kann er nicht erschüttern. Kampfsport, Kunst und Kirche: Alles ist möglich, wenn man sich die Freiheit nimmt, nur auf sich selbst zu hören.

Von Stefan Grissemann