„Gusenbauer wird sich durchbeißen“

Mörbisch-Intendant Harald Serafin über Sommertheater, seinen Umgang mit Operndirektor Ioan Holender und sein Verhältnis zu österreichischen Politikern.

profil: Herr Professor Serafin, haben Sie eigentlich schon gelesen, was im Internet-Lexikon Wikipedia über Sie steht?

Serafin: Nein.

profil: „Er hat eine Unbedarftheit, die ins Clowneske geht. Er sieht seine vornehmste Aufgabe darin, Stimmungskanone zu sein.“ Finden Sie das ungehörig?

Serafin: Überhaupt nicht. Das ist wahnsinnig nah an der Wahrheit. Wer es liest, lacht darüber. Ich auch.

profil: Die „New York Times“ hat einmal geschrieben, Sie seien der „Walter Matthau der Operette“. profil nannte Sie eine „Raubkopie von Maurice Chevalier“.

Serafin: Wunderbar!

profil: Sie haben offenbar eine Neigung zur Selbstpersiflage.

Serafin: Ich glaube, ohne Persiflage kann man das Leben nicht so locker durchstehen. Man muss sich selbst auf die Schaufel nehmen können. Der tierische Ernst ist mir nicht eingeimpft, aber ich kann schon auch kolossal ernsthaft sein.

profil: Sie sind offenbar der Auffassung: Ab einem gewissen Alter kann man alles machen, es muss einem nichts mehr peinlich sein.

Serafin: Alles nicht: Es darf nicht unter die Gürtellinie gehen, und es darf nicht kriminell sein.

profil: Sind Sie ein anstrengender Mensch?

Serafin: Das glaube ich schon. Ich bin fordernd. Ich fordere auch mich kolossal, ich arbeite hier fast rund um die Uhr, bin auf der Bühne, bin da, bin dort.

profil: Ihre Frau hat einmal gesagt: Wenn er nicht laut vor sich hinredet, dann singt oder pfeift er.

Serafin: Als ich an den Stimmbändern operiert wurde, konnte ich ja nicht singen, da habe ich gepfiffen. Sie hat gesagt, ich halte das nicht aus. Schatzi, ich warte drauf, dass du endlich wieder singst. Und jetzt singe ich eben wieder.

profil: Waren Sie ein hyperaktives Kind?

Serafin: Ich war immer ein aktives Kind, das ist aber genetisch bedingt. Meine Mutter war hyperaktiv. Es gibt nicht so viele wie mich, die das Adrenalin noch im Reservetank haben.

profil: Seit der Vorbereitung für dieses Interview weiß ich sogar, wo Sie Ihre Tochter und Ihren Sohn gezeugt haben. Neigen Sie zum Exhibitionismus?

Serafin: Das sind doch keine Geheimnisse! Schlimm wäre es, wenn Sie herausbekommen hätten, dass ich etwas unterschlagen oder Steuern hinterzogen habe. Aber das?

profil: „Gier, Lust und Geilheit sind mein Lebensmotor“, haben Sie einmal behauptet. O-Ton Serafin: „Im Haushalt kein Pascha sein, im Bett umso mehr.“ Ist das noch immer so?

Serafin: Es hat sich schon abgeschwächt. Aber Lust muss da sein. Geilheit bedeutet einfach Gier am Leben, das muss gar nicht so ins Sexuelle gehen. Im Haushalt bin ich jedenfalls nie ein Pascha. Ich habe ein Prinzip: Ich bin dauernd in Bewegung – wenn das nicht so wäre, würde ich explodieren. Darum sagen die Leute auch: Wie machst du das mit 75? Du bist dauernd in Fahrt.

profil: Tut es Ihnen eigentlich weh, dass die Operette in der Kunstszene oft nicht ernst genommen wird?

Serafin: Mir tut das sehr weh. Dabei ist sie ein wichtiges Kulturgut. Ich kenne dieses Kulturgut sehr gut, und ich weiß, wie viel Kunst in diesen Melodien steckt. „Lippen schweigen, es flüstern Geigen“ zum Beispiel, das Duett von Lehár, ist einfach genial. Nicht jede Operette ist so, es gibt eh nur 15 oder 18 sehr gute, aber die sind Kunstgüter, die muss man pflegen. Ich komme ja selbst von der Oper, bis der Otti Schenk mit mir in Zürich die „Fledermaus“ gemacht hat. Ein Jahr später kam dann „Die lustige Witwe“ mit Anja Silja, und ich wusste plötzlich, ja, das ist mein Fach.

profil: Wie kommen Sie mit Ihrem Kollegen Ioan Holender aus?

Serafin: Per Distance immer sehr gut. Wir mochten uns eine Zeit lang sehr, das hat sich ein bisschen abgekühlt. Jetzt, wo er immer weniger Direktor sein und wohl nach Temesvár auswandern wird, verstehe ich mich hoffentlich besser mit ihm. Ich wünsche ihm alles Gute, er ist gar nicht so, wie er sich gibt.

profil: War er schon hier in Mörbisch?

Serafin: Er war hier mit seinem Sohn, und der sagte: Papi, hier ist es viel lustiger als bei dir in der Oper. Seither kommt er nicht mehr.

profil: Sie haben einmal gesagt: „Wenn ein Regisseur kommt und sagt, er hat eine neue Idee, dann hat er schon ein Retourticket.“

Serafin: Das sollte witzig sein. Ich habe ein ganz bestimmtes Publikum, und auf das höre ich. Das Theater muss ja jeden Abend mit 6000 Menschen gefüllt sein. Und deshalb muss man die Leute anhören: Was möchtet ihr am liebsten? Ich halte mich an das.

profil: Sie haben aber auch mit Regisseuren gearbeitet, die Neuem nicht abgeneigt sind, wie etwa im Vorjahr Dietmar Pflegerl.

Serafin: Pflegerl hatte wunderbare Einfälle, sonst war er konservativ. Er kam mit einer großen Achtung nach Mörbisch. Heuer macht ja Maximilian Schell die Regie, und er wird, wie alle Regisseure, Eigenes einbringen. Ich mag nur keine Brüche.

profil: Die Gräfin Mariza darf nicht mit dem Hubschrauber kommen?

Serafin: Nein, das würde ich nicht erlauben, weil das nicht passt.

profil: Wer ist denn Ihr Lieblingskomponist?

Serafin: Johann Strauß, aber Lehár kommt gleich danach.

profil: Wieso sind Sie eigentlich mit dem früheren Bundeskanzler Vranitzky so eng?

Serafin: Weil wir in Sievering Nachbarn waren. Er war damals Generaldirektor der Länderbank. Unsere Badezimmer lagen nebeneinander, und ich habe im Bad immer gesungen. Wie ich bemerkt habe, dass man das durchhört, habe ich mich entschuldigt, aber er hat gesagt: Wir haben das doch gern! Man brauchte mir das nicht zweimal zu sagen, ich fing dann schon sehr früh im Bad zu singen an. Daraus entwickelte sich eine freundschaftliche Bekanntschaft, die jetzt schon über viele Jahre hält. Er ist nie präpotent, ein sehr gescheiter Mann und ein großes Talent.

profil: Außerdem hat er Sie an den damaligen burgenländischen Landeshauptmann Karl Stix vermittelt, und Sie sind Chef in Mörbisch geworden.

Serafin: Ja. Er sagte zu Stix: Nimm doch den Serafin. Der hat gesagt: Ja meinst du, der würde das machen? Und mit dieser politischen Rückendeckung ist es mir gelungen, aus Mörbisch das zu machen, was es wurde. Sonst wäre es ja immer noch so ein Gelsen-Eldorado.

profil: Es kommen immer viele Politiker zu Ihren Premieren. Suchen Sie deren Nähe?

Serafin: Das hier ist gut für sie. Ich habe extra zwischen der ersten Reihe und dem Wasser 5,20 Meter eingeplant. Da können sie sich ausintrigieren, das ist der Ort der Kommunikation. Und es sehen ja auch

alle Politiker mit Freude, wenn ich sie begrüße.

profil: Ihre Familie flüchtete 1939 aus Litauen, als die Sowjetunion Litauen besetzte. Verstehen Sie deshalb das Ausländerthema besser als andere?

Serafin: Sicher. Wir waren so arm, wir haben alles stehen gelassen und sind geflüchtet. Meine Mutter hat 18 Lager gezählt, durch die wir gereicht wurden. Wir haben das überstanden und kamen nach Memel an der Ostsee in Ostpreußen, und dort holte uns der Krieg noch einmal ein. Es gab zwei Schiffe, mit denen die Flüchtlinge hinausgebracht wurden, aber auf die kamen wir nicht rauf. Dann hörten wir, dass das Schiff, auf das wir ursprünglich wollten, die „Wilhelm Gustloff“, versenkt worden war.

profil: Sie waren damals 14.

Serafin: Ja, ich war physisch stark, ich war der Vaterersatz. Mein Vater war ja beim Militär. Wir kamen dann nach Danzig, bekamen einen kleinen Leiterwagen und zogen Richtung Westen. Meine Mutter sagte, wir haben eine Tante in Bamberg. Wir waren wochenlang unterwegs. Meine anderen Verwandten waren in Thüringen und Sachsen geblieben und mussten Jahrzehnte hinter dem Eisernen Vorhang verbringen. Wir hatten Glück.

profil: Sollte Österreich mit seinen Flüchtlingen großzügiger umgehen?

Serafin: Österreich ist sehr großzügig, großzügiger als die Schweiz sowieso. Ich war ja elf Jahre in der Schweiz, ich weiß genau, wie brutal die sein können. Es gibt hierzulande natürlich gewisse Parteien, die das Ausländerthema ausschlachten und versuchen, die Menschen zu manipulieren. Aber Österreich ist wirklich großzügig.

profil: Sie haben 1993 selbst beim berühmten „Lichtermeer“ gegen das FPÖ-Ausländervolksbegehren demonstriert …

Serafin: Da bin ich mit dem Franz Vranitzky mitgegangen, aber es war mir wirklich ein Anliegen. Und wie man sieht, hat sich die FPÖ ja auch überlebt.

profil: Haben Sie schon einmal Jörg Haider nach Mörbisch eingeladen?

Serafin: Nie. Er wollte kommen, aber ich habe ihn nicht eingeladen. Er ist für mich charakterlich suspekt. Mir gibt er überhaupt nichts.

profil: Mehr liegen müsste Ihnen der frühere Bundeskanzler Schüssel. Der ist immerhin ein künstlerischer Mensch und spielt Cello und Klavier.

Serafin: Er ist ein musischer, hochintelligenter, talentierter Mensch. Aber das hat für mich nichts zu bedeuten, um einen Menschen zu schätzen.

profil: Schätzen Sie ihn nicht?

Serafin: Ich schätze ihn, das muss ich ehrlich sagen. Dass er das geschafft hat, aus einem Nichts noch etwas zu machen – das ist schon etwas.

profil: Sie meinen, bei der Wahl auf dem dritten Platz zu landen und dennoch Kanzler zu werden?

Serafin: Ja. Er ist auf seine Weise ein genialer Mann.

profil: Welchen Eindruck haben Sie vom jetzigen Bundeskanzler Alfred Gusenbauer?

Serafin: Er geht seinen Weg. Er ist belesen, er ist intelligent, er versteht sich auch zu wenden.

profil: Warum hat er Ihrer Meinung nach die Wahl gewonnen?

Serafin: Durch die Suggestionskraft. Wenn es gelingt, das, was du dir vornimmst, zu erreichen – das ist das wahre Glück. Gusenbauer hat sich das, was er sich wünschte und erträumte, durch schwere Arbeit erkämpft. Er ist kein Adonis, aber er macht seinen Weg, ich glaube, er wird sich durchbeißen.

profil: Muss ein Politiker fesch sein?

Serafin: Nicht unbedingt, aber es kann ihm kolossal helfen.

profil: Kreisky war auch nicht besonders fesch.

Serafin: Damals war das wurscht. Er hatte erstens ein fabelhaftes Netzwerk und zweitens den nötigen Intellekt. Und er hatte gute Leute hinter sich. Man hat eigentlich gar nicht gemerkt, dass er schiach ist. Weil sein Geist so flimmerte.

profil: Sie sind jetzt 75. Ihr Vertrag dauert noch bis 2011, dann werden Sie knapp 80 sein. Spüren Sie nicht die Beschwernisse eines solchen Jobs?

Serafin: Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, es ist easy going wie vor zehn Jahren. Das ist es nicht. Ich besuche halt öfter die Ärzte. Alle drei, vier Monate gehe ich zur Herzkontrolle. Ich radle, ich gehe, laufen kann ich nicht, weil ich ein neues Knie habe, das aber fabelhaft ist, viel besser als das alte. Titan. Die Wehwehchen sind nicht mehr geworden, aber sie sind mir jetzt bewusster. Mit 75 kann man ohne Weiteres etwas haben. Aber ich habe wirklich ein glückliches Naturell, das Schmerzen aufwiegt durch Lachen. Ärger verarbeite ich sehr schnell und vergesse ihn. Je älter man wird, desto mehr soll man die Jugend und das Lachen suchen.

Interview: Herbert Lackner