„Habe gebetet, dass ich ihn nicht bekomme“

Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek über ihre politische Unversöhnlichkeit, den Kraftakt des Schreibens und ihren Wunsch zu verschwinden.

profil: Haben Sie eigentlich irgendwann geahnt, dass Sie den Literaturnobelpreis tatsächlich erhalten könnten?
Jelinek: Nein, überhaupt nicht. Ich weiß zwar, dass ich seit Jahren auf irgendwelchen Listen stehe, aber ich habe nie ernstlich damit gerechnet. Ich habe auch ein bisschen gebetet, dass ich ihn nicht bekomme, weil ich furchtbare Angst habe, mein zurückgezogenes Leben – zumindest eine Zeit lang – nicht so weiterführen zu können, wie ich möchte. Ich scheue die Öffentlichkeit extrem, und ich hoffe, dass man mir trotzdem erlauben wird, privat zu bleiben. Ich will keine öffentliche Person sein. Ich hätte gedacht, wenn ein Österreicher den Nobelpreis bekommt, dann Peter Handke, der ihn sicher auch mehr verdienen würde als ich.
profil: Dass in diesem Jahr eine Frau die Preisträgerin sein sollte, wurde schon im Vorfeld der Entscheidung laut.
Jelinek: Aber man sagt mir in Schweden, dass ich den Preis nicht als Frau bekommen habe, sondern für meine Arbeit. Ich will hoffen, dass das auch stimmt. Der Jammer ist ja der, dass Frauen immer für alles stehen, weil sie doch zu einer unterdrückten Gruppe gehören. Man kann nicht als Individuum schreiben und einen Preis entgegennehmen, ohne ihn nicht auch für die anderen Frauen entgegenzunehmen. Man hat mir aber versichert, dass dies nicht der Grund der Auszeichnung ist.
profil: Wann haben Sie von der Entscheidung denn erfahren?
Jelinek: Donnerstag um halb eins. Eine halbe Stunde vor Veröffentlichung. Man erfährt es nicht früher. Der Sekretär der Schwedischen Akademie ruft einen an.
profil: Sind Sie aufgeregt?
Jelinek: Es ist zu aufregend für mich.
profil: Was werden Sie tun, um Ihre Privatsphäre zu schützen?
Jelinek: Ich weiß nur, dass ich sicher keine Öffentlichkeitsarbeit machen werde. Ich möchte am liebsten sofort verschwinden. Hoffentlich gelingt mir das.
profil: Sehen Sie den Preis auch als Anerkennung für Ihr politisches Engagement?
Jelinek: Das hat man mir zu verstehen gegeben.
profil: Anders gefragt: Glauben Sie, man hat Sie auch als Gegnerin dieser Regierung ausgezeichnet?
Jelinek: Ich denke, dass mein politisches Engagement, insbesondere auch für Frauen, damit zu tun hat. Das kann man nicht trennen, weil ich ja auch darüber schreibe. Das politische Engagement ist Teil meiner Literatur. Das eine gehört zum anderen.
profil: Fürchten Sie nicht, als Literaturnobelpreisträgerin von der Republik Österreich und ihrer Regierung, gegen die Sie immer agitiert haben, nun vereinnahmt zu werden?
Jelinek: Eine Vereinnahmung werde ich auf keinen Fall dulden, weil ich eine entschiedene Gegnerin dieser Regierung bin, die ja die erste in Europa ist, die die extreme Rechte wieder zugelassen und salonfähig gemacht hat. Das ist für mich absolut unverzeihlich; deswegen werde ich mich auch offiziell absolut nicht vereinnahmen lassen.
profil: Aber ist es nicht absehbar, dass es trotzdem, auch gegen Ihren Willen, passieren wird?
Jelinek: Diese Gefahr besteht, sicher, aber der Versuch wird bei mir auf wenig Gegenliebe stoßen.
profil: Was entgegnen Sie Kulturstaatssekretär Morak, wenn dieser sich nun öffentlich darüber freut, dass Ihr Nobelpreis vor allem eine Anerkennung für die Investitionen des Steuerzahlers in hiesige Kreativität sei?
Jelinek: Na ja, sogar die aggressivsten Neoliberalen – zu denen ich natürlich
nicht gehöre – sagen, dass der Staat zumindest zwei Aufgaben hat:
Straßenbau und Kunstförderung. Kunstförderung mit Steuergeldern ist
also seine Pflicht, keine Gnade.
profil: Haben Sie den Eindruck, die Auszeichnung gilt Ihrem dramatischen Werk ebenso wie ihren Romanen?
Jelinek: Ich denke schon. Im Moment werden in Stockholm gerade meine „Prinzessinnendramen“ in Übersetzung gespielt. Man kennt mich schon, es liegt ja auch ziemlich viel von mir übersetzt vor. Ich glaube, dass auch meine Stücke eine Rolle gespielt haben.
profil: Wie werden Sie das Preisgeld, eine Summe von über einer Million Euro, nun einsetzen?
Jelinek: Ich werde schon auch etwas davon behalten. Aber wenn ich etwas unterstütze, dann werde ich sicher Frauenprojekte unterstützen.
profil: Was bedeutet Ihnen, abgesehen vom Geld, der Literaturnobelpreis denn an sich, als Auszeichnung?
Jelinek: Er ist überlebensgroß: die Erfindung eines Dynamitfabrikanten, der ausdrücklich verfügt hat, dass der Preis Menschen gelten soll, die humanitäre Ziele verfolgen oder im weitesten Sinn politisch aktiv sind. Da hat sich ein Dynamitfabrikant wenigstens in seinem Testament noch als Menschenfreund erwiesen.
profil: Überraschend ist, dass Sie mit 57 für eine Literaturnobelpreisträgerin eigentlich zu jung sind.
Jelinek: Ich weiß nicht, wie alt die anderen waren, die diesen Preis vor mir bekommen haben, aber es stimmt, ich bin wohl relativ jung für diese Auszeichnung. Ich habe mich allerdings, um ehrlich zu sein, nie damit beschäftigt. Der Nobelpreis war für mich nie eine Realität.
profil: Was wird sich für Sie nun ändern? Gehen Sie von einer Steigerung der Verkaufszahlen Ihrer Bücher aus?
Jelinek: An den Büchern verdiene ich ja sowieso nicht viel. Das sind alles Taschenbücher. Aber ich freue mich natürlich über jeden Leser mehr.
profil: Gibt es unter Ihren Arbeiten eine, die Ihnen mehr bedeutet als alle anderen?
Jelinek: „Die Kinder der Toten“ ist sicher mein wichtigstes Werk. Es enthält alles, was ich sagen wollte; es hätte eigentlich genügt, dieses eine Buch zu veröffentlichen.
profil: Wie würden Sie dessen Essenz beschreiben?
Jelinek: Der Roman dreht sich um die gespenstische Geschichte dieses Landes, um die Tatsache, dass sie auf einem Leichenberg steht und man das hierzulande nie wahrhaben wollte – oder eben erst viel zu spät. Es ist eine Geschichte des Unheimlichen, eine Geschichte der Heimat im Unheimlichen und Doppelbödigen.
profil: Von der Literatur zu leben ist, wie man weiß, schwierig. Aber es ist doch anzunehmen, dass Sie schon bisher ganz gut vom Schreiben leben konnten, oder?
Jelinek: Ich konnte wohl besser davon leben als die meisten Kollegen, aber nur deshalb, weil ich auch Hörspiele, Theaterstücke und Übersetzungen verfasse. Von meinen Büchern allein konnte ich und kann ich nicht leben.
profil: Obwohl Sie international bekannt und Ihre Werke vielfach übersetzt sind?
Jelinek: Nein, denn da müsste man sehr hohe Auflagen haben, die ich – abgesehen von meinen Romanen „Lust“ und „Gier“ – nicht habe.
profil: „Die Klavierspielerin“ ist, nicht nur der international akklamierten Verfilmung wegen, Ihr vermutlich bekanntestes Buch. Aber es ist eigentlich noch Ihrem Frühwerk zuzurechnen. Wie stehen Sie heute zu dem Roman?
Jelinek: Ich habe „Die Klavierspielerin“ nie so besonders geschätzt, aber es war ein Buch, das geschrieben werden musste, es musste einfach aus mir heraus. Formal bin ich heute aber, nach so vielen Jahren der Arbeit, schon weiter.
profil: Woran arbeiten Sie gegenwärtig?
Jelinek: Zusammen mit Karin Rausch habe ich gerade Oscar Wilde übersetzt – zuerst „Bunbury“, ein Stück, das bei uns „Ernst ist das Leben“ heißt. Außerdem habe ich Wildes „Idealen Gatten“ bearbeitet, wobei das fast ein Jelinek-Stück geworden ist. Oft bleibe ich auch sehr nah am Wort, aber in diesem Fall ist es fast schon Jelinek.
profil: Sie haben nach der Veröffentlichung von „Gier“ behauptet, dass Sie keine Lust oder Energie mehr hätten, einen Roman zu schreiben. Hat sich das in der Zwischenzeit geändert?
Jelinek: Die Frage ist, ob ich die Kraft dazu je wieder aufbringen kann. Zu schreiben ist halt ein wahnsinniger Kraftaufwand, und ich weiß nicht, ob mir dies noch einmal möglich sein wird.
profil: Könnte Sie der Literaturnobelpreis nun noch einmal dazu animieren?
Jelinek: Er könnte einen insofern dazu bringen, als man keine finanziellen Sorgen mehr hat und nicht schreiben oder übersetzen muss wie ich jetzt, um Geld zu verdienen. Obwohl es mir sicher besser geht als 98 Prozent meiner Kolleginnen und Kollegen. Es ist ein wichtiger Faktor, alle Ruhe und Zeit der Welt zu haben, um zu schreiben. Das ist schon ein idealer Zustand.