Sarajewo-Attentat: Der Tag, an dem sich die Welt verfinsterte

Franz Ferdinand, Teil 2. Zwei Stunden, die die Welt ins blutige ­Chaos stürzten: Der Historiker Wladimir ­Aichelburg ­rekonstruierte in jahrzehntelanger ­Forschungsarbeit anhand von Polizei­protokollen, ­Briefen, Tagebüchern und Berichten von Zeitzeugen ­jenen 28. Juni 1914 in Sarajevo, dessen Folgen 20 Millionen Menschen das Leben kosten sollte.

Redaktion: Angelika Hager

Am Morgen des 28. Juni 1914 schien die Sonne – nicht nur im bosnischen Sarajevo, auch in Wien, Berlin, Paris, London und St. Petersburg. In seiner wehmütigen Analyse einer versunkenen Epoche „Die Welt von gestern“ schrieb der Schriftsteller Stefan Zweig über jenen verhängnisvollen Sonntag: „Der Tag war lind; wolkenlos stand der Himmel über den breiten Kastanienbäumen, und es war ein rechter Tag des Glücklichseins.“ An jenem Morgen ließ der damals 51-jährige Thronfolger Franz Ferdinand das letzte Telegramm seines Lebens an seine Tochter Sophie aufsetzen: „Befinden von mir und Mami sehr gut. Wetter warm und schön. Wir hatten gestern großes Diner und heute vormittags den großen Empfang in Sarajevo. Nachmittags wieder großes Diner und dann Abreise auf dem ,Viribus Unitis‘. Umarme Euch innigst. Dienstag. Papi.“

Attentat in Sarajevo
Am Dienstag wollte der für einen Habsburger der Epoche untypisch liebevolle Vater (siehe profil Nr. 37/2013) Max, Ernst und Sophie wiedersehen. Fünf Tage zuvor, am 23. Juni, hatten sich er und seine „morganatische Gemahlin“, so der Kaiser über die inzwischen zur Herzogin aufgestufte Sophie von Hohenberg, von ihnen auf Schloss Chlumetz in Böhmen verabschiedet. Auf der Bahnfahrt von Prag nach Wien, so die spätere Erinnerung des anwesenden Dienstkämmerers Andreas Freiherr von Morsey, kommentierte Franz Ferdinand den anfangs rauchenden Waggon, dessen Achsen sich über den Gleisen erhitzt hatten, humorig gegenüber seiner Frau: „Siehst du, so fängt es an, zuerst ein heiß gelaufener Waggon, dann ein Attentat in Sarajevo und wenn das alles nichts hilft, eine Explosion auf dem Dampfer ,Viribus‘ ...“

Franz-Ferdinand-Museum
Der in Prag geborene Historiker Wladimir Aichelburg, der das Franz-Ferdinand-Museum auf Schloss Artstetten über Jahrzehnte mitaufgebaut und dadurch historisch so kostbare Einblicke in die Archive bekommen hat, ist ein bescheidener Mann. Er möchte nicht fotografiert werden, ist aber äußerst großzügig, was seinen über Jahrzehnte zusammengetragenen Fundus über den tragischen Thronfolger betrifft, den er profil zur Verfügung stellte. Aichelburg, selbst aristokratischer Herkunft und 1945 in Prag geboren, pflegte seine Kindheitssommer nahe dem 1921 in Staatsbesitz übergegangenen Schloss Konopischt zu verbringen, wo Franz Ferdinand neben den Apartments im Wiener Belvedere am häufigsten lebte. „Ich ärgerte mich seit damals über die Klischees, die sich über den Thronfolger festgesetzt hatten“, erklärt er, „weil sie so widersprüchlich waren. Es war mein Ehrgeiz, ausschließlich mittels Primärquellen wie Zeitzeugen-Berichten, Briefen, Tagebüchern, Protokollen und der zeitgenössischen Presse zu forschen und keine Sekundärliteratur zu benutzen. Nur nach dieser Methode bleibt Geschichte unverfälscht.“ Sie bekommt aber auch eine atmosphärische Intimität und Plastizität, die herkömmliche historische Werke nicht zu leisten imstande sind. Es sind kleine Details, wie die Tatsache, dass der Statthalter in Bosnien, Oskar Potiorek, sich trotz seines Sicherheitsdebakels über die Blutflecken auf seiner Chaiselongue und der Tapete in seinem Arbeitszimmer sorgte, die die Leiche des ermordeten Thronfolgers hinterlassen hatte, die Geschichte zum Leben erwecken. Im kommenden Februar wird Aichelburgs Lebenswerk in mehreren Bänden mit über 3000 Seiten im niederösterreichischen Berger-Verlag erscheinen.

Besonderes Augenmerk widmete er bei seinen Recherchen jenem fatalem 28. Juni 1914 – dem Tag, an dem sich die Welt für vier Jahre verfinstern sollte und der zur Folge hatte, dass 20 Millionen Menschen, inklusive der Zivilopfer, ihr Leben verloren. „Bisher ist das Attentat vor allem aus der Sicht der Täter erzählt worden und man hatte kein großes Augenmerk auf die Opfer gelegt. Das wollte ich ändern.“ Lesen Sie die Chronik der Katastrophe aus direkten Quellen!

Stille, heilige Messe
Um 09:00 Uhr am 28. Juni feiert das Thronfolgerpaar noch eine „stille, heilige Messe“ im Hotel „Bosna“ in Ilidza, einem malerischen Badeort zehn Kilometer westlich von Sarajevo, wo Franz Ferdinand und Sophie mit Gefolge am Vortag gegen 15:00 Uhr eingetroffen waren. Am Abend hatte der Erzherzog diverse regionale Größen zu einem Abschiedsdiner eingeladen, ebenfalls anwesend war Feldmarschall Conrad von Hötzendorf. Ein Telegramm mit der Nachricht, dass der älteste Sohn Max mit Erfolg eine Prüfung im Schottengymnasium abgelegt hatte, hob die Laune. Der Erzherzog war ohnehin bester Dinge. Die Manöver des XV. und XVI. Corps in der Nähe des 30 Kilometer von Sarajevo befindlichen Tarcin, die er am 26. und 27. Juni besucht hatte, waren bestens gelaufen. Ein Telegramm an seinen Onkel, den Kaiser, endete mit den Worten: „Der Zustand der Truppen sowie ihre Leistungen waren ganz vorzüglich über alles Lob erhaben. … Beinahe keine Maroden, alles frisch und munter. Morgen besuche ich Sarajevo und reise abends ab. In tiefster Ergebenheit mich zu Füßen legend Eurer Majestät untertänigster Franz.“

Um 9:42 Uhr, mit 17 Minuten Verspätung, da der Erzherzog zu Fuß zum Bahnhof gehen wollte, tritt das Paar mit Gefolge die Reise nach Sarajevo im Hofsonderzug an.

Um 10:07 Uhr wird noch das „Defensivlager“ des Josef Freiherr von Filipovic besucht, der seit 1878 die Funktion des Kommandanten der für Bosnien-Herzegovina bestimmten Okkupationstruppen bekleidet. Dort besteigt das Thronfolgerpaar ein Auto für die Weiterfahrt in das Zentrum.
Der Chauffeur des Grafen Franz Harrach Leopold Lojka erinnert sich in privaten Aufzeichnungen: „Am 27. Juni bekomme ich den Befehl am Sonntag den 28. Juni um 9 h vorm. in Sarajevo vor dem Filipovic-Lager gestellt zu sein. Wir, das sind Autos des Herrn Grafen Harrach, Grafen Boos-Waldeck, Bosn.-herz. Landes-chefs Exc. Potiorek, die Landesregierung etc. Als Leibwagen war bestimmt der Wagen des Herrn Grafen Boos-Waldeck, eine amerikanische Limousine. Nachdem der Tag ein prachtvoller war, entschliessen sich die Hoheiten den Wagen von Sr. Exc. Grf. Harrach zu wählen.

Ich fuhr etwa 10 Kilometer Geschwindigkeit, als nach paar hundert Meter Se. k. u. k. Hoheit zu mir sagte: ‚Ich bitte, Chauffeur, fahren Sie langsamer, ich möchte mir alles genau ansehen.‘“

Franz Graf Harrach ist Mitglied des k. u. k. österreichischen Automobilcorps, sein olivgrauer Phaeton der Marke Gräf & Stift mit dem Kennzeichen A-III-118 soll zum Symbolfetisch der untergehenden Monarchie und des Ersten Weltkriegs werden. Heute steht das Gefährt im „Blutsaal“, wie der Sarajevo-Raum bezeichnet wird, des Wiener Heeresgeschichtlichen Museums. Die gesamte Kolonne bestand aus sieben Automobilen: Vorweg fuhren Polizeioffiziere, es folgten der Bürgermeister Fehim Effendi Curcic und der Regierungskommissär Edmund Gerde, dann der Phaeton mit dem Thronfolgerpaar, in dem neben dem Chauffeur Lojka auch der Besitzer des Autos Graf Harrach sowie der Hofkammerbüchsenspanner Gustav Schneiberg und der vom Kaiser als Statthalter eingesetzte Oskar Potiorek sitzen, dessen mangelnde Sicherheitsvorkehrungen und spätere Routenänderung fatale Konsequenzen haben werden. Viele Historiker lasten dem General, der sich im Vorfeld mehr mit den Speiseabfolgen und der Weinauswahl beschäftigt hatte als mit dem Polizeischutz, den Supergau der Monarchie an, was auch mit seiner unabgesprochenen Routenabänderung in Zusammenhang gebracht wird.

Franz Graf Harrach beschreibt in seinem „Merk-Buch für 1914“ den weiteren Fortgang: „Er (Franz Ferdinand) inspiziert, Sie (Sophie) steht mit mir beim Wagen. 10 ¼ Uhr ab, viele Zivio-Rufe.“ Laut Zeugenaussagen kommt es um 10:25 Uhr zum ersten Attentat. Der 20-jährige Druckergeselle Nedeljko Cabrinovic, der 19-jähige Gymnasiast Gavrilo Princip und der 18-jährige Schulabbrecher Trifko Grabez, alle drei Mitglieder der proserbischen Jugendorganisation „Mlada Bosna“ (Junges Bosnien), sind bereits seit zirka 10:00 Uhr positioniert. Doch die von Cabrinovic geworfene Bombe prallt vom Wagendach des Thronfolgers ab, der sich schützend vor seine Frau wirft. Obersthofmeister Rumerskirch schildert den Vorfall in einem Telegramm an den Generaldjutanten des Kaisers in Ischl, den Grafen Paar: „Die Bombe explodierte kurz vor dem zweiten Automobile. Durch die Explosion wurden Oberstlt. von Merizzi und der Eigentümer des Wagens Graf Alexander Boos leicht verletzt … die höchsten Herrschaften setzten die Fahrt zum Rathause ohne Verzug fort.“

Franz Ferdinand wollte nach dem Rathausstopp den verwundeten Merizzi im Garnisonsspital besuchen und ordnete deswegen an, die Route nicht programmgemäß fortzusetzen. Eine heute undenkbare Vorstellung, nach einer gerade notdürftig überlebten Bombenexplosion, die in der Karosserie des Thronfolger-Automobils sechs Splitter hinterlassen sollte, den Besuch nicht unverzüglich abzubrechen. Das allgemeine Chaos führte dazu, dass Gavrilo Princip die Hoheiten so nahe vor seine Browning bekam, dass er nicht einmal mehr zielen, sondern nur noch abdrücken musste.

Graf Harrach schildert die letzten Momente um zirka 10:45 Uhr im Leben des Thronfolgerpaars und ihren Todeskampf: „Stechen (Anm: Bedeutung wie scheren) aus und sollen Appelquai hinab in Garnisonspital fahren, wo Merizzi ist, doch Landes Auto Nr. 5 ist falsch in Franz Joseph Strasse gebogen, nach 10 m Fahrt ruft Exc. F. Z. M. Potiorek im Inneren des Autos am Notsitz sitzend ,der fährt ja falsch‘, ich: ,sollen wir reversieren‘, er ,ja‘. Sage Lojka ,reversieren‘, wobei natürlich beim Umschalten das Auto circa 3 sec stehen blieb, ich stand links am Trittbrett um Ihn mit meinem Leibe zu decken, Sie war frei rechts. Da nun rechts nacheinander 2 Schüsse, aus Seinem Munde ein Blutstrahl auf meine Backe, Sie ruft: ,Um Gottes Willen, was ist Dir geschehen‘ u sinkt vom Sitze herab mit dem Kopfe zwischen seine Oberschenkel und es war vorbei. Er an eine Schreckensohnmacht glaubend, sagt: ,Sopherl, Sopherl, stirb nur nicht, bleib mir für meine Kinder.‘ Er verlor den Hut, ich (wischte) das Blut von seinem Munde, aus den Mundwinkeln floss es und ein Starkrampf befiel Ihn. Ich rief Ihn an: ,K. Hoheit müssen furchtbar leiden‘, Er: ,Oh nein, es ist nichts‘, röchelnd dann: ,Nichts, nichts …‘ Er schnarchte von Blut … Er hatte rechts am Hals unter der Generalshalsbinde die Kugel in die Halsschlagader u verblieb noch 10 Min total ohne mehr zu reden. Sie war rechts in die Bauchschlagader getroffen u starb 5 sec nach dem Schusse, ein, 2 Tropfen Blute am Hemde. Lojka (der Chaffeur, Anm.) u ich entkleideten Sie total.“

Der Tod des Thronfolgerpaars wurde auf der Sterbeurkunde mit elf Uhr vermerkt. Oskar Potiorek, der oberste Verantwortliche für die Sicherheit, ließ die Sterbenden in seine Privaträume im Konak, seinem Amtssitz, bringen, und beweist in seiner „Wahrheitserinnerung“ alles andere als Mitgefühl: „Er (Seine Hoheit) wurde sogleich in mein Arbeitszimmer getragen und auf die dort stehende Chaiselongue gelegt. Auf der Chaiselongue blutete er sehr stark und auf dieser ließen sich die Blutspuren später ebensowenig wie auf der Tapete beseitigen.“ Vom Kleid der Herzogin, die im Schlafzimmer aufgebettet wurde, werden von einigen Anwesenden Stücke als Souvenir abgeschnitten. Danach wurde Franz Ferdinand auf einem eigenen Messingbett neben seiner Frau aufgebahrt.

Strafgerichtliche Untersuchung
Um 11:15 Uhr beginnt bereits die „strafgerichtliche Untersuchung“ gegen Gavrilo Princip, dessen Zyankali-Kapsel nur zum Erbrechen geführt hat, im „Ambulatorium der Polizei“. Dort erklärt der Attentäter: „Schon vor zwei Jahren hatte ich aus nationalistischem Gefühl die Absicht, ein Attentat auf irgendeine höhere Person, welche in Österreich eine Macht repräsentiert, zu begehen. … Als ich vor einem Monate nach Sarajevo ging, erhielt ich von einem Comitatschi, dessen Name ich nicht weiss, eine Browningpistole, mit welcher ich nur deshalb nach Sarajevo ging, um ein Attentat auf den Thronfolger auszuführen; denn in ihm ist die höchste Macht verkörpert, deren entsetzlichen Druck wir Jugoslaven verspüren. … Als das zweite Automobil angefahren kam, erkannte ich in diesem den Thronfolger. Da ich aber sah, dass neben ihm eine Dame saß, dachte ich einen Moment nach, ob ich schiessen solle oder nicht. Im selben Moment überkam mich ein sonderbares Gefühl und ich zielte vom Trottoir auf den Thronfolger, was mir umso leichter war, als das Automobil bei der Biegung langsamer fuhr. Ob ich die Opfer getroffen habe oder nicht, kann ich nicht sagen, weil mich im selben Moment die Leute zu schlagen begannen …“ Die zweite Verhör-Sitzung um sieben Uhr abends unterzeichnet der junge Anarchist aus einfachen Verhältnissen mit den Worten: „Ich nehme es zur Kenntnis und beschwere mich nicht, aber leid tut es mir, dass ich die Herzogin getötet habe, weil ich nicht die Absicht hatte sie zu töten.“ Gegen 14:00 Uhr wird auch der verhinderte Attentäter Cabrinovic, der bei seiner Festnahme das Zyankali, das er für den Fall einer Verhaftung bereithielt, verlor, im Polizeigefängnis unter anderem zu Protokoll geben: „Obwohl ich heute Vormittag nach 10 Uhr das Attentat auf den Thronfolger Franz Ferdinand unternommen habe, fühle ich mich nicht schuldig. … Der Gedanke an das Attentat ist bei mir aber nicht erst vor einem Monat entstanden, sondern diesen Gedanken trage ich schon durch zwei Jahre im Kopf herum. Ich bin Anhänger der radikal-anarchistischen Idee, welche darauf hinzielt, das heutige System durch Terrorismus zu vernichten. … Ich habe speziell auf den Erzherzog gezielt, um ihn zu töten, weil er, soweit mir aus den Zeitschriften bekannt ist, ein Feind der Slaven im allgemeinen, besonders aber der Serben ist. Diese Überzeugung habe ich durch das Lesen jugoslavischer Zeitschriften gewonnen …“

In etwa zur selben Zeit beginnt man im Konak eine Mahlzeit einzunehmen, das für den Thronfolger (Sophie war nicht eingeplant, da Militärisches besprochen werden hätten sollen) aufgelegte Gedeck wird eilig entfernt. Franz Ferdinands Dienstkämmerer von Morsey notiert: „Essen drei Uhr (würgen!) …“ Franz Graf Harrach rekapituliert die Tragödie, die den Ersten Weltkrieg auslösen wird, und die weiteren Geschehnisse in seinem „Merk-Buch für 1914“ nachts noch einmal knapp: „… Er u Sie schwer getroffen, rasend reversieren über Brücke in Konak. Dann aber entdecken, Sie todt, Er in ¼ St auch verstorben. Furchtbare Tragödie. Letzte Ölung. Dann waschen, aufbetten. 2 Uhr Diner im Konak. Herumeilen, Depeschieren. 9 Uhr nach Ilidze, bis 3 Uhr plaudern. Kaffee. In der Nacht zurück.“