Zeichen und Wunder

Dokumentarische Comic-Kunst: Der Frankokanadier Guy Delisle erzählt in seiner neuen Graphic Novel lakonisch vom schwierigen Leben in Jerusalem.

Von Philip Dulle

Guy Delisle war enttäuscht. Jerusalem hatte er sich anders vorgestellt. Keine schicken Straßencafés, keine Kinos, wenig Einkaufsmöglichkeiten, weit und breit keine Spielplätze und nahezu unbefestigte Straßen. Dafür Berge an stinkenden Müllhalden, die sengende Sommerhitze des Nahen Ostens und der morgendliche Weckruf des Muezzins. Die feinen Fotos in den Reiseführern hatten ihn darauf nicht vorbereitet.

Im Sommer 2008 hatte es den frankokanadischen Comic-Zeichner Guy Delisle mit seiner Frau, die ein Jahr lang für die Organisation Ärzte ohne Grenzen im Westjordanland und im Gazastreifen tätig war, und den beiden gemeinsamen Kindern vom südfranzösischen Montpellier nach Beit Hanina verschlagen, einer palästinensischen Siedlung im östlichen Stadtteil Jerusalems. Delisle tauschte nicht nur sein französisches Atelier gegen ein schmuddeliges Apartment im arabischen Teil der Stadt, sondern auch seine Rolle als Künstler gegen jene des Hausmanns und Familienvaters.

In seiner nun - zum Start der Leipziger Buchmesse am 15. März - auf Deutsch erscheinenden Comic-Reportage "Aufzeichnungen aus Jerusalem“ verarbeitet der 46-Jährige sein Jahr in Israel. Dabei erzählt er wie in seinen früheren Graphic Novels, die ihn unter anderem als Projektmanager für eine Trickfilmfirma in die Diktatur Nordkoreas ("Pjöngjang“), in die südchinesische Sonderwirtschaftszone und Millionenmetropole Shenzhen oder in den Irrsinn der Militärdiktatur Myanmars ("Aufzeichnungen aus Birma“) führten, von sozialen, politischen und alltäglichen Konflikten durch seine eigene Biografie. In "Aufzeichnungen aus Jerusalem“ verfolgt man Delisle, wie er sich um die beiden kleinen Kinder kümmert; Delisle, wie er zwischen Pflichten und Herausforderungen seines neuen Lebens verzweifelt an einem Comic-Projekt zu arbeiten versucht; Delisle, wie er über die kleinen und größeren Hindernisse im israelischen Alltag, über die politischen wie religiösen Spannungen zu stolpern droht.

"Meine Reportagen sind nur eine von vielen Möglichkeiten, ein Land und seine Spannungen zu beschreiben“, erklärt Delisle im Gespräch mit profil. "Graphic Novels sind jedoch ein effizientes Instrument, um komplizierte Sachverhalte relativ einfach zu erklären.“ Seine durchaus an traditionelle Reisereportagen erinnernden Geschichten setzt Delisle in unaufdringliche, in Blau-Grau- und Schwarz-Weiß-Tönen gehaltene Bilder, die er in thematisch und zeitlich gegliederten Kapiteln ineinanderfließen lässt; er erweitert sie durch Grafiken, Landkarten und textliche Exkurse. Dabei gelingt es ihm mit wunderbar lakonischem Witz, Weltpolitik und Alltag nicht nur darzustellen, sondern durch seinen naiv hinterfragenden Protagonisten auch greifbar zu machen. Zugleich ein Gefühl für Land und Menschen zu vermitteln ist die große Kunst, die in seinen kleinen Bildgeschichten steckt. Kein Thema scheint dem Comic-Genre noch fremd zu sein: weder der jahrtausendealte Konflikt um den Tempelberg noch die jüdischen, muslimischen, christlichen Eigenheiten des Landes, weder die zermürbenden Drangsalierungen an den Checkpoints zwischen Israel und Gaza noch das tragisch-komische Zusammenleben zwischen Siedlern und Palästinensern in Hebron und Ramallah - noch die all dies seltsam konterkarierende Freiheit an den Stränden Tel Avivs.

Delisle führt in ein Land, in dem ganz eigene Gesetze gelten: "Man spürt die Spannungen an jeder Ecke, in jedem Gespräch - dies sollte meine Geschichte widerspiegeln.“ Dabei vermeide er es, ideologische Schlüsse zu ziehen, wertend zu erzählen. "Ich zeichne mein Leben nach und greife gelegentlich auf Erzählungen von Freunden und Bekannten zurück“, erklärt Delisle, der über die gigantischen Ausmaße des Sperrwalls staunt, der Israel vom Westjordanland trennt und wie eine Schlange ganze Dörfer und Viertel einschließt. "Es war aufregend, die Mauer, diesen Fremdkörper der Stadt, von allen Seiten zu porträtieren.“

Um sich seinen Stoffen zu nähern, führt Delisle Notiztagebücher, er fotografiert Schauplätze, um sich an Orte oder Begegnungen erinnern zu können. Die Bücher entstehen (auch mithilfe seiner Frau und des Internets) in seinem Atelier in Montpellier, wo der aus Québec stammende Autor seit gut 20 Jahren einen fixen Wohn- und Arbeitssitz hat. Ein Buch über seine Wahlheimat schließt er dennoch aus. Dazu fehle ihm die Distanz. Aber auch in der Ferne kann eine gewisse Inspirationslosigkeit auftreten: "Ich war etwa ein paar Monate lang in Vietnam, wollte unbedingt eine Reportage über dieses faszinierende Land zeichnen, aber es hat nicht funktioniert; es gab einfach keine Reibungspunkte.“

Graphic Novels gelten auf dem deutschsprachigen Buchmarkt noch immer als schwer vermittelbar. Delisles Berliner Stammverlag Reprodukt etwa setzte von den Büchern "Shenzhen“, "Pjöngjang“ und "Aufzeichnungen aus Birma“ insgesamt nur an die 20.000 Exemplare ab, wobei ein durchschnittliches Buch weniger bekannter Autoren kaum mehr als 3000 Stück verkauft (siehe profil 32/2011) . Im comicverliebten Frankreich hingegen sind Delisles Reisereportagen trotz seiner sperrigen Inhalte regelrechte Verkaufsschlager: 75.000 Exemplare wurden allein von "Chroniques de Jérusalem“ bis dato verkauft, der französische Verlag Éditions Delcourt rechnet langfristig sogar mit 100.000 verkauften Jerusalem-Büchern - und das, obwohl Auszüge jenes Werks bereits im Herbst des vergangenen Jahres auf der Website der französischen Tageszeitung "Le Monde“ veröffentlicht wurden.

Delisle sieht die Aufregung eher gelassen, auch wenn er mit "Aufzeichnungen aus Jerusalem“ beim renommierten französischen Comicbuch-Festival in Angoulême bereits mit dem Preis für die beste Arbeit 2012 ausgezeichnet wurde. Die Weiterverwertung seiner Stoffe interessiert ihn nicht. Auf die Frage, ob er es nicht wie die iranisch-französische Comic-Zeichnerin Marjane Satrapi machen wolle, die Welterfolge mit der Kino-Adaption ihres Werks "Persepolis“ einfuhr und inzwischen selbst Spielfilme dreht, entgegnet Delisle leicht gereizt: "Warum soll ich zwei, drei Jahre mit einem Filmprojekt vergeuden, wenn ich in derselben Zeit neue Comics produzieren kann?“ Der Karriere-Spurwechsel liegt Guy Delisle eben nicht: Er lebt und arbeitet nirgendwo lieber als in seinem Atelier.

Das Buch
Guy Delisle: Aufzeichnungen aus Jerusalem
Reprodukt, 336 Seiten, EUR 29,90